Vererbte und hormonell bedingte Störung der Fettverteilung

Lipödem: Reiterhosen erkennen und behandeln

Das Lipödem beschreibt eine Störung der Fetteinlagerung im Körper, die fast nur bei Frauen auftritt. Sport und Diät verlangsamen zwar den Fortschritt dieser Fetteinlagerungen an Beinen und Armen, ihre Ursache wird damit aber nicht behandelt. Als einzig wirksame Therapie gilt derzeit die Fettaubsaugung.

Lipödem sind Fetteinlagerungen an den seitlichen Oberschenkeln, die umgangssprachlich als Reiterhosen bezeichnet werden.
Typisch für das Lipödem sind Fetteinlagerungen an den seitlichen Oberschenkeln, die umgangssprachlich als Reiterhosen bezeichnet werden.
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Das Lipödem (ICD-10 R60.9) bedeutet wörtlich aus dem Griechischen übersetzt Fettschwellung. Auch als Reiterhosensyndrom, Reithosenfettsucht oder Säulenbein wird die Krankheit bezeichnet. Namensgebend sind die auffälligen Fetteinlagerungen an den seitlichen Oberschenkeln, die bereits zu Beginn der Erkrankung auftreten. Im anfänglichen Stadium bleibt das Lipödem als Ursache für Gewichtszunahme häufig unerkannt, da es sich nicht deutlich von ernährungsbedingtem Übergewicht unterscheidet.

Das Reiterhosensyndrom ist eine chronische und fortschreitende Erkrankung, die fast ausschließlich bei Frauen vorkommt. Während die Körpermitte meist schlank bleibt, lagert sich Fettgewebe zunächst vermehrt an den Oberschenkeln und Oberarmen, im späteren Krankheitsverlauf auch an den Unterschenkeln, Unterarmen und im Nackenbereich ein. Zusätzlich entstehen schmerzhafte Wassereinlagerungen, Lymphflüssigkeit staut sich im Gewebe und die Anfälligkeit für blaue Flecken steigt. Aufgrund der Einlagerungen fühlen sich Arme und Beine prall an, sind druckempfindlich, schmerzen und können sich entzünden.

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Ursachen: Wie und warum entsteht das Lipödem?

Da sich bislang keine klinische Langzeitstudie mit der Erkrankung beschäftigt hat, beruhen die meisten Erkenntnisse über die Fettverteilungsstörung auf Veröffentlichungen von Einzelfallbeschreibungen oder Schätzungen. So kann die Zahl der in Deutschland Betroffenen nur ungefähr mit 500.000 bis eine Million Menschen angegeben werden.

Lipödem fast nur bei Frauen

Vom Reiterhosensyndrom sind fast ausschließlich Frauen betroffen. Es tritt frühestens nach der Pubertät auf, kann sich nach einer Schwangerschaft entwickeln oder ab dem Einsetzen der Wechseljahre. Hormonelle Veränderungen werden deshalb als Auslöser vermutet, aber auch eine genetische Komponente muss eine Rolle spielen, da sonst eine deutlich höhere Zahl an Erkrankten zu erwarten wäre.

Über das Lipödem bei Männern ist so gut wie nichts bekannt, kommt praktisch nicht vor. In Einzelfällen wurde die Fettverteilungsstörung im Zusammenhang mit einer Hormonersatztherapie oder bei Lebererkankungen bei Männern festgestellt. Studien sind allerdings keine bekannt und die Zahl der Betroffenen ist derart gering, dass keine zuverlässigen Aussagen getroffen werden können.

Da sich Mediziner aufgrund mangelnder Forschungsergebnisse und einem doch eher seltenen Krankheitsbilds mit der korrekten Diagnose eines Lipödems schwer tun, muss von einer hohen Dunkelziffer der tatsächlich Betroffenen ausgegangen werden.

Fettsucht als Auslöser?

Was genau das Lipödem auslöst, ist bislang ungeklärt. Eine Kombination aus genetischen und physiologischen Faktoren wird diskutiert. Als sicher gilt, dass die krankhafte Fetteinlagerungssucht des Körpers nicht ernährungsbedingt ist. Eine kalorienreduzierte Diät kann allerdings die Geschwindigkeit der Gewichtszunahme drosseln.

