Unkontrolliertes Verhalten

Tourette-Syndrom: Leben mit Tics

Betroffene blinzeln unvermittelt, schneiden Grimassen oder geben ungewöhnliche Laute von sich und können das nicht steuern. Wer das Tourette-Syndrom nicht kennt, ist befremdet. Die neuropsychiatrische Krankheit erwischt Kinder in jungen Jahren, in der Pubertät verstärken sich die Tics meist. Dann verschwinden sie über Monate oder sogar ganz. Manche Tourette-Patienten kommen ohne Behandlung gut zurecht: Viele können einen ganz normalen Alltag leben und ihren Lieblingsberuf ausüben.

mann hustet
Tourette-Syndrom: Unkontrollierte Bewegungen und Geräusche wie Fluchen, Grunzen oder Hüsteln führen dazu, dass die Betroffenen unangenehm auffallen.
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Sie schnauben, grunzen, hüsteln, schneiden Grimasse, stoßen Verwünschungen aus – Patienten mit Tourette-Syndrom ernten in ihrer Umwelt oft Unverständnis und Ablehnung. Dabei ist ihr Verhalten keine schlechte Angewohnheit oder Form von Ungezogenheit, wie viele glauben. Es handelt sich vielmehr um eine neuropsychiatrische Erkrankung, die Ärzte wiederum unter die Ticstörungen einordnen. Der Name geht auf den französischen Neurologen George Gilles de la Tourette zurück, der die Erkrankung erstmals 1885 genauer beschrieb.

Das Leiden beginnt meist schon im Alter von sieben bis acht Jahren, manchmal erst in der Jugend, aber immer vor dem 21. Lebensjahr. Es gibt keine genauen Zahlen über die Häufigkeit der Störung in Deutschland. Hochgerechnete Daten aus den USA lassen vermuten, dass hierzulande rund 40.000 Patienten leben. Jungen entwickeln die Störung häufiger als Mädchen.

Tics haben viele Gesichter

Zu den Tics gehören ungewöhnliche Bewegungen (motorische Tics) oder Lautäußerungen (vokale Tics). Diese dienen keinem Zweck, setzen plötzlich ein und der Betroffene kann sie willentlich kaum unterdrücken. Tics können einfach oder äußerst komplex sein. Auch variieren Anzahl, Häufigkeit und Schwere. Die Tics mancher Patienten verschwinden über Wochen oder sogar Monate, um dann unvermutet wieder einzusetzen.

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Allgemein erklären Mediziner Tics als "unwillkürliche, rasche, meistens plötzlich einschießende und mitunter sehr heftige Bewegungen, die immer wieder in gleicher Weise einzeln oder serienartig auftreten können." Patienten mit motorischen Tics zucken zum Beispiel mit den Schultern, schneiden Grimassen, zwinkern mit den Augen oder werfen den Kopf hin und her. Wer vokale Tics hat, räuspert sich, bellt, zischt oder schnüffelt. Auch schimpfen manche Patienten, verwenden obszöne Wörter oder wiederholen bestimmte Begriffe und Laute immer wieder. Mit ihrem Verhalten irritieren sie ihre Mitmenschen.

Symptome des Tourette-Syndroms

Die Patienten haben eine gewisse Eigenkontrolle über ihre Tics. Sie spüren den bevorstehenden Ausbruch der Symptome und können ihn zeitlich hinausschieben. Irgendwann entladen sich die Tics aber heftig. Unterdrücken lassen sie sich nur sehr selten, weil der innere Drang zu groß wird, ähnlich wie bei Niesen oder Schluckauf. Die motorischen und vokalen Tics „überfallen“ die Betroffenen in den akuten Phasen mehrmals jeden Tag.

