Meist gute Überlebenschancen

Frühgeburt: Wenn es das Baby eilig hat

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In Deutschland kommt jährlich knapp jedes zehnte Baby zu früh auf die Welt. Dank des medizinischen Fortschritts haben heute sogar Frühchen, die weniger als 28 Wochen alt sind, gute Überlebenschancen. Aber nur jedes dritte dieser Kinder entwickelt sich später normal und ist gesund.

Frühgeborenes Baby im Inkubator
© Getty Images/Jill Lehmann Photography

Bei einer Frühgeburt wird das Baby vor Ende der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) und damit zu früh geboren. In Deutschland liegt die Zahl der Frühchen bei über 60.000 pro Jahr. Rund 8.000 von ihnen werden sogar vor der 30. SSW und mit einem Geburtsgewicht von unter 1.500 Gramm geboren. Durch intensivmedizinische Betreuung können selbst diese Babys überleben. Zwei Drittel von ihnen tragen jedoch lebenslange Schäden davon.

Alle Inhalte des Artikels im Überblick:

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Was ist eine Frühgeburt?

Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen oder 280 Tage seit der letzten Menstruation. Kinder, die bis zwei Wochen vor und zwei Wochen nach dem errechneten Geburtstermin geboren werden, kommen pünktlich zur Welt. Im Durchschnitt haben sie ein Geburtsgewicht zwischen 3.000 und 4.000 Gramm und sind 50 bis 55 Zentimeter groß.

Als Frühgeburt bezeichnet man die Geburt eines Babys vor Ende der 37. Schwangerschaftswoche. Das Geburtsgewicht beträgt bei ihnen in der Regel weniger als 2.500 Gramm. Je nachdem, wie früh ein Kind zur Welt kommt, ist die Ausreifung der Organe und die körperliche Entwicklung im Mutterleib noch nicht abgeschlossen.

Einteilung von Frühgeburten:

  • Mäßig frühe oder späte Frühgeburt: zwischen Beginn der 33. SSW und Ende der 37. SSW, Geburtsgewicht unter 2.500 Gramm

  • Sehr frühe Frühgeburt: ab der 29. SSW bis Ende der 32. SSW, Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm

  • Extrem frühe Frühgeburt: bis Ende der 28. SSW, Geburtsgewicht unter 1.000 Gramm

Daneben gibt es Frühgeborene, die zwar ab Beginn der 38. SSW zur Welt kommen, allerdings ein zu geringes Geburtsgewicht von unter 2.500 Gramm haben. Sie werden hypotrophe Frühgeborene oder auch SGA-Babys genannt. Bei diesen Kindern sind die Organe vollständig ausgebildet, trotzdem sind sie in ihrer körperlichen Entwicklung unterentwickelt.

Überlebenschancen zu früh geborener Kinder

Mit jedem Tag, den die Schwangerschaft aufrechterhalten werden kann, steigen die Überlebenschancen von Frühgeborenen. Das gilt auch, je höher das Geburtsgewicht des Neugeborenen ist. In den letzten Jahren sind die Überlebenschancen von Frühchen dank neonataler Intensivmedizin deutlich gestiegen. Die Gesamtprognose, ob sich ein Frühchen gut entwickelt, ist von vielen Faktoren abhängig. Neben dem Schwangerschaftsalter und dem Geburtsgewicht spielen das Geschlecht des Kindes eine Rolle, wie weit die Lungen ausgereift sind und ob es eine Mehrlingsschwangerschaft ist.

Ab etwa der 28. SSW bilden die Lungen des Fötus eine Substanz, welche die Entfaltung der Lungenbläschen ermöglicht. Frühchen ab der 28. bis 30. Schwangerschaftswoche haben dann bereits eine Überlebenschance von 90 Prozent.

Chancen extrem unreifer Frühchen

Fachleute gehen davon aus, dass Kinder, die vor Beginn der 22. SSW geboren werden, keine Überlebenschancen haben. Abgesehen von seltenen Einzelfällen gibt es medizinisch keine reellen Möglichkeiten, diese Neugeborenen am Leben zu erhalten.

Bei bis Ende der 22. SSW geborenen Frühchen ist die Sterberate noch sehr hoch, erst ab der 23. Woche steigt die Überlebenschance behandelter Frühgeborener in spezialisierten Zentren auf über 50 Prozent an. Ein Teil der überlebenden Säuglinge leidet später an schwerwiegenden Gesundheitsstörungen, die eine lebenslange Hilfe durch ihre Eltern oder andere Personen notwendig machen können. Für Frühgeborene ab der 24. SSW liegen die Überlebenschancen bei entsprechender intensivmedizinischer Behandlung mittlerweile bei mehr als 60 Prozent. Ein entscheidender Faktor ist der Zeitpunkt der Lungenreifung.