Neben hormonellen Schwankungen erscheinen zusätzlich erbliche Faktoren als Voraussetzung für die Entstehung des Lipödems. Familäre Häufungen dienen dabei als Hinweis, dass das Reiterhosensyndrom erblich bedingt sein muss. Die Gene veranlassen die Fettzellen dazu, sich an bestimmten Körperpartien zu vermehren (Hypertrophie) und an Größe – im Vergleich zu normalen Fettzellen – stark zuzunehmen (Hyperplasie). Gleichzeitig kommt es zu einer Zunahme der Durchlässigkeit der Gefäßwände, was zu Wassereinlagerungen in den Extremitäten führt und Einblutungen in die Zellzwischenräume verursacht. Unter dem gesteigerten Druck im Gewebe kommt es vermehrt zur schmerzhaften Entzündungen.

So verläuft das Reiterhosensyndrom

Kalibersprung bei Lipödem am Handgelenk einer Frau
Während die Hand schlank bleibt, lagert sich am Unterarm Fettgewebe ein. Der Übergang wird durch den deutlichen Wulst (Kalibersprung) gekennzeichnet – siehe Pfeilspitze.
iStock / Lifeline

Das Lipödem verändert das körperliche Erscheinungsbild auf eine ganz typische Art: Die Fetteinlagerungen sind immer symmetrisch verteilt, also an beiden Ober- und/oder Unterschenkeln, beziehungsweise Ober- und/oder Unterarmen seitengleich. Der Fettanteil grenzt sich deutlich gegenüber den gesunden Regionen mit normalem Körperfett ab und beginnt mit einer wulstartigen Ausstülpung, die je nach Körperstelle als Muff, Reiterhose oder Kragen beschrieben und als Kalibersprung bezeichnet wird (siehe Bild). Ein einzelnes Auftreten an nur einer Körperpartie ist selten, die Mischform von gleichzeitig betroffenen Armen und Beinen an den oberen Extremitäten (Schenkel, Oberarm) und im späteren Verlauf dann auch an der unteren Partien (Unterarm, Wade) ist die Regel.

Hautschäden aus Platzmangel

Nachdem Arme und Beine vollständig betroffen sind, lagert sich das Fett im Nacken- und Rückenbereich an. Selbst an Knien oder Fußgelenken entstehen Fettwülste (Wammen), die bei Bewegung gegeneinander reiben und scheuern. Dies führt zu mechanischen Schäden der Haut und es kommt zu großflächigen Hämatomen. Desweiteren entzünden sich die aufeinaderliegenden Hautpartien an den überhängenden Wülsten. Im schwitzig feuchten Milieu siedeln sich Bakterien an, die zur Wundinfektion führen können.

Lebensqualität durch Lipödem stark eingeschränkt

Für die Betroffenen des Reiterhosensyndroms ist der Alltag mit zunehmendem Gewicht immer schwerer zu bewältigen. Es kommt zu ähnlichen Einschränkungen, wie sie Menschen mit ausgeprägtem Übergewicht erleben. Während Fettleibige aber insgesamt zunehmen, beschränkt sich die Vergrößerung des Körpervolumens beim Lipödem auf die Extremitäten. So ist das Laufen oder Bewegen der Arme mit einem eigentlich normalgewichtigen Körperstamm deutlich schwerer als bei Adipositaspatienten.

Setzt Hitze übergewichtigen Mensch bereits deutlich zu, so ist sie für Betroffene des Lipödems noch schwerer zu ertragen: Aufgrund einer erhöhten Durchlässigkeit der Gefäßwände neigen sie zu vermehrten Wassereinlagerungen und Lymphstau. Dieser Effekt wird durch Wärme verstärkt, so dass bei sommerlichen Temperaturen die Arme und Beine bis zum Abend schmerzhaft angeschwollen sind und besonders empfindlich auf jede Art von Berührung reagieren. Die Schmerzen werden als dumpf und drückend beschrieben und Beine und Arme fühlen sich schwer an.

Das Reiterhosensyndrom wird in drei Stadien eingeteilt

Das Lipödem ist ein fortschreitender Prozess. Dauer und Verlauf sind individuell sehr unterschiedlich und lassen sich kaum vorhersagen. Auch kann das Beschwerdebild variieren. Als Unterscheidungsmerkmal gilt:

Stadium Kennzeichen

1

  • glatte Hautoberfläche
  • das Fettgewebe ist gleichmäßig verdickt in der Unterhaut (Subkutis).

2

  • unebene, wellige Hautoberfläche
  • Das Fettgewebe tastet sich knotig und verdickt unter der Haut.

