Münchhausen Syndrom: wenn Krankheiten vorgetäuscht werden

Das Münchhausen Syndrom ist eine psychische Erkrankung, bei der körperliche und psychische Symptome und Behinderungen vorgetäuscht oder erzeugt werden. Betroffene verletzen sich selbst oder andere, erfinden Krankheitsgeschichten und provozieren so diagnostische und therapeutische Maßnahmen.

Frau beim Blut abnehmen
Auffällig häufige Arztbesuche und Untersuchungen sind ein typisches Symptom des Münchhausen Syndroms.
© iStock.com/vitapix

Das Münchhausen Syndrom gehört zu den vorgetäuschten Störungen (auch: artifizielle Störungen) und ist als solche durch wiederholte und grundlose manipulative Eingriffe mit dem Ziel der Symptomerzeugung gekennzeichnet. Namensgeber ist der als "Lügenbaron" bekannt gewordene Freiherr von Münchhausen. Die Betroffenen sind überwiegend weiblich, allein oder getrennt lebend und leiden oft unter einer Persönlichkeits- oder psychischen Störung. Häufig üben sie einen medizinischen Assistenzberuf aus.

Eine Sonderform ist das Münchhausen Stellvertreter Syndrom (auch: Münchhausen-by-proxy-Syndrom) bei dem Betroffene statt sich selbst einer anderen Person Schaden zufügt. Meist handelt es sich um Mütter, Großmütter oder weibliche Babysitter, ihre Opfer sind in der Regel Säuglinge und Kleinkinder.

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Ursachen: Wie kommt es zum Münchhausen Syndrom?

Die Ursachen von Münchhausen Syndrom und Münchhausen Stellvertreter Syndrom sind nicht eindeutig geklärt. In Fachkreisen existieren folgende Erklärungsansätze:

  • Die Betroffenen haben ein sehr niedriges Selbstwertgefühl und streben mithilfe ihres Verhaltens nach Einzigartigkeitsgefühlen, Aufmerksamkeit und Fürsorge. Im Falle des Münchhausen Stellvertreter Syndroms erfolgt dies durch Ein­nahme der ver­meint­lich ver­sorgen­den und al­les or­gani­sie­ren­den Rolle.

  • Menschen mit Münchhausen Syndrom haben in ihrer Kindheit oft Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung erfahren. Psychodynamische Ansätze vermuten eine Reinszenierung traumatischer Erfahrungen hinter der Erkrankung.

  • Aufgrund der Gewalterfahrungen oder medizinischer Behandlungen in der Vergangenheit ist das Verhältnis der Betroffenen zum eigenen Körper gestört. Er dient ihnen lediglich als Mittel, um ihre Ziele zu erreichen, auch wenn diese meist unbewusst sind.

  • Da sie selbst keine Empathie erfahren haben und Schmerzen ertragen mussten, reagieren die Betroffenen auffällig empathie- und mitleidslos auf den Leidensausdruck anderer Menschen, selbst auf den ihrer Kinder.

  • Familiendynamisch orientierte Ansätze vermuten, dass im Falle des Münchhausen Stellvertreter Syndroms die Fokussierung auf ein vermeintlich krankes Kind der Regulierung und Stabilisierung konfliktreicher Paarbeziehungen dient.

  • Auffällig ist, dass das Münchhausen Syndrom häufig mit anderen psychischen Erkrankungen – wie Ess-, Borderline-, narzisstischen, dissozialen und histrionischen Persönlichkeitsstörungen – zusammen auftritt. In diesem Zusammenhang dient das beobachtete Verhalten möglicherweise der Regulierung von Affekten und Spannungen.

Symptome: Wie äußert sich das Münchhausen Syndrom?

Auffälligstes Symptom des Münchhausen Syndroms sind häufige Arzt- oder Krankenhausbesuche ("Behandlungswandern"). Betroffene fordern eine medizinische Versorgung regelrecht ein, dazu nutzen sie dramatische und fantasievoll ausgeschmückte Krankheitsgeschichten. Sie täuschen Schmerzen vor oder fügen sich (oder anderen) tatsächlich schmerzhafte Verletzungen zu – die körperlichen Folgen sind ihnen dabei egal. Zur Erzeugung körperlicher Symptome werden unter anderem folgende Methoden angewendet:

  • Einsatz von Säuren und Laugen oder Spritzen von allergieauslösenden Substanzen zwecks Vortäuschung einer Hauterkrankung

  • Manipulation des Thermometers oder Einspritzen von Kotsuspensionen in Infusionen zur Vortäuschung einer Infektionskrankheit

  • Selbstabnahme von Blut zur Erzeugung von Blutarmut, Einnahme von gerinnungshemmenden Mitteln

  • Einnahme von Schilddrüsenhormonen zur Auslösung einer Überfunktion, übermäßiger Einsatz von Abführmitteln, Auslösung von Unterzuckerung durch Injektion von Insulin

  • Einnahme von Betablockern oder Sympathomimetika zwecks Vortäuschung einer Herzerkrankung

