Hymen oder vaginale Korona

Jungfernhäutchen: So sieht es wirklich aus

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Um das Jungfernhäutchen (Hymen) ranken sich zahlreiche Mythen. Wie sieht es aus? Wie tief liegt es in der Scheide? Wann reißt das Hymen? Woran lässt sich erkennen, ob es gerissen ist? Und: Lässt sich das Jungfernhäutchen wiederherstellen?

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Dass das Jungfernhäutchen ein verschlossenes Häutchen ist, gehört in den Bereich der Mythen: Tampons & Co. sind deshalb kein Problem.
© Shutterstock/Olga Rolenko

Das als Jungfernhäutchen (Hymen) bezeichnete Organ ist – entgegen gängiger Vorstellungen – keine Membran, die die Vagina von Mädchen und Frauen vor dem ersten Geschlechtsverkehr verschließt. Vielmehr handelt es sich um ein dünnes, individuell geformtes Schleimhautkränzchen, das direkt hinter den kleinen Schamlippen, auch Vulvalippen genannt, etwa zwei bis fünf Zentimeter tief im Scheideneingang liegt. In Schweden wird seit 2009 der Begriff vaginale Korona (Lateinisch für Kranz) anstelle des Wortes Jungfernhäutchen verwendet.

Im Überblick:

Ausfluss: Was ist normal und wann besser zum Arzt?

Welche Funktion hat das Hymen?

Damit sich die Sexualorgane weiblicher Föten im Mutterleib richtig entwickeln können, müssen sie vor eindringendem Fruchtwasser geschützt werden. Diese Aufgabe hat das Jungfernhäutchen: Es verschließt die Vaginalöffnung des Embryos zunächst vollständig, bildet sich aber im Normalfall kurz vor der Geburt zurück, bis es die Form eines elastischen, ringförmigen Saums besitzt. Da die weiblichen Geschlechtsorgane erst mit Beginn der Pubertät die Bildung von Milchsäurebakterien anregen, die sie vor in die Scheide eindringenden Keimen schützen, sind einige Fachleute der Meinung, der vaginalen Korona komme auch bis dahin noch eine gewisse Schutzfunktion zu.

Was ist dran am Mythos der Entjungferung?

Dass eine Frau bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr mit einem Mann entjungfert (defloriert) wird, indem sein Penis ihr Jungfernhäutchen durchstößt, ist bei einer normal entwickelten Scheide unmöglich – dennoch hält sich dieser Mythos hartnäckig in vielen Köpfen. Häufig liegt ihm die patriarchalisch geprägte Ansicht zugrunde, eine Frau habe für ihren Mann bis zur Hochzeit unberührt, also sexuell unerfahren, zu bleiben. Der Mythos vom intakten Hymen als Nachweis für Jungfräulichkeit ist noch heute in vielen Kulturen und Religionen verankert und kann für Mädchen große psychische Belastung bedeuten. Oftmals gehört es zum Heiratsritus, dass ein frisch getrautes Paar seinen Angehörigen nach der Hochzeitsnacht ein blutbeflecktes Bettlaken präsentiert. Das Blut soll vom Riss des Jungfernhäutchens stammen. Allerdings zeigen Studien, dass mindestens die Hälfte aller Frauen beim ersten Sex keine Blutung erlebt. Falls es tatsächlich blutet, können auch kleine Verletzungen der Vaginalschleimhaut dahinter stecken. Schmerzen beim ersten Geschlechtsverkehr werden häufig durch ein Verkrampfen der Vaginal- oder Beckenbodenmuskeln und/oder einen unerfahrenen und unsensiblen Partner verursacht.

Lässt sich am Hymen feststellen, ob ein Mädchen schon Sex hatte?

Ebenso wenig, wie ein Mann spüren kann, ob seine Sexualpartnerin noch Jungfrau ist, lässt sich am Aussehen des Hymens ablesen, ob eine Frau bereits Geschlechtsverkehr hatte oder nicht. Es gibt sogar weibliche Babys, die ohne vaginale Korona zur Welt kommen. Auch bei gynäkologischen Untersuchungen ist nicht feststellbar, ob ein Mädchen noch Jungfrau ist. Für Einrisse oder andere Veränderungen am Jungfernhäutchen kommen viele verschiedene Ursachen in Betracht.

Umgekehrt ist eine unversehrte vaginale Korona kein Nachweis für sexuelle Enthaltsamkeit: Bei der gynäkologischen Untersuchung von 36 schwangeren Teenagerinnen im Rahmen einer US-Studie wiesen lediglich zwei der Probandinnen ein verändertes Jungfernhäutchen auf.

Wie kann das Jungfernhäutchen reißen?

Ob beziehungsweise wodurch die vaginale Korona einreißt, ist sehr individuell, weil jeder Körper einzigartig ist. Auch die Frage, wie das Jungfernhäutchen aussieht, wenn es gerissen ist, lässt sich folglich nicht pauschal beantworten. Theoretisch kann alles, was in die Vagina eingeführt wird, die vaginale Korona verletzen. Dass sie durch den Gebrauch von Tampons, Selbstbefriedigung oder gar bei sportlichen Aktivitäten wie Gymnastik oder Reiten einreißt, halten viele Fachleute aufgrund der hohen Gewebeelastizität für eher unwahrscheinlich. Unbestritten ist hingegen, dass bei einer natürlichen Geburt häufig das Hymen der gebärenden Frau verletzt wird. Allgemein sind großflächige Vaginalkränzchen anfälliger für Risse als kleine, schmale. Verletzungen an dieser Stelle heilen normalerweise ohne Narbenbildung ab.

