Machen Sie mal langsam!

Von Slow Food bis Slow Sex: Entschleunigung im Alltag

In unserer Gesellschaft wird Leistung honoriert, während Langsamkeit eher negativ behaftet ist. Schade, denn Entschleunigung kann zu einem achtsameren, genussvolleren Leben verhelfen. Diesem Ziel hat sich auch die Slow-Bewegung verschrieben, die sich in bestimmten Bereichen des Alltags etabliert hat: Der Trend geht von Slow Food über Slow Travel bis hin zu Slow Sex.

Frau in der Natur atmet durch
Öfter einmal innehalten und ganz das Hier und Jetzt wahrnehmen: eine der Grundregeln des Slow-Trends.
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"Wenn du es eilig hast, gehe langsam." Dieses Sprichwort fasst recht gut zusammen, dass es gerade in hektischen Phasen ratsam sein kann, das Tempo zu drosseln. Das Leben wird – zumindest gefühlt – immer schneller. Wir möchten immer mehr erledigen, haben dafür aber nicht mehr Zeit. Wir erleben Druck und Stress.

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    Entschleunigung durch Langsamkeit: Der Slow-Trend hat zum Ziel, das Leben wieder genussvoller und achtsamer zu gestalten. Sollten auch Sie Ihr Tempo noch ein bisschen drosseln? Der Test verrät es

Diese Erkenntnis hat mittlerweile einen Gegentrend zur gesellschaftlichen Entwicklung ausgelöst: Viele Menschen möchten statt ständig zu be- wieder entschleunigen. Das steht auch bei der Slow-Bewegung im Fokus: Slow Food gehört zu den bekanntesten, doch auch Slow City, Slow Travel oder Slow Sex widmen sich dem Bedürfnis, bestimmte Aspekte des Alltags wieder langsamer, dafür genussvoller und achtsamer zu gestalten.

Slow Food: Entschleunigung beim Essen

Mit Slow Food ist mehr gemeint als das langsame Verspeisen von Lebensmitteln. Dem internationalen Verein, der 1989 in Italien gegründet wurde, ist daran gelegen, die lokale Esskultur zu erhalten und einen Ausgleich zur Schnelllebigkeit zu schaffen.

Dabei verfolgt Slow Food die drei Philosophien gut, sauber, fair und bildet somit nicht nur dem Namen nach das Gegenstück zum Fast Food:

  • gut: hochwertige, geschmackvolle und gesunde Lebensmittel

  • sauber: umweltschonende Produktion

  • fair: gerechte Bedingungen für Landwirte und erschwingliche Preise für Verbraucher

Heute ist Slow Food in mehr als 160 Ländern tätig und zählt etwa 100.000 Mitglieder weltweit.

Langsam essen macht schlank und gesund

Lebensmittel mit Bedacht zu genießen, ist nicht nur in Sachen Entschleunigung und Stressreduktion sinnvoll, sondern hat weitere gesunde Aspekte:

  • Die Speisen werden gut eingespeichelt. Speichel enthält Enzyme, die das Essen optimal vorverdauen. Damit werden Magen und Darm entlastet, außerdem schützt die Vorverdauung vor Sodbrennen, Blähungen und Verstopfung.

  • Das langsame Kauen bereitet mehr Genuss. Alle Aromen können sich voll entfalten und jedes Geschmacksdetail wird registriert.

  • Bewusstes Essen hält schlank, während hastiges Hinunterschlingen Übergewicht begünstigt. In einer japanischen Studie der University of Osaka wurden Gesundheitsdaten von knapp 3.000 Erwachsenen analysiert. Das Ergebnis: Menschen, die sich für ihre Mahlzeiten regelmäßig nur wenig Zeit nehmen, haben ein doppelt so hohes Risiko für Übergewicht wie langsame Esser.

Slow Sex, Slow Travel, Slow City: Die Bewegung weitet sich aus

Das Leben zu entschleunigen – also im wahrsten Sinne des Wortes langsamer zu gestalten – kann auf alle Aspekte des Alltags angewandt werden. So haben auch Slow Travel, Slow City oder Slow Sex das Potenzial, zu eigenen Trends zu werden:

Slow Travel: Der Brite Dan Kieran hat diesen Begriff durch sein gleichnamiges Buch geprägt. Darin beschreibt er seine 965 Kilometer lange Reise durch England, mal zu Fuß, mal in einem elektrischen Milchwagen mit maximal 25 km/h. Ziel dieses Gegenstücks zum Massentourismus ist nicht, an einen anderen Ort vor dem Alltagsstress zu fliehen, sondern durch die Reise selbst zu sich zu finden. Frei nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel.

