Stottern: Wenn Worte stecken bleiben

Menschen, die stottern, leiden meist doppelt: Zum einen wegen ihrer Sprachbehinderung und zum anderem wegen dem Spott und den Hänseleien, denen sie wegen ihrer Krankheit oft ausgesetzt sind. Wie es zum Stottern kommt und welche Therapien helfen, um wieder flüssiger sprechen zu können.

Gespräche gehören zum Alltag
Stottern erschwert eine deutliche Aussprache im privaten und beruflichen Leben.
© iStock.com/Jacob Wackerhausen

Rund ein Prozent aller Erwachsenen ist von der Sprachstörung Stottern betroffen. In Deutschland sind das etwa 800.000 Menschen. Männer stottern deutlich häufiger als Frauen, und Kinder mindestens fünfmal so oft. Heute gilt Stottern als klar definiertes Krankheitsbild und ist inzwischen sehr gut erforscht. Denn Stottern tritt weltweit, unabhängig vom jeweiligen Kulturkreis und der Sprache, in vergleichbarer Weise auf.

Artikelinhalte im Überblick:

Konzentration bei Schulkindern fördern

Stottern bei Kindern besonders häufig

Stottern beginnt meist ohne einen von außen klar erkennbaren Grund in der frühen Kindheit. Typischerweise tritt die Sprachstörung das erste Mal im Alter von etwa drei Jahren auf. Das ist ungefähr der Zeitpunkt, an dem Kinder anfangen in ganzen Sätzen zu sprechen. Man weiß, dass etwa fünf Prozent aller Kinder bis fünf Jahre von einer echten Stotterproblematik betroffen sind. Bei etwa 75 Prozent der Betroffenen verschwindet die Sprachbehinderung aber bis zur Pubertät ganz von alleine wieder. Bei den restlichen 25 Prozent bleibt sie dagegen dauerhaft bestehen.

Ursache Stottern: Wie entsteht die Sprechstörung?

Wie es zum Stottern kommt, ist bis heute noch nicht vollständig geklärt. Sprechen ist ein sehr komplexer Vorgang. Deshalb gilt als wahrscheinlich, dass mehrere Faktoren zusammenkommen müssen, damit Stottern entsteht und dauerhaft erhalten bleibt. Sicher weiß man inzwischen, dass die Genetik mit 70 bis 80 Prozent eine entscheidende Rolle spielt. Stottern wird allerdings nicht direkt vererbt, sondern nur die Veranlagung dazu. Dass die Vererbung eine Rolle spielt, erklärt auch warum Männer vom Stottern, deutlich häufiger betroffen sind, als Frauen. Ihnen fehlt schlichtweg das zweite X-Chromosom, mit dem Frauen diese Genveränderung ausgleichen können.

Wissenschaftlich belegt ist auch, dass Stottern kein psychisches Problem ist, sondern eine motorische Sprechbehinderung bei der die Sprachverarbeitung im Gehirn zeitweise gestört ist. Anders, als allgemein angenommen, wird Stottern also nicht durch äußere Einflüsse, wie Angst, Traumen oder seelischen Druck verursacht. Eltern von betroffenen Kindern sowie Betroffene selbst müssen sich also keine Vorwürfe machen. Angst, Stress und Druck von außen können bei Stotternden jedoch die Stotterepisoden auslösen, das Stottern verschlimmern und die Sprechstörung verfestigen.

Jeder Stotternde stottert anders

Die Art des Stotterns und die Situationen, in denen das Stottern auftritt, sind bei jeder Person anders. Stottern ist damit ein sehr individuelles Phänomen. Trotzdem kann Stottern grundsätzlich in drei Formen unterschieden werden. Diese Variationen des Stotterns nennt man auch Kernsymptome oder primäre Symptome. Sie treten folgendermaßen auf:

  • Wiederholungen von Lauten, Silben oder einsilbigen Worten, wie zum Beispiel "i i i i ich" oder "bi b bi bi bitte" oder "undundundundund".

  • Lautdehnungen oder die Verlängerung von Lauten, wie etwa "Mmmmmutter" oder "aaaaaber".

  • Blockierungen und Wortunterbrechungen. Das sind stille oder gefüllte Pausen in einem Satz oder einem Wort, bei denen der Stotternde beim Sprechen komplett hängenbleibt. Beispiele hierfür sind "weg---gehen" oder "Einfamilien---haus" oder "ich will nach-------Italien".

