Was ist das KiSS-Syndrom?

KiSS-Syndrom: Umstrittene Diagnose beim Baby

Das KiSS-Syndrom soll für verschiedene Auffälligkeiten beim Baby und Kleinkind verantwortlich sein. Die Existenz des Syndroms ist allerdings umstritten. Was auf ein KiSS-Syndrom hindeuten könnte.

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Einige Mediziner sehen das KiSS-Syndrom als mögliche Ursache für Verhaltensauffälligkeiten beim Baby.
© iStock.com/Spotmatik

„KiSS“ steht für Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung. Der Begriff KiSS-Syndrom wurde 1991 von dem Chirurgen Dr. Heiner Biedermann eingeführt und beschreibt die Folgen, die eine Fehlstellungen der Kopfgelenke auf Babys und Kleinkinder hat.

Die beiden Kopfgelenke verbinden den Kopf mit der Wirbelsäule: Sie befinden sich zwischen der Schädelbasis und dem ersten Halswirbel sowie zwischen dem ersten und dem zweiten Halswirbel. Laut Therorie von Dr. Biedermann kann eine Fehlstellung dieser Gelenke körperliche Veränderungen sowie Verhaltensauffälligkeiten bei dem betroffenen Kind auslösen.

Bislang gibt es keine anerkannten Studien, die die Existenz des KiSS-Syndroms beweisen. Die evidenzbasierte Medizin erkennt es daher nicht als Diagnose an. Außerdem sind sich Medizinern und Therapeuten nicht einig, ob das KiSS-Syndrom Entwicklungsstörungen nach sich zieht und wie groß der Einfluss auf die Gesundheit des Kindes ist.

Artikelinhalte im Überblick:

Stuhlgang beim Baby: Das bedeutet der Windelinhalt

Mögliche Ursachen des KiSS-Syndroms

Die Fehlstellung der Kopfgelenke könnte ihren Ursprung bereits in der Schwangerschaft haben. In den meisten Fällen soll sie aber Folge der Geburt sein. Bei wenigen Babys gilt ein Ereignis in den ersten Lebensmonaten als ursächlich für das KiSS-Syndrom.

Pränatale Ursachen

Wird das KISS-Syndrom auf die Zeit der Schwangerschaft zurückgeführt, sprechen Mediziner von pränatalen oder vorgeburtlichen Ursachen:

  • langes Liegen in Quer-, Steiß- oder hinterer Hinterhauptslage

  • enge Platzverhältnisse bei Mehrlingsschwangerschaften

  • Übertragung (die Schwangerschaft setzt sich über den errechneten Geburtstermin hinaus fort)

Perinatale Ursachen

Befürworter der KiSS-Therorie nehmen an, dass das KISS-Syndrom vor allem während der Geburt (perinatal) verursacht wird. Bei jeder Geburt wirken starke physikalische Kräfte auf das Ungeborene, insbesondere auf Köpfchen und Halswirbelsäule: Um aus Schädellage durch das mütterliche Becken zu kommen, muss der kindliche Kopf eine Drehbewegung durchführen, der der Körper folgt.

Zusätzlich könnten folgende Situationen das KiSS Syndrom auslösen:

  • Zangen- oder Saugglockengeburt

  • Kaiserschnitt, insbesondere ein Notfall-Kaiserschnitt

  • Mehrlingsgeburt

  • Geburtsgewicht über 4000 Gramm

  • sehr schnelle Geburt, Sturzgeburt

  • sehr lange und schwere Geburt

Postnatale Ursachen

Nach der Geburt (postnatal) gelten als mögliche Ursachen:

  • Infektionen im Kopfbereich

  • künstliche Beatmung

  • Unfälle oder Stürze

Mögliche Symptome beim betroffenen Kind

Gemäß der Theorie von Dr. Biedermann empfindet ein betroffenes Baby bei bestimmten Bewegungen Schmerzen. Das führt dazu, dass es diese Bewegungen meidet und in bestimmten Positionen schreit. Die Symptome könnten sich also nicht nur in körperlichen Veränderungen zeigen, sondern auch in einem auffälligem Verhalten des Babys.

Der Zeitpunkt, zu dem die ersten Symptome auftreten, soll sehr unterschiedlich sein: Hat die Fehlstellung der Kopfgelenke ihren Ursprung in der Zeit der Schwangerschaft, können Auffälligkeiten sehr schnell nach der Geburt auftreten. Wird die Fehlstellung durch die Geburt verursacht, dauert es oft mehrere Wochen, bis sich die ersten Symptome einstellen.