  • Verwendung von Tierblut zur Vortäuschung von Blutungen

  • Einnahme von Medikamenten zur Auslösung von Lähmungen oder epileptischen Anfällen

  • Schilderung von Vergewaltigungen oder anderen Traumata zwecks Vortäuschung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

Wenn es zu einer (nicht notwendigen) Operation kommt, wird danach alles getan, um die Heilung zu stören. Typisch ist eine massive Verstärkung der Symptome bei weit­gehend un­auffäl­ligen diagnostischen Be­fun­den vor einer ge­planten Entlassung. Wird die Manipulation aufgedeckt, wechseln Betroffene den Arzt oder entlassen sich selbst aus dem Krankenhaus. Oftmals verfügen sie über komplexes medizinisches Detailwissen, zeigen sich jedoch gleichgültig gegenüber Krankheitsverlauf und Prognose.

Diagnose: So erkennt der Arzt das Münchhausen Syndrom

Oftmals täuschen Betroffene ihre Krankheiten derart überzeugend vor, dass es auch Ärzten schwer fällt, das Münchhausen Syndrom zu erkennen. Nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10 müssen folgende Kriterien für die Diagnose eines Münchhausen Syndroms erfüllt sein:

  • anhaltendes Vortäuschen oder Erzeugen körperlicher oder psychischer Krankheitssymptome

  • starkes Streben nach Übernahme der Krankenrolle

  • fehlende äußere Motive

Der Verdacht erhärtet sich, wenn eine sehr lange und außergewöhnliche  Krankengeschichte vorliegt, keine bekannte Krankheit die Laborbefunde erklären kann oder der Betroffene gar bei einer Manipulation ertappt wird.

Diagnose des Münchhausen Stellvertreter Syndroms

Auch das Münchhausen Stellvertreter Syndrom lässt sich nur über Indizien nachweisen. Bei Vorliegen folgender Indikatoren sollte dringend eine Abklärung erfolgen:

  • Bericht über körperliche Ereignisse beim Kind, die nur in Anwesenheit der Mutter auftreten

  • ständig wiederkehrende Symptomschilderung der Mutter über ihr Kind trotz bereits erfolgter ärztlicher Abklärung

  • Manipulation von Krankenakten, Laborproben oder schriftlichen Anordnungen

  • Gabe von nicht verschriebenen Medikamenten

  • häufige Blutungen, Durchfälle, Atemstillstände, Bewusstseinsstörungen und andere untypische Symptome beim Kind

Typisch für Menschen, die am Münchhausen Stellvertreter Syndrom leiden, sind ihr soziales Verhalten und die hohe Fürsorge. Sie stimmen auch schmerzhaften Untersuchungen ihres Kind zu, lassen es niemals allein und möchten bei jeder Behandlung dabei sein.

Die  Behandlung des Münchhausen Syndroms

Im ersten Schritt müssen eventuell vorhandene Verletzungen und künstlich erzeugte Symptome behandelt werden. Im Fall des Münchhausen Stellvertreter Syndroms erfolgt zum Schutz des Kindes unter Umständen eine Trennung von Mutter und Kind.

Zur Behandlung des Syndroms selbst ist in jedem Fall eine Psychotherapie erforderlich. Dies gestaltet sich oft sehr schwierig, weil die Betroffenen eine entsprechende Behandlung meist strikt ablehnen und bei einer direkten Konfrontation mit ihrem täuschenden und selbst- oder fremdverletzenden Verhalten jegliche weitere Therapieangebote ablehnen und den Behandler wechseln. Deshalb ist der Aufbau einer stabilen und vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung unerlässlich: Die Betroffenen lernen, dass sie ernstgenommen werden und keine dramatischen Symptome erzeugen müssen, um in regelmäßigem Kontakt mit Ärzten zu sein. Die Anwendung unterstützender, gesichtswahrender Techniken kann helfen, eine angemessene Behandlung zu akzeptieren.

Stimmt der Betroffene einer Behandlung zu, wird diese oft in Form einer Intervalltherapie durchgeführt: Zwischen mehreren stationären Aufenthalten erfolgt eine ambulante Betreuung. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Behandlern erforderlich, um ineffizientes Vorgehen und Frustration auf Seiten der Ärzte, Psychotherapeuten und Pfleger zu verhindern. Auch die Einbeziehung Angehöriger wird empfohlen.

Krankheitsverlauf und Prognose

Da es sich beim Münchhausen Syndrom um eine schwere psychische Erkrankung handelt und die Betroffenen meist unter weiteren psychischen Störungen leiden, ist eine völlige Heilung nur selten möglich. Die Krankheit hat fast immer einen chronischen Verlauf und erfordert eine langfristige therapeutische Begleitung.

Wenn der Betroffene sich auf eine Psychotherapie einlässt, können zumindest die sich selbst oder anderen zugefügten Verletzungen und Symptome gestoppt werden. Ohne Therapie ist die Gefahr hoch, dass diese Verletzungen zu dauerhaften gesundheitlichen Schäden führen.

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