Leistungssteigernde Substanzen fürs Gehirn

Gehirndoping und Neuro-Enhancement

Die Denkleistung steigern ohne Gefahren für Körper und Psyche

Wer in Schule, Studium oder Beruf an seine Leistungsgrenzen stößt, sucht nach Wegen, seinem Gehirn auf die Sprünge zu helfen. Neuro-Enhancement beschreibt legale und gesunde Möglichkeiten, den grauen Zellen auf die Sprünge zu helfen. Eigenmächtiges Gehirndoping birgt dagegen Risiken.

Frau denkt über Gehirndoping nach.jpg
Gehirndoping als Ausweg? Die Suche nach den Gründen einer Lernschwäche ist wichtiger als medikamentöses Neuro-Enhancement.
© iStock.com/South_agency

Ausschlafen, dann ein gutes Frühstück - das sind beste Voraussetzungen für einen guten Tag. Um den Stress und die Anforderungen in der Berufswelt zu bewältigen, reicht das aber lange nicht aus. Immer mehr Leistung wird jedem Einzelnen abverlangt, so dass wir an unsere Leistungsgrenzen stoßen. Verschiedene Medikamente versprechen schnelle Hilfe gegen Konzentrationsstörungen, Müdigkeit oder Leistungsschwächen. Einige davon sind frei verkäuflich, andere gibt es nur vom Arzt. Der behandelt damit Krankheiten wie die Altersdemenz oder die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Auch bei gesunden Menschen können diese Medikamente theoretisch die Denkleistung steigern.

Diagnostiziert ein Arzt eine Konzentrationsschwäche und verschreibt ein passendes Medikament, wird dies als Neuro-Enhancement bezeichnet. Besorgt sich ein gesunder Mensch die Wirkstoffe unter einem Vorwand, nur um für kurze Zeit eine persönliche Leistungsgrenze zu überwinden, dann handelt es sich um Gehirndoping, also Medikamentenmissbrauch.

Koffein: Legales Gehirndoping im Alltag

Müde und unkonzentriert? Da hilft eine Tasse Kaffee. Darin ist Koffein enthalten, das nicht verschreibungspflichtig ist und somit dem Neuro-Enhancement und nicht dem Gehirndoping zugeschrieben wird. Koffein beeinflusst unser Gehirn dreifach:

  • Das Abbauenzym Nukleotidphosphodiesterase wird gehemmt, wodurch vermehrt der Botenstoff cAMP entsteht. Das verlängert und verstärkt die Wirkung von Adrenalin.
  • Die Rezeptoren für Adenosin im Gehirn werden blockiert, die sonst das Gefühl von Müdigkeit auslösen würden.
  • Zwischen den Körperzellen geparktes Kalzium wird mobilisiert - ein zusätzlicher Wachmacher.

Die Wirkung von Energy Drinks basiert auf demselben Prinzip. Hier wird die Wirkung von Koffein durch das Rinderhormon Taurin verstärkt, wodurch der Zuckerstoffwechsel zusätzlich erhöht wird.

Ginkgo biloba gegen das Vergessen

Ginkgo biloba ist ein freiverkäufliches Produkt mit Extrakten aus dem asiatischen Ginkgobaum. Es enthält die in Rotwein enthaltenen Flavonoide und Terpenoide, deren antioxidative Wirkung die Körperzellen vor Stressreaktionen bei Stoffwechselprozessen schützt und dem programmierten Zelltod (Apoptose) entgegenwirkt. Dies wirkt sich schützend auf die empfindlichen Nervenzellen (Neurone) aus.

Neuro-Enhancer, die nur der Arzt verschreiben darf

Beta-Blocker steigern die Konzentration

Wirkung: Beta-Blocker werden eigentlich zur Blutdrucksenkung verschrieben. Wie ihr Name schon verrät, blockieren sie Rezeptoren, und zwar die an den Gefäßwänden (Beta-Adreno-Rezeptor). Nicht vom Adrenalin angetrieben bleibt der Einnehmende entspannter und kann sich besser konzentrieren.

