Wenn einem alles zu viel wird

Anpassungsstörung: Symptome, Therapie & Dauer

Nicht jeder schafft es, sich nach Krisen schnell an neue Lebenssituationen anzupassen. Eine Anpassungsstörung kann durch eine gezielte Therapie abgemildert werden. Wann eine Behandlung notwendig ist und mit welchen psychischen Krankheiten die Störung oft verwechselt wird.

Anpassungsstörung
Gefühle von Traurigkeit und Überforderung sind typisch bei einer Anpassungsstörung – Betroffene ziehen sich häufig zurück.
© iStock.com/martin-dm

Treten nach einer belastenden Lebensveränderung Ängste, depressive Verstimmungen oder Probleme mit der Erledigung der alltäglichen Verpflichtungen auf, spricht man von einer Anpassungsstörung. Diese ist nicht immer therapiebedürftig und in der Regel zeitlich begrenzt. Hier unterscheidet sich die Anpassungsstörung von anderen psychischen Störungen.

Artikelinhalte im Überblick:

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Therapie: Wie wird eine Anpassungsstörung behandelt?

Obwohl Anpassungsstörungen definitionsgemäß nach einiger Zeit wieder vergehen, ist es oft notwendig, eine Therapie zu machen, um die Dauer der Anpassungsstörung zu verkürzen oder die Symptome zu mildern.

Nimmt die Anpassungsstörung einen leichten Verlauf, kann die Unterstützung durch Familie und Freunde ausreichen, um die Lebenskrise zu überstehen. In schwereren Fällen mit hohem Leidensdruck ist eine Therapie aber unumgänglich. Der Facharzt für Psychiatrie oder ein Psychotherapeut entwickelt einen individuellen Behandlungsplan. Mithilfe dieser Methoden kann Betroffenen geholfen werden:

  • Verhaltenstherapie

  • Psychotherapie

  • Gesprächstherapie

  • Medikamente: Benzodiazepin-Tranquilizer (Beruhigungsmittel) in niedrigster Dosierung; zeitlich begrenzt Schlafmittel; bei leichten depressiven Verstimmungen Johanniskraut, bei stärkeren Symptomen leichte Antidepressiva

Ziel der Behandlung ist es, seelische, körperliche und psychosoziale Reserven zur Problembewältigung freizusetzen, von Schuldgefühlen und Ängsten zu befreien, den seelischen Druck zu reduzieren, die Motivation der Betroffenen zu fördern, die eigenen Kräfte zu stärken und die Selbstkontrolle wiederzugewinnen. Hierzu ist es wichtig, neben der unterstützenden und aufbauenden Zuwendung durch den Therapeuten das Umfeld des Betroffenen in die Therapie miteinzubeziehen.

Was ist eine Anpassungsstörung?

Alle Menschen werden im Laufe des Lebens mit belastenden Ereignissen oder Lebensumständen konfrontiert. Es ist sehr unterschiedlich, wie der Einzelne damit umgeht und wie leicht oder schwer diese Lebensphasen bewältigt werden. Ob und in welchem Schweregrad die Erkrankung entsteht, ist nicht von einer objektiven Härte des Ereignisses abhängig. Entscheidend ist das subjektive Empfinden der Belastung, die Menge an vorhergehenden schwerwiegenden Erlebnissen sowie die individuelle Belastbarkeit (Resilienz) und Bewältigungsfähigkeit.

Schwierigkeiten im Beruf, finanzielle Einbußen, Probleme in Familie oder Partnerschaft, gesundheitliche Einschränkungen, aber auch ein lebensveränderndes Ereignis wie die Geburt eines Kindes oder der Verlust des Partners können erheblichen Stress auslösen und die Betroffenen überfordern. Es kann zu verschiedenen körperlichen und psychischen Symptomen kommen, die ausgeprägter sind als eine normale Reaktion auf Belastungen und die man als Anpassungsstörung bezeichnet.

Eine Anpassungsstörung kann Tage, Wochen oder maximal sechs Monate bestehen. Zu den Anpassungsstörungen werden nach Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch der Hospitalismus bei Kindern, der Kulturschock und die Trauerreaktion gerechnet.

Häufigkeit: Wie oft kommen Anpassungsstörungen vor?

Eine Anpassungsstörung von anderen psychischen Störungen abzugrenzen ist schwierig, weshalb von einer hohen Dunkelziffer an nichtdiagnostizierten Anpassungsstörungen auszugehen ist.