3

  • Fettschurzbildung an Ober- und Unterschenkeln sowie Ober- und Unterarmen
  • deutlicher Kalibersprung

Diese Symptome deuten auf das Lipödem hin

Das Lipödem kann oftmals nur schwer von Übergewicht oder einem Lymphödem abgegrenzt werden. Folgende Symptome sprechen für das Reiterhosensyndrom:

  • Hormonstatus-Änderung
    Der Beginn einer unklaren Gewichtszunahme an Beinen und Armen liegt in der Pubertät, nach einer Schwangerschaft oder am Anfang des Klimakteriums.

  • Disproportionalität
    Die Fetteinlagerungen sind auf die Extremitäten beschränkt, der Rumpf bleibt schlank.

  • Kalibersprung
    An den betroffenen Stellen bilden sich Wülste mit starkem Anstieg zum Fettgewebe hin (Muff- oder Kragenbildung).

  • Auslassungen
    Hände und Füße sind nicht betroffen und bleiben schlank.

  • Ödeme
    Es kommt zur Einlagerung von Wasser und zum Übertritt von Lymphe in die Gewebszwischenräume.

  • Spannungsgefühl
    Aufgrund massiver Wassereinlagerungen und des Lymphstaus schwellen die Extremitäten an und die Haut ist maximal gespannt.

  • Schmerzen
    Die geschwollenen Partien neigen zu Entzündungen und sind durch die Flüssigkeitsansammlungen prall gefüllt. Das macht sie druck- und schmerzempfindlich.

  • Hämatomneigung
    Eine erhöhte Membrandurchlässigkeit sorgt nicht nur für Wassereinlagerungen, sondern lässt auch Blutbestandteile in das Gewebe übertreten. Es kommt vermehrt zu Einblutungen (blaue Flecken).

  • Stemmer-Zeichen ist negativ
    Das Stemmer-Zeichen ist ein nach seinem Entdecker benannte einfach Diagnosemöglichkeit eines Lymphödems. Der Arzt versucht dabei die Hautfalte über der zweiten und dritten Zehe oder den entsprechenden Fingern anzuheben. Beim Lymphödem ist die Haut nicht abhebbar, beim Lipödem in der Regel schon.

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Lifeline/Wochit

Diagnose des Lipödems nur schwer zu stellen

Der entscheidende Punkt bei der Diagnose des Lipödems ist, dass ein Arzt oder der Patient selbst erst einmal auf die Idee kommen muss, dass hinter der Gewichtszunahme das Reiterhosensyndrom stecken könnte – und das am besten zu einem frühen Zeitpunkt in der Krankheitsgeschichte. Doch anfangs denkt daran meist niemand, weil die Symptome der weit verbreiteten Fettsucht sehr ähneln. Besteht aber der Verdacht, können mittels der Differenzialdiagnose weitere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen und am Ende das Lipödem korrekt festgestellt werden.

Beobachten und Verlauf dokumentieren

Zu Beginn der Diagnostik wird der Arzt die Patienten zunächst zu einer Diät auffordern. Das Übergwicht ist zu diesem Zeitpunkt das zentrale Problem. Empfehlenswert ist bei jeder Diät eine Dokumentation der Körpermaße, die nicht nur auf das Gewicht beschränkt sein sollte: Dieses wird sich auch beim Lipödem-Patienten reduzieren, doch die Wassereinlagerungen bleiben erhalten und Arme und Beine sind weiterhin dick angeschwollen. Darum sollten weitere Körpermaßfaktoren beobachtet werden, wie

  • Umfang von Oberschenkeln und Oberarmen
  • Body-Mass-Index (BMI), den Sie mit unserem interaktiven BMI-Rechner ganz einfach selbst bestimmen können
  • Waist-to-Hip-Ratio (WHR), das Verhältnis aus Bauch- und Hüftumfang
  • Weist-to-Height-Ratio (WHR), das Verhältnis von Bauchumfang und Körpergröße
  • täglicher Aktivitätsindex

Bei bestehendem Lipödem ist zwar eine Gewichtsreduktion zu erwarten, da aber das abgenommene Fettgewebe durch Wassereinlagerungen oder Lymphanstauungen aufgefüllt wird, bleiben die Verhältnisse von WHR und WTR beinahe unverändert und nur der BMI sinkt.

Weitere Untersuchungsmethoden bei Lipödem

Bildgebende Verfahren wie Sonografie oder Magnetresonanztomografie (MRT) geben nur bedingt Auskunft. Die dabei ermittelbare Verdichtung des Fettgewebes in der Unterhaut gilt aber als wichtiger Marker.