Slow City: Die Slow-City-Bewegung orientiert sich am Konzept des Slow Food und ist wie dieses in in Italien entstanden. Ziel der Organisation Cittàslow (italienisch città, "Stadt") ist, Städte lebenswerter zu machen. Autos, Supermarktketten oder Fast-Food-Filialen sollen möglichst aus dem Zentrum verschwinden, um eine Vereinheitlichung zu verhindern und lokale Traditionen zu erhalten. Die Bewohner versorgen sich mit nachhaltig und vor Ort hergestellten Produkten. Lediglich Städte mit weniger als 50.000 Bewohnern können Mitglied im Netzwerk von Cittàslow werden. Auch deutsche Städte befinden sich bereits darunter, etwa Hersbruck, Lüdinghausen oder Überlingen.

Slow Sex: Der Trend zur Entschleunigung macht selbst vor unserem intimsten Lebensbereich nicht Halt. Allzu oft ist nämlich auch Sex mit Leistungsdruck verbunden. Statt wahre Intimität zu erleben, flüchtet man sich eher in inszenierte Erotik. Patin der sexuellen Entschleunigung ist die südafrikanische Sexualtherapeutin Diana Richardson, die zum Thema auch einen Film gedreht hat. Sie befürwortet darin Zweisamkeit ohne Druck und ein individuell gestaltetes Sexleben.

Im Grunde lässt sich die Slow-Bewegung aber auf jeden erdenklichen Bereich ausdehnen: Aufs Gärtnern mit Slow Gardening oder das Fitness-Training mit Slow Sport.

Acht Gründe, warum Sex gesund ist

Mach mal langsam: Slow-Tipps zur Entschleunigung

Die Methode der Langsamkeit ist zwar leicht zu verstehen, im hektischen Alltag mitunter aber schwer umzusetzen. Regina Tödter, Autorin von "Entschleunigen. Slow durch den Alltag", gibt in ihrem Buch allerlei Ratschläge, wie es trotzdem klappt:

  • Nehmen Sie sich jeden Morgen etwas Zeit nur für sich selbst. Zählen Sie dabei fünf Dinge auf, die Ihnen bereits in der Früh Glücksmomente bescheren. Das kann die warme Dusche sein, die Tasse Kaffee oder eine duftende Bodylotion.

  • Halten Sie über den Tag verteilt öfter einmal inne: Was sehen Sie? Was spüren Sie? Widmen Sie Ihre Aufmerksamkeit ganz dem Augenblick.

  • Nutzen Sie Wartezeiten zum Runterkommen, lassen Sie das Handy dabei in der Tasche.

  • Notwendige Alltagsaktivitäten wie Einkaufen, Abwasch oder Kochen lassen sich zum umfunktionieren: Nehmen Sie sich Zeit und konzentrieren sich völlig auf die Tätigkeit.

  • Essen Sie Ihre Mahlzeiten bewusst und machen Sie keine Dinge nebenbei wie Zeitunglesen, Fernsehen oder Sinnieren über bevorstehende Aufgaben.

  • Streichen Sie "Muss-Sätze": Sagen Sie sich selbst nicht "Ich muss das heute noch erledigen", sondern "Ich möchte das heute noch erledigen".

  • Gebieten Sie Ihrem inneren Perfektionisten Einhalt. Machen Sie sich bewusst, dass nicht alle Aufgaben immer einer perfekten Lösung bedürfen, sondern dass "gut genug" manchmal auch reicht.

  • Ein Sofort-Hilfsmittel, wenn es gerade zu viel wird oder Sie sich getrieben fühlen: Drosseln Sie das Tempo. Reden, gehen, fahren, tippen Sie langsamer.

  • Versuchen Sie im Job, Zeitfresser zu bündeln: Legen Sie etwa eine Zeit fest, in der Sie Ihre E-Mails beantworten und lassen Sie sie vorher und nachher links liegen.

  • Um abends oder am Wochenende runterzukommen, helfen Ihnen:

    Slow Media: Schalten Sie ab und zu alle elektronischen Geräte ab.

    Slow Spiele wie Mikado, Memory oder ZenTangle. Bei Letzterem zeichnen Sie einen Kreis oder anderen Umriss auf ein Blatt Papier. Füllen Sie ihn mit abstrakten Mustern und verfeinern Sie diese immer weiter. Lassen Sie sich dabei Zeit und verlieren Sie sich in den Details.

    Slow Orte: Besuchen Sie Museen, Kirchen oder die Natur.

  • Wenn Sie einen Kalender für Privates nutzen, tragen Sie dort auch freie Zeit ein, die sie zum Relaxen und für schöne Dinge einplanen.

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