Kindliche Störung

KiSS-Syndrom: Ärzte zweifeln an Existenz der Haltungsstörung

Der Begriff KiSS-Syndrom steht für die Abkürzung Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung. Dabei handelt es sich um eine Haltungsstörung bei Säuglingen und Kleinkindern, die ihren Ursprung im Bereich der Halswirbelsäule hat. In der evidenzbasierten Medizin gilt das KiSS-Syndrom nicht als anerkannte Diagnose.

Baby schläft
Wird das KiSS-Syndrom alternativmedizinisch behandelt, übernimmt die Krankenkasse diese Kosten nicht.
© iStock.com/FamVeld

Das KiSS-Syndrom bezeichnet eine Bewegungs- beziehungsweise Haltungsstörung, die in erster Linie Babys und Kleinkinder betrifft. Die Beschreibung des Krankheitsbilds geht auf den Arzt Heiner Biedermann zurück. Er geht davon aus, dass Verschiebungen der Wirbelgelenke der Halswirbelsäule für das KiSS-Syndrom verantwortlich sind. Diese rufen laut Biedermann schmerzhafte Verspannungen der Nackenmuskulatur hervor, aus denen wiederum Fehlhaltungen, wie Kopfschiefhaltung oder eine zur Seite oder nach hinten gekrümmte Wirbelsäule, resultieren.

Kinderkrankheiten erkennen und behandeln

Schulmedizin erkennt KiSS-Syndrom nicht als Krankheit an

Bleibt das KiSS-Syndrom bestehen, soll dies komplexe Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des betroffenen Kindes haben, zum Beispiel anhaltendes Schreien ("Schreikinder"/"Schreibabys"), motorische Defizite oder Schlafstörungen.

Während das KiSS-Syndrom in der Osteopathie und Alternativmedizin heute eine bedeutende Rolle spielt, zweifelt die Schulmedizin die Existenz des Krankheitsbildes bislang an. Daher ist das KiSS-Syndrom auch nicht Bestandteil des international anerkannten Klassifizierungssystems für Diagnosen (ICD-10).

Es stehen verschiedene alternativmedizinische Behandlungsmöglichkeiten gegen das KiSS-Syndrom zur Verfügung, deren Kosten jedoch nicht von den Krankenkassen übernommen werden.

An welchen Symptomen man ein KiSS-Syndrom erkennt

Beim KiSS-Syndrom fallen als Symptome zunächst vor allem Störungen der Körperhaltung und Bewegung auf. Die schmerzhafte Verspannung der Hals- und Nackenmuskulatur kann zudem zahlreiche weitere Beschwerden bei Babys nach sich ziehen.

Die Beschwerden treten meist schon kurz nach der Geburt auf. Die Blockierung der Halswirbelkörper schränkt bei vielen betroffenen Kindern die Beweglichkeit ein, was sich häufig in auffälligen Körperhaltungen und Bewegungsmustern äußert. Auch bestimmte Verhaltensauffälligkeiten werten Mediziner, die sich auf das Erkennen und Behandeln des KiSS-Syndroms spezialisiert haben, als Symptom.

Beim KiSS-Syndrom können folgende Symptome bei Säuglingen auftreten:

  • Schiefhals (Torticollis)
  • nach hinten durchgebogene Wirbelsäule (wie ein C)
  • zur Seite gebeugter Kopf und Rumpf
  • asymmetrisch geformter Kopf, einseitig abgeplatteter Hinterkopf
  • asymmetrischer Gesichtsausdruck (zum Beispiel ein Auge wirkt kleiner als das andere)
  • asymmetrischer Bewegungsablauf von Armen und Beinen
  • vermehrte Körperspannung einer Körperhälfte
  • einseitige Hüftreifestörung
  • Fehlstellung der Füßchen
  • anhaltendes Schreien ("Schreikinder")
  • Schlafstörungen
  • Schwierigkeiten, den Kopf (dem Alter entsprechend) zu halten
  • Saug- und/oder Trinkschwäche
  • Bevorzugen einer Seite beim Stillen
  • sehr starkes Speicheln, eventuell Probleme beim Schlucken
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KiSS-Symptome und -Anzeichen bei älteren Kindern

