Eye Movement Desensitization and Reprocessing

EMDR: Ablauf und Kosten der Traumatherapie mittels Augenbewegung

Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) ist eine Behandlungsform in der Psychotherapie zur posttraumatischen Stressbewältigung. Der Therapeut leitet dabei den Patienten an, die Augen seitlich zu bewegen, während dieser sich an das ihn belastende Ereignis erinnert. Die Augenbewegungen haben einen direkten Einfluss auf Denkprozesse im Gehirn und ermöglicht die Verarbeitung des Erlebten.

Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR)
EMDR hilft traumatisierten Patienten das Erlebte durch gezielte Bewegungen der Augen zu verarbeiten.
Andreas Gill

Während viele Therapieverfahren in der Psychologie durch systematische Forschung entwickelt wurden, entdeckte die amerikanische Psychologin Francine Shapiro das EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) per Zufall auf einem Spaziergang durch den Park im Jahr 1987. Sie hatte gerade ein Krebsleiden besiegt und bemerkte, dass Sie beim Nachdenken über die belastende Zeit der Behandlung ihre Augen seitlich hin und her bewegte, wodurch sie eine deutliche Entlastung von Ängsten und depressiven Gedanken erlebte.

Was ist EMDR?

Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte Shapiro in den folgenden Jahren eine standardisierte Behandlungsmethode, die sich den belastungslindernden Effekt der seitlichen Augenbewegungen zunutze macht.

Während der Behandlung soll sich der Patient auf eine besonders belastende Phase seines traumatischen Erlebnisses konzentrieren. Der Therapeut animiert ihn dabei, mit den Augen seinen langsamen Fingerbewegungen zu folgen.

Dies führt bei den Patienten zu einer spürbaren Verringerung der Ängste, die aus diesen Erinnerungen hervorgerufen werden.

Wie wirkt das EMDR?

Auf den ersten Blick ähnelt das EMDR der Hypnose: Eine Konzentrationsphase, die durch die Fingerbewegungen eines Therapeuten intensiviert wird. Jedoch wird beim EMDR der Patient nicht in einen Trance-Zustand versetzt, um dadurch Zugang zu unterbewussten Erinnerungen zu erlangen, sondern die Bewegungen der Augen unter Anleitung selbst bewirken die Verbesserung. EMDR ist also eine Art Physiotherapie für die Psyche.

Wie EMDR auf das Gehirn und die Psyche wirkt, konnte bislang nicht vollständig geklärt werden. Umfangreiche Studien haben aber den Nutzen des EMDR erwiesen, sodass das Verfahren zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen als wissenschaftliche Methode international anerkannt ist.

Wird EMDR von der Krankenkasse bezahlt?

Seit 1991 wird EMDR in Deutschland angeboten. Seit Beginn des Jahres 2015 ist das Verfahren für die Behandlung von Erwachsenen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) im Rahmen einer Psychotherapie und Verhaltenstherapie zugelassen, die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen.

Voraussetzung ist, dass der der Traumatherapeut eine ausreichende Qualifikation für die psychotherapeutische Behandlung im Allgemeinen als auch eine Ausbildung als EMDR-Therapeut vorweisen kann. In Deutschland wird diese Ausbildung von einem dem Verein EMDIRA angeschlossenen Institut durchgeführt und von den Landesärztekammern und der Psychotherapeutenkammer zertifiziert.

Wann wird EMDR als Traumatherapie angewendet?

Das EMDR kommt prinzipiell bei allen Folgeerkrankungen eines traumatischen Ereignisses (Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS) als Therapie infrage. Aber auch Angststörungen können mit dieser Methode gelindert werden.

Bei traumatisierten Patienten unterscheidet sich die gewählte Form der Traumatherapie oftmals nach der Ursache. So werden Beziehungskonflikte in der Paartherapie aufgearbeitet. Das EMDR ist davon unabhängig und eignet sich für die Behandlung aller Folgeerkrankungen traumatischer Ereignisse, stets aber in einer Einzeltherapie.

Die Anwendung des EMDR eignet sich bei:

  • Einzeltraumatisierten im Erwachsenenalter, durch
    • Gewalt
    • Unfall
  • Komplexen Traumaerkrankungen, wie
    • Missbrauch oder Misshandlung in der Kindheit
    • Kriegstrauma
    • generalisierten Angststörungen
  • Suchtprävention, etwa gegen

Wann darf EMDR nicht angewandt werden?

Da das EMDR während der Therapie eine aktive Auseinandersetzung mit dem Trauma verlangt, muss sich der Patient zum Zeitpunkt der Therapie physisch und psychisch in einem Gesundheitszustand befinden, der die beschleunigte Verarbeitung des Traumas erlaubt. Nur wenn der Patient körperlich und geistig belastbar ist, kann ein EMDR für den Patienten zumutbar und erfolgreich sein.

Organische Ursachen wie Herz-Kreislauf-Probleme sind ein Risikofaktor, da es unter der Behandlung zum Blutdruckanstieg oder einer erhöhten Herzfrequenz kommen kann.

Ablauf: Das geschieht bei einer EMDR-Sitzung

Eine Therapiesitzung des EMDR ist in mehrere Stationen gegliedert.

