Meist gute Überlebenschancen für Frühchen

Frühgeburt: Wenn es das Baby eilig hat

In Deutschland kommt jährlich knapp jedes zehnte Baby zu früh auf die Welt. Dank des medizinischen Fortschritts haben heute sogar Frühchen, die weniger als 28 Wochen alt sind, gute Überlebenschancen. Aber nur jedes dritte dieser Kinder entwickelt sich später normal und ist gesund.

Frühchen im Inkubator
Zu früh auf der Welt und doch gute Chancen für ein gesundes Leben. Früchen, die etwa ab der 30. SSW geboren werden, holen den Rückstand meist innerhalb von ein bis zwei Jahren auf.
© iStock.com / cdwheatley

Im Schnitt wird weltweit etwa jedes zehnte Kind vor Ende der 37. Schwangerschaftswoche und damit zu früh geboren. Die Zahl der Frühchen (so werden die zu früh geborenen Kinder genannt), liegt in Deutschland mittlerweile bei über 60.000 pro Jahr. 

Rund 8.000 der Frühchen werden vor der 30. Schwangerschaftswoche (SSW) und mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm geboren. Durch intensivmedizinische Betreuung können selbst diese Babys überleben. Zwei Drittel von ihnen tragen jedoch lebenslange Schäden davon. Ab der 32. Schwangerschaftswoche kann ein Frühchen auf natürlichem Wege im Rahmen einer vaginalen Geburt zur Welt kommen, davor wird in der Regel ein Kaiserschnitt durchgeführt.

 

Alle Inhalte des Artikels im Überblick:

Schwanger werden – die besten Tipps

Definition: Was ist eine Frühgeburt?

Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen oder 280 Tage seit der letzten Regelblutung. Kinder, die bis zwei Wochen vor und zwei Wochen nach dem errechneten Geburtstermin geboren werden, kommen pünktlich zur Welt. Im Durchschnitt haben sie ein Geburtsgewicht zwischen 3000 und 4000 Gramm und sind 50 bis 55 Zentimeter groß.

Als Frühgeburt bezeichnet man die Geburt eines Babys vor Ende der 37. Schwangerschaftswoche. Das Geburtsgewicht beträgt bei ihnen in der Regel weniger als 2500 Gramm. Je nachdem, wie früh ein Kind zur Welt kommt, ist die Ausreifung der Organe und die körperliche Entwicklung im Mutterleib noch nicht abgeschlossen.

Auf Basis des Schwangerschaftsalters werden Frühgeburten in drei Gruppen eingeteilt:

  • Mäßig frühe oder späte Frühgeburt: zwischen Beginn der 33. SSW und Ende der 37. SSW, Geburtsgewicht unter 2500 Gramm
  • Sehr frühe Frühgeburt: ab der 29. SSW bis Ende der 32. SSW, Geburtsgewicht unter 1500
  • Extrem frühe Frühgeburt: bis Ende der 28. SSW, Geburtsgewicht unter 1000 Gramm
  • zum Wissenstest

    Was darf ich essen, was muss ich meiden? Ist Sport während der Schwangerschaft gefährlich oder gesund? Machen Sie den Test

Daneben gibt es Frühgeborene, die zwar ab Beginn der 38. SSW zur Welt kommen, allerdings ein zu geringes Geburtsgewicht von unter 2500 Gramm haben. Sie werden hypotrophe Frühgeborene oder auch SGA-Babys (SGA = Small-for-gestational-age, übersetzt: "zu klein für das Schwangerschaftsalter") genannt. Bei diesen Kindern sind die Organe vollständig ausgebildet, trotzdem sind sie in ihrer körperlichen Entwicklung unterentwickelt. 

Überlebenschancen zu früh geborener Kinder

Die Überlebenschancen von Frühgeborenen steigt mit jedem Tag, den die Schwangerschaft aufrechterhalten werden kann und je höher das Geburtsgewicht des Kindes ist.

Dank neonataler Intensivmedizin sind die Überlebenschancen von Frühchen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die Gesamtprognose, ob sich ein Frühchen gut entwickelt, ist von vielen Faktoren abhängig. Neben dem Schwangerschaftsalter und dem Geburtsgewicht spielen das Geschlecht des Kindes eine Rolle, wie weit die Lungen ausgereift sind und ob es eine Mehrlingsschwangerschaft ist. Auch die Entbindungsklinik hat einen Einfluss.

Chancen extrem unreifer Frühchen

Mediziner gehen davon aus, dass Kinder, die vor Beginn der 22. SSW geboren werden, keine Überlebenschancen haben. Es gibt zwar immer mal wieder Berichte von Frühchen, die in der 21. Woche mit einem Geburtsgewicht von teilweise weit unter 500 Gramm überlebt haben. Doch abgesehen von diesen Einzelfällen gibt es medizinisch keine reellen Möglichkeiten, diese Kinder am Leben zu erhalten, heißt es in den aktuellen Leitlinien der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrischen Intensivmedizin.

Bei bis Ende der 22. SSW geborenen Frühchen ist die Sterberate noch sehr hoch, erst ab der 23. Woche steigt die Überlebenschance behandelter Frühgeborener in spezialisierten Zentren auf über 50 Prozent an. Ein Teil der überlebenden Kinder leidet später an schwerwiegenden Gesundheitsstörungen, die eine lebenslange Hilfe durch andere Personen notwendig machen können.

Für Frühgeborene ab der 24. SSW liegen die Überlebenschancen bei entsprechender intensivmedizinischer Behandlung mittlerweile bei mehr als 60 Prozent. 

Ein entscheidender Faktor ist der Zeitpunkt der Lungenreifung. Ab etwa der 28. SSW bilden die Lungen des Fötus eine Substanz, welche die Entfaltung der Lungenbläschen ermöglicht. Frühchen ab der 28. bis 30. Schwangerschaftswoche haben dann bereits eine Überlebenschance von 90 Prozent.

Ursachen und Risikofaktoren

Bei vielen Frühgeburten lassen sich die Ursachen nicht genau bestimmen. Es gibt jedoch eine ganze Reihe von Risikofaktoren, die eine Frühgeburt begünstigen. Die häufigsten Auslöser sind Blasen- und Harnwegsinfektionen der Mutter. Aber auch andere Infektionen, wie zum Beispiel durch Chlamydien, Listerien, Masern, Scheidenpilze oder Zahnfleischentzündungen (Parodontitis) können eine vorzeitige Geburt auslösen.

Weitere mögliche Ursachen für eine Frühgeburt:

  • Plazentaprobleme, Fehlbildungen der Gebärmutter, Muttermundschwäche (Zervixinsuffizienz)
  • Erkrankungen in der Schwangerschaft (zum Beispiel Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes)
  • ungewöhnliche Lage des Babys
  • Fehlbildungen des Kindes
  • Alter der Mutter, späte Schwangerschaft
  • Mehrlingsschwangerschaft
  • Kinderwunschbehandlung
  • Rauchen
  • Alkohol
  • Übergewicht
  • vorangegangene Frühgeburt
  • chronische Erkrankungen der Mutter (Diabetes, Bluthochdruck, Rheuma, Asthma)
  • starke psychische Belastungen oder großer Stress bei der Mutter

Eine Reihe dieser Auslöser lassen sich durch Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft frühzeitig erkennen und behandeln. Bei anderen Faktoren kann die Schwangere das Risiko einer Frühgeburt durch eine gesunde Lebensweise (Verzicht auf Alkohol, Nikotin, Schutz vor Infektionen, zum Beispiel durch Impfungen) selbst reduzieren.

Anzeichen einer drohenden Frühgeburt

Eine Frühgeburt macht sich durch vorzeitige Wehen mit oder ohne Blasensprung bemerkbar. Häufig beginnt der Muttermund, sich zu öffnen. Es können Blutungen oder extremer Ausfluss auftreten.

Im Verlauf der Schwangerschaft sind bereits ab der 25. Woche die ersten Kontraktionen der Gebärmutter zu spüren. Doch diese Vorwehen sind sehr unregelmäßig und harmlos. Wenn jedoch vor der 36. Schwangerschaftswoche Vorwehen regelmäßig über einen längeren Zeitraum auftreten und sich sogar verstärken, kann es sich um vorzeitige Wehen handeln. Diese sind echte Geburtswehen, die den Muttermund öffnen und das Baby in Richtung Geburtskanal schieben. Es droht eine Frühgeburt.

Lesen Sie hier alles über Vorwehen und wie man sie von echten Wehen und vorzeitigen Wehen unterscheidet!

Welches Krankenhaus?

Die Schwangere sollte in jedem Fall sofortige ärztliche Hilfe bekommen und möglichst liegend transportiert werden – im Idealfall in eine Klinik, die auf die Behandlung von Frühgeburten und die Versorgung von Frühchen eingestellt ist. In Deutschland gibt es dafür spezialisierte Kliniken, die sich in Personal, medizinischer Ausstattung und Erfahrung von normalen Geburtskliniken unterscheiden. 

In den Perinatalzentren des Levels 1 können Schwangere mit drohender Frühgeburt vor der 29. SSW und einem geschätzten Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm behandelt werden, in Perinatalzentren des Levels 2 Schwangere mit einer drohenden Frühgeburt ab der 29. SSW, in Kliniken des Levels 3 Frühgeburten ab der 32. bis Ende der 35. Woche. Die Perinatalzentren müssen eine bestimmte Zahl an Frühchenfällen pro Jahr vorweisen und ihre Behandlungserfolge im Internet dokumentieren.

Behandlung und Entbindung bei einer Frühgeburt

Haben die Wehen eingesetzt, können die Ärzte die Geburt mit wehenhemmenden Medikamenten hinauszögern. Auch wenn dies meist nur über wenige Tage gelingt, wird durch diese Maßnahme wertvolle Zeit gewonnen, in der das Kind im Mutterleib weiterwachsen kann. Abhängig vom Fortschritt der Schwangerschaft erhält die Schwangere parallel dazu ein Medikament, welches die Lungenreifung des Fötus unterstützt.

Unter Umständen kann der Muttermund künstlich verschlossen werden, Infektionen werden mit Antibiotika behandelt.

Kann die Schwangerschaft mit medizinischen Mitteln nicht mehr aufrechterhalten werden, findet die Geburt statt. Wie diese abläuft, ist vom Entwicklungsstand, dem geschätzten Geburtsgewicht und der Lage des Kindes sowie der gesundheitlichen Verfassung von Mutter und Kind abhängig.

Bei sehr frühen Frühchen (etwa bis zur 31. Woche) wird häufig ein Kaiserschnitt durchgeführt. Obwohl das Baby noch sehr klein ist, wäre eine vaginale Geburt für den Organismus des Kindes und dessen Kopf zu belastend. Auch in Notfällen, bei einer Beckenendlage oder anderen Komplikationen entscheidet man sich für eine Schnittentbindung.

Ab etwa der 32. Woche kann das Frühchen auch auf natürlichem Weg durch eine vaginale Geburt zur Welt kommen. Um die Belastungen für das Kind und Geburtsverletzungen zu minimieren, wird häufig ein Dammschnitt durchgeführt.

Nach der Geburt kommt das Frühchen sofort in die Obhut der Neonatal-Mediziner. Es wird in einen Brutkasten (Inkubator) gelegt, der eine keimarme Umgebung bei gleichmäßiger Temperatur ermöglicht.

 

Gesundheitliche Risiken und Spätfolgen für das Kind

Zu früh geborene Kinder sind noch nicht fertig entwickelt. Ihnen fehlt die Zeit im Mutterleib nicht nur zum Wachsen und um Gewicht zuzulegen. Je nach Fortschreiten der Schwangerschaft sind einige Organsysteme noch nicht ausgereift. Dies betrifft vor allem die Lunge, die Nieren, den Darm, das Herz und auch das Immunsystem. Dadurch können sich in den ersten Wochen nach der Geburt verschiedenste gesundheitliche Komplikationen ergeben:

  • Atmung: Je nach Reifezustand der Lungen kann es zu Problemen beim selbständigen Atmen, zu einem unregelmäßigen Atemrhythmus und Atemaussetzern kommen. Das Frühchen muss unter Umständen künstlich beatmet werden und erhält zusätzliche Medikamente, damit die Lungen nicht zusammenfallen.
  • Verdauung: Die Darmbewegungen bei einem Frühchen funktionieren noch nicht ausreichend, die Darmwände sind noch dünn und anfällig. Es kann zu Lufteinschlüssen, Entzündungen und Darmdurchbrüchen kommen. Hinzu kommt, dass der Saugreflex aufgrund noch schwacher Muskulatur noch nicht genügend ausgebildet ist. Stillen ist anfangs häufig nicht möglich, Muttermilch kann jedoch abgepumpt und über eine Magensonde zugeführt werden. Wenn das Kind kräftiger ist, kann es auch mit dem Stillen klappen.
  • Herz und Kreislauf: Häufig schließt sich die Verbindung zwischen Aorta und Hauptschlagader (Ductus Botalli) bei Frühgeborenen nicht oder nur unzureichend. Dadurch gelangt zu wenig sauerstoffreiches Blut in den Körperkreislauf. Es müssen Medikamente gegeben und die Verbindung möglicherweise operativ geschlossen werden.
  • Gehirn: Besonders bei Frühgeburten vor der 32. SSW ist das Risiko von Hirnblutungen aufgrund noch zu dünner Blutgefäße groß. Die Blutungen können durch verschiedenste Faktoren ausgelöst werden. Dazu zählen etwa Blutdruckschwankungen, Stress, Druck auf den kindlichen Kopf oder auch medizinische Interventionen wie Beatmung, Wiederbelebung sowie die Gabe von Medikamenten.
  • Augen: Nicht ausgereifte Blutgefäße können an den Augen zu Netzhautschädigungen und Netzhautablösung (Retinopathie) führen.
  • Immunsystem: bei Frühchen besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko, eine Reihe von Antikörpern werden erst in der Spätschwangerschaft von der Mutter auf das Kind übertragen. Gerade bei sehr früh geborenen Kindern sind Infektionen fast immer lebensbedrohlich.
  • Körpertemperatur: Zu früh geborene Babys können ihre Körpertemperatur noch nicht regulieren. Es besteht die Gefahr der Überhitzung oder Auskühlung.

Spätfolgen für Frühchen

  • zu 9monate.de

    Von der Familienplanung über Tipps für die Schwangerschaft und die Zeit danach: Auf 9monate.de finden Frauen alles Wissenswerte und können sich mit Gleichgesinnten austauschen

Ob das Kind die fehlende Entwicklungszeit im Mutterleib aufholen kann, hängt stark davon ab, wie reif es zur Welt gekommen ist. Je früher die Frühgeburt stattfand, desto größer ist das Risiko, dass bleibende gesundheitliche Beeinträchtigungen zurückbleiben. Auch Komplikationen während oder nach der Geburt, die medizinische Versorgung in den ersten Wochen, Folgeerkrankungen und die Entwicklung einer Mutter-Kind-Beziehung haben einen Einfluss auf die individuelle Entwicklung.

Frühchen ab etwa der 30. bis 32. Woche mit einem Geburtsgewicht von über 1500 Gramm holen den Rückstand oft innerhalb von ein bis zwei Jahren auf. Unreifere Frühchen brauchen meist etwas länger. Chronische Atemwegserkrankungen, motorische Störungen und Aufmerksamkeitsstörungen können jedoch auftreten.

Bei extrem unreif geborenen Kindern (23. bis 27. SSW) sieht die Prognose nicht so positiv aus. Sie entwickeln sich nur selten völlig gesund, müssen oft über Monate in der Klinik bleiben und haben häufig ihr Leben lang mit körperlichen Entwicklungsverzögerungen zu kämpfen. Auch Wortschatz, Seh- oder Hörvermögen können beeinträchtigt werden. In schweren Fällen kommt es auch zu Epilepsie oder schweren Hirnschäden.

Mutterschutz und Elterngeld

Mütter, deren Kinder zu früh geboren wurden, haben einen erweiterten Mutterschutz. Die normale Mutterschutzfrist umfasst einen Zeitraum von sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin bis acht Wochen nach der tatsächlichen Geburt des Kindes. Bei einer Frühgeburt verlängert sich die Schutzfrist nach der Geburt um den Zeitraum, um den sich die Mutterschutzfrist vor der Frühgeburt verkürzt hat. Bei Kindern mit einem Geburtsgewicht unter 2500 Gramm verlängert sich die Schutzfrist nach der Geburt auf zwölf Wochen.

Wichtig: Der Bezugszeitraum des Elterngeldes verlängert sich nicht. Das Elterngeld wird immer ab dem Tag der Geburt des Kindes berechnet. Da in die Berechnung auch das Mutterschaftsgeld einfließt, wird das Elterngebld in der Regel erst dann gezahlt, wenn das Mutterschaftsgeld ausgelaufen ist.

Brauchen Mütter mit einem zu früh geborenen Kind länger Unterstützung bei der Versorgung des Babys durch eine Hebamme oder Hilfe im Haushalt, so wird dies auf Antrag von der Krankenkasse übernommen.

Specials
Fragen Sie unsere Experten!

Kostenlos. 24 Stunden täglich. Unsere Gesundheitsexperten beantworten Ihre Fragen.

mehr lesen...

Zum Seitenanfang