Da die Ursachen des KiSS-Syndroms oft im Zusammenhang mit der Geburt stehen, fallen KiSS-Symptome meist schon bei Neugeborenen beziehungsweise in der Säuglingsperiode auf. Bei größeren Kindern können infolge des KiSS-Syndroms folgende Anzeichen und Merkmale auftreten:

  • Konzentrationsprobleme
  • Lernschwäche
  • motorische Defizite, zum Beispiel bei der Koordination
  • Entwicklungsverzögerung, etwa beim Spracherwerb
  • gestörtes Sozialverhalten

Die genannten Symptome und Beschwerden können grundsätzlich auch andere Ursachen als das KiSS-Syndrom haben. Daher ist es ratsam, Auffälligkeiten bei Babys und Kindern immer durch einen Kinderarzt abklären zu lassen.

Auslöser des KiSS-Syndroms liegen in der Halswirbelsäule

Beim KiSS-Syndrom stehen die Ursachen im Zusammenhang mit der Geburt. Mechanische Kräfte, die im Mutterleib, während der Geburt und in der Neugeborenenperiode auf das Köpfchen und die Halswirbelsäule einwirken, gelten dabei als Auslöser. Dabei können sich – so die Theorie – die Halswirbel (insbesondere der erste und zweite Halswirbel, Atlas und Axis) gegeneinander verschieben.

Als Folge kommt es zu Beeinträchtigungen, die zum Beispiel Zwangshaltungen des Babys hervorrufen. Die Halswirbelsäule und die zugehörigen  Bänder und Muskeln nehmen zudem eine besondere Stellung ein: Sie bilden die Verbindung zwischen Körper und Kopf. Jede Wahrnehmung des Körpers sowie die meisten Körperfunktionen stehen über das Nervensystem in Verbindung mit dem Gehirn, wo die Reizverarbeitung stattfindet. Das Gehirn wiederum sendet Signale an den Körper, um die aufgenommenen Reize zu beantworten.

Unbehandelt geht das KiSS- ins KiDD-Syndrom über

Um komplexe Bewegungsabläufe zu ermöglichen, muss das Gehirn im Zusammenspiel mit dem Seh-, Hör- und Gleichgewichtssinn auch die Körperposition im Verhältnis zum Kopf wahrnehmen. Daher spielt die Halswirbelsäule bei der räumlichen Orientierung ebenfalls eine wichtige Rolle.

Alternativmediziner und Osteopathen sehen daher das KiSS-Syndrom als mögliche Ursache für zahlreiche nachfolgende Störungen, wie Probleme bei Wahrnehmung und Bewegung, Kopfschmerzen bis hin zu Verzögerungen in verschiedenen Entwicklungsbereichen. Die Auswirkungen des unbehandelten KiSS-Syndroms bezeichnen sie als KiDD-Syndrom (Kopfgelenk-induzierte oder KiSS-induzierte Dysgnosie und Dyspraxie).

Beim KiSS-Syndrom lassen sich folgende Ursachen unterscheiden:

  • Pränatale (vorgeburtliche) Ursachen des KiSS-Syndroms: Eine ungünstige Belastung der Halswirbelsäule kann entstehen, wenn sich das Ungeborene zum Beispiel in Quer- oder Steißlage im Mutterleib befindet und nicht wie gewöhnlich mit dem Kopf nach unten. Auch besonders enge Platzverhältnisse in der Gebärmutter – etwa bei Mehrlingsschwangerschaften – können die Halswirbel des Babys außergewöhnlich belasten.

  • Perinatale Ursachen des KiSS-Syndroms: Unter der Geburt wirken starke physikalische Kräfte auf das Köpfchen und den Nacken des Kindes. Dabei üben die Wehen einen starken Druck auf das Köpfchen und die Halswirbelsäule des Kindes aus. Zusätzlich muss das Baby eine Drehbewegung vollführen, um durch das enge mütterliche Becken zu gelangen. Komplikationen während der Geburt belasten die Halswirbelsäule zusätzlich, zum Beispiel, wenn das Baby mithilfe einer Geburtszange, Saugglocke oder per Kaiserschnitt zur Welt kommt.

  • Postnatale (nachgeburtliche) Ursachen des KiSS-Syndroms: Zu den Faktoren, die nach der Geburt das KiSS-Syndrom begünstigen, zählen Infektionen im Kopfbereich oder auch eine künstliche Beatmung des Säuglings.