  • zum BMI-Rechner

    Zu dick? Zu dünn? Mit dem BMI-Rechner finden Sie schnell heraus, ob Ihr Körpergewicht im Normbereich liegt - oder ob Sie ein paar Pfunde abnehmen sollten.

Bewegung, Ernährung, Fettabsaugung: Therapie bei Lipödem

Die Therapie verfolgt zwei Ziele: Zum einen sollen sich der Befund an sich und die damit verbundenen Beschwerden bessern, also ein Ödem abschwellen, Schmerzen gelindert und eine altersentsprechende, normale Figur wieder hergestellt werden. Zusätzlich sollen Folgeerkrankungen aufgrund von Ödemen oder Übergewicht verhindert werden. Eine kausale Therapie, also eine Behandlung, die die Ursachen des Lipdödems heilt, ist bislang nicht bekannt. Wirkungsvoll erscheint derzeit nur eine Fettabsaugung.

Therapieoptionen bei Reiterhosensyndrom richten sich nach dem Behandlungsziel

Das Lipödem entsteht, wenn durch hormonelle Veränderungen ein genetischer Schalter umgelegt wird, der sich nicht mehr zurückstellen lässt. So bleibt als Therapie des Lipödems nur die stadiengerechte und individuell angepasste Behandlung der auftretenden Beschwerden. Die Übersicht zeigt die Behandlungsmöglichkeiten der einzelnen Symptome des Lipödems:

  • Ödemreduktion
    Um das vorhandene Ödem zu reduzieren, kommt die kombinierte physikalische Entstauungstherapie (KPE) zum Einsatz. Sie besteht aus

    • manueller Lymphdrainage,

    • Kompressionstherapie,

    • Bewegungstherapie und

    • Hautpflege

  • Schmerzlinderung
    Entsteht der Schmerz durch den Druck im Gewebe, ist auch hier die KPE das Mittel der Wahl, bevor Schmerzmittel verabreicht werden. Diese können zusätzlich eingenommen werden. Diese haben meist auch eine entzündungshemmende Wirkung.

  • Hämatome verhindern
    Lymphdrainage und Kompression unterstützen und schützen das Gewebe.

  • Neues Unterhaut-Fettgewebe verhindern und reduzieren
    Eine Diät verlangsamt den Effekt, nur die Fettabsaugung erzielt sichtbare Erfolge.

  • Körperkonturen wiederherstellen
    Bilden sich durch die Fetteinlagerungen Hautfalten oder Scheuerstellen (kommen häufig zwischen den Innenseiten der Knie und an den Oberschenkeln vor), drohen Entzündungen und Ablederungen der Oberhaut. Diese Stellen müssen mittels plastisch-chirurgischen Eingriffen korrigiert werden.

  • Gewichtsreduktion
    Eine Diät kann beim Lipödem den Fetteinlagerungseffekt verlangsamen. Abnehmen ist beinahe unmöglich.

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Lipödem vorbeugen: Was kann ich selbst tun?

Als effektivste Therapiemaßnahme bei Lipödem gilt die Fettabsaugung (Liposuktion). Mit ihr lassen sich die oben genannten Behandlungsziele einfach erreichen. Zudem profitieren die Patienten davon, dass das auf Einlagerung programmierte Fettgewebe theoretisch komplett entfernt wird, sodass an den betroffenen Stellen an Armen oder Beinen wieder Platz für das gesunde Fettgewebe in der Unterhaut entsteht. Das Lipödem kann sich an diesen Stellen nicht neu bilden.

Es ist allerdings unter Umständen möglich, dass sich das Lipödem in den Jahren nach der Liposuktion erneut bildet. Dennoch ist die Fettabsaugung medizinisch gesehen die beste Lösung. Sie wird von den Krankenkassen meist aber nur einmalig übernommen. Weitere Eingriffe sind medizinisch möglich, die Kosten trägt aber der Patient.

Die konservative Behandlung der Symptome verzögert den Fortschritt des Lipödems und umfasst eine kalorienarme Ernährung und viel Bewegung. Ein gelenkschonender Sport wie etwa Aquagymnastik, Fahrradfahren oder Walken bieten sich an.

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Lifeline/Wochit

Autor:
Letzte Aktualisierung: 01. März 2017
Durch:
Quellen: S1-Leitlinie: Lipödem, AWMF-Registernummer 037/012 Stand 31.10.2015 gültig bis 30.06.2020: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/037-012l_S1_Lipoedem_2016-01.pdf

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