Ursachen und Risikofaktoren für Frühgeburt

Bei vielen Frühgeburten lassen sich die Ursachen nicht genau bestimmen. Es gibt jedoch eine ganze Reihe von Risikofaktoren, die eine Frühgeburt begünstigen. Die häufigsten Auslöser sind Blasen- und Harnwegsinfektionen der Mutter. Aber auch andere Infektionen, wie zum Beispiel durch Chlamydien, Listerien, Masern, Scheidenpilz oder Zahnfleischentzündungen (Parodontitis) können eine vorzeitige Geburt auslösen.

Weitere mögliche Ursachen für eine Frühgeburt:

Eine Reihe dieser Auslöser lassen sich durch Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft frühzeitig erkennen und behandeln. Bei anderen Faktoren kann die Schwangere das Risiko einer Frühgeburt durch eine gesunde Lebensweise selbst reduzieren. Dazu zählt der Verzicht auf Alkohol und Nikotin oder sich durch Impfungen vor bestimmten Infektionen zu schützen.

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Anzeichen einer drohenden Frühgeburt

Eine Frühgeburt macht sich durch vorzeitige Wehen mit oder ohne Blasensprung bemerkbar. Häufig beginnt der Muttermund, sich zu öffnen. Es können Blutungen oder extremer Ausfluss auftreten.

Im Verlauf der Schwangerschaft sind bereits ab der 25. Woche die ersten Kontraktionen der Gebärmutter zu spüren. Doch diese Vorwehen sind sehr unregelmäßig und harmlos. Wenn jedoch vor der 36. Schwangerschaftswoche Vorwehen regelmäßig über einen längeren Zeitraum auftreten und sich sogar verstärken, kann es sich um vorzeitige Wehen handeln. Diese sind echte Geburtswehen, die den Muttermund öffnen und das Baby in Richtung Geburtskanal schieben – es droht eine Frühgeburt.

Welches Krankenhaus bei Frühgeburt?

Schwangere Frauen sollten in jedem Fall sofortige ärztliche Hilfe bekommen und möglichst liegend transportiert werden – im Idealfall in eine Klinik, die auf die Behandlung von Frühgeburten und die Versorgung von Frühchen eingestellt ist. In Deutschland gibt es dafür spezialisierte Kliniken, die sich in Personal, medizinischer Ausstattung und Erfahrung von normalen Geburtskliniken unterscheiden:

  • In den Perinatalzentren des Levels 1 können Schwangere mit drohender Frühgeburt vor der 29. SSW und einem geschätzten Geburtsgewicht von unter 1.250 Gramm behandelt werden.
  • Perinatalzentren des Levels 2 sind für Schwangere mit einer drohenden Frühgeburt ab der 29. SSW geeignet.
  • In Kliniken des Levels 3 werden Frühgeburten ab der 32. bis Ende der 35. Woche versorgt.

Die Perinatalzentren müssen eine bestimmte Zahl an Frühchenfällen pro Jahr vorweisen und ihre Behandlungserfolge im Internet dokumentieren.

Behandlung und Entbindung bei einer Frühgeburt

Haben die Wehen eingesetzt, können Ärzt*innen die Geburt mit wehenhemmenden Medikamenten hinauszögern. Auch wenn dies meist nur über wenige Tage gelingt, wird durch diese Maßnahme wertvolle Zeit gewonnen, in der das Kind im Mutterleib weiterwachsen kann. Abhängig vom Fortschritt der Schwangerschaft erhält die Schwangere parallel dazu ein Medikament, welches die Lungenreifung des Fötus unterstützt. Unter Umständen kann der Muttermund künstlich verschlossen werden, Infektionen werden mit Antibiotika behandelt.

Kann die Schwangerschaft mit medizinischen Mitteln nicht mehr aufrechterhalten werden, findet die Geburt statt. Wie diese abläuft, ist vom Entwicklungsstand, dem geschätzten Geburtsgewicht und der Lage des Kindes sowie der gesundheitlichen Verfassung von Mutter und Kind abhängig:

  • Bei sehr frühen Frühchen (bis zur 31. Woche) wird häufig ein Kaiserschnitt durchgeführt. Obwohl das Baby noch sehr klein ist, wäre eine vaginale Geburt für den Organismus des Kindes und dessen Kopf zu belastend. Auch in Notfällen, bei einer Beckenendlage oder anderen Komplikationen entscheidet man sich für eine Schnittentbindung.

  • Ab etwa der 32. Woche kann das Frühchen auch auf natürlichem Weg durch eine vaginale Geburt zur Welt kommen. Um die Belastungen für das Kind und Geburtsverletzungen zu minimieren, wird häufig ein Dammschnitt durchgeführt.

Nach der Geburt kommt das Frühchen sofort in die Obhut von Fachleuten der Neonatologie. Es wird in einen Brutkasten (Inkubator) gelegt, der eine keimarme Umgebung bei gleichmäßiger Temperatur ermöglicht.