Begleitsymptome meist auffälliger, als das Stottern selbst

Stotternde wissen sehr genau, was sie sagen wollen. Umso frustrierender und belastender ist es deshalb, wenn sie es nicht oder nur mit erheblicher Mühe schaffen, das Gewünschte auch ausdrücken zu können. Um den Redefluss intuitiv zu unterstützen, beziehungsweise die Stotterepisoden zu beenden oder zu überwinden, entwickeln viele Betroffene, oft schon in der Kindheit, sogenannte Begleitsymptome – auch sekundäre Symptome genannt. Dazu gehören Handlungen, wie die Mitbewegung von Kopf oder Armen, auf den Mund schlagen, Fußstampfen, Stirnrunzeln, Zukneifen der Augen, lauter werden oder auch das Vorstülpen der Lippen.

Zu den Begleitsymptomen des Stotterns gehören außerdem verschiedene Verhaltenweisen mit denen Betroffene versuchen, einem drohenden Stotterereignis vorzubeugen. Beispiele hierfür sind Flüstern, Auslassen oder Ersetzen gefürchteter Wörter, Sing-sang-Sprache, Einschieben von Füllwörtern, wie "ähm" oder "äh", Abbruch der Aussage, bis hin zum Rückzug und der kompletten Vermeidung von Sprechsituationen.

Spott und Hänseleien nagen am Selbstbewusstsein

Stottern stellt für die meisten Betroffenen eine starke psychische Belastung dar. Zum einen, weil Stotternde selbst darunter leiden, dass sie nicht, wie andere, flüssig sprechen können. Zum anderen, weil sie wegen ihrer Sprechstörung häufig gehänselt und verspottet werden. Aber auch andere Reaktionen aus der Umwelt, wie Mitleid, Verlegenheit und gut gemeinte Hilfestellungen, können demütigend und kränkend wirken. Das kann so weit gehen, dass das Stottern irgendwann das ganze Leben des Betroffenen beherrscht, der Stotternde sich immer mehr zurückzieht und bestimmte Tätigkeiten, Hobbies oder Berufe meidet, in denen vermehrt gesprochen werden muss.

Strategien gegen Schulstress

Wie wird Stottern diagnostiziert?

Um möglichst schnell geeignete Therapiemaßnahmen einleiten zu können, ist es wichtig, die Sprachbehinderung so früh wie möglich zu diagnostizieren. Da Stottern überwiegend schon in der Kindheit auftritt, ist der erste Ansprechpartner für Eltern, die Stottern bei ihrem Kind vermuten, in der Regel der Kinderarzt. Stotternde Erwachsene wenden sich am besten an ihren Hausarzt.

In einem Anamnesegespräch wird der Arzt sich zuerst ein eigenes Bild von der Sprechsituation machen und anschließend wichtige Fragen zur Krankheitsgeschichte stellen. Bei Kindern werden hierzu die Eltern um Auskunft gebeten. Dabei wird unter anderem gefragt, wie häufig und in welchen Situationen das Stottern schwerpunktmäßig auftritt. Wichtig ist auch, ob das Kind unter dem Stottern leidet und, ob bereits typische Begleitsymptome, wie „auf den Mund schlagen“ oder „flüstern“ beobachtet werden.

Zusätzlich kann als Diagnoseinstrument auch ein Protokoll- oder spezieller Fragebogen eingesetzt werden. Außerdem muss das Stottern noch von anderen Erkrankungen mit teilweise ähnlichen Symptomen, wie Poltern, Tic-Störungen oder Redefluss-Störungen durch neurologische Erkrankungen einwandfrei abgegrenzt werden. Eine echte Stotterproblematik liegt vor, wenn mehr als drei Prozent der gesprochenen Silben stottertypisch unflüssig ausgesprochen werden. Aber auch, wenn das Stottern schon lange andauert, typische Begleitsymptome oder sogenanntes Flucht- und Vermeideverhalten auftreten, sollte das Stottern – unabhängig von der Stotterhäufigkeit – weiter abgeklärt werden. In der Regel wird hierfür ein Logopäde oder Sprachheilpädagoge hinzugezogen.

Stottern ist nicht heilbar

Da man die genaue Ursache des Stotterns bis heute nicht kennt, lässt sich Stottern leider nach wie vor nicht heilen. Aber es gibt eine Reihe an Therapiekonzepten mit denen sich Stottern heute sehr gut behandeln lässt.