Liste einfache motorischer und einfach vokaler Tics

Einfache motorische Tics Einfache vokale Tics
Augenblinzeln Husten
Augenbewegungen Schnüffeln
Nasenbewegungen Räuspern
Mundbewegungen Grunzen
Gesichtsgrimassen Pfeifen
Kopfschleudern Tierlaute, Vogellaute
Schulterziehen  
Armbewegungen  
Handbewegungen  
Zuckungen am Bauch  
Beinbewegungen  
Fuß- oder Zehenbewegungen  

Liste komplexer motorischer und vokaler Tics

Komplexe motorische Tics Komplexe vokale Tics
Gesten oder Bewegungen der Augen Silben
Gesten/Bewegungen mit dem Kopf Wörter
Gesten mit Arm oder Hand ungewolltes Aussprechen aggressiver oder obszöner Worte
Mundbewegungen ein- oder mehrmaliges zwanghaftes Nachsprechen von Wörtern oder Sätzen
Gesten mit der Schulter häufiges Wiederholen von selbstgesprochenen Worten
Beugen oder sich winden Blockierungen
Rotieren um die eigene Achse atypische Sprachanwendungen
Zeigen unwillkürlicher, obszöner Gesten Enthemmte Sprache
selbstverletzendes Verhalten  
Imitieren bzw. Nachahmen von Tics  

Diese Faktoren verstärken die Tics

In einer vertrauten Umgebung, zum Beispiel in der Familie oder unter Freunden, lassen Betroffene ihren Tics freien Lauf und unterdrücken sie nicht wie im Job oder in der Schule. Wenn Patienten entspannt oder auf etwas konzentriert sind, lassen die Tics nach. Ärger, Freude, Anspannung oder Stress hingegen können sie verstärken. So kommen die Tics von Kindern in der Schule seltener zum Vorschein als zu Hause.

Die Ursachen der Ticstörung

Die Ursachen des Tourette-Syndroms sind bis heute nicht genau geklärt. Es gibt verschiedene Theorien, wie die Krankheit entsteht. Vermutlich spielen genetische Faktoren für die Entwicklung eine Rolle. Ist ein Elternteil betroffen, entwickelt ein Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von fünf bis zehn Prozent die Störung ebenfalls. Bekannt ist auch, dass sich in Familien mit einem Patienten sehr häufig Angehörige finden, die leichte Tic-Störungen und zwanghafte Verhaltensweisen zeigen.

Zudem ließen sich neurologische und neurobiologische Auffälligkeiten bei Patienten nachweisen. Forscher fanden Veränderungen in bestimmten Gehirnbereichen, den Basalganglien. Dort scheinen Stoffwechselvorgänge aus der Balance zu geraten. Im Verdacht stehen der Nervenbotenstoff Dopamin, der für reibungslose Bewegungsabläufe zuständig ist, sowie der "Wachmacher" Serotonin.

Auch die Umwelt scheint für die Entwicklung von Bedeutung zu sein: Die Symptome einiger Patienten setzten direkt nach einem traumatischen Erlebnis ein.

Schwierige Diagnose bei kleinen Kindern

Es gibt keine Blutuntersuchung, neurologische oder psychologische Tests, mit denen sich das Tourette-Syndrom sicher diagnostizieren lässt. Die Diagnose stellt ein Arzt, indem er die auftretenden Symptome und vorherrschenden Tics beobachtet sowie den bisherigen Krankheitsverlauf für seine Einschätzung heranzieht. Liegt das Syndrom vor, müssen motorische Tics in Form von Muskelzuckungen sowie ein oder mehrere vokale Tics vorhanden sein. Fragebögen und Schätzskalen helfen Ärzten, die Art und den Schweregrad der Tic-Störung einzuschätzen.

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Andere Krankheiten ausschließen

Mittels neurologischer Untersuchung, Elektroenzephalographie (EEG), bei der die Hirnströme gemessen werden, einer Computertomographie (CT) oder Kernspintomographie (MRT) des Kopfes lassen sich andere Krankheiten als Ursache für die Tics ausschließen. Auch prüft der Arzt, ob weitere psychische Störungen vorhanden sind, etwa Depressionen, Zwangs- oder Hyperaktivitätsstörungen. Sie sind mögliche Begleiter von Patienten, die an dem Syndrom leiden.

Im Fall kleiner Kinder ist die Diagnose besonders schwierig. Manchmal diagnostizieren Ärzte fälschlicherweise eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), bevor sie die wahre Ursache erkennen.

