Plötzlicher Hörverlust

Hörsturz: Ursachen, Symptome und Therapie

Pfeifende oder brummende Ohrgeräusche oder ein Druckgefühl im Ohr kündigen ihn an: den Hörsturz. Die plötzlich auftretende Hörstörung tritt ohne erkennbare Ursache auf. Verschwinden die Beschwerden nicht innerhalb von wenigen Tagen von selbst, muss der Weg zum Arzt führen.

Hören wie durch Watte
Plötzliche Stille: Bei einem Hörsturz streikt der Hörsinn ganz unvermittelt ohne Grund. Wer sich richtig verhält, beugt bleibenden Schäden vor.
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Ein Horrorszenario: Plötzlich streikt der Hörsinn, jedes Geräusch hört sich an wie durch einen Wattebausch gefiltert. Mehr als 150.000 Menschen erleiden laut Deutscher Tinnitus-Liga in Deutschland jedes Jahr einen Hörsturz, eine plötzliche einseitige Innenohrschwerhörigkeit, die sich im Extremfall auch als vollständiger Hörverlust äußern kann. Die aktuelle Behandlungsleitlinie für Ärzte setzt höher an: Ihr zufolge sind es bis zu 328.000 Einwohner in Deutschland jährlich, die ein Hörsturz beeinträchtigt. Am häufigsten trifft es Menschen um das 50. Lebensjahr, wobei immer häufiger auch Jüngere betroffen sind. Beide Geschlechter sind gleichermaßen gefährdet.

Der Hörsturz ist kein Notfall, der sofort therapiert werden muss. "Wer einen Hörsturz vermutet, muss sich keinesfalls mit Blaulicht ins Krankenhaus fahren lassen", sagt Jan Löhler, Facharzt für HNO-Heilkunde in Bad Bramstedt und Mitglied des Deutschen Berufsverbands für HNO-Ärzte: "Die Beschwerden verschwinden oftmals von selbst. Nach 48 Stunden ohne erhebliche Besserung sollte allerdings ein Arzt aufgesucht werden." Dieser wird nach der Diagnose unter Umständen eine Kortison-Behandlung einleiten.

Falsch informiertes Gehirn

Ein Hörsturz passiert im Innenohr. Es wird zu wenig durchblutet, was dazu führt, dass die Haarzellen im Innenohr nicht mehr genügend Sauerstoff abbekommen. In Folge können sie Schallwellen in einem bestimmten Tonfrequenzbereich nicht so wahrnehmen, wie sie eigentlich sollten. Daher wandeln die Haarzellen die Impulse der Schallwellen nicht mehr fehlerfrei in elektrische Signale um. Die fehlerhaften elektrischen Signale werden von Nerven ins Gehirn weitergeleitet und gelangen dort ins Hörzentrum. Dort angekommen meldet das Gehirn nicht wie gewohnt, dass wir sie als Worte, Musik oder Vogelzwitschern wahrnehmen sollen.

Warum kommt es zum Hörsturz? Mögliche Ursachen

Die Ursachen für die mangelnde Durchblutung im Innenohr, die einen Hörsturz kennzeichnet, sind noch nicht abschließend geklärt. Daher auch der Fachbegriff akute idiopathische Innenohrschwerhörigkeit, was so viel bedeutet wie plötzlich auftretende Innenohrschwerhörigkeit ohne erkennbare Ursache.

Mehrere Faktoren wie beispielsweise Durchblutungsstörungen oder Stress werden als Auslöser diskutiert. "Vor allem schlechter Stress wirkt sich negativ auf unsere Gesundheit aus", erklärt Löhler: "Er entsteht beispielsweise, wenn Arbeiten als überfordernd und wenig sinnstiftend empfunden werden oder emotional sehr belastend sind". Es gibt jedoch auch eine Reihe von erfassbaren Risikofaktoren und Krankheitsbildern, die einen Hörsturz auslösen können. Dazu zählen:

  • Durchblutungsstörungen im Innenohr
  • Halswirbel- und Kieferfehlstellungen
  • zu hohe Cholesterinwerte
  • Entzündung des Innenohrs oder Ohrverletzungen
  • Virale Infektionen (Mumps-, Herpes-, Zoster-, Masern-, Influenza- oder Adeno-Viren befallen besonders Nerven, also auch den Hör- und Gleichgewichtsnerv). Im Mittelohr hinter dem Trommelfell bildet sich dann Flüssigkeit und der Schall wird weniger gut weitergeleitet.
  • Autoimmunerkrankungen
  • Hirnhautentzündung
  • Multiple Sklerose
  • Toxische Einflüsse wie Drogen oder Arzneimittel
  • Tumore
  • Mechanische Verletzungen wie ein Schädeltrauma
  • Herz-Kreislauferkrankungen
  • Tubenkatarrh (Entzündung der Ohrtrompete) oder Paukenerguss
  • Herpes-Infektion am/im Ohr (Zoster oticus)
  • Drehschwindel (Morbus Menière)

Symptome: Hörverlust ohne Schmerzen

"Hörsturz-Patienten berichten neben dem plötzlichen Hörverlust häufig von Begleiterscheinungen wie pfeifenden oder brummenden Ohrgeräuschen – dem sogenannten Tinnitus – oder einem Druckgefühl im Inneren des Ohrs", erklärt HNO-Arzt Jan Löhler. Typischerweise empfinden Betroffene ein dumpfes Gefühl im Ohr, als ob Watte darin stecken würde. Auch die Ohrmuschel kann betroffen sein und sich pelzig anfühlen.

Da ein Hörsturz auf ein schlecht durchblutetes Innenohr zurückzuführen ist und im Innenohr auch das menschliche Gleichgewichtsorgan liegt, vergesellschaftet sich ein Hörsturz manchmal mit Schwindelgefühlen.

Meist ist nur ein Ohr betroffen. Der Hörverlust kann im Laufe von Stunden zunehmen, sich aber auch als plötzliche Ertaubung zeigen. Von Fall zu Fall unterschiedlich sind auch die betroffenen Tonfrequenzen, die nicht mehr einwandfrei wahrgenommen werden. Manche Patienten hören hohe Töne, manche mittlere oder tiefe Töne nicht mehr so klar wie vor dem Hörsturz. Schmerzen treten allerdings keine auf.

Tinnitus: 15 Fakten über Ohrgeräusche

 

Hörtests und Ausschluss anderer Krankheiten: Die Diagnose

Am Anfang steht beim Hals-Nasen-Ohrenarzt immer das Gespräch. In diesem sogenannten Anamnese-Gespräch geht es um die Art der Symptome, die Dauer der Beschwerden und ob Vorerkrankungen bestehen. Der Arzt wird ebenfalls abklären, ob der Patient starkem Lärm ausgesetzt war, was ein Knalltrauma zur Folge haben kann. Auch bestimmte Medikamente können Hörstörungen hervorrufen. Der Mediziner fragt deshalb nach, welche Arzneimittel der Patient einnimmt.

Im Anschluss folgt die Untersuchung. Dazu gehört das Blutdruckmessen und das Überprüfen der Ohren. Mit einem Otoskop schaut sich der Mediziner den äußeren Gehörgang und das Trommelfell an. In manchen Fällen kann die otoskopische Untersuchung sofort Abhilfe schaffen. Nämlich dann, wenn der Druck auf dem Ohr an einem durch Ohrenschmalz verstopften Gehörgang liegt. Mit speziellen Instrumenten kann der Arzt den Schmalzstein sofort entfernen. Kann der HNO-Arzt keinen Grund für den Hörverlust finden, wird er einige Untersuchungen am Ohr durchführen:

Mit einem Ohrmikroskop kann er Fremdkörper oder Entzündungen im Gehörgang oder Verletzungen oder Veränderungen durch eine Mittelohrentzündung am Trommelfell erkennen. Auch ein einfacher Hörtest, die Stimmgabelprüfung, zählt zur Diagnose und hilft Mittelohr- und Innenohrschwerhörigkeit zu unterscheiden. Hierzu wird dem Patienten eine schwingende Stimmgabel auf den Scheitel gesetzt und danach gefragt, auf welcher Seite er den Ton lauter hört. Der Ton der Stimmgabel wird durch die Knochen weitergeleitet und vom gesunden Patienten auf beiden Seiten gleich laut wahrgenommen. Bei einem Hörsturz empfindet der Patient den Ton im gesunden Ohr als lauter.

Innenohrdruck und Haarzellen prüfen

Als weiterer schmerzloser Hörtest folgt meist eine Audiometrie. Mit dieser Methode prüft der Arzt, ab welcher Lautstärke der Patient die Töne des hörbaren Frequenzbereichs wahrnimmt. Über einen Kopfhörer werden dabei Töne in verschiedenen Frequenzbereichen und Lautstärken abgespielt. Sobald der Patient einen Ton hört, gibt er ein Zeichen. Auf diese Art und Weise kann der Arzt das Ausmaß der Hörstörungen einschätzen.

Um eine Erkrankung des Hörnervs auszuschließen, ist es sinnvoll, zusätzlich den Druck im Innenohr zu messen (Tympanometrie). Auch die Messung der TEOAE (transitorische evozierte otoakustische Emissionen) dient der Ausschlussdiagnostik. TEOAE sind automatische Reaktionen der Haarzellen auf Schall. Die Haarzellen reagieren, indem sie die Schallwellen verstärken und wieder zurückgeben. Störungen der Haarzellen führen dazu, dass die Reaktion nicht mehr oder nur vermindert eintritt.

Der Arzt diagnostiziert erst dann eine akute idopathische Innenohrschwerhörigkeit, wenn er Erkrankungen, die eine Hörstörung zur Folge haben können, ausschließen kann. Dazu zählt beispielsweise eine Entzündung der Ohrtrompete oder eine Herpes-Infektion. In manchen Fällen wird der HNO-Arzt den Patienten daher an andere Fachärzte überweisen. Steht die Diagnose fest, dass es sich um eine Innenohrschwerhörigkeit ohne erkennbare Ursache handelt, beginnt die Hörsturz-Behandlung.

Verlauf eines Gehörsturzes

Wie bei den Symptomen ist auch der Verlauf eines Hörsturzes sehr unterschiedlich. In etwa der Hälfte aller Fälle verbessert sich das Hören innerhalb der ersten 24 Stunden unabhängig von der Behandlung wieder. Die Rate an Spontanheilungen in den ersten Wochen nach einem Hörsturz ist hoch. Bei 60 bis 90 Prozent der Patienten bleiben keine Schäden zurück.

Besonders gut sind die Heilungschancen bei einem leichten Hörverlust. Aber auch schwere Fälle können bei frühzeitiger Behandlung völlig ausheilen. Frühzeitig bedeutet nicht, dass man sofort zum Arzt hetzen sollte. "Auch wenn die Therapie 48 Stunden nach einem Hörsturz einsetzt, ist das kein Problem," versichert Facharzt Löhler. "Jedoch sollten alle Hörprobleme, die länger als zwei Tage andauern, vom Arzt abgeklärt werden." Ein unbehandelter Hörsturz kann nämlich zu dauerhaften Hörminderungen führen.

Die Wahrscheinlichkeit, nach einem Hörsturz einen zweiten zu erleiden, liegt bei rund 30 Prozent. Vor allem diejenigen sind gefährdet, die weiterhin Bluthochdruck haben oder anderen Risikofaktoren ausgesetzt sind. Aber auch anhaltender Stress kann zu einem Rückfall führen.

Fortbestehende Hörprobleme nach einem schweren Hörsturz können den Alltag immens beeinflussen. Vor allem Gespräche in großer Runde gestalten sich als schwierig. Die Richtung, aus der ein Geräusch kommt, lässt sich nicht mehr so gut ausmachen. Ein Hörgerät unterstützt das betroffene Ohr. Richtig eingestellt, können die Tonfrequenzen wieder wahrgenommen werden, die im betroffenen Ohr nicht mehr ankommen. Außerdem hilft das Hörgerät einen störenden Tinnitus zu mildern.