Nachteil: Herzgesunde Menschen profitieren nicht nur von der gewünschten Wirkung der Beta-Blocker, sondern zeigen auch deutlich öfter die für das Herzmedikament typischen Nebenwirkungen wie Schweißausbrüche, depressive Verstimmungen. Bei Männern kann es zu Erektionsstörungen kommen.


Antidementiva gegen Vergesslichkeit

Wirkung: Bei den Antidementiva, den Medikamenten gegen Vergesslichkeit, sind zwei Untergruppen zu unterscheiden:

  • Acetylcholin-Esterase-Inhibitoren verhindern den Abbau des Neurotransmitters Acetylcholin im synaptischen Spalt der Nervenzelle. Dadurch kann sich mehr von diesem Botenstoff an der Nervenzelle sammeln und die Aktivität des Neurons steigern. Dies führt zu einer besseren Gedächtnisleistung.

  • NDMA-Antagonisten verändern durch ihre Anwesenheit im synaptischen Spalt die räumliche Struktur der Rezeptoren, wodurch die aktivierenden Botenstoffe länger gebunden werden und zu einer verlängerten Aktivität der Nervenzellen führen.

Nachteil: Oftmals zeigen die Antidementiva keinerlei Wirkung und belasten lediglich Leber und Nieren beim Abbau. Wird die Dosis dann zusätzlich erhöht, wird der Körper überreizt und es kommt zu nervösen Erregungszuständen und zum Zittern der Hände.

Antidepressiva für bessere Laune?

Verschreibungspflichtige Stimmungsaufheller sind keine pflanzlichen Wirkstoffe wie etwa das frei verkäufliche Johanniskraut. Bei Antidepressiva auf Rezept handelt es sich vor allem um selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Sie sorgen dafür, dass das Glückshormon Serotonin nicht so leicht vom Körper abgebaut werden kann und ein Hochgefühl länger bestehen bleibt.

Nachteil: Was bei Patienten mit Seretoninmangel erklärbaren Depressionen funktioniert, scheint bei gesunden Menschen nicht zu wirken. Der Körper kann das Mehrangebot an Serotonin nicht nutzen und die durch psychische Faktoren gedrückte Stimmung lässt sich nicht hormonell aufheitern.

Psychostimulanzien sollen neue Horizonte öffnen

ADHS - Ritalin - Fotolia_48107569_S.jpg
Was hilft Erwachsenen bei Konzentrationsstörungen? Der Ausweg Gehirndoping ist voller Risiken.
© L.Klauser/Fotolia
Methylphenidat

(MPH) und

Amphetamine

sind die stärksten Wirkstoffe, um die Lernfähigkeit zu steigern. Sie blockieren den Transport der Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin im Nervenspalt (Synapse).  Der Körper wird getäuscht, er erwartet die Neurotransmitter aus dem Nervenspalt, die aber nicht wieder in die Nervenzelle gelangen können. So kommt der Organismus zu dem Schluss, dass dort wohl gar keine oder zu wenige Moleküle von Dopamin oder Noradrenalin vorhanden sein müssen und beginnt, diese beiden Botenstoffe in großer Menge auszuschütten. Amphetamine fördern diesen Effekt für Dopamin zusätzlich. Dadurch liegen Noradrenalin und besonders Dopamin dann in großen Mengen im Nervenspalt vor und sorgen für extrem hohe Aktivität, die die Nervenleitung und somit Denkprozesse beschleunigen.

Während Amphetamine überwiegend in illegalen Substanzen verarbeitet werden, etwa der Droge Speed, ist Methylphenidat der Wirkstoff der bekanntesten Lerndroge Ritalin.

