Jeder Dritte braucht Hilfe

So wirkt sich Krebs auf die Psyche aus

Experten bemängeln unzureichende Therapie von Angst und Depressionen bei Tumorpatienten

Krebs belastet nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Das bestätigt eine kürzlich veröffentlichte Studie. Die Wissenschaftler konnten auch nachweisen, dass sich verschiedene Krebsarten jeweils unterschiedlich auf die Psyche auswirken.

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Die psychoonkologische Unterstützung kommt in der Krebstherapie oft zu kurz. Dabei braucht fast ein Drittel der Krebspatienten Hilfe zur Krankheitsbewältigung.
© iStock.com/KatarzynaBialasiewicz

Diagnose Krebs: Für Betroffene bedeutet sie beinahe ausnahmslos einen tiefen Einschnitt im Leben. Kein Wunder, dass viele infolge ihrer Erkrankung auch mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Sie benötigen psychoonkologische Unterstützung, um ihre Erkrankung aktiv zu bewältigen und zu lernen, mit den Therapienebenwirkungen besser umzugehen.

Neue Erkenntnisse zur psychischen Belastung durch Krebsleiden liefert jetzt eine Studie, die Forscher der Universität Leipzig koordiniert haben und die von der Deutschen Krebshilfe gefördert wurde. Für die Untersuchung wurden bundesweit über 4.000 Krebspatienten im Alter zwischen 18 und 75 Jahren befragt.

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Oft mehrere psychische Störungen durch Krebs

Eines der Ergebnisse, die in dem medizinischen Fachmagazin „Journal of Clinical Oncology“ veröffentlicht wurden, besagt, dass knapp ein Drittel der Studienteilnehmer (32 Prozent) Hilfe zur seelischen Bewältigung der Krebserkrankung benötigte.

"Ein Teil der Patienten hatten sogar mit mehr als einer psychischen Störung zu tun: Etwa sechs Prozent der Befragten litten unter zwei verschiedenen Störungen, während bei eineinhalb Prozent der Teilnehmer sogar drei oder mehr Störungen diagnostiziert wurden", berichtet Studienleiterin Anja Mehnert von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig.

Risiko für psychische Störung abhängig von Tumorart

Wie die Forscher feststellen konnten, hängt das Risiko, infolge eines Krebsleidens eine psychische Störung oder Erkrankung zu entwickeln, von der Tumorart ab. Besonders gefährdet für seelische Komplikationen sind demnach Patienten mit Brustkrebs, Melanomen oder einem Tumor im Kopf- oder Halsbereich.

So benötigten 42 Prozent aller Brustkrebspatientinnen psychoonkologische Hilfe. Unter an Kopf- oder Halstumoren Erkrankten waren 41 Prozent auf psychologische Unterstützung angewiesen, bei schwarzem Hautkrebs nahmen 39 Prozent der Betroffenen solche Angebote in Anspruch. Bei anderen Krebsarten brauchten dagegen nur etwa halb so viele Patienten eine psychoonkologische Betreuung: 20 Prozent waren es zum Beispiel bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, 21 Prozent bei Magenkrebs oder bösartigen Tumorerkrankungen der Speiseröhre, 22 Prozent bei Prostatakrebs.

Angststörungen belasten Krebspatienten am häufigsten

Die Studie gibt auch Aufschluss über die Art und Häufigkeit der psychologischen Belastungen, die mit einem Krebsleiden einhergehen. Unter Angststörungen leidet jeder siebte Tumorpatient (14,4 Prozent), sie sind damit die häufigste Krebsfolge auf die Seele. Furcht jagt den Betroffenen zum einen die Krankheit selbst ein, aber auch die Therapie mit ihren Folgen und die Möglichkeit, die Krankheit nicht zu überleben.

Jeder Neunte gab an, unter Anpassungsstörungen zu leiden und Schwierigkeiten zu haben, sich in der neuen Situation zurecht zu finden. Über depressive Störungen berichteten 6,5 Prozent der Krebspatienten.

Tumor lässt manchen zur Flasche greifen

Somatoforme Erkrankungen gehören ebenfalls zum Spektrum möglicher psychischer Störungen im Zusammenhang mit Krebs. Darunter sind körperliche Beschwerden zu verstehen, die durch psychische Belastung ausgelöst werden wie Stresssymptome durch die Erkrankung. Auch Substanzmissbrauch oder Alkoholabhängigkeit zählen zu den schweren psychischen Nebenwirkungen einer Tumorerkrankung.

Psyche kommt bei der Krebstherapie oft zu kurz

Der psychische Aspekt von Krebserkrankungen werde bei ihrer Therapie aber nach wie vor nicht ausreichend berücksichtigt, bemängeln Experten. Mitte September 2014 stellt beispielsweise die Bayerische Krebsgesellschaft in einer Brandschrift fest: "Eine erfolgreiche Krebsbehandlung ist weit mehr als die Abfolge medizinischer Therapieschritte. Der erkrankte Mensch mit seinen Ängsten und Problemen darf bei allem Fortschritt in der Medizin nicht auf der Strecke bleiben."

Genau das befürchtet die Selbsthilfeorganisation aber. Die psychoonkologische Unterstützung spiele im Genesungsprozess von Krebspatienten eine entscheidende Rolle, heißt es weiter. Sie sei aber in unserem Gesundheitssystem leider immer noch nicht fest verankert.

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Neue Leitlinie zur psychischen Betreuung von Krebspatienten

Immerhin gibt es seit Anfang 2014 eine Leitlinie für die psychoonkologische Versorgung. "Die Leitlinie bildet die Grundlage dafür, dass die Qualität der psychoonkologischen Versorgung besser werden kann", sagt Joachim Weis von der Klinik für Tumorbiologie der Universität Freiburg. Aber auch dem Experten ist klar, dass die wissenschaftlich fundierten Behandlungsempfehlungen nur ein erster Schritt sind. Es werde noch einige Zeit vergehen, bis sie im Versorgungsalltag angekommen sei, räumt Weis ein.

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