Schritt 1: Anamnese

In dem Gespräch muss geklärt werden, was geschehen ist, wie der Patient versucht hat, mit den Erlebnissen umzugehen und diese zu bewältigen und ob er Teile der Ereignisse zu verdrängen versucht oder aktiv unterdrückt, indem er sich Fragen dazu entzieht oder die Antwort verweigert. Dies kann so weit reichen, dass er oder sie sich tatsächlich nicht mehr an die Ereignisse erinnern kann.

Der Therapeut versucht dabei, den Patienten in einer distanzierten Sicht auf die geschilderten Ereignisse zu halten, damit der Patient emotional noch nicht in Erinnerungen eindringt und nicht schon zu einem frühen Zeitpunkt damit überfordert wird.

Schritt 2: Stabilisierung

Bevor mit der eigentlichen EMDR-Therapie begonnen werden kann, muss der Therapeut sicherstellen, dass er alle Faktoren, Auslöser und den emotionalen Zustand des Patienten genau kennt. Trifft der Patient während der eigentlichen EMDR-Sitzung auf eine belastende Extremsituation, kann dies die Therapie gefährden.

Der Therapeut lernt den Patienten deshalb im Anamnesegespräch genau kennen und zeigt ihm Wege auf, sich selbst vor einer Überbelastung zu retten. Dabei kann der Behandler bereits mit den bilateralen Augenbewegungen des EMDR arbeiten, um sie dem Patienten als wohltuendes Element für die spätere Behandlung vertraut zu machen.

Der Therapeut vermittelt dem Patienten mögliche Fluchtpunkte wie den sogenannten "inneren sicheren Ort". Dabei handelt es sich um einen emotionalen Rückzugspunkt in der Gedankenwelt des Patienten, der als Ausweg bei einer psychischen Überbelastung während der Therapiesitzungen benutzt werden kann.

Schritt 3: Bewertung

Der Therapeut findet gemeinsam mit dem Patienten eine einzelne Erinnerung, die für den Patienten das erlebte Negativgefühl so genau beschreibt  wie ein Bild. Dieses Bild wird vom Patienten bewertet und erhält eine negative Umschreibung, etwa "ich habe Angst", und zusätzlich ein positives Element wie "ich kann die Furcht besiegen".

Künftig soll der Patient die Situation nur noch mit dem positiven Gedanken verknüpfen und die für ihn belastende Situation mit Hilfe der Augenbewegung in eine neue Bedeutung überführen.

Schritt 4: Desensibilisierung

In dieser vierten Phase der EMDR-Behandlung werden stets die Augenbewegungen als therapeutisches Mittel zur Stressbewältigung eingesetzt. Der Patient fokussiert das vorher isolierte Angstbild in seinen Gedanken und konzentriert sich auf die neue positive Assoziation, die er künftig mit der Erinnerung verbinden möchte. Dabei verfolgt er die Fingerbewegungen des Therapeuten, wodurch die Umarbeitung der Erinnerung im Gehirn ausgelöst und beschleunigt wird.

In dieser Phase kommt es häufig zu den sogenannten Abreaktionen: Die emotionale Energie, die die Erinnerung auslöst, wird mit körperlichen Reaktionen entladen. Dabei handelt es sich meist um Weinen, heftiges Atmen. Auch Übelkeit oder Ekel sind möglich. Durch diese Art Blitzableiter verliert die Stresssituation ihre Bedrohlichkeit und wird körperlich spürbar verarbeitet. Meist sind dafür mehrere Sitzungen notwendig.

Schritt 5: Verankerung

Kann sich der Patient an das Angstbild ohne Unwohlsein erinnern, wird mittels der Augenbewegungen dieses Gefühl in seiner Erinnerung verankert.

Schritt 6: Körper-Test

Sind die als Abreaktionen beschriebenen Symptome verschwunden, also zeigt der Patient keinerlei körperliche Beschwerden mehr, ist die Belastung tatsächlich verarbeitet.

Schritt 7: Abschluss

Im Abschlussgespräch wird das Erlebte reflektiert und es ergeben sich Ansätze für die weitere Behandlung. Der Traumatherapeut bereitet den Patienten auf mögliche Träume oder neue Erinnerungen an das Trauma vor, die durch die in Gang gesetzte Verarbeitung entstehen können. Das Führen eines Tagebuchs zu diesen Ereignissen ist für die Therapie oftmals hilfreich.

In weiteren Therapiesitzungen wird überprüft, ob der Patient das Erlebte komplett verarbeitet hat oder neue Aspekte hinzugekommen sind. Erst wenn keine neuen Aspekte und keinerlei negative Emotionen mehr in Zusammenhang mit dem erlebten Trauma entstehen, wird das EMDR als abgeschlossen betrachtet.

Wie wirkt EMDR?

Das EMDR ist eine Psychotherapie, die eine Bewältigung traumatischer Erfahrungen durch Augenbewegungen ermöglicht. Die Wirksamkeit des EMDR ist in Studien nachgewiesen, der Wirkmechanismus aber noch nicht völlig aufgeklärt.