Therapie des Tourette-Syndroms: Nicht immer brauchen Tics eine Behandlung

Die Tics nicht aller Betroffenen sind so stark ausgeprägt, dass sie Medikamente oder andere Therapien brauchen. Sie kommen auch ohne Behandlung gut klar. Schwerere Formen behandeln Ärzte mit Medikamenten, die sich als besonders wirksam erwiesen haben. Sie verbessern die Tics erheblich, haben aber auch einige Nebenwirkungen. Ärzte tüfteln deshalb für jeden Fall eine individuelle Behandlung mit möglichst wenigen und erträglichen Nebenwirkungen aus.

Training gegen die Tics

Eine weitere Behandlung ist die Verhaltenstherapie, die auf die sogenannte Reaktionsumkehr setzt. Der Therapeut trainiert mit dem Patienten eine motorische Gegenbewegung zum Tic, um ihn zu unterdrücken. Patienten lernen außerdem, ihre Wahrnehmung für die automatisierten Tics durch Selbstbeobachtung zu schärfen. Auch Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung, ein Antistress-Training oder Biofeedback sind sinnvoll.

Entspannungstechniken im Überblick

Eine Psychotherapie hilft, besser mit den negativen Erlebnissen in ihrem sozialen Umfeld und mit der Erkrankung selbst umgehen zu können. Viele haben eine jahrelange Vor- und Leidensgeschichte von Ablehnung und Ausgrenzung hinter sich. Für Kinder können sich pädagogische Unterstützungsmaßnahmen positiv auf die schulische Leistung auswirken.

Verlauf bei Tourette

Das Tourette-Syndrom entwickelt sich normalerweise in verschiedenen Phasen, in denen die Tics unterschiedlich stark ausgeprägt sind. In der Pubertät verstärken sie sich meist. Im Laufe der Entwicklung schwächen sie sich erfahrungsgemäß wieder ab. Manchmal verschwinden die Tics sogar ganz. Stress in der Schule, im Beruf und in der Familie, Angst, Freude oder Ärger verstärken die Symptome.

Die Erkrankung hat nicht nur Nachteile. Einige Patienten besitzen aufgrund ihrer motorischen Unruhe eine besonders gute Reaktionsfähigkeit. Und das macht sich zum Beispiel für Schlagzeugspielen, Tischtennis, Karate oder Basketball bezahlt. Ärzte vermuten, dass  bestimmte Bewegungsmuster der Patienten im Vergleich zu Gesunden weniger gehemmt sind.

Leben mit Tourette: Viele Berufe sind möglich

Betroffene Kinder sind genauso leistungsfähig wie die Altersgenossen und müssen sich nicht verstecken. Sie können an allen Aktivitäten teilnehmen, Sport treiben, Musik machen oder reisen. Erwachsenen Patienten stehen viele Berufe offen. Sie können eine Berufsausbildung absolvieren und Kaufleute oder Handwerker werden, aber auch ein Studium oder ein kreativer Beruf ist möglich. Tourette-Patienten, die sich selbst verletzen oder unter Zwängen leiden, müssen Ihre Berufswahl eventuell einschränken. Auch kann eine Tätigkeit, in der Publikumsverkehr herrscht, Menschen mit vokalen Tics in Schwierigkeiten bringen. Hier ist vielleicht ein anderer Beruf sinnvoll.

Kann man der Ticstörung vorbeugen?

Das Tourette-Syndrom ist vermutlich auf erbliche Faktoren zurückzuführen. Vorbeugung ist deshalb nicht möglich.

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Autor:
Letzte Aktualisierung:02. November 2017
Durch:
Quellen: Tourette Gesellschaft Deutschland e.V.; Gilles De La Tourette Syndrom Homepage Deutschland; Interessen Verband Tic & Tourette Syndrom e.V.; S1-Leitlinie „Tics“, https://www.dgn.org/leitlinien/2390-ll-12-tics; Neurologen und Psychiater im Netz, https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org; American Psychiatric Association: Diagnostic Criteria from DSM-IVTM, Washington, DC; Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S,: Neurologie und Psychiatrie. Für Studium und Praxis. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach; Online-Informationen der Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V.: www.tourette-gesellschaft.de; Petermann, F.:Fallbuch der Klinischen Kinderpsychologie: Erklärungsansätze und Interventionsverfahren. Hogrefe, Göttingen WHO: Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, Kapitel V (F), Diagnostische Leitlinien, 2.Auflage, Huber, Bern

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