Sanfte Griffe gegen Schmerzen

Osteopathie

Manuelle Therapie: Blockaden lösen mit den Händen

Osteopathie ist eine Unterform der manuellen Therapie. Mit gezielten Handgriffen soll die Behandlung gegen vielfältige Beschwerden und Störungen wirken.

Osteopathie_getty_86543359.jpg
Der Osteopath spürt mit seinen Händen und Augen Funktionsstörungen und Blockaden im Körper auf. So kann es oft passieren, dass Rückenbeschwerden durch Griffe an den Beinen oder anderen vom Schmerzort entfernten Arealen behandelt werden.
(C) 2009 Jupiterimages

Mit dem Begriff „Osteopathie“ („Knochenleiden“, griech. osteon = Knochen; pathos = Leiden) wird eine Behandlungsmethode bezeichnet, bei der ausschließlich manuelle zum Einsatz kommen.

Sie wird bei Funktionsstörungen des Bewegungsapparates und anderer Organsysteme angewendet und ist dadurch gekennzeichnet, dass die verschiedenen Beschwerden ausschließlich mit speziellen Hand- und Massagegriffen behandelt werden.

In den USA ist die Osteopathie weit verbreitet – dort sind Osteopathen und Ärzte praktisch gleichgestellt und durchlaufen eine ähnliche Ausbildung. In Deutschland ist die Osteopathie eine vergleichsweise junge alternativmedizinische Disziplin; die Verbreitung hierzulande begann erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Das Konzept der Osteopathie

Der Begriff Osteopathie wurde von dem Amerikaner Dr. Andrew Taylor Still (1828-1917) geprägt. Die von ihm entwickelte Behandlungsmethode bezog sich auf Krankheiten und Funktionsstörungen des Knochensystems.

Der Grundgedanke der Osteopathie ist, dass Bewegungsapparat, Schädel und Rückenmark sowie die inneren Organe als Systeme miteinander zusammenhängen und durch Faszien – das sind feine Gewebenetze – verbunden sind. Mit sanften Griffen sollen auftretende Blockaden in diesen Verbindungen gelöst und die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert werden. Die Therapeuten wollen nicht Symptome eines körperlichen Leidens beheben, sondern deren Ursache.

Dafür nutzen Osteopathen vor allem ihre Hände und Augen. Sie tasten und fühlen, betrachten den ganzen Körper, technische Hilfsmittel sind kaum im Einsatz. Befunde vom MRT, Röntgen, CT  oder aus Laboruntersuchungen werden einbezogen. Für die Beurteilung reicht so ein Ausschnitt aber nicht aus, da Osteopathen den Körper ganzheitlich betrachten. Ein klassisches Beispiel sind Beschwerden an der Bandscheibe. Spannungen am Darm übertragen sich nach Ansicht der Osteopathie immer wieder auf die Bandscheiben. Deshalb wird auch der Dickdarm mit in die Behandlung einbezogen.

Zwischenzeitlich haben sich verschiedene Schulen der osteopathischen Medizin entwickelt, die unterschiedliche Konzepte verfolgen und verschiedene Techniken anwenden. Sie alle basieren jedoch auf den folgenden vier Prinzipien:

  1. Körper und Geist sind als Einheit zu begreifen.
  2. Der Körper verfügt über Selbstheilungskräfte, Selbstregulationsmechanismen und Gesunderhaltungssysteme.
  3. Der Körper besteht aus Gewebestrukturen, deren Form und Funktion untrennbar miteinander verbunden sind.
  4. Die osteopathische Therapie ist eine Einheit aus den drei vorangegangenen Prinzipien.

Drei Teilbereiche der Osteopathie

Die Osteopathie unterscheidet drei Bereiche, die zwar teilweise unabhängig voneinander entstanden sind, gerade hierzulande aber von vielen Therapeuten als Einheit verstanden werden und in ein gemeinsames Therapiekonzept einfließen.

Aus dieser Unterscheidung geht hervor, dass die Osteopathie längst nicht nur auf die Behandlung von Funktionsstörungen des Bewegungsapparates beschränkt ist, sondern auch bei Erkrankungen anderer Organsysteme Anwendung findet.

  • Parietale Osteopathie: Sie umfasst den Bewegungsapparat mit den Knochen, Muskeln, Bändern, Sehnen und Bindegewebshüllen (Faszien) der Muskeln.

  • Viszerale Osteopathie: Sie umfasst die inneren Organe wie Herz, Lunge, Nieren, Darm, Leber einschließlich der Blutgefäße, Nerven, Lymphgefäße und Bindegewebshüllen.