Folgendes könnte beim Baby und Kleinkind auf ein KiSS Syndrom hindeuten:

Körperliche Veränderungen:

  • Schädel- und/oder Kopfasymmetrie

  • abgeplatteter Hinterkopf, eventuell Haarabrieb ("KiSS-Fleck" am Hinterkopf)

  • Gesichtsasymmetrie (zum Beispiel ist ein Auge kleiner als das andere)

  • Fehlstellung der Füße

  • unreife Hüftgelenke

  • Gesäßfaltenasymmetrie

Veränderungen bei Bewegung und Körperhaltung:

  • Asymmetrie bei der Kopfhaltung

  • Kopfhalteschwäche und Kopfdrehschwäche

  • Schiefhaltung des Rumpfes, eventuell Überstrecken des Körpers

  • Schieflage im Bett

  • das Kind bewegt Arme und Beine ungleich und einseitig

Verhaltensauffälligkeiten:

  • Entwicklung zum "Schreikind", Dreimonatskoliken

  • das Kind hat Probleme beim Trinken (häufiges Sabbern, Schluckbeschwerden)

  • einseitig auftretende Probleme beim Stillen

  • eindeutige Bevorzugung einer Brust, da das Baby an der anderen Seite nicht entspannt liegen kann

  • Berührungsempfindlichkeit insbesondere beim Hochheben (Kind reagiert mit Schreien oder Weinen)

  • das Baby vermeidet die Bauchlage

  • das Baby hat eine bevorzugte Blickrichtung

  • das Baby dreht sich nur über eine Seite

  • einseitige Schlafhaltung des Kindes

  • Schlafhaltung nach hinten durchgebogen (wie ein "C")

  • das Baby schreit beim Autofahren und im Kinderwagen

  • Schlafstörungen, häufiges Aufwachen und Unruhe

  • das Baby schlägt den Kopf an, beispielsweise gegen die Gitter des Bettchens

  • Auslassen einzelner Entwicklungsphasen

Laut KiSS-Theorie treten diese Symptome nicht alle gleichzeitig auf – oft sind einzelne Bereiche völlig unauffällig. Alle Auffälligkeiten können auch die Folge anderer Ursachen sein oder eine vorübergehende Entwicklungsstufe darstellen. Bleiben sie bestehen oder sind sehr stark ausgeprägt, sollten Eltern aufmerksam werden.

KiSS-Typen

Bezüglich der Fehlhaltung des Kopfes unterscheiden Mediziner zwei KiSS-Typen, wobei bei fast allen Kindern eine Kombination beider Typen vorliegt:

  • KiSS I: Bei dem betroffenen Baby besteht eine fixierte Seitneigung des Kopfes ("muskulärer Schiefhals"). Die Asymmetrie kann sich am ganzen Körper bemerkbar machen: Gesicht und Schädel sind nicht gleichseitig ausgeprägt, es bestehen Asymmetrien an Armen und Beinen, das Kind setzt die Extremitäten nicht gleichermaßen ein und die Pofalte ist nicht gerade.

  • KiSS II: Der Kopf des Kindes ist nach hinten gebeugt, was besonders im Schlaf auffällt und zu einem abgeplatteten Hinterkopf führt. Kopfhaltemuskulatur und Mundmuskulatur sind beeinträchtigt. Dadurch kann es zu Problemen beim Stillen kommen: Insbesondere auf einer Seite hat das Baby Probleme beim Saugen oder Schlucken. Es schluckt zu viel Luft, was zu Erbrechen führen kann. Etwas ältere Babys liegen ungern auf dem Bauch, können den Kopf nicht gut halten und sind im Unterarmstütz oftmals unsicher.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Meist führen die Beobachtungen der Eltern oder die Ergebnisse der Früherkennungsuntersuchungen dazu, dass Babys hinsichtlich einer Kopfgelenk-induzierten Symmetrie-Störung untersucht werden. Kinderärzte, aber auch Kinderorthopäden, besonders geschulten Physiotherapeuten oder Osteopathen führen diese Untersuchungen durch.

Im ersten Schritt werden in einem ausführlichen Gespräch die aufgetretenen Beschwerden und die möglichen Ursachen besprochen.

Darauf folgt eine körperliche Untersuchung des Kindes: Der Mediziner achtet insbesondere auf Abweichungen von der altersgemäßen Entwicklung, auffällige Körperhaltungen, Auffälligkeiten der Schädelform oder eine erhöhte Muskelspannung. Außerdem überprüft er Reflexe und untersucht die Wirbelsäule sowie das Becken des Kindes.

Meist lässt der Untersucher eine Röngtenaufnahme anfertigen, um die Form der Wirbelsäule und die Stellung der Wirbel zueinander genau beurteilen zu können und um andere Probleme im Bereich der Kopfgelenke auszuschließen.

Was tun beim KiSS Syndrom?