So stellt der Arzt KiSS fest

Beim KiSS-Syndrom stellt ein speziell hierfür ausgebildeter Arzt die Diagnose anhand verschiedener Anhaltspunkte. In einem ausführlichen Gespräch befragt der Kinderarzt die Eltern zunächst nach möglichen Ursachen, insbesondere nach dem Ablauf von Schwangerschaft und Geburt, sowie nach den aufgetretenen Beschwerden. Anschließend untersucht der Arzt das Kind.

Dabei achtet er besonders neben der altersgemäßen Entwicklung auf auffällige Körperhaltungen (wie etwa einen Schiefhals), Besonderheiten der Schädelform oder, ob die Muskelspannung einer Körperhälfte stärker betont ist. Schließlich prüft er die Reflexe und untersucht die Wirbelsäule sowie das Becken des Kindes. Um die Form der Wirbelsäule und die Stellung der Wirbel zueinander genau beurteilen zu können, ist meistens eine Röntgenaufnahme erforderlich.

Andere Diagnosen bei KiSS-Untersuchungen ausschließen

Da die Symptome beim KiSS-Syndrom auch zahlreiche andere Ursachen haben können, gilt es, diese eventuell mithilfe weiterer Untersuchungen auszuschließen. Bei größeren Kindern, die motorische oder sprachliche Defizite als Symptome aufweisen, ist zudem eine eingehende Untersuchung des Seh- und Hörvermögens wichtig.

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Manche Kinderärzte wollen von KiSS nichts wissen

Für Eltern, die bei ihrem Kind ein KiSS-Syndrom vermuten, ist es wissenswert, dass nicht jeder Kinderarzt die Diagnose anerkennt. In der Regel müssen Eltern dafür einen Arzt aufsuchen, der sich speziell für die Erkennung und Behandlung dieser Wirbelsäulenstörung weitergebildet hat.

Therapie des KiSS-Syndroms: So wird die Wirbelsäulenstörung behandelt

Beim KiSS-Syndrom führt die Therapie nur ein speziell hierfür geschulter Arzt durch. Als Basis der Behandlung gilt es dabei, die verschobenen Halswirbel wieder in die richtige Position zu bringen und die Blockade auf diese Weise zu lösen. Der Arzt wendet dabei Techniken aus der sogenannten Manualtherapie an. Dabei setzt der Therapeut mit seinen Fingern sanfte Impulse im Bereich der Halswirbelsäule. Im Prinzip stehen zur Therapie des KiSS-Syndroms zwei Verfahren zur Auswahl:

  • Atlastherapie nach Arlen: Der Atlas ist der erste Halswirbel und schließt unmittelbar an den Schädel an. Bei dieser Technik legt der Arzt seine Finger an die Seitenfortsätze des ersten Halswirbels, also rechts und links des Nackens knapp unterhalb der Ohren. Dann übt er mit dem Mittelfinger einen sehr schnellen Impuls in eine bestimmte Richtung auf den Atlas aus. Wie viel Kraft er dabei aufwendet, hängt vom individuellen Fall ab. Für den Beobachter ist die Impulsgebung dieses Therapieverfahrens oft kaum wahrnehmbar. In vielen Fällen wiederholt der Therapeut die Atlastherapie zur Behandlung des KiSS-Syndroms nach einem bestimmten Zeitabstand.

  • Therapie nach Dr. Biedermann und Dr. Gutmann: Dieses Therapieverfahren bezieht die Gelenke zwischen Schädelbasis und erstem Halswirbel, sowie zwischen ersten und zweiten Halswirbel mit ein. Der Impuls kann bei dieser Methode zu beiden Seiten, sowie auch nach oben oder unten erfolgen.

KiSS-Behandlung zieht unter Umständen Nachsorge nach sich

Normalerweise sind beide Therapieverfahren schmerzlos. An die Manualtherapie schließt sich ein behandlungsfreies Zeitintervall von zwei bis drei Wochen an, die sogenannte Reaktionszeit. In diesem Zeitraum sollen auch keine anderen Therapiemaßnahmen, wie etwa Krankengymnastik, stattfinden.