  • Kraniosakrale (craniosacrale) Osteopathie: Sie umfasst den Schädel (Cranium), die Wirbelsäule, das Gehirn und das Rückenmark einschließlich der umgebenden Strukturen und inneren Flüssigkeiten (Liquor).

Mittels Osteopathie die Selbstheilung aktivieren

  • zum Portal special-rueckenschmerz.de

    Rückenschmerzen sind Volkskrankheit Nummer 1. Im Special: gibt es alle Infos über Ursachen und Therapien von Rückenschmerzen. Dazu erhalten Sie Tipps zur Vorbeugung und Antworten auf die Frage "Muss ich zum Arzt?"

Primäres Ziel der Osteopathie ist es, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren und zu unterstützen. Im Rahmen  einer ausführlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung erfasst der Osteopath ein möglichst ganzheitliches Bild des Patienten. Mit den Händen spürt er gezielt Bewegungseinschränkungen und Spannungen auf, die er mit jeweils geeigneten manuellen Techniken zu beheben versucht.

Schulmedizinische Kritik

Kritiker bemängeln, dass der Osteopathie als  Therapieform wissenschaftliche Fundierung fehlt. Das betont etwa Johannes Flechtenmacher, Präsident des Berufsverbands für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU). "Osteopathie geht davon aus, dass alle Erkrankungen manuell behandelbar sind. Für ihre Wirksamkeit gibt es aber kaum wissenschaftliche Belege."

2009 ließ die Bundesärztekammer Osteopathie wissenschaftlich bewerten. Die Experten notierten in ihrem Bericht, dass "einigermaßen zuverlässige Aussagen zur Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen nur bei wenigen Erkrankungsbildern vorliegen", und zwar im Wesentlichen bei chronischen Schmerzsyndromen der Wirbelsäule.

Erstattung durch die Krankenkassen

Die Osteopathie gehört derzeit nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen, viele Anbieter erstatten die Kosten jedoch anteilig in unterschiedlicher Höhe. Voraussetzung ist in der Regel, dass ein Arzt die osteopathische Behandlung verordnet hat (auf Privatrezept) und dass der Therapeut eine fundierte Ausbildung absolviert hat und/oder Mitglied in einem von der Krankenkasse anerkannten Berufsverband ist. Private Krankenkassen übernehmen die Kosten für Osteopathie dagegen in der Regel vollständig.

Eine Behandlungseinheit dauert rund 30 bis 60 Minuten und kostet zwischen 50 und 120 Euro. Wie viele osteopathische Therapiesitzungen insgesamt notwendig sind, muss im Einzelfall entschieden werden.

Wie man einen guten Osteopathen findet

Der Beruf des Osteopathen ist staatlich nicht anerkannt. Es gibt keine gesetzlich vorgeschriebenen Richtlinien für die Ausbildung. Patienten sollten deshalb vorab die Qualifikation des Therapeuten erfragen. Er sollte mindestens 1.350 Ausbildungsstunden absolviert und eine differential-diagnostische sowie medizinische Prüfung abgelegt haben.

Wann wird die Osteopathie angewendet?

Die Osteopathie eignet sich zur Behandlung akuter und chronischer Leiden sowie zur Vorbeugung von Erkrankungen. Sie erweitert und unterstützt schulmedizinische Behandlungskonzepte.

Traditionsgemäß wird die Osteopathie besonders häufig zur Behandlung von Erkrankungen und Funktionseinschränkungen des Bewegungsapparates herangezogen. Eine Beschränkung auf diesen Bereich gibt es jedoch nicht. Die verschiedenen Techniken der Osteopathie erlauben die Behandlung unterschiedlichster Erkrankungen und Störungen.

Muskelenergietechniken (parietale Osteopathie) und myofasziale Entspannungstechniken

  • zum Ratgeber

    Rückenschmerzen, Verspannungen oder Muskelkrämpfe: Muskel- und Gelenkbeschwerden haben viele Gesichter. Lesen Sie hier alles über Symptome, Ursachen und Behandlung

Diese Techniken dienen der Mobilisierung des Bewegungsapparates. Mit ihrer Hilfe werden Spannungen in der Muskulatur und dem Bandapparat von Gelenken gelöst, die Beweglichkeit von Gelenken und Muskeln verbessert sowie akute und chronische Schmerzen (zum Beispiel Rückenschmerzen ) gelindert.