Erste Wahl: Therapie mit Entzündungshemmern

Nicht jeder Hörsturz bedarf einer Behandlung. Bei einer leichten Form und in Absprache mit dem Arzt kann der Patient wenige Tage abwarten, da in vielen Fällen die Beschwerden von selbst verschwinden. In der Wartezeit sollten es die Patienten etwas ruhiger angehen lassen: Entspannen, früher schlafen gehen und auf Alkohol und Nikotin verzichten ist angesagt. Wer sehr beunruhigt ist, vorgeschädigte Ohren oder einen schweren Hörsturz erlitten hat, sollte jedoch sofort zum Arzt. 

Standardtherapie ist die Behandlung mit Glukokortikoiden wie Cortison als wohl bekanntestem Glukokortikoid. Es zählt zu den Hormonen, die unseren Zuckerstoffwechsel beeinflussen. Der Körper kann Glukokortikoide selbst produzieren, sie können aber auch synthetisch hergestellt werden. Eine ihrer wichtigsten Eigenschaften ist die entzündungshemmende Wirkung. Standardmäßig verabreichen Ärzte im Rahmen der Hörsturz-Therapie wenige Tage lang hochdosiert Cortison. Dieses wird in Tablettenform verabreicht oder als Lösung in die Blutbahn oder ins Ohr gespritzt. Die Kassen zahlen diese Behandlung nicht.

Bringt die Behandlung mit Cortison keinen Erfolg, gibt es die Möglichkeit der Sauerstoff-Überdruckbehandlung, deren Nutzen allerdings nicht erwiesen ist. Die Patienten atmen dabei in einer Druckkammer reinen Sauerstoff über eine Sauerstoffmaske ein. Das Blut wird so mit Sauerstoff angereichert. Gesetzlich Versicherte müssen für die Therapie selbst aufkommen, eine Sitzung kostet rund 200 Euro.

Überholte Behandlungsmethoden bei Hörsturz

Infusionstherapien mit durchblutungsfördernden Präparaten, die früher zum Einsatz kamen, werden nicht mehr angewendet. Studien sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sie keinen erwähnenswerten Effekt haben und sogar zu unerwünschten Nebenwirkungen führen können, meldet der Berufsverband der HNO-Ärzte. Auch blutverdünnende Lösungen, die in der Vergangenheit häufig nach einem Hörsturz als Infusion verabreicht wurden, werden nicht mehr empfohlen.

Auch andere Verfahren, die den Blutfluss verändern, etwa die Hämapherese (ein Verfahren zur Blutreinigung) oder Medikamente mit Acetylsalicylsäure, führt die Behandlungsleitlinie nicht mehr auf.

Dem Hörsturz vorbeugen?

"Wirklich vorbeugen kann man dem Hörsturz zwar nicht", sagt Jan Löhler. "Wer allerdings genügend schläft, sich ausreichend bewegt und schlechten Stress meidet, lebt gesünder und kann einigen Risikofaktoren wie beispielsweise dem Bluthochdruck vorbeugen."

Wenn zu viel Arbeit auf dem Tisch liegt, man sich überfordert fühlt, handelt es sich um ungesunden schlechten Stress. Positiven Stress dagegen bringen sinnstiftende Aufgaben, die gut zu bewältigen sind.

Wer sich häufig unausgeglichen und unruhig fühlt, kann es mit Entspannungstechniken wie dem Autogenen Training versuchen. Wo ausreichend Bewegung die Durchblutung anregt, führt Rauchen zu Durchblutungsstörungen. Deshalb ist es ratsam, mit dem Rauchen aufzuhören. Tipps gibt folgende Galerie:

Zehn gute Gründe, mit dem Rauchen aufzuhören

 

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Autor:
Letzte Aktualisierung: 17. Mai 2016
Quellen: Beratender Experte: Dr. Jan Löhler, Facharzt für HNO-Heilkunde und Direktor des Wissenschaftlichen Instituts für angewandte HNO-Heilkunde des Berufsverbands der HNO-Ärzte e.V.; Probst, R., Grevers, G., Iro, Heinrich: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme; Leitlinien der Dt. Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie: Hörsturz. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 017/010; http://www.hno-aerzte-im-netz.de/krankheiten/hoersturz/was-ist-ein-hoersturz.html

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