Durchblutungsstörung in den Fingern

Raynaud-Syndrom: Was steckt hinter der "Weißfingerkrankheit"?

Es betrifft Frauen häufiger und tritt meist bei Kälte in Erscheinung: Das Raynaud-Syndrom. Dabei werden die äußersten Gliedmaßen, meist die Hände, nur noch wenig oder überhaupt nicht mehr durchblutet. Das Ergebnis sind weiße Finger, die sogenannten "Leichenfinger".

Frau hat kalte Hände
Beim Raynaud-Syndrom verengen sich die Blutgefäße der Finger bei Kälte – weiße "Leichenfinger" sind das Ergebnis.
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Beim Raynaud-Syndrom handelt es sich um einen Vasospasmus – einen Gefäßkrampf – wodurch einzelne Gliedmaßen kurzzeitig kaum oder nicht mehr durchblutet werden. Die dabei auftretende Ischämie (Minderdurchblutung) legt sich in der Regel nach bis zu 30 Minuten wieder. In den meisten Fällen sind die Finger von dieser anfallsartigen Durchblutungsstörung betroffen. Sie werden dadurch so weiß, dass die Erkrankung die Beinamen "Leichenfinger-" oder "Weißfingerkrankheit" bekommen hat. Neben den Fingern kann der Krampf auch in Zehen, Nase oder Ohren zu einer Ischämie führen.

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Raynaud-Syndrom: Kälte als Hauptauslöser

Je nach Bevölkerungsgruppe tritt die Durchblutungsstörung bei drei bis fünf Prozent der Menschen auf. So ist sie in Nordeuropa stärker verbreitet als im Süden Europas. Es gibt zwei verschiedene Formen: Das primäre Raynaud-Syndrom, Morbus Raynaud, und das sekundäre Raynaud-Syndrom, auch Raynaud-Phänomen genannt. Mit über 80 Prozent der Fälle ist die erste Ausprägung deutlich stärker verbreitet, Frauen sind davon viermal häufiger betroffen als Männer. Am sekundären Raynaud-Syndrom leiden Männer und Frauen dagegen gleichermaßen.

Die Ursachen des primären Raynaud-Syndroms sind bis heute weder bekannt, noch gibt es eine erkennbare Grunderkrankung. Das macht diese Form der Ischämie zwar unangenehm, in der Regel aber harmlos. Der Hauptauslöser für beide Ausprägungen ist Kälte. Dabei kann der Vasospasmus schlicht durch eine niedrige Umgebungstemperatur oder das Anfassen kalter Gegenstände entstehen. Weitere Auslöser sind Stress sowie intensive Gefühlsregungen.

Sekundäres Raynaud-Syndrom: Diese Grunderkrankungen sind möglich

Während die auslösenden Faktoren bei beiden Formen gleich sind, ist das sekundäre Raynaud-Syndrom die Folge einer bestehenden Grunderkrankung.

Mögliche Ursachen für das sekundäre Raynaud-Syndrom sind:

Organische Gefäßveränderungen

Neurologische Ursachen

  • Fehlfunktion der Nerven bei neurologischen Erkrankungen, etwa einem Schlaganfall
  • periphere neurologische Erkrankungen, periphere Nervenschädigungen

Weitere Ursachen

  • Veränderte Fließeigenschaften des Blutes (zähflüssigeres Blut, Verklumpungen im Blut) durch Hyperviskositätssyndrome, Kälteagglutininämie, Kryofibrinogenämie, Kryoglobulinämie
  • durch Medikamente ausgelöst: Betarezeptorenblocker, Ergotamin (Hauptalkaloid des Mutterkorns), Zytostatika, Interferon

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Beim Raynaud-Syndrom wechseln die Finger in der Regel drei Mal ihre Farbe – je nach Durchblutungsgrad sind sie entweder weiß, blau oder rot. Mediziner sprechen daher auch vom Tricolore-Phänomen.

Nach dem auslösenden Reiz verkrampfen und verengen sich die Arterien der Finger beziehungsweise anderer betroffener Bereiche. Dadurch fließt nur noch sehr wenig oder kein Blut mehr durch diese Gefäße, weshalb die Haut sehr blass bis weiß wird. Zusätzlich kommt es zu Sensibilitätsstörungen wie Kribbeln oder einem Gefühl der Taubheit. Die Symptome können an mehreren Fingern (meist Zeige-, Mittel-, Ringfinger oder kleiner Finger) oder auch nur an Teilen davon auftreten. In jedem Fall beginnt der Anfall von der Fingerkuppe und kann bis zur Handfläche reichen.

Weiße, blaue und rote Finger beim Raynaud-Syndrom

Anschließend erweitern sich die Kapillaren und Venolen. Durch den Mangel an Sauerstoff färben sich die Finger nun blau. Löst sich der Krampf, kommt es zu einer reaktiven Hyperämie. Dabei werden die betroffenen Finger maximal durchblutet, wodurch sie sich schließlich rot färben. Schießt dieses sauerstoffreiche Blut wieder in die tauben Glieder, kann das für die Betroffenen sehr schmerzhaft sein.

Nicht immer sind die gleichen Finger betroffen – bei einem weiteren Anfall können auch die Gefäße andere Glieder verkrampfen. Außerdem müssen nicht alle Menschen mit Raynaud-Syndrom zwingend diese drei Stadien durchlaufen. Die Dauer der einzelnen Attacken und ihre Häufigkeit sind von Patient zu Patient unterschiedlich.

Kennzeichen der beiden Formen des Raynaud-Syndroms

Charakteristisch für Morbus Raynaud ist das symmetrische Auftreten der Symptome an beiden Händen. Außerdem handelt es sich meist um milde Episoden. Für die primäre Form gibt es eine genetische Veranlagung, das heißt, sie kommt in Familien gehäuft vor. Von Morbus Raynaud sind hauptsächlich junge Frauen betroffen.

