Aufmerksamkeitsstörung nimmt zu

ADHS: Wieder mehr "Zappelphilipps"

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ADHS wird in Deutschland immer häufiger diagnostiziert – bei Jungen dreimal so oft wie bei Mädchen. Die Zahl der Ritalin-Verschreibungen ist aber leicht rückläufig.
© iStock.com/GlobalStock

Die Zahl deutscher Kinder und Jugendlicher mit ADHS nimmt zu. Das zeigen Daten des Versorgungsatlas. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede – sowohl bei der Zahl der Diagnosen als auch bei der Ruhigstellung von Kindern mit Medikamenten.

Mehr als eine halbe Million Kinder und Heranwachsende in Deutschland haben die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS. Das geht aus Daten hervor, die Wissenschaftler im Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung vorgelegt haben. Erstmals hatten die Forscher für die Studie Angaben von gesetzlich Krankenversicherten in der ganzen Bundesrepublik ausgewertet.

Im Zeitraum von 2008 bis 2011 kletterte der Anteil von Kindern und Jugendlichen zwischen fünf und 14 Jahren mit einer ADHS-Diagnose von 3,7 auf 4,4 Prozent. Zur Verdeutlichung: Im Jahr 2008 waren mehr als 465.000 Kinder und Jugendliche betroffen. Bis zum Jahr 2011 knackte die Anzahl der Kinder mit ADHS die Halbe-Million-Marke (519.000).

Nur doppelt gestellte ADHS-Diagnosen flossen ein

Bei Jungen wurde die Störung insgesamt gut dreimal so häufig festgestellt wie bei Mädchen. Die Forscher berücksichtigten dabei nur in mindestens zwei Quartalen gestellte und damit abgesicherte ADHS-Diagnosen, weshalb die Zahlen niedriger liegen als in anderen Untersuchungen zum Thema.

Auf dem Land stellen Ärzte häufiger ADHS fest

Stutzig machen allerdings große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern: So wird ADHS in Bayern, Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Thüringen und Sachsen häufiger diagnostiziert als im Bundesdurchschnitt. Unterdurchschnittliche Raten fanden die Forscher dagegen in Hamburg, Bremen, Hessen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

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Auffallend dabei war, dass in ländlicheren Gebieten häufiger ADHS diagnostiziert wurde als in Großstädten. Erklären können sich die Wissenschaftler diese Unterschiede nicht so recht – sie haben aber eine Vermutung: "Möglicherweise fallen hyperaktive Kinder in ländlichen Gegenden eher auf", meint etwa Mitautorin Dr. Mandy Schulz. Aber auch die geringere Facharztdichte auf dem Land könnte eine Rolle spielen, etwa durch vermehrte Fehldiagnosen.

Armut ist ein Risikofaktor für ADHS

Daneben spielt der gesellschaftliche Status einer Familie eine Rolle: "Wir wissen aus anderen Studien, dass ADHS bei Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialstatus doppelt so häufig diagnostiziert wird wie bei Kindern aus Familien mit hohem Sozialstatus", sagt Expertin Schulz.

Analysiert hat ihr Team neben den Diagnose-Quoten auch den Umgang von Ärzten mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, etwa mit dem bekannten Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin) und dem seltener verordneten Atomoxetin. Hier : Stieg die Zahl der Verordnungen zwischen 2008 und 2010 kontinuierlich an, scheint sich diese Entwicklung nun umgekehrt zu haben. So bekamen im Jahr 2008 76 von 100 jungen ADHS-Patienten mindestens eine Verordnung des Medikamentes, im Jahr 2011 war diese Zahl auf 72 gesunken.

Striktere Vorgaben für die Verordnung von Ritalin

Die Trendwende könnte an strengeren Vorgaben für die Verordnung liegen, genauer gesagt an Änderungen der Arzneimittelrichtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Seither dürfen nur noch kinderärztliche, psychiatrische und neurologische Fachärzte Rezepte für Ritalin und andere ADHS-Medikamente ausstellen.

Allerdings gibt es auch beim Medikamentengebrauch erhebliche regionale Unterschiede: In den neuen Bundesländern wird ADHS-Patienten am seltensten ein Arzneimittel aufgeschrieben. Am höchsten sind die Verordnungsraten in Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Hamburg. Für ein differenzierteres Ergebnis bezogen die Forscher auch die Dosierungen der Mittel ein. In Rheinland-Pfalz etwa werden zwar vergleichsweise viele ADHS-Patienten mit Medikamenten behandelt, allerdings verordnen die Ärzte in diesem Bundesland niedrigere Dosierungen der Wirkstoffe.

Medikamentöse ADHS-Therapie verliert an Bedeutung

Insgesamt aber zeige die "leicht ansteigende Häufigkeit von ADHS-Diagnosen in Kombination mit der leicht zurückgehenden Verordnung von Methylphenidat eine Zurückhaltung der Ärzte bei der medikamentösen Therapie", sagt Jörg Bätzing-Feigenbaum, der Leiter des Versorgungsatlas.

Die steigende Zahl der Diagnosen könnte in diesem Zusammenhang auch auf viele Fehldiagnosen hinweisen, schlussfolgern die Autoren der Untersuchung. Dazu, die regionalen Unterschiede in der ADHS-Verteilung und die Abnahme der Diagnosen schlüssig zu erklären, sei das Studiendesign aber nicht geeignet. Hierzu müssten andere wissenschaftliche Methoden eingesetzt werden.

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