Nach diesen Schätzungen leiden etwa 0,6 Prozent aller Frauen und 0,3 Prozent der Männer unter einer Anpassungsstörung. Von ambulant psychiatrisch oder psychotherapeutisch betreuten Menschen sollen 5 bis 20 Prozent Zeichen einer Anpassungsstörung aufweisen. Sie kann in jedem Lebensalter auftreten. Dass die Zahl der betroffenen Frauen höher liegt als die der Männer kann daran liegen, dass sich Frauen schneller ihrem Arzt anvertrauen und so die Anpassungsstörung öfter diagnostiziert wird. Ob sich die familiäre Situation oder der Familienstand in den Erkrankungszahlen widerspiegelt, ist ebenso unerforscht wie die Frage, ob der soziale Status einen Einfluss hat.

Symptome einer Anpassungsstörung

Die möglichen Symptome der Anpassungsstörung sind sehr vielfältig und können in den unterschiedlichsten Kombinationen vorkommen. Für die Diagnose ist es wichtig, dass ein deutlicher zeitlicher Zusammenhang mit einem auslösenden Ereignis hergestellt werden kann. Typische Krankheitszeichen sind:

  • Psychische Zeichen, die längere Zeit anhalten und das Leben der Betroffenen deutlich beeinträchtigen: Am häufigsten treten Angst und Sorge, Depressivität, Ärger, Verbitterung, Verzweiflung und emotionale Verwirrtheit auf. Typisch sind außerdem Gefühle der Isolation, Bedrängnis und Traurigkeit. Betroffene haben das Gefühl, den alltäglichen Lebensaufgaben nicht mehr gewachsen zu sein. In einzelnen Fällen kann es zu "dunklen Gedanken", teilweise mit konkreten Selbsttötungsideen oder Suizid-Vorbereitungen kommen.

  • Körperliche Zeichen ohne nachweisbare physische Ursache: Bauchschmerzen, Konzentrationsprobleme, Muskelverspannungen, Herz-Kreislauf-Probleme

  • Soziale Zeichen: Stimmungseinbrüche, Desinteresse, Konzentrationsschwierigkeiten und ein Verlust an Lebensfreude können das Sozialverhalten Betroffener stark beeinträchtigen. Es kann zu sozialem Rückzug, Aggressivität oder dissozialem Verhalten (keine Fähigkeit zum Mitgefühl) kommen.

Außerdem sind für verschiedene Altersgruppen folgende Symptome kennzeichnend für eine Anpassungsstörung:

  • Säuglinge: Bei Säuglingen können sich Anpassungsprobleme durch exzessives Schreien, Schlafstörungen und Trinkprobleme äußern. Die Anpassungsstörung kann durch die Geburt oder durch eine Störung der Eltern-Kind-Beziehung ausgelöst sein.

  • Kinder: Kindern zeigen bei Anpassungsstörungen oft regressive Zustände, also Rückfälle auf frühere Verhaltensweisen, die in der Entwicklung längst überwunden schienen. Typisch sind Bettnässen, Babysprache und Daumenlutschen.

  • Jugendliche: Bei Jugendlichen kann sich eine Anpassungsstörung in gestörtem Sozialverhalten äußern. Reaktionen auf eine belastende Situation können Aggressionen, Lügen, Schwänzen, Stehlen oder rücksichtsloses und asoziales Verhalten im Bekanntenkreis, in der Schule oder am Arbeitsplatz sein. Nicht selten kommt es zum Missbrauch von Drogen oder exzessivem Alkoholtrinken.

Ursachen und Risikofaktoren für eine Anpassungsstörung

Auslöser für eine Anpassungsstörung sind keine katastrophalen Extremsituationen oder schwerste traumatische Erlebnisse, sondern belastende Veränderungen der Lebensumstände, die man auch als Krisen bezeichnen kann. Wie schlimm Betroffene eine solche Lebenskrise empfinden, ist sehr subjektiv. Gleich gelagerte Ereignisse können bei einem Menschen eine Anpassungsstörung auslösen, während andere leichter Strategien entwickeln und die Situation ohne Probleme bewältigen.

Es gibt eine Reihe von Einflüssen, welche die Entstehung einer Anpassungsstörung fördern können. In den meisten Fällen kommen mehrere dieser Faktoren zusammen und lösen im Zusammenspiel die Symptome aus:

  • lange Dauer und hohe Intensität des auslösenden Ereignisses

  • mehrere aufeinanderfolgende Ereignisse

  • Vulnerabilität (Verwundbarkeit, psychische Instabilität, mangelhafte Belastbarkeit) der Betroffenen

  • Schwäche bei der individuellen Bewältigungsstrategie: Die Betroffenen können nicht mit Frustrationen, Kränkungen, Demütigungen und Überforderungen umgehen.