Das sprachlose Entsetzen überwinden

Ein sehr frühes Symptom eines seelischen Traumas kann eine Schockstarre mit Sprachverlust sein. Wir stehen mit offenem Mund da, wollen schreien und es kommt kein Ton heraus, oder wir wollen über das erlebte sprechen, Fragen anderer beantworten und uns fehlen die Worte.

Medizinisch betrachtet steckt hinter diesem sogenannten "sprachlosen Entsetzen" (speechless terror) eine Denkbarriere zwischen bestimmten Regionen im Gehirn. Während in der rechten Hirnhälfte Bilder vor dem geistigen Auge entstehen, wird das Sprachzentrum aktiv unterdrückt. Der Patient kann das Geschehene so nicht in Worte fassen, wodurch eine Verarbeitung des Erlebten erschwert wird.

Wie durchbricht EMDR die Denkbarriere?

Die Wirksamkeit des EMDR wurde in mehreren Studien nachgewiesen, doch wie es genau funktioniert, können Wissenschaftler bisher nicht erklären. Sicher ist, dass bei einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) die Kommunikation zwischen den beiden Gehirnhälften gestört ist. Die beidseitig seitlichen (bilateralen) Augenbewegungen scheinen eine Synchronisation der beiden Hemisphären in Gang zu bringen und den Denkprozess neu anzuregen.

Mediziner sehen hier eine Parallele zum REM-Schlafphase. Das Kürzel steht für "rapid eye movement" und bedeutet so viel wie schnelle Augenbewegung. In dieser Schlafphase bewegen sich die Augen schnell hin und her, so wie es der Therapeut beim EMDR seinem Patienten durch Fingerbewegungen vorgibt. Die in dabei auftretenden Gehirnströme kennzeichnen eine hohe Hirnaktivität, die zum Verarbeiten von Alltagsereignisse benötigt wird. Dieser unbewusste Prozess lässt sich durch die angeleiteten Augenbewegungen des EMDR scheinbar absichtlich auslösen.

EMDR: Gefahren

Als reine Psychotherapie ohne Medikamente ist das EMDR als ungefährlich zu bewerten. Die erneute Auseinandersetzung mit einem schweren seelischen Trauma birgt aber Risiken für den Patienten, so dass eine EMDR-Behandlung nur durch einen erfahrenen Traumatherapeuten erfolgen darf.

Das EMDR ist eine reine Bewegungstherapie für die Augen. Medikamente, die den Körper mit Nebenwirkungen oder bei der Verstoffwechselung belasten können, sind deswegen nicht notwendig. Die einzige Gefahr geht von der bewussten Auseinandersetzung mit dem bislang verdrängten seelischen Trauma aus.

Die Konfrontation mit der Angst

Beim EMDR muss sich der Patienten ganz bewusst auf ein Detail seines Erlebnisses konzentrieren, das den psychischen Schaden verursacht hat. Der Patient durchlebt dabei unter Umständen die Belastungssituation erneut. Wird der Patient in diesem Erleben nicht fachgerecht geführt, kann er im Zuge der Traumatherapie retraumatisiert werden. Er wird mit den angstmachenden Gefühlen erneut konfrontiert und nimmt seelischen Schaden davon. Dies kann bereits vorhandene Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung verstärken und den weiteren Therapieverlauf gefährden.

Mit EMDR nicht wieder bei null beginnen

Während einer EMDR-Sitzung erlebt der Patient die traumatisierenden Ereignisse teilweise zum wiederholten Mal, was ihn gefühlt in den Zeitraum unmittelbar nach dem Vorfall zurückbringen und vor die Frage stellen kann, wie er das Erlebte bewältigen soll. Dadurch fällt der Patient unter Umständen in Verhaltensmuster, die er bereits beim ersten Erleben ergriffen hat und zu seiner seelischen Störung geführt haben. Das kann von Verdrängungsmechanismen bis hin zu damals bereits gehegten Suizidgedanken reichen.

Der Traumatherapeut muss im Vorfeld klären, wie sein Patient das Erlebte ursprünglich zu verarbeiten versucht hatte, damit er ihn nicht in dieses Verhalten entgleiten lässt. Das EMDR soll eine Verarbeitung des Traumas bei einer aktiven Erinnerung daran durch die seitlichen Augenbewegungen ermöglichen und nicht einfach nur die Zeit zurückdrehen und den Patienten zum zweiten Mal vor die selbe Aufgabe der Traumabewältigung stellen.

Autor:
Letzte Aktualisierung:19. August 2016
Durch: es
Quellen: Beschluss des Gemeinsamer Bundesausschuss (GBA) über die Änderung der Psychotherapie-Richtlinie: EMDR bei Erwachsenen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Bundesanzeiger, AT 02.01.2015 B2 Hase, Michael; Leutner, Susanne; Tumani, Visal; Hofmann, Arne: Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR): Eine ungewöhnliche Form der Psychotherapie in: Ärzteblatt, PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 512ff Hofmann, A.: EMDR - Therapie psychotraumatischer Belastungssyndrome. Thieme 2009, 4. Auflage

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