Bei Kindern liegt die Spontanheilungsrate bei 75 Prozent

Bei Dreiviertel aller vom Stottern betroffenen Kinder verschwindet das Stottern bis zum Einsetzen der Pubertät von selbst wieder. Wenn ein stotterndes Kind also kein Problem mit seinem Handicap hat, sich nicht schämt und keine Begleit- oder Vermeidungssymptome zeigt, ist eine Therapie nicht zwingend erforderlich. Wenn das Kind aber unter der Situation leidet oder bereits Verhaltensauffälligkeiten zeigt, ist es sinnvoll eine Therapie zu beginnen. Für Kinder haben sich vor allem zwei Behandlungsansätze bewährt, die beide ähnlich gute Erfolge erzielen:

  • Das Lidcombe-Programm ist ein verhaltenstherapeutischer Ansatz, der Eltern darin schult, ihr Kind konsequent zu loben, wenn es flüssig spricht. Dieser Ansatz geht davon aus, dass Kinder intuitiv Techniken entwickeln und anwenden, die ihnen helfen, das Stottern zu überwinden. Diese Therapie setzt eine starke Elternbeteiligung voraus und erfordert tägliches Üben.

  • Die KIDS-Methode (Kinder dürfen stottern) gilt als Modifikationsmethode. Hier lernen die Kinder absichtlich zu stottern. Ziel dieses Ansatzes ist es das Ohnmachtsgefühl zu überwinden, Begleitsymptome abzubauen und ein lockeres, anstrengungsfreies Stottern zu etablieren.

Schwerpunkte beider Therapiekonzepte liegen darin, die normale Sprachentwicklung zu fördern, bestehende Begleitsymptome abzubauen und die natürliche Freude am Sprechen zu erhalten. Das Hauptziel ist eine möglichst frühe Spontanheilung zu erreichen, um Probleme durch das Stottern beim Schulstart zu vermeiden. Es wird deshalb empfohlen, mit der Therapie schon möglichst früh im Kindergartenalter zu beginnen. 

Leider tritt nicht in allen Fällen der gewünschte Erfolg ein. Wenn das Stottern bis in die Pubertät hinein bestehen bleibt, ist mit einer Spontanheilung nicht mehr zu rechnen. Wer mit 12 Jahren und älter noch stottert, muss sich auf ein Leben mit Stottern einstellen.


Stotter-Therapien für Erwachsene

Eine Therapie für Erwachsene zielt nicht mehr auf die Heilung ab, sondern auf das Erlernen von Techniken für einen besseren Umgang mit dem Stottern und eine insgesamt flüssigere Sprechweise. Hierzu stehen eine Vielzahl an qualifizierten Therapieformen zur Verfügung, die in der Regel auf zwei unterschiedlichen Hauptrichtungen basieren:

  • Beim sogenannten „Fluency Shaping“, auch Sprechkontrolle genannt, wird das gesamte Sprechmuster umgestellt, um das Auftreten von Stotterereignissen gänzlich zu verhindern. Dieser Ansatz erfordert von Betroffenen viel Übung und konsequentes Verhalten, führt aber häufig zum gewünschten Erfolg. Dadurch, dass das Sprechmuster komplett verändert wird, kann die Aussprache insgesamt allerdings etwas unnatürlich klingen.

  • Die sogenannte Stottermodifikation oder auch Stotterkontrolle arbeitet dagegen direkt an den auftretenden Stottersymptomen. Eine komplette Umstellung des Sprechens, wie beim Fluency Shaping, ist damit nicht erforderlich. Das Sprechen klingt damit insgesamt natürlicher. Der Stotternde lernt bei diesem „Nicht-Vermeidungs-Ansatz“ bestimmte Techniken, die ihm helfen, das konkrete Stotterereignis akut zu bearbeiten. Kommt es zum Stottern, müssen die vorher erlernten Techniken angewandt werden, um den Redefluss zu erhalten. Dadurch gewinnt der Stotternde wieder ein Kontrollgefühl über seine Sprache und kann bestehende Ängste vor dem Stottern abbauen. Allerdings muss der Betroffene beim spontanen Sprechen immer an die rechtzeitige Anwendung der Techniken denken. Lässt er die Technik weg, können Stotterereignisse vereinzelt wieder auftreten.

Kann man Stottern vorbeugen?

Da man nicht weiß, was genau das Stottern verursacht, gibt es leider auch keine Möglichkeiten dem Stottern gezielt vorzubeugen. Wurde ein Stottern diagnostiziert, ist es wichtig frühzeitig zu handeln. Mit Hilfe von qualifizierten Therapien lässt dich die Sprechflüssigkeit fast immer deutlich verbessern. Möglichen negativen Auswirkungen des Stotterns auf die Sprachentwicklung, die Persönlichkeit, den Alltag und das Familienleben der Betroffenen kann damit effektiv vorgebeugt werden.

Eine zusätzliche Hilfe sind Selbsthilfegruppen wie die Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe e.V. Hier können Stotternde sich untereinander austauschen und Rat und Unterstützung aus erster Hand bekommen. Zu erfahren, dass es vielen anderen ebenso geht, wie einem selbst, hilft darüber hinaus mit der eigenen Situation besser umgehen zu können.

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