Zahnmedizin-Mythos

Fluorid: Zahnretter oder unsichtbares Gift?

Fluorid in Zahnpasta und Leitungswasser schützt vor Karies. Dennoch wird das Spurenelement kontrovers diskutiert, manche fürchten eine Fluoridvergiftung. Lifeline erklärt, was es mit den Vorbehalten auf sich hat.

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Für Fluorid gilt wie für so vieles: Die Dosis macht das Gift.
Getty Images/Hemera

Wer sich im Internet über Fluorid informieren will, bekommt von Google als Autocomplete-Vorschläge "Gift", "giftig" und "Zahnpasta gefährlich" ausgespuckt. Das grenzt an Rufmord: Tatsächlich ist eine Vergiftung mit Fluorid zwar möglich. Dafür sind aber Mengen des Spurenelements nötig, die nicht einmal erreicht, wer eine Tube fluoridhaltiger Zahnpasta aufisst.

Fluorid steckt in Zahnpflege, Wasser, Gemüse und Tee

Neben angereicherten Zahncremes, -gels, Kochsalz und Fluoridtabletten kommen die Salze natürlicherweise im Süß- und Meerwasser vor. Außerdem in sehr geringer Menge in Gemüse wie Spinat, Salat, Roter Beete und Bohnen. Höhere Fluoridkonzentrationen stecken in Schwarzteeblättern. Auch diese Mengen sind ungefährlich - selbst wenn jemand täglich ein paar Kannen Tee trinkt.

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Gleichzeitig kann Fluorid Karies verhindern, das haben etliche Studien zur Karies-Prophylaxe gezeigt. Das Spurenelement schützt den Zahnschmelz und tiefer liegende Zahnschichten vor Säureangriffen durch Kariesbakterien. Außerdem hilft Fluorid bei der Remineralisierung der Zahnoberfläche. Eine Rolle in der Zahnmedizin spielen vor allem Natrium-, Kalium- und Zinnfluorid sowie verschiedene Aminfluoride.

US-Amerikaner trinken seit Jahrzehnten fluoridiertes Wasser

Auf Basis der umfangreichen Forschungen zu Risiken und Nutzen von Fluorid wurde in den USA 1950 die flächendeckende Fluoridierung des Trinkwassers eingeführt. Mittlerweile haben schätzungsweise knapp sechs Prozent der Menschheit Zugang zu Leitungswasser, dem Fluor zugesetzt wurde. So setzen neben den Vereinigten Staaten genauso Australien und Irland sowie mehrere südamerikanische Länder auf die Fluoridierung.

Die Gesundheitsautoritäten des britischen National Health Service (NHS) denken ebenfalls über die Wasserfluoridierung im ganzen Land nach. Bislang kommt nur in wenigen Städten Wasser mit Fluoridzusatz aus der Leitung. Genau diese Gebiete ließ der NHS in einer Studie auf Unterschiede in der Karieshäufigkeit scannen.

Weniger Karies und gerissene Zähne durch Fluorid im Wasser

Die Ergebnisse stützen frühere Untersuchungen: Nach Angaben des NHS nahm die Zahl der Kariesfälle bei Kindern und Jugendlichen durch die Fluoridzugabe um zehn bis 15 Prozent ab. Die Zahl der Kinder, die zum Ziehen kaputter Zähne ins Krankenhaus mussten, sank durch fluoridiertes Wasser sogar um fast 50 Prozent.

Für Deutschland gibt es ähnliche Erfolge zu vermelden. So verringerte sich der Durchschnitt kariöser Kinderzähne pro Gebiss durch den prophylaktischen Einsatz des Fluorids von vier auf nicht einmal einen Zahn. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, schon Babys unter einem Jahr Tabletten mit 0,25 Milligramm Fluorid zu geben, um die Milchzähnchen zu schützen. Ähnlich sieht den Fall die Stiftung Warentest, die jede Creme ohne Fluorid im Test zur Kariesprophylaxe im Jahr 2013 durchfallen ließ.

Internet-Theorien: Fluorid senkt den IQ und begünstigt Krebs

Wieso bleibt Fluorid dann so umstritten, dass im Internet regelrechte Verschwörungstheorien die Runde machen – etwa, dass Fluorid Krebs verursache oder dumm mache? Womöglich verwechseln manche Fluorid mit dem giftigen Gas Fluor. Vielleicht ängstigt sie die Tatsache, dass man dem Wasser zugesetztes Fluorid weder sehen noch schmecken kann. Oder es im Fall einer Trinkwasser-Fluoridierung unvermeidlich aufgenommen wird.

Zum Verruf des Fluorids könnte auch beigetragen haben, dass es gerade bei Kleinkindern durch Überdosierung zur sogenannten Fluorose kommen kann. Sie zeigt sich durch weiße Flecken oder Streifen auf den Zähnen, die selbst nach Verringerung der Fluoriddosis nicht wieder verschwinden. Das passiert vor allem dann, wenn ein Kind neben fluoridierter Zahnpasta noch Fluoridtabletten und angereichtertes Speisesalz oder Trinkwasser zu sich nimmt.

Erst durch extreme Überdosierung wird Fluorid zum Gift

Abgesehen von kosmetischen Folgen ist eine Fluorose jedoch harmlos, vor allem bei Milchzähnen – anders verhält es sich bei einer Fluoridvergiftung, mit der 2013 eine Britin im Krankenhaus landete: Wie ihre Ärzte im Fallbeispiel des "New England Journal of Medicine" berichten, kochte sich die Frau über Jahre hinweg tagein, tagaus mehrere Kannen Schwarztee – in die sie jeweils gut hundert Teebeutel hängte. Die extreme Überdosierung des enthaltenen Fluorids bestrafte ihr Körper mit brüchigen Knochen und Zähnen.

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Autor:
Letzte Aktualisierung:19. Januar 2015
Quellen: Informationen der Bayerischen Landeszahnärzte-Kammer, "New England Journal of Medicine", Kinderärzte im Netz, NHS und dpa

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