  • vorbestehende psychische Störung(en)

  • mangelnde Unterstützung durch Freunde und Familie

  • Unverständnis des weitläufigeren Umfeldes (Nachbarn, Arbeitskollegen, Lehrer und manchmal auch Ärzte)

  • ein Einfluss genetischer Faktoren wird angenommen, ist aber nicht nachgewiesen

Diagnostik: Wie kann man eine Anpassungsstörung diagnostizieren?

Die Diagnose einer Anpassungsstörung wird in den meisten Fällen von einem Psychotherapeuten oder einem Psychiater gestellt. Der erste Weg der Betroffenen führt aber im Allgemeinen zum Hausarzt.

Dieser kann aufgrund der ersten Schilderung der Beschwerden den Verdacht auf eine Anpassungsstörung äußern. Im nächsten Schritt wird der Arzt bestehende körperliche Symptome untersuchen, um organische Ursachen für die Beschwerden auszuschließen.


Erhärtet sich dadurch die Vermutung, dass es sich um eine psychische Störung handeln könnte, werden gezielte Fragen gestellt, wie beispielsweise:

  • Hat Sie ein Erlebnis stark belastet?
  • Besteht Freudlosigkeit, Interessenlosigkeit oder Antriebslosigkeit?
  • Fühlen Sie sich traurig?
  • Fühlen Sie sich überlastet?
  • Bestehen Konzentrationsschwierigkeiten?

Findet sich nun eine potentiell auslösende Ursache, die maximal einen Monat zurückliegt, erhärtet sich die Verdachtsdiagnose. Nun wird der Hausarzt die Betroffenen an einen Psychiater oder Psychotherapeuten überweisen, damit eine korrekte Diagnose gestellt werden kann.

Wichtig ist es auch, andere psychische Störungen durch den Facharzt ausschließen zu lassen. Insbesondere muss die vermutete Anpassungsstörung von Depressionen, Angststörungen, beginnenden schizophrenen Psychosen und Persönlichkeitsstörungen abgegrenzt werden. Auch akute oder mittel- bis langfristige posttraumatische Belastungsstörungen können ähnliche Symptome haben.

In einigen Fällen kann die Diagnose auch "normale Trauerreaktion" lauten, wenn sie nachvollziehbar ist und das übliche Maß von Trauer nicht überschreitet.

Verlauf und Prognose einer Anpassungsstörung

Eine Anpassungsstörung dauert nicht länger als ein halbes Jahr, in den meisten Fällen deutlich kürzer. In der Regel kann die Störung innerhalb einiger Wochen überwunden werden, insbesondere in höherem Lebensalter halten die Beschwerden aber oft für einige Monate an. In seltenen Fällen kann es durch langfristigen und anhaltenden Stress zu längeren Verläufen kommen, insbesondere dann, wenn schon vorher depressive Symptome aufgetreten sind.

Unbehandelt können Anpassungsstörungen durch Rückzug und soziale Isolation folgenreich sein und zum Verlust des Arbeitsplatzes oder zu gravierenden Beziehungsproblemen führen. In manchen Fällen kommt es zu vermehrtem Alkohol- und Drogenkonsum. Das Störungsbild weist große individuelle Unterschiede auf.

Die Zahl der Erkrankungen scheint eine zunehmende Tendenz zu haben. Dies könnte daran liegen, dass psychische Störungen heute besser erkannt, vor allem aber eher anerkannt werden. Die Bereitschaft, sich Familie und Freunden zu offenbaren sowie einen Arzt zu konsultieren, ist deutlich gestiegen und führt zu mehr diagnostizierten und erfolgreich therapierten Fällen von Anpassungsstörungen.

Kann man einer Anpassungsstörung vorbeugen?

Das Risiko für das Auftreten von Anpassungsstörungen sinkt, wenn ein stabiles soziales Netzwerk durch Familie, Freunde und Bekannte besteht.

Um ein erneutes Auftreten zu vermeiden, können Betroffene psychoanalytische Methoden erlernen und so die eigenen Fähigkeiten zur Krisenbewältigung schulen. Insbesondere Kommunikations- und Angstmanagement-Training sind hilfreich.

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