Ständiger Harndrang

Reizblase: Wie lässt sich eine überaktive Blase beruhigen?

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Ständiger Harndrang, häufiges Wasserlassen und die Sorge, die nächste Toilette nicht rechtzeitig erreichen zu können – diese Beschwerden prägen das Krankheitsbild einer Reizblase. Das Phänomen ist bisher nicht vollständig erklärt, es gibt jedoch verschiedene Möglichkeiten, eine überaktive Blase zu beruhigen.

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© Getty Images/Ivan-balvan

In Deutschland leiden schätzungsweise 16 Prozent aller Erwachsenen an einer Reizblase, oftmals bereits in jüngeren Jahren. Die Häufigkeit steigt dabei mit zunehmendem Alter an. Frauen sind – insbesondere im Alter von 30 bis 50 Jahren – häufiger betroffen als Männer. Viele Menschen denken, dass vermehrte Toilettengänge im Alter normal sind, und zögern einen Besuch in der ärztlichen Praxis hinaus. Zudem ist das Thema vielen unangenehm. Dabei gibt es mittlerweile viele Möglichkeiten, um Betroffenen zu helfen.

Artikelinhalte im Überblick:

Hilfe bei häufigem und nächtlichem Harndrang

Reizblase – was ist das?

Bei der Reizblase, auch überaktive Blase, handelt es sich um eine Funktionsstörung der Blase, für die meist keine organische Ursache gefunden werden kann. Oftmals wird ebenfalls der englische Begriff Overactive Bladder (OAB) verwendet.

Hauptmerkmal einer Reizblase ist ein vermehrter, oft überfallartig auftretender Harndrang. Betroffene müssen sofort die Toilette aufsuchen, obwohl die Blase nur wenig gefüllt ist (Pollakisurie). Unter Umständen kann es auch zu einem ungewollten Verlust von Urin kommen. Dann sprechen Fachleute von einer Dranginkontinenz.

Was sind die Ursachen einer Reizblase?

Die Kontrolle der Blase wird durch ein komplexes Zusammenspiel von Muskeln, Nerven und Hormonen gesteuert. Spezielle Nervenzellen in der Harnblasenwand melden den Füllstand der Harnblase an das Gehirn, das wiederum Impulse an die Harnblasenmuskulatur weitergibt.

Bei Menschen mit Reizblase aktiviert sich der Blasenmuskel bereits, bevor der Füllstand der Blase erreicht ist. Dadurch setzt der Harndrang wesentlich früher als bei Menschen mit einer gesunden Blase ein. In den meisten Fällen können Fachleute trotz umfangreicher Diagnose keine körperlichen Ursachen für diese Störung feststellen, weshalb von einem idiopathischen Krankheitsbild die Rede ist.

Die Forschung geht davon aus, dass das Beschwerdebild nicht durch eine einzige Ursache, sondern durch mehrere Faktoren ausgelöst oder verstärkt wird. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang beispielsweise:

  • Altersbedingte Veränderungen der Harnwege
  • Psychische und seelische Belastungen wie Stress
  • Fehltraining der Blase (jahrelange zu häufige Toilettengänge)
  • Erhöhter Druck auf der Blase (zum Beispiel durch chronische Verstopfung oder Übergewicht)
  • Nebenwirkungen von Medikamenten (vor allem harntreibender Mittel)
  • Bei Frauen: Östrogenmangel (beispielsweise in der Menopause) oder Gebärmuttersenkung
  • Bei Männern: Prostatavergrößerung

Welche Symptome sind bei einer Reizblase typisch?

Charakteristisch für eine Reizblase sind folgende Beschwerden:

  • Plötzlich auftretender, dringender Harndrang, obwohl die Blase nur wenig gefüllt ist
  • Häufige Toilettengänge (vor allem nachts)
  • Abgabe kleiner Urinmengen beim Wasserlassen
  • Schlafstörungen durch nächtliche Toilettengänge
  • Unwillkürlicher Urinverlust (Dranginkontinenz), vor allem bei ruckartigen Bewegungen, etwa beim Niesen, Lachen, Heben oder Tragen

Das häufige Wasserlassen, unter Umständen über 20-mal innerhalb von 24 Stunden, und vor allem die Sorge, nicht rechtzeitig eine Toilette aufsuchen zu können, belastet Betroffene oftmals schwer. Sie begeben sich deshalb ungern an Orte, an denen ihnen die Toilettensituation nicht bekannt ist.