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Im Gegensatz zur primären Form ist das Raynaud-Phänomen asymmetrisch und zeigt sich nur auf einer Seite. Allerdings sind die Anfälle in der Regel deutlich intensiver und es kann zu Hautveränderungen kommen. Das Alter, in dem das Raynaud-Phänomen typischerweise erstmals auftritt, liegt bei 40 Jahren oder älter. Männer und Frauen leiden gleich häufig daran. Im Gegensatz zum primären Raynaud-Syndrom gibt es hier keine genetische Veranlagung.

Diagnose durch Anamnese, Untersuchung und Laborbefunde

Wer die typischen Raynaud-Symptome an sich bemerkt, sollte diese unbedingt von einem Arzt (Hausarzt oder Angiologen) abklären lassen: Es könnte sich auch um eine ernste Erkrankung handeln, deren erste Anzeichen sich anhand der Durchblutungsstörung zeigen. Der Mediziner beginnt die Diagnostik mit einer Anamnese (Patientengespräch), um sich ein Bild von der Krankheitsgeschichte zu machen. Wichtige Informationen für den Arzt sind etwa, wann die Symptome zum ersten Mal in Erscheinung traten, wie ein Anfall genau abläuft, welche Körperstellen davon betroffen sind oder auch wie häufig es zu der Ischämie kommt.

Um den Beschwerden weiter auf den Grund zu gehen, ist auch eine körperliche Untersuchung nötig. Neben allgemeinen Daten wie Größe oder Gewicht, untersucht der Mediziner auch die Finger nach Narben oder Verletzungen, misst die Temperatur der Hände sowie den Puls. Oft führt er außerdem die Faustschlussprobe durch. Dabei öffnet und schließt der Patient die Hand mehrfach zur Faust, während der Arzt die Arterien der Handgelenke abdrückt. Löst der Mediziner diese Blockade, sollten sich die Finger innerhalb von zwei bis drei Sekunden wieder vollständig mit Blut füllen.

Genauere Analyse mit apparativen Methoden

Mit speziellen Geräten kann er die Gefäße noch genauer untersuchen. Die Durchblutung der Finger kann er mittels Druckmanschetten (Oszillometrie) oder Lichtstrahl an der Fingerkuppe (Plethysmographie) messen. Bei beiden Methoden führt der Arzt zusätzlich einen Kälteprovokationstest durch, indem er die Hände des Patienten einigen Minuten lang einer Kälte von zehn bis zwölf Grad Celsius aussetzt.

Weitere zur Verfügung stehende Diagnostikmethoden sind:

Therapiemöglichkeiten beim primären Raynaud-Syndrom

Eine Behandlung ist bei Morbus Raynaud nicht notwendig. Stattdessen sollten Betroffene lediglich bestimmte Maßnahmen im Alltag umsetzen. Die wichtigste davon lautet: konsequenter Kälteschutz, etwa mit Handschuhen, Ohrwärmern oder warmen Schuhen. Insbesondere in Kombination mit Feuchtigkeit kann Kälte die Durchblutungsstörung begünstigen. Da Nikotin die Gefäße verengt, sollten Patienten auf das Rauchen verzichten. Neben Kälte zählt auch Stress zu den Auslösern – und sollte daher bestmöglich vermieden werden. Dagegen sind Wechselbäder und Sport gut für die Durchblutung. Allerdings sollten Sie auf Sportarten und Arbeiten verzichten, bei denen die Hand als Schlagwerkzeug verwendet wird oder die mit Vibrationen verbunden sind.

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Medikamente sind nur dann nötig, wenn die genannten Maßnahmen nicht wirken oder bereits Hautveränderungen wie offene Wunden vorhanden sind. Ärzte verordnen in der Regel

  • Kalziumantagonisten wie Nifedepin oder Diltiazem sowie
  • Nitroglycerin.

Sekundäres Raynaud-Syndrom: Zuerst Grunderkrankung behandeln

Die Behandlung des sekundären Raynaud-Syndroms ist abhängig von der Grunderkrankung. Diese muss zuerst therapiert werden. Daneben ist auch hier ein ausreichender Schutz vor Kälte notwendig. Medikamente zur Behandlung des Raynaud-Phänomens sind unter anderem:

  • Nitroglycerin-Salbe
  • Kalziumantagonisten
  • ACE-Hemmer
  • Angiotensin II Hemmer
  • Endothelinrezeptorantagonisten

Die Behandlung sollte nur von einem erfahrenen und dafür ausgebildeten Arzt durchgeführt werden.

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Letzte Aktualisierung: 23. April 2018
Quellen: Arastéh, K. et al.: Duale Reihe Innere Medizin. Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG, 2009; Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, 266. Auflage. Berlin/ Boston: Walter de Gruyter Verlag, 2014; Herold, G.: Innere Medizin. Gerd Herold Verlag, Köln 2008; Deutsche Gesellschaft für Angiologie, Gesellschaft für Gefäßmedizin e.V.: Die Durchblutungsstörung Raynaud-Phänomen. Berlin, abgerufen unter: http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Gefaesszentrum/download/de/1100-fuer-patienten/dga-raynaud_screen_1_.pdf; Andresen, J.: Raynaud-Syndrom. Hannover, 2002, abgerufen unter: https://www.mh-hannover.de/fileadmin/kliniken/rheumatologie/download/raynaud.pdf; Hallett, J. W. et al.: Raynaud-Syndrom, abgerufen unter: https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/herz-kreislauf-krankheiten/krankheiten-der-peripheren-arterien/raynaud-syndrom

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