Gesundheitliche Risiken und Spätfolgen für das Kind

Zu früh geborene Kinder sind noch nicht fertig entwickelt. Ihnen fehlt die Zeit im Mutterleib nicht nur zum Wachsen und um Gewicht zuzulegen. Je nach Fortschreiten der Schwangerschaft sind einige Organsysteme noch nicht ausgereift. Dadurch können sich in den ersten Wochen nach der Geburt gesundheitliche Komplikationen ergeben:

  • Atmung: Je nach Reifezustand der Lungen kann es zu Problemen beim selbständigen Atmen, zu einem unregelmäßigen Atemrhythmus und Atemaussetzern kommen. Das Frühchen muss unter Umständen künstlich beatmet werden und erhält zusätzliche Medikamente, damit die Lungen nicht zusammenfallen.

  • Verdauung: Die Darmbewegungen bei einem Frühchen funktionieren noch nicht ausreichend, die Darmwände sind dünn und anfällig. Es kann zu Lufteinschlüssen, Entzündungen und Darmdurchbrüchen kommen. Hinzu kommt, dass der Saugreflex aufgrund der schwachen Muskulatur noch nicht genügend ausgebildet ist. Stillen ist anfangs häufig nicht möglich, Muttermilch kann jedoch abgepumpt und über eine Magensonde zugeführt werden.

  • Herz und Kreislauf: Häufig schließt sich die Verbindung zwischen Aorta und Hauptschlagader (Ductus Botalli) bei Frühgeborenen nicht oder nur unzureichend. Dadurch gelangt zu wenig sauerstoffreiches Blut in den Körperkreislauf. Es müssen Medikamente gegeben und die Verbindung möglicherweise operativ geschlossen werden.

  • Gehirn: Besonders bei Frühgeburten vor der 32. SSW ist das Risiko von Hirnblutungen aufgrund noch zu dünner Blutgefäße groß. Durch Blutdruckschwankungen, Stress oder medizinische Interventionen wie Beatmung oder Wiederbelebung kann das Risiko für Blutungen erhöhen.

  • Augen: Nicht ausgereifte Blutgefäße können an den Augen zu Netzhautschädigungen und Netzhautablösung (Retinopathie) führen.

  • Immunsystem: Bei Frühchen besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko, eine Reihe von Antikörpern werden erst in der Spätschwangerschaft von der Mutter auf das Kind übertragen. Gerade bei sehr früh geborenen Säuglingen sind Infektionen fast immer lebensbedrohlich.

  • Körpertemperatur: Zu früh geborene Babys können ihre Körpertemperatur noch nicht regulieren. Es besteht die Gefahr der Überhitzung oder Auskühlung.

Spätfolgen für Frühchen

Je früher die Frühgeburt stattfindet, desto größer ist das Risiko, dass bleibende gesundheitliche Beeinträchtigungen zurückbleiben. Auch Komplikationen während oder nach der Geburt, die medizinische Versorgung in den ersten Wochen, Folgeerkrankungen und die Entwicklung einer Mutter-Kind-Beziehung haben einen Einfluss auf die individuelle Entwicklung.

Frühchen ab etwa der 30. bis 32. Woche mit einem Geburtsgewicht von über 1.500 Gramm holen den Rückstand oft innerhalb von ein bis zwei Jahren auf. Unreifere Frühchen brauchen meist etwas länger. Chronische Atemwegserkrankungen, motorische Störungen und Aufmerksamkeitsstörungen können jedoch auftreten.

Bei extrem unreif geborenen Kindern (23. bis 27. SSW) sieht die Prognose schlechter aus. Sie entwickeln sich nur selten völlig gesund, müssen oft über Monate in der Klinik bleiben und haben häufig ihr Leben lang mit körperlichen Entwicklungsverzögerungen zu kämpfen. Auch Wortschatz, Seh- oder Hörvermögen können beeinträchtigt werden. In schweren Fällen kommt es auch zu Epilepsie oder schweren Hirnschäden.

Mutterschutz und Elterngeld bei Frühgeburt

Mütter, deren Kinder zu früh geboren wurden, haben einen erweiterten Mutterschutz. Die normale Mutterschutzfrist umfasst einen Zeitraum von sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin bis acht Wochen nach der tatsächlichen Geburt des Kindes. Bei einer Frühgeburt verlängert sich die Schutzfrist nach der Geburt um den Zeitraum, um den sich die Mutterschutzfrist vor der Frühgeburt verkürzt hat. Bei Neugeborenen mit einem Gewicht unter 2.500 Gramm verlängert sich die Schutzfrist nach der Geburt auf zwölf Wochen.

Wichtig: Der Bezugszeitraum des Elterngeldes verlängert sich nicht. Das Elterngeld wird immer ab dem Tag der Geburt des Kindes berechnet. Da in die Berechnung auch das Mutterschaftsgeld einfließt, wird das Elterngeld in der Regel erst dann gezahlt, wenn das Mutterschaftsgeld ausgelaufen ist. Benötigen Mütter oder Eltern mit einem zu früh geborenen Säugling länger Unterstützung bei der Versorgung des Babys durch eine Hebamme oder Hilfe im Haushalt, so wird dies auf Antrag von der Krankenkasse übernommen.

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Beratender Experte
Frau Dr. Barbara Grüne

Fachärztin für Gynäkologie u. Geburtshilfe

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