Einsatzmöglichkeiten sind:

  • Wirbelsäulenbeschwerden (Hals-, Brust-, Lendenwirbelsäulen-Syndrom)
  • Bandscheibenvorfall
  • Einschränkungen der Beweglichkeit von Gelenken
  • muskuläre Verspannungen und Muskelfunktionsstörungen im Rücken, den Armen oder Beinen
  • Sehnenansatzreizungen in den Gelenken von Wirbelsäule, Armen und Beinen
  • narbige Haut- und Muskelverklebungen nach Verletzungen, Operationen oder Bestrahlungen
  • Funktionsstörungen im Brustkorbbereich (Rippen), Zwerchfell und Beckenboden

Viszerale Osteopathie

Hierbei werden Funktionsstörungen innerer Organe und damit korrespondierender Wirbelsäulenabschnitte behandelt:

Kraniosakrale Osteopathie

Diese Techniken behandeln Funktionsstörungen im Bereich des kraniosakralen Systems (Schädel- und Kreuzbein):

  • akute und chronische Kopfschmerzen: Spannungskopfschmerzen, Migräne, Kopfschmerzen nach Verletzungen (Gehirnerschütterung, Schädel-Hirn-Trauma), Kopfschmerzen bei neurologischen Erkrankungen wie Hirnhautentzündung (Meningitis) und Hirnentzündung (Enzephalitis)
  • chronischer Tinnitus
  • Gesichtsschmerzen
  • akuter und chronischer Schwindel
  • Störungen des Kiefergelenks und Bissanomalien
  • chronische Entzündungen der Nasen- und
  • Bewegungsstörungen im Beckenbereich
  • bei Kindern: Verzögerte motorische Entwicklung, Hüftdysplasien, Schädel- und Gesichtsverformung infolge der Geburt, Schiefhals, Skoliose, spastisches Syndrom, Hyperaktivität

So läuft eine Osteopathie-Behandlung ab

Eine osteopathische Behandlung beginnt mit einer ausführlichen Anamnese und körperlichen Begutachtung, mit deren Hilfe sich der Therapeut ein ganzheitliches Bild von dem Patienten verschafft. Im Fokus stehen dabei nicht nur die aktuellen Beschwerden sondern die gesamte gesundheitliche Situation. Mitunter kommen Probleme zur Sprache, an die der Patient schon lange nicht mehr gedacht hat, die aber mit den aktuellen Beschwerden in Zusammenhang stehen können.

Diagnose: Spannungsmuster und Bewegungseinschränkungen feststellen

Anschließend spürt der Therapeut durch spezielle Techniken mit seinen Händen Spannungsmuster und Bewegungseinschränkungen auf. Aus der Art und Lage dieser Auffälligkeiten gewinnt er Hinweise auf die Ursache bestimmter Störungen.

Da der Osteopathie die Auffassung zugrunde liegt, dass alle Bereiche des menschlichen Körpers untereinander in anatomischer oder funktioneller Beziehung stehen, kann die Ursache für bestimmte Beschwerden mitunter in einer Fehlfunktion weit entfernt liegender Körperareale liegen. In bestimmten Fällen wird der Therapeut auch fachärztliche Befunde und Ergebnisse, zum Beispiel Röntgenbilder, Laborbefunde und Arztberichte für seine Diagnose anfordern und einbeziehen.

Verschiedene Osteopathie-Techniken

Im Rahmen einer osteopathischen Behandlung können verschiedene manuelle Techniken zum Einsatz kommen. Der Therapeut wählt sie entsprechend den vorliegenden Befunden und Beschwerden. Einige Beispiele sind:

  • Mobilisationstechniken mit und ohne Impuls
  • Muskelenergietechniken
  • Weichteil- und Bindegewebstechniken
  • Triggerpunktbehandlung
  • Counterstrain-Technik nach Jones
  • Funktionale Technik nach Johnston (Reflexaktivitätsveränderungen am Rückenmark)

Wie oft eine solche Behandlung stattfinden muss, hängt von der Art und Schwere der Beschwerden und der individuellen gesundheitlichen Situation des Patienten ab. Mitunter können die Beschwerden schon nach ein bis zwei Sitzungen verschwinden, auch wenn dies nicht die Regel ist. Nach drei Sitzungen jedoch sollte eine spürbare Verbesserung eingetreten sein, um ein Fortsetzen der Therapie zu rechtfertigen. Zwischen den Behandlungen werden im Allgemeinen ein- bis zweiwöchige Pausen eingelegt, um dem Körper die Gelegenheit zur Selbstregulierung zu geben.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Osteopathie gilt als „sanfte“ Technik der manuellen Therapien, Nebenwirkungen sind bei professioneller Durchführung in der Regel nicht zu befürchten.