Zudem kann auch die Arbeit leiden, weil Betroffene beispielsweise Angst haben, während eines Meetings plötzlich aus dem Büro flüchten zu müssen. Daher führt eine Reizblase häufig zu einem sozialen Rückzug und kann eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität nach sich ziehen.


Diagnose: Wie lässt sich eine Reizblase feststellen?

Bei einer Reizblase handelt es sich um eine Ausschlussdiagnose. Der*die behandelnde Urologe*Urologin führt eine Reihe an Untersuchungen durch, um ursächliche Erkrankungen (zum Beispiel eine Blasenentzündung, Blasenstein, Prostatavergrößerung, Erkrankungen des Nervensystems) auszuschließen. Dazu gehören

  • ein ausführliches Anamnesegespräch, bei dem die Beschwerden erfasst werden,
  • eine körperliche Untersuchung (bei Männern beispielsweise Tastuntersuchung der Prostata),
  • ein Urintest (etwa um bakterielle Infekte festzustellen),
  • ein Harnröhrenabstrich,
  • eine Blutuntersuchung,
  • eine Blasenspiegelung sowie
  • eine Ultraschalluntersuchung oder Röntgenaufnahme der Harnwege oder der Blase.

Optional kann eine Blasendruckmessung (Urodynamik) zum Einsatz kommen. Bei dieser Untersuchungsmethode führen Ärzt*innen einen Katheter, an dem Drucksonden und Elektroden angebracht sind, über die Harnröhre in die Blase ein. Dadurch können sie verschiedene Messungen der Blasenfunktion aufzeichnen.

Zudem wird Patient*innen oftmals empfohlen, ein sogenanntes Miktionstagebuch zu führen. Sie sollen notieren, wie viel sie getrunken haben, wie häufig sie am Tag auf die Toilette mussten und welche Symptome noch auftraten. Durch diese Dokumentation können Fachleute besser einschätzen, wie ausgeprägt das Beschwerdebild ist.

Behandlung einer Reizblase: Was hilft?

Bei einer Reizblase kommen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten infrage. Meist wird versucht, die Beschwerden einer überaktiven Blase zunächst durch Verhaltenstraining und eine Psychotherapie zu lindern. Reicht das nicht aus, können Medikamente verschrieben werden. Bessern sich die Beschwerden trotz Medikamente ebenfalls nicht, gibt es operative Möglichkeiten.

Blasentraining und Beckenbodentraining

Oftmals lassen sich die Beschwerden einer überaktiven Blase durch eine Kombination aus Verhaltenstraining und Beckenbodentraining verbessern. Denn Menschen mit einer Reizblase gewöhnen sich daran, sehr häufig Wasser zu lassen, um nicht vom Harndrang überrascht zu werden. Dieses Verhalten verstärkt jedoch die Problematik: Das Fassungsvermögen der Blase sinkt, und Betroffene müssen noch öfter austreten. Bei einem Blasentraining lernen sie, die Kontrolle über den Harndrang zurückzugewinnen. Spezielle Gymnastikübungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur tragen dazu ebenfalls bei.

Erlernen von Entspannungstechniken und Psychotherapie

Da der plötzliche Harndrang vor allem in Situationen psychischer Belastungen und Konfliktsituationen hervorgerufen wird, kann auch das Erlernen von Entspannungsübungen dazu beitragen, die Beschwerden zu lindern. Unter Umständen ist sogar eine Psychotherapie hilfreich, bei der Betroffene neue Lösungsstrategien für belastende Situationen erlernen.