Modafinil - der Wachmacher

Modafinil ist ein Wachmacher. Er wird zur Behandlung der spontanen Schlafkrankheit eingesetzt, der Narkolepsie. Früher wurde Modafinil Schichtarbeitern mit chronischem Schichtarbeitersyndrom verordnet, die aufgrund des häufigen Wechsels ihrer Arbeitszeiten in den Wachphasen müde und unkonzentriert waren. Für diese Patientengruppe wird Modafinil heute ebenso als ungeeignet bewertet wie zur Behandlung von Atempausen während des Schlafs (Schlafapnoe). Heftige Nebenwirkungen wie schwerer Hautausschlag oder sogar neuropsychiatrische Störungen, beginnend bei Aggressivität bis hin zu Bewusstseinsstörungen, führten zu einem Verordnungsverbot von Modafinil.

Hilft Gehirndoping wirklich?

Mit dieser Frage haben sich Mediziner an der Berliner Charité beschäftigt. Eine Forschergruppe um den Psychiater Dimitri Repantis konzentrierte sich dabei auf Substanzen aus der Gruppe der Antidepressiva, auf den Wachmacher Modafinil und das als Ritalin bekannte Methylphenidat. Bei keinem der drei Wirkstoffe konnte eine stimmungs- oder leistungssteigernde Wirkung an den Probanden festgestellt werden.

Demnach tritt die Wirkung der Medikamente nur dann ein, wenn eine Krankheit im Sinne der Medikamentenzulassung behandelt wird. Bei gesunden Menschen kann der Effekt offenbar nicht erzeugt und somit keine Überoptimierung der Prozesse im Körper hervorgerufen werden. Einzig Modafinil wirkte bei gesunden Menschen und ließ sie länger wach sein.

Ist Gehirndoping Betrug?

Ob effektiv oder nicht: Die moralische Diskussion um einen durch Medikamente hervorgerufenen Lernvorteil orientiert sich nicht daran, ob Gehirndoping wirkt oder nicht, sondern ob der Versuch allein schon als Betrug zu bewerten ist. Eine Antwort auf diese Frage sollte jeder für sich selbst finden.

Fakt ist aber, dass die Medikamente den gesunden Körper belasten und es keinerlei Langzeiterfahrungen über die Einnahme von Ritalin oder Modafinil bei gesunden Menschen gibt. Wer sich dennoch für Gehirndoping entscheidet, setzt seine Gesundheit aufs Spiel und muss sich dessen bewusst sein. Sobald verschreibungspflichtige Medikamente missbräuchlich angewendet werden, handelt es sich juristisch gesehen per Definition um Betrug, denn der Verordnungsgrund wird herbeigelogen. Ein Erwerb von Medikamenten aus dem Ausland per Internet verstößt gegen die Auflagen zum Handel mit Medizinprodukten und steht unter Strafe.

Gesunde Alternativen zum Hirndoping

Gegen die Tasse Kaffee am Morgen gibt es nichts einzuwenden, sofern Blutdruck und Magen mitspielen. Ein frei verkäuflicher Stimmungsaufheller, etwa Johanniskraut oder Ginkgo-biloba-Präparate, können ebenfalls helfen. Allerdings ist eine Abklärung beim Arzt zur Suche nach den Ursachen einer Lernblockade deutlich sinnvoller.

Nach einer Erkrankung wie einer Erkältung sind die Energiereserven des Körpers erschöpft: Ein Vitamin B- oder Eisenmangel äußert sich in Müdigkeit und Konzentrationsstörungen. Ein Blutbild gibt darüber Aufschluss und die Behandlung eines Mangels ist weit einfacher und gesünder, als den Körper mit Substanzen für ein Gehirndopings zu belasten.

Experten-Foren

Mit Medizinern und anderen Experten online diskutieren.

Forum wählen
Newsletter-Leser wissen mehr über Gesundheit

Aktuelle Themen rund um Ihre Gesundheit kostenlos per Mail.

Abonnieren

Zum Seitenanfang

afgis-Qualitätslogo mit Ablauf 2012/Monat: Mit einem Klick auf das Logo öffnet sich ein neues Bildschirmfenster mit Informationen über Gong Verlag GmbH und sein/ihr Internet-Angebot: www.lifeline.de

Unser Angebot erfüllt die afgis-Transparenzkriterien.
Das afgis-Logo steht für hochwertige Gesundheitsinformationen im Internet.