Das KiSS-Syndrom wird auch mit komplexeren Beschwerdebildern in Zusammenhang gebracht, daher kann es sinnvoll sein, die Manualtherapie im Anschluss an die Reaktionszeit durch Krankengymnastik oder Ergotherapie zu ergänzen. Weitere Verfahren zur Behandlung des KiSS-Syndroms hängen von den Symptomen des Einzelfalls ab. So können spezielle Bewegungstherapien bei motorischen Defiziten oder Logopädie bei Sprachentwicklungsstörungen zum Einsatz kommen.

Kassen zahlen nicht für die Therapie des KiSS-Syndroms

Die evidenzbasierte Medizin erkennt das KiSS-Syndrom nicht als Diagnose an. Dementsprechend stehen viele Schulmediziner den Therapieverfahren kritisch gegenüber. Weder über das KiSS-Syndrom noch über die entsprechenden Behandlungsmethoden liegen bislang ausreichende wissenschaftliche Studien vor. Die Krankenkassen übernehmen daher die Kosten für die KiSS-Syndrom-Therapie nicht.

Von KiSS zu KiDD? Verlauf und Prognose

Eine Blockade der Halswirbelsäule, wie beim KiSS-Syndrom, hat normalerweise einen milden Verlauf. Ärzte mit einer entsprechenden Spezialisierung raten dazu, Kinder mit typischen Symptomen möglichst früh untersuchen zu lassen. Zum einen können dadurch andere Erkrankungen als Ursache der Beschwerden aufgedeckt werden, zum anderen hat das KiSS-Syndrom eine gute Prognose, wenn es frühzeitig behandelt wird.

Unbehandelt kann aus dem KiSS- das KiDD-Syndrom werden

Unbehandelt wächst sich das KiSS-Syndrom hingegen nicht aus – so die Befürworter der Diagnose. In der Folge kann sich das sogenannte KiDD-Syndrom entwickeln. KiDD steht dabei als Abkürzung für Kopfgelenks-induzierte Dyspraxie und Dysgnosie (Dyspraxie = gestörte Handlungs- und Bewegungsabläufe; Dysgnosie = Schwierigkeiten, Gelerntes zu reproduzieren). Diese Folge des KiSS-Syndroms zeigt sich meist, wenn die betroffenen Kinder im Kindergarten- beziehungsweise Schulalter sind.

Folgende Störungen und Beschwerden werden mit dem KiDD-Syndrom in Zusammenhang gebracht:

  • Gestörte Bewegungsabläufe
  • Eingeschränkte Wahrnehmung
  • Defizite in der altersgemäßen Sprachentwicklung
  • Probleme beim Lernen und Konzentrationsschwierigkeiten
  • Kopfschmerzen oder Migräne
  • Gestörtes Sozialverhalten
  • ADS- oder ADHS-ähnliche Verhaltensstörungen

KiSS lässt sich nicht vorbeugen, KiDD schon

Sie können dem KiSS-Syndrom nicht vorbeugen, denn seine Ursachen, wie die Lage des Babys im Mutterleib oder den Geburtsverlauf, können Sie nicht vorherbestimmen. Wenn Sie jedoch bei Ihrem Kind Auffälligkeiten beobachten, zum Beispiel eine ungewöhnliche Körperhaltung, überdurchschnittlich langes Schreien oder Probleme beim Stillen, sollten Sie immer einen Kinderarzt zurate ziehen.

Denn neben dem KiSS-Syndrom können solche Symptome auch viele andere Ursachen haben, die nur der Arzt sicher aufdecken und behandeln kann. Finden sich keine anderen Gründe für die Beschwerden und vermuten Sie, dass Ihr Kind vom KiSS-Syndrom betroffen ist, können Sie sich an einen Arzt wenden, der sich auf das Erkennen und Behandeln dieses Beschwerdebildes spezialisiert hat.

Frühzeitige KiSS-Behandlung soll KiDD vorbeugen

Mediziner mit diesem Spezialgebiet sind der Meinung, dass eine frühzeitige Therapie den Folgen des KiSS-Syndroms vorbeugen kann. Grundsätzlich ist es für Eltern wissenswert, dass die Diagnose "KiSS-Syndrom" unter Medizinern umstritten ist und die Krankenkassen nicht für die Behandlungskosten aufkommen.

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