Lässt sich das Jungfernhäutchen wiederherstellen?

Einige auf plastische Chirurgie oder Gynäkologie spezialisierte Arztpraxen werben auf ihren Webseiten mit einer operativen Wiederherstellung des Jungfernhäutchens (Hymenorrhaphie oder Hymenrekonstruktion, auch Revirginisierung genannt). Die Kosten dafür liegen in Europa je nach Standort zwischen 500 und 4.000 Euro.

Da die Hymenrekonstruktion die Diskriminierung von Frauen nicht bekämpft, sondern den Mythos von der Entjungferung indirekt aufrechterhält, befürwortet die Frauenrechtsbewegung die OP nicht – oder sieht in ihr lediglich einen letzten Ausweg für Mädchen, die andernfalls von ihren Familien verstoßen würden oder wegen vorehelicher sexueller Aktivitäten gar einen sogenannten Ehrenmord fürchten müssten. Auch in der Medizin gibt es immer wieder Debatten über die ethische Vertretbarkeit des Eingriffs, unter anderem, weil er medizinisch nicht notwendig ist, Betrugscharakter hat und ihm ein falsches Bild der weiblichen Anatomie zugrunde liegt.

Bevor eine junge Frau eine Jungfernhäutchen-Wiederherstellung in Erwägung zieht, sollte sie sich an eine spezialisierte Beratungsstelle wenden (beispielsweise von der Organisation pro familia): Im Rahmen einer niederländischen Studie entschieden sich 49 von 73 ursprünglich an einer Hymenrekonstruktion interessierte Probandinnen gegen die OP, nachdem sie ausführlich über den Mythos der am Hymen ablesbaren Jungfräulichkeit aufgeklärt worden waren. Zudem teilte man ihnen alternative Möglichkeiten mit, die Familie oder den zukünftigen Ehemann anderweitig zufriedenzustellen – etwa durch Verwendung von Kunstblut oder färbenden Vaginaltabletten in der Hochzeitsnacht.

Wie jede Operation birgt auch eine Hymenrekonstruktion die Gefahr von Komplikationen wie beispielsweise Wundheilungsstörungen, Nachblutungen oder Infektionen. Zudem ist das Ergebnis umstritten, da niemand sagen kann, wie das Jungfernhäutchen der betreffenden Frau in unversehrtem Zustand ausgesehen hätte.

Wie verläuft eine OP zur Wiederherstellung des Jungfernhäutchens?

Üblicherweise wird eine Hymenrekonstruktion ambulant unter örtlicher Betäubung durchgeführt. Es gibt verschiedene Operationsverfahren: vom Kleben mit Gewebekleber bis hin zum Vernähen der vorhandenen Hymenreste mit selbstauflösenden Fäden. Manchmal wird auch ein körpereigenes oder ein künstliches Hauttransplantat zu Hilfe genommen. Damit der Schleimhautsaum des Jungfernhäutchens beim ersten Geschlechtsverkehr nach der OP möglichst einreißt und blutet, wird er gegebenenfalls zusätzlich angeraut oder mit einem Laser bearbeitet. Auf diese Weise soll die operierte Frau rituellen Forderungen nach einer Blutung in der Hochzeitsnacht nachkommen können. Der Eingriff dauert insgesamt etwa 30 Minuten.


Ein Antibiotikum und abschwellende Medikamente können das Risiko von Komplikationen reduzieren. Am Tag nach der Operation findet einmalig ein Verbandswechsel statt. Nach einer Rekonstruktion des Jungfernhäutchens müssen bestimmte Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden (zum Beispiel Intimbereich nur mit klarem Wasser reinigen, körperliche Schonung).

Welche Probleme kann das Hymen verursachen?

Ein geringer Prozentsatz aller Mädchen kommt mit einem vollständig verschlossenen Genital zur Welt (Hymenalatresie oder Hymen imperforatus). Da in diesem Fall Scheidenabsonderungen und später auch Menstruationsblutungen nicht abfließen können, sollte bereits im Neugeborenenalter ein kleiner operativer Schnitt am Jungfernhäutchen vorgenommen werden (Hymenalspaltung). Manchmal fällt eine Hymenalatresie jedoch erst nach dem Einsetzen der Menstruation auf. Dann kann es zu schmerzhaften Blutansammlungen in der Scheide beziehungsweise im Unterleib kommen und die Hymenalspaltung muss so rasch wie möglich erfolgen.

Bei wenigen Mädchen ist die Öffnung der vaginalen Korona äußerst klein oder das Organ nicht ring- sondern brückenartig geformt, was beispielsweise Schwierigkeiten bei der Verwendung von Tampons und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr verursachen kann. Auch hier ist ein kleiner, meist ambulant und unter lokaler Betäubung durchgeführter operativer Eingriff notwendig. Selten treten gutartige Wucherungen (Tumoren) am Jungfernhäutchen auf.

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