Unterschied der Geschlechter

Gendermedizin: Gesundheit ist nicht geschlechtsneutral

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Frauen zeigen andere Symptome als Männer und benötigen oft eine andere Therapie. Bisher finden geschlechtsspezifisch bezogene Forschungsergebnisse aber nur selten Eingang in die medizinische Lehre. Die Gendermedizin setzt sich dafür ein, Medikamente und Behandlungen individuell an die Bedürfnisse aller Gruppen anzupassen. Warum das wichtig ist!

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© Getty Images/Malte Mueller

Kurzübersicht

Was ist Gendermedizin? Die Gendermedizin ist ein Fachgebiet, das sich auf die geschlechtsspezifische Erforschung und Behandlung von Krankheiten konzentriert.

Was sind die Ziele der Gendermedizin? Mehr Wissen in Medizin und Pflege über geschlechterspezifische Unterschiede, Förderung der Geschlechterforschung, Aufklärung und bessere Versorgung der Bevölkerung

Artikelinhalte im Überblick:

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Was ist Gendermedizin?

Bei Gendermedizin, auch geschlechtsspezifische oder geschlechtersensible Medizin, handelt es sich um einