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Reaktive Arthritiden: Gelenkschmerz nach Infekten

Die reaktiven Arthritiden treten typischerweise nach einer bereits abgeklungenen Darm-, Urogenital- oder Atemwegsinfektion auf. Obwohl die ursprüngliche Infektion überwiegend von Bakterien ausgelöst wurde, schlägt eine Antibiotikabehandlung bei Auftreten der Gelenkbeschwerden häufig nicht mehr gut an.

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Darminfekt überstanden, doch jetzt schmerzt das Knie: Reaktive Arthritiden kommen mit Verspätung
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Den reaktiven oder auch infektreaktiv genannten Arthritiden ist gemein, dass etwa ein bis drei Wochen nach einer Infektion, die zunächst nicht mit den Gelenken in Zusammenhang steht, plötzlich Gelenkschmerzen auftreten. Diese betreffen überwiegend wenige, große Gelenke (Oligoarthritis) der unteren Extremitäten (Knie-, Sprunggelenk) und sind meist asymmetrisch verteilt.

Als typisch gilt auch die Entzündung eines Finger- oder Zehengelenkes, die sich in Form von Schmerzen, Rötungen und Schwellungen äußert.

In der Gelenkflüssigkeit lassen sich die Krankheitserreger allerdings charakteristischerweise nicht durch Anzüchten in der Zellkultur nachweisen - daher auch der Name "reaktive Arthritiden": Die Beschwerden entstehen also nach derzeitigem Kenntnisstand vermutlich nicht direkt durch das Vorliegen lebender Krankheitserreger im Gelenk, sondern als Reaktion auf die Infektion. Das könnte auch ein Grund dafür sein, dass die Symptome oft nicht gut auf Antibiotika ansprechen, selbst wenn eine bakterielle Infektion zu Grunde gelegen hat.

Auslöser der Gelenkerkrankung sind unterschiedliche Erreger

Am häufigsten entwickeln sich reaktive Arthritiden nach einer Infektion der Harnwege oder Geschlechtsorgane (posturethritische Arthritiden). Meist handelt es sich hier bei dem verursachenden Erreger um Chlamydien, die häufig Infektionen in diesem Bereich verursachen. Aber auch Gonokokken, die den sogenannten "Tripper" auslösen, und Ureaplasmen, die ebenfalls Harnröhrenentzündungen verursachen, können Arthritiden zur Folge haben.

In Europa entwickeln zudem etwa ein bis sieben Prozent aller Patienten mit einer Infektionserkrankung des Darms (Enteritis) eine reaktive Arthritis (postenteritische Arthritis).

Zu den häufigsten Darmerregern, die mit Arthritiden einhergehen können, gehören in Europa Yersinien, gefolgt von Salmonellen und Campylobacter.

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Reaktive Arthritiden können auch infolge einer Atemwegsinfektion auftreten. Eine Sonderform stellt die heutzutage selten gewordene, reaktive Arthritis nach einer Streptokokkeninfektion (Scharlach, Streptokokkenangina) dar, die rheumatisches Fieber genannt wird. Auch eine weitere Chlamydien-Spezies (Chlamydia pneumonia) und verschiedene Viren, die Atemwegsinfektionen auslösen, sind möglichen Ursachen von reaktiven Arthritiden.

Genetische Faktoren als Risikofaktor

Ob ein Mensch zur Entwicklung reaktiver Arthritiden neigt, scheint auch mit Anlagefaktoren zusammenzuhängen: 50 bis 90 Prozent der Betroffenen tragen das Gen HLA-B27. Die genaue Rolle dieses Gens und die detaillierten Krankheitsmechanismen sind jedoch noch unbekannt.

Im Falle der relativ gut untersuchten reaktiven Arthritiden nach einer Urogenitalinfektion mit Chlamydien wird derzeit davon ausgegangen, dass spezielle Immunzellen die Krankheitserreger aufnehmen und über das Blut unter anderem in die Gelenke transportieren. Dort entwickelt sich eine anhaltende Entzündung, die zur Arthritis führt. Bei anderen Erregern wird jedoch diskutiert, ob möglicherweise nur Bestandteile des Keims die entzündliche Reaktion im Gelenk auslösen.

Gleichzeitig weiß man mittlerweile von einigen der in Frage kommenden Erregern, dass Teile ihrer Struktur menschlichem Gewebe so ähnlich sind, dass unser Abwehrsystem fremd und eigen nicht mehr unterscheiden kann und daraufhin in einer Autoimmunreaktion körpereigenes Gewebe angreift.

Anzeichen einer reaktriven Arthritis

Zu den unspezifischen Allgemeinsymptomen, die zu Beginn der Erkrankung auftreten, gehören Krankheitsgefühl, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und Fieber. Darüber hinaus sind äußerlich oft Hautveränderungen bemerkbar.

Im Verlauf einer reaktiven Arthritis können neben der bereits beschriebenen Gelenkbeteiligung weitere Symptome auftreten. Beobachtet werden:

  • eine Beteiligung der Wirbelsäule
  • Fersenschmerzen
  • Entzündungen der Regenbogenhaut (Iritis)
  • Entzündungen der Bindehaut (Konjunktivitis)
  • Entzündungen des Herzens (Karditis), der Gefäße (Aortitis)oder der Muskulatur (Myositis)

Eine Unterform stellt die früher als "Reiter Syndrom" bezeichnete Arthritis dar. Bei ihr kommt es neben der Arthritis zu einer Urethritis (Harnröhrenentzündung) und zu einer Konjunktivitis.

Bei etwa einem Viertel der Fälle kann die zugrundeliegende Infektion jedoch auch ohne Symptome (klinisch stumm) und damit unbemerkt verlaufen und erst durch den inzwischen verfeinerten Erregernachweis erkannt werden.

Diagnose

Nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie sollten bei der Diagnose einer reaktiven Arthritis folgende Kriterien berücksichtigt werden:

  • typischer Gelenkbefall
  • typische Krankengeschichte (Durchfall, Harnröhrenentzündung)
  • direkter Nachweis des Erregers im betroffenen System (zum Beispiel im Harnröhrenabstrich)
  • Nachweis spezifischer Antikörper,
  • Vorliegen von HLA-B27 sowie
  • Nachweis von Teilen des Erregers mit Hilfe moderner molekularbiologischer Methoden.

Je nachdem, welche und wie viele Kriterien zutreffen, wird die reaktive Arthritis ausgeschlossen oder als wahrscheinlich beziehungsweise  sicher eingestuft. Bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Röntgen oder Magnetresonanztomographie (MRT) können dazu beitragen, Veränderungen im Gelenk zu beurteilen.

Therapie der reaktiven Arthritiden

Die Behandlung hängt unter anderem von dem Erreger und dem Verlauf der Erkrankung ab. Lässt sich ein bakterieller Erreger nachweisen, erfolgt eine antibiotische Behandlung, die sich teilweise über mehrere Monate erstreckt.

Das optimale Vorgehen und die Wirksamkeit derartiger Behandlungsstrategien sind derzeit allerdings nicht abschließend geklärt. Zur Besserung der Gelenkbeschwerden stehen zudem nichtmedikamentöse Maßnahmen wie Krankengymnastik zur Verfügung.

Bei größeren Gelenkergüssen ist eine medikamentöse Behandlung, wie sie bei Rheuma Standard ist, angebracht.  So ist die Injektion von Glukokortikoiden ("Kortison") in das Gelenk und bei schweren Verläufen sowie ausgeprägter Beteiligung von Organen die systemische Anwendung von Glukokortikoiden sinnvoll.

Zur Reduktion der Schmerzen können nicht-steroidale ("kortisonfreie") Antirheumatika NSAR und bei anhaltenden Beschwerden an mehreren Gelenke ggf. langwirksame, krankheitsmodifizierende Antirheumatika von Vorteil sein.

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