Sexsucht
Sexuelle Hörigkeit: Süchtig nach Zuneigung
Wer sich von seinem Partner schlecht behandeln und auch im Bett zu unangenehmen Praktiken nötigen lässt, ist sexuell hörig. Dieses suchtähnliche Verhalten wird durch frühkindliche Störungen hervorgerufen. Ein Ausweg aus dieser Krankheit fällt den meisten Betroffenen schwer, zumal sexuelle Hörigkeit sich völlig unterschiedlich äußert.
Meike leidet, schmachtet, leidet: Ihre Gedanken und Gefühle kreisen ausschließlich um ihren Freund Tilman. Immer wieder beschimpft er sie, auch vor anderen Leuten: "Du nervst!" gehört noch zu den softeren Ausdrücken, mit denen er sie manchmal herunter macht. Sie wartet oft sehnsüchtig auf ihn, um dann kurz abgefertigt zu werden. Selbst mit Gegenständen hat er schon nach ihr geworfen. Und trotzdem: "Vielleicht hat Tilman ja nur Angst vor unserer Liebe, weil er früher schlechte Erfahrungen gemacht hat", nimmt Meike ihren Freund in Schutz. Doch je mehr Verständnis sie aufbringt, umso heftiger werden seine Entgleisungen. "Wenigstens im Bett klappt es" - glaubt sie zumindest: "Ich habe ständig Lust auf ihn, bin jederzeit für ihn bereit." Doch er hat "keinen Bock", lässt auch im Bett seine Launen an ihr aus. Tilman nötigt sie zu Dingen, die Meike eklig findet.
Eine Sucht mit vielen Gesichtern
"Sexuelle Hörigkeit hat viele Gesichter", weiß Werner Gross, Psychologe am Psychologischen Forum in Offenbach. So offensichtlich wie im Fall von Meike tritt das krankhafte Verhaltensmuster selten auf. "Schon bei einer Trennung, die nur vom Partner ausgeht, kann ein Mensch ähnliche Verhaltenssymptome an den Tag legen." In jeder Partnerschaft, bei jeder körperlichen Vereinigung ist Abhängigkeit mit im Spiel. Aber erst wenn "ein ungewöhnliches Maß von Anhänglichkeit und Respekt oder von Willensschwäche und Unselbständigkeit" hervorgerufen werde, könne von "geschlechtlicher Hörigkeit" gesprochen werden, erläuterte Richard von Krafft-Ebing bereits 1892 im Jahrbuch für Psychiatrie.
Diese Hörigkeit kann auf eine bestimmte Person oder auf einen sexuellen Reiz bezogen sein. "Auch der narzisstische Wunsch, sich mit dem idealisierten Partner zu identifizieren, kann Abhängigkeit auslösen", sagt Gross. Klassisches Beispiel dafür sind die Lack- und Leder-Stereotype in der Sado-Maso-Szene. Kritisch wird es, wenn ein Abhängigkeitsverhältnis die Züge von Suchtverhalten annimmt. Gross: "Da gibt es viele Parallelen zu Sekten." Alles fängt ganz harmlos an und plötzlich weiß die abhängige Person nicht mehr, wie sie sich aus ihrem Emotionssumpf befreien soll.
Wiederholungszwang: Immer wieder der gleiche Albtraum
Anfällig, sexuell hörig zu werden, sind Männer wie Frauen, deren Psyche schon im frühen Säuglingsalter gestört wurde. "In der oralen Phase", erläutert Gross, "wird die narzisstische Seite des Menschen geprägt." Diese These stützt auch Renate Stöber, die in ihrer Kölner Praxis Pflegekinder und -eltern berät: "Sexuell Hörige suchen Zuneigung über Sex." Dabei stehen sie trotz ihrer negativen Erlebnisse unter Wiederholungszwang. "Sie begeben sich immer wieder in den gleichen Albtraum, mit dem verzweifelten Wunsch, e i n m a l die ersehnte Zuneigung zu erlangen und dadurch ihre alten Erfahrungen zu relativieren." Einziger Trost: Sexuelle Hörigkeit ist kein häufiges Phänomen. Gross überschlägt: "In den vergangen 20 Jahren hatte ich rund 20 Patienten mit diesem Problem in meiner Praxis."