Das gemeinsame Ziel aller KiSS-Therapien ist es, die verschobenen Halswirbel wieder in die richtige Position zu bringen, die Bewegungsblockaden zu lösen und somit das Kopfgelenk wieder beweglich zu machen. Dadurch sollen Verspannungen und Verhärtungen in der umgebenden Muskulatur aufgelöst werden. Laut KiSS-Theorie kann die Behandlung schon in den ersten Lebenswochen und -monaten beginnen und sollte nach Diagnosestellung schnellstmöglich durchgeführt werden.

Folgende Kiss-Spezialtechniken stehen zur Verfügung:

  • Atlastherapie nach Arlen: Diese Therapieform dient insbesondere der Behandlung von Fehlstellungen und Blockaden in Bereich des ersten Halswirbels.

  • Therapie nach Dr. Biedermann und Dr. Gutmann: Dieses Therapieverfahren behandelt beide Kopfgelenke.

Auch manuelle Therapien aus dem Bereich der Physiotherapie finden beim KiSS Syndrom Anwendung:

  • Osteopathie

  • Dorntherapie

  • Kraniosakraltherapie

  • Myoreflextherapie

  • Therapien nach Vojta und Bobath

  • Therapie nach Feldenkrais

Nur ausgebildete Therapeuten, die in der Behandlung von Säuglingen erfahren sind, sollten all diese Therapieformen durchführen. Nach einer Behandlung aus dem Bereich der manuellen Therapie ist ein behandlungsfreies Zeitintervall von zwei bis drei Wochen erforderlich. Danach wird die manuelle Therapie wiederholt oder eine krankengymnastische Behandlung angeschlossen. In einigen Fällen ist eine Nachbehandlung mit Ergotherapie oder Logopädie sinnvoll. Eine Dauertherapie ist in den allermeisten Fällen nicht notwendig.

Zwischen unterschiedlichen Therapien sollte eine Regenerationspause von mehreren Wochen liegen.

Viele Eltern berichten von schnellen Therapieerfolgen durch manualtherapeutische Behandlungen und Osteopathie: Nach Behandlungszeiten von zwei bis drei Wochen bessere sich insbesondere das Schlafverhalten des Kindes deutlich.

Da die evidenzbasierte Medizin das KiSS Syndrom nicht als Diagnose anerkennt, übernehmen Krankenkassen die Kosten für eine Therapie im Allgemeinen nicht.

Welchen Verlauf können Eltern erwarten?

Laut KiSS-Theorie ist der Verlauf bei frühzeitiger Behandlung in der Regel mild und die Prognose gut. Unbehandelt soll das KiSS-Syndrom zu motorischen Problemen, Haltungsschäden, Schlaf- und Entspannungsstörungen, gehemmter Sprachentwicklung, ADHS, Lern- und Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Bettnässen sowie Gedeihstörungen führen.

KiDD-Syndrom

Auch bei älteren Kindern und Erwachsenen könnte sich ein unbehandeltes KiSS-Syndrom bemerkbar machen. Als mögliche Folgeerscheinung gilt das sogenannte KiDD-Syndrom. KiDD ist die Abkürzung für Kopfgelenk-induzierte Dyspraxie/Dysgnosie.

Beschwerden, die in Zusammenhang mit dem KiDD-Syndrom stehen sollen, sind:

ADHS bei Erwachsenen und Kindern: 20 wichtige Symptome

Welche Kritik gibt es an der KiSS-Theorie?

Experten sind sich nicht einig, ob die körperlichen Asymmetrien bei Babys auf einer Blockade der Kopfgelenke beruhen. Viele Ärzte sind der Meinung, dass Zwangslagen in der Gebärmutter zu einer einseitigen Verkürzung der Rumpf- und Halsmuskulatur führen. Der Grund für die Beschwerden des Babys sind nach Ansicht dieser Mediziner rein muskulärer Natur und nicht auf eine Wirbelblockade zurückzuführen. Somit fordern Ärzte andere Behandlungsmethoden als die typischen KiSS-Behandlungen.

Ein weiterer umstrittener Punkt ist der angenommene Zusammenhang zwischen Wirbel-Fehlstellung und Entwicklungsstörungen, für den keine nachvollziehbaren Beweise vorliegen.

Die Manipulationen an der kindlichen Halswirbelsäule bergen gewissen Risiken und werden von vielen Ärzten kritisch gesehen. Zudem kritisieren Mediziner die sehr frühe und oft mithilfe einer Röngtenaufnahme durchgeführte Diagnosestellung eines KiSS Syndroms: Diese bringt eine erhebliche Strahlenbelastung für das Baby mit sich, zudem halten sie so frühe Untersuchungsergebnisse nicht für aussagefähig.

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