Schwerhörigkeit: Risikofaktor Medikamente
Patienten, die aufmerksam die Beipackzettel ihrer Arznei lesen, werden feststellen: Es gibt gar nicht so wenige Medikamente, deren Nebenwirkungen das Gehör beeinträchtigen können. Oft ist die Schwerhörigkeit nur vorübergehend. In manchen Fällen lohnt es sich aber, den Hinweis ernst zu nehmen und auf ein anderes Medikament auszuweichen oder völlig auf die Einnahme zu verzichten.
Neben Zytostatika (Anti-Krebs-Substanzen) und dem Malaria-Medikament Chinin kann vor allem bei Breitspektrum-Antibiotika aus der Gruppe der Aminoglykoside Schwerhörigkeit als eine der Nebenwirkungen auftreten. Diese Medikamente, zu denen Streptomycin, Gentamycin und Neomycin zählen, können die empfindlichen Haarzellen im Innenohr abtöten, die für das Hören unverzichtbar sind.
Aminoglykoside können Schwerhörigkeit verursachen
Die in den 40er-Jahren entdeckten Aminoglykoside sind günstig und sehr wirksam. Sie werden darum gerade in Entwicklungsländern gern genommen: In Südost-China, wo diese Antibiotika ohne Rezept zu erhalten sind, haben zwei Drittel aller Taubstummen durch Aminoglykoside ihre Behinderung erhalten, berichtet der Pharmakologe Jürgen Schacht von der Michigan Universität (Michigan/USA) im US-Internetdienst EurekAlert (13.07.1999). Patienten, die ein Medikament aus der Gruppe der Aminoglykoside verschrieben bekommen, tun also gut daran, wegen der starken Nebenwirkungen ihren Arzt um ein Ausweichpräparat zu bitten. Wegen der zunehmenden Antibiotika-Resistenz findet sich allerdings nicht in jedem Fall eine Alternative. Möglicherweise kann aber das Schmerzmittel Acetylsalicylsäure (ASS) die durch Aminoglykoside verursachte Schwerhörigkeit aufheben, hat Schacht in einem Tierversuch festgestellt.
In moderater Dosierung ist Acetylsalicylsäure gut fürs Gehör
ASS lindert nicht nur Schmerzen, es verbessert auch die Fließfähigkeit des Blutes. Darum wird es auch für die Therapie von Hörsturz und Tinnitus eingesetzt, die in einigen Fällen – so vermuten Experten – Folge von Durchblutungsstörungen sind. Allerdings sollte das Medikament nicht exzessiv verwendet werden: Ab einer Tagesdosis von acht Gramm (16 Tabletten à 500 Milligramm) können die Nebenwirkungen von ASS nämlich Funktionsstörungen der Haarzellen und somit eine Schwerhörigkeit hervorrufen, warnt Prof. Roland Laszig, Direktor der Universitäts-HNO-Klinik in Freiburg. Werden die Tabletten abgesetzt, erholt sich das Gehör jedoch schnell.
Ein weiteres Medikament, das das Gehör schädigen kann, ist das häufig bei Herzschwäche eingesetzte Entwässerungsmittel Furosemid. Ärzte sollten es aufgrund der Nebenwirkungen in keinem Fall zusammen mit Aminoglykosiden oder höheren Dosen von ASS verabreichen, da dies die Gefahr von Schwerhörigkeit zusätzlich erhöht, sagt Laszig.
Frauen mit Otosklerose sollten auf die Pille verzichten
Die Anti-Baby-Pille kann zu Schwerhörigkeit – allerdings nur, wenn die Patientin ohnehin schon an den Ohren erkrankt ist: Bei Frauen mit einer Versteifung des Steigbügels am Übergang zum Innenohr (Otosklerose) kann sich die Krankheit durch die Nebenwirkungen hormoneller Verhütungsmittel verstärken. Auch wenn die Otosklerose längst nicht mehr akut ist, sollte die Patientin auf die Anti-Baby-Pille verzichten. Die Erkrankung kann nämlich durch die Pille – oder auch durch eine Hormonersatztherapie während der Wechseljahre – wieder auflodern, sagt Laszig. Unter Otosklerose leidet rund ein Prozent der Frauen. Die Erkrankung taucht meistens im gebärfähigen Alter zwischen 20 und 40 Jahren auf, was sich Mediziner mit dem hohen Östrogenspiegel während der Schwangerschaft erklären. Eine Otosklerose ist unbedingt ernst zu nehmen, denn sie kann im schlimmsten Fall zur Ertaubung führen.