Allerdings bessern sich die Beschwerden nach der Behandlung nicht immer sofort. Es kann außerdem zu Schwindel, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Müdigkeit oder Frieren kommen. Diese Symptome sind Hinweise darauf, dass der Körper auf die Behandlung anspricht und die Selbstregulierungsprozesse des Körpers in Gang kommen.

Erst wenn dies gelungen ist und beispielsweise eine chronische Entzündung abklingt, lassen die damit verbundenen Schmerzen nach. Mitunter können sich Beschwerden nach einer Osteopathiebehandlung kurzzeitig verschlimmern. Das sind

Wann die Osteopathie nicht durchgeführt werden sollte

Die Osteopathie kann bei verschiedensten Beschwerden und gesundheitlichen Störungen eingesetzt werden. Dennoch gibt es Erkrankungen, bei denen die Osteopathie nicht angewendet werden sollte.

Eine Kontraindikation besteht vor allem bei schweren akuten Erkrankungen, die eine sofortige Behandlung durch den Facharzt erfordern. Später, wenn die notwendige Therapie eingeleitet worden ist, kann die Osteopathie unter Umständen ergänzend eingesetzt werden.

Beispiele für Kontraindikationen der Osteopathie sind:

Nicht alle Osteopathietechniken eignen sich für alle Krankheiten gleichermaßen; der Therapeut wählt die jeweilige Technik sorgfältig aus, indem er die Gesamtsituation des Patienten berücksichtigt.

Alternativmedizin: Die häufigsten Heilmethoden

Autor:
Letzte Aktualisierung: 30. August 2016
Durch: es
Quellen: Buchmann, J.: Manuelle Medizin und Osteopathie in Deutschland oder Was ist Neues an der Osteopathie? In: Manuelle Medizin 40(4), (2002), S. 235-237 Dvorak, J. et al.: Manuelle Medizin, Chiropraktik, Osteopathie. In: Man Med Osteopath Med 39(2), (2001), S. 66-71 Graf-Baumann, T. & Hogrefe, H: Informationen der DGOM zur Osteopathischen Medizin. In: Man Med Osteopath Med 39(4), (2001), S. 185-187 Pflüger, M. & Pflüger, A.: Osteopathie. Zurück zum BeHANDeln. In: Orthopädie & Rheuma 3, (2004), S. 44-46 Kaufmann, N. et al.: Absolute und relative Kontraindikationen für eine unmittelbare osteopathische Behandlung. Akademischer Ausschuss SVO-FSO, 2007. URL: http://www.gdk-cds.ch/fileadmin/docs/public/gdk/Themen/Gesundheitsberufe/Osteopathie/2007_12_20_Kontraindikationenkatalog_DE.pdf http://www.osteokompass.de/de-patienteninfo-krankenkassen.html (letzter Aufruf: 09. Januar 2014)

Beitrag zum Thema aus der Community
  • Expertenrat vom Hausarzt
    osteopathie gefährlich
    05.10.2012 | 17:11 Uhr

    Hallo liebe Frau Doctor , ich war heute bei der Osteopathie nach der Behandlung war mit...   mehr...

Hören Sie zu - reden Sie mit

Sie möchten Informationen zu bestimmten Krankheitssymptomen oder wollen medizinischen Rat? Hier können Sie Ihre Fragen an unsere Experten oder andere Lifeline-Nutzer stellen!

Fragen Sie unsere Experten!

Kostenlos. 24 Stunden täglich. Unsere Gesundheitsexperten beantworten Ihre Fragen.

mehr lesen...
Stichwortsuche in den Fragen und Antworten unserer Community

Durchstöbern Sie anhand der für Sie interessanten Begriffe die Beiträge und Foren in der Lifeline-Community.

Ausführliche Informationen
  • DiagnoseDiagnose

    Wir erklären Ihnen medizinische Untersuchungen einfach und verständlich. Damit Sie Bescheid wissen, was der Doktor mit Ihnen vorhat. mehr...

  • Laborbefund verstehenLaborwerte

    Verstehen Sie die Abkürzungen und Fachausdrücke Ihrer Laborergebnisse nicht? Einen roten Faden durchs Fachchinesich bietet das Laborwerte A bis Z. mehr...

Newsletter-Leser wissen mehr

Mit dem kostenlosen Lifeline-Newsletter sind Sie immer auf dem aktuellen Stand

Hier bestellen...

Zum Seitenanfang