Medikamente gegen überaktive Blase

Zur medikamentösen Behandlung kommen in der Regel Anticholinergika zum Einsatz. Die Wirkstoffe blockieren Rezeptoren in der Blasenmuskulatur, wodurch sich diese nicht mehr so kräftig zusammenziehen und die Häufigkeit von Toilettengängen abnimmt. Anticholinergika sind sehr wirksam, können aber zu Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit oder Verstopfung führen.

Unterstützend können bei einer Reizblase pflanzliche Präparate, etwa mit Cranberry, Bärentraubenblättern oder Inhaltsstoffen von Kürbissen angewandt werden. Bei Frauen mit überaktiver Blase hilft darüber hinaus in einigen Fällen eine Therapie mit östrogenhaltigen Medikamenten.

Operationen bei Reizblase

In schweren Fällen stehen bei einer Reizblase operative Verfahren zur Verfügung. So kann bei einem kleinen Eingriff beispielsweise Botulinumtoxin A (Botox) in die Blasenwand injiziert werden. Der Wirkstoff lähmt den Blasenmuskel teilweise. Die Wirkung hält allerdings nur sechs bis zwölf Monate an und muss entsprechend wiederholt werden.

Eine weitere Option ist die sakrale Neuromodulation: Hier wird eine Sonde in das Nervengeflecht des Kreuzbeinbereiches platziert. Dadurch können Nerven, die die Blasenaktivität steuern, gezielt stimuliert werden.

Reizblase: Hausmittel und Homöopathie

Als weitere Unterstützung bei der Behandlung bieten sich Hausmittel an. Zu den Heilpflanzen, die eine Blasen stärkende Eigenschaften haben sollen, zählen beispielsweise:

Sie können frisch oder getrocknet als Tee aufgegossen und getrunken werden. Oftmals sind in Apotheken oder Drogeriemärkten zudem Blasentees erhältlich, in denen diese Kräuter ebenfalls enthalten sind. Kräutertees sind auch deshalb sinnvoll, weil es bei einer überaktiven Blase wichtig ist, ausreichend zu trinken. Viele Betroffene trinken gewöhnlich eher zu wenig, um Toilettengänge zu vermeiden. Dabei ist genau das Gegenteil von Vorteil: Durch eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme (mindestens 1,5 Liter pro Tag) kann das Fassungsvermögen der Blase gesteigert werden.

Homöopathische Mittel bei Reizdarm

Neben pflanzlichen Mitteln schwören einige Menschen auf Homöopathie bei einer gereizten Harnblase. Homöopathische Mittel, die beispielsweise zum Einsatz kommen können, sind:

  • Dulcamara bei plötzlichem Harndrang aufgrund von Kälte oder Nässe

  • Petroselinum, wenn zusätzlich Kribbeln und leichtes Brennen beim Wasserlassen auftritt

  • Berberis bei sehr plötzlichem Harndrang am Morgen, der durch geringe Bewegung verstärkt wird

  • Nux vomiva bei brennenden Schmerzen im Blasenhals während des Toilettenganges

  • Staphisagria, wenn der Harndrang durch Kummer oder Demütigung ausgelöst wird

Prognose: Kann eine Reizblase wieder verschwinden?

Eine Reizblase verläuft in der Regel chronisch. Bei einigen Betroffenen können die Beschwerden oftmals schon durch einfache Mittel behandelt werden. In anderen Fällen gestaltet sich die Therapie schwieriger. Aber auch wenn die Symptome nicht völlig verschwinden, kann bei einem Großteil der Betroffenen die Lebensqualität zumindest erheblich verbessert werden.

Wichtig ist außerdem, dass Betroffene selbst gegen die Blasenschwäche vorgehen. So ist es essenziell,

  • Übergewicht abzubauen,
  • mit dem Rauchen aufzuhören und
  • auf übermäßigen Alkohol- und Kaffeekonsum zu verzichten.

Regelmäßiger Sport trainiert den Beckenboden und trägt so ebenfalls dazu bei, eine überaktive Blase zu beruhigen.

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