Diabetes und Depression oft gepaart

Folgeerkrankungen bei Diabetes: Depression

Patienten mit Diabetes haben doppelt so häufig wie Stoffwechselgesunde eine Depression. Wird nicht interveniert, kann sich die Gemütslage negativ auf die Blutzuckereinstellung, die erforderlichen Lebensstiländerungen und die Prognose auswirken.

Folgeerkrankungen bei Diabetes: Depression
Depressionen sind bei Diabetikern besonders häufig.
(c) Stockbyte

Die Diagnose Diabetes mellitus stellt einen Einschnitt in das bisherige Leben dar; sie muss zunächst verdaut werden. Gelingt das nicht, droht eine Depression. Denn die Diagnose einer chronischen Erkrankung weckt so manche Ängste, beispielsweise davor, wie es in der Zukunft wohl weiter gehen mag. Darüber hinaus muss der Patient eine Menge lernen, um die Therapie zu meistern. Von lieb gewonnenen schädlichen Gewohnheiten gilt es, sich zu verabschieden. Zudem müssen Krisen bewältigt werden; Komplikationen sollte schon früh vorgebeugt werden. Mit dem sorglosen Leben ist es also in gewissem Maße vorbei – zumindest während der akuten Umstellungsphase und in „Krisenzeiten“. Da ist es verständlich, wenn all diese Herausforderungen aufs Gemüt schlagen. Am häufigsten äußern sie sich als Depression bei Diabetes im Sinne einer Anpassungsstörung, also der Schwierigkeit, sich einer neuen Situation zu stellen und sich dabei nicht überwältigt zu fühlen.

Patienten mit Diabetes sind etwa doppelt so häufig von einer Depression betroffen wie Gesunde. Vor allem Frauen und Patienten im ersten Monat nach einer schweren Hypoglykämie (Unterzuckerung) oder mit Spätkomplikationen sind betroffen. Daher ist es wichtig, selbst auf Veränderungen der Stimmungslage zu achten oder dazu Rückmeldungen von Familie und Freunden zu bekommen. Es müssen nicht unbedingt trübe Gedanken sein. Eine Depression kann sich auch als Antriebslosigkeit, innere Leere, Rückzug oder die Unmöglichkeit, sich tagtäglich um die konsequente Therapie zu kümmern, äußern. Im Zweifelsfall ist es besser, die Gemütsveränderungen nach der Diabetes-Diagnose dem Arzt zu schildern. Er wird aber auch von sich aus im Arzt-Patient-Gespräch auf Anzeichen achten und unter Umständen mittels Fragebogentest klären, ob eine Depression vorliegt.

Therapeutische Hilfestellungen bei Diabetes und Depression

Vorbeugend zur Depression können verhaltensmedizinische Interventionen angezeigt sein, um Patienten zu befähigen, besser mit den Herausforderungen des Diabetes umzugehen. Auch die Diabetesschulung ist ein wichtiger Beitrag dazu. Speziell für Typ-1 Diabetiker mit gestörter Hypoglykämie-Wahrnehmung kann ein strukturiertes Training hilfreich sein, um niedrige Blutzuckerwerte rechtzeitig spüren, dadurch den Blutzucker besser einstellen und letztendlich Hypoglykämien („Unterzuckerungen“) vermeiden zu können. Darüber hinaus mögen Interventionen zur Stressreduktion oder Verbesserung der Unterstützung durch das soziale Umfeld erforderlich und sinnvoll sein.

Gefahr einer schlechten Blutzuckereinstellung

Ein Depression sollte ernst genommen werden. Sie ist ein Risikofaktor für eine schlechtere Umsetzung der Diabetes-Therapie und damit einen ungünstigen Verlauf der Stoffwechselerkrankung. Zudem beeinträchtigen sie die Lebensqualität. Daher sollten sie behandelt werden. Bei einer medikamentösen Therapie der Depression muss darauf geachtet werden, dass der Wirkstoff die Diabetes-Stoffwechsellage nicht verschlimmert und keine weitere Gewichtszunahme begünstigt. Neuere Antidepressiva, beispielsweise aus der Klasse der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), eignen sich unter diesen Gesichtspunkten besser als ältere, zum Beispiel trizyklische Antidepressiva. Bei Anzeichen für eine Depression muss der Arzt im Gespräch auch eine mögliche Selbstmordgefährdung abklären. Denn wenn die Psyche ausgeglichen ist, hat der Patienten meist selbst ein Interesse daran, dass sein Blutzucker gut eingestellt ist. Aus der Schulung weiß er, wie gefährlich eine Hypoglykämie im Moment, aber auch langfristig für ihn ist. Er steuert rechtzeitig gegen. Bei Menschen, die eine schwere Depression entwickeln und dann suizidal gefährdet sind, ist dies hingegen nicht automatisch der Fall. Schwere Unterzuckerungen können daher ein Hinweis auf eine behandlungsbedürftige seelische Erkrankung sein.

Angsterkrankungen erschweren die Diabetes-Therapie

Nicht nur eine Depression, auch Ess-, Angst- und Suchtstörungen können mit einem Diabetes mellitus einhergehen und die Therapie erschweren. Angststörungen sind nicht generell häufiger, können aber beispielsweise durch die Sorge um Hypoglykämien und Spätfolgen angestoßen werden. Suchtkrankheiten, sei es Alkohol- oder Nikotinabhängigkeit, beeinträchtigen die Fähigkeit zur Selbstverantwortung und Selbstbehandlung. Der Blutzucker ist meist nicht so gut eingestellt, was das Risiko für Komplikationen steigen lässt. Alkohol mindert zudem die Wahrnehmungsfähigkeit für eine Hypoglykämie und erschwert die Blutzuckereinstellung per se. Hinzu kommt, dass in beiden Fällen Begleiterkrankungen zu erwarten sind, welche die Prognose verschlechtern können. Von den Essstörungen stellt im Kontext eines Diabetes mellitus vor allem die Binge-Eating-Störung eine Herausforderung dar. Betroffene verlieren die Kontrolle über ihr Essverhalten und stopfen in kurzer Zeit große Mengen an hochkalorischen Nahrungsmitteln in sich hinein. Im Gegensatz zu Patienten mit Bulimie erbrechen sie aber anschließend nicht oder benutzen keine Abführmittel, um ihr Gewicht zu regulieren. Die Konsequenzen sind nicht nur Übergewicht, sondern auch ein nur schwer einstellbarer Blutzucker. Bei jüngeren Frauen mit Diabetes kann zusätzlich zu einer Depression auch eine Magersucht (Anorexia nervosa) die Therapie erschweren. Schon für sich genommen ist die Magersucht eine lebensbedrohliche Erkrankung. In Kombination mit einem Diabetes mellitus erhöht sie das Risiko für diabetische Folgeerkrankungen ganz erheblich.

Autor:
Letzte Aktualisierung: 29. Januar 2012
Quellen: Kulzer B. et al.: Psychosoziales und Diabetes mellitus. Diabetologie 4 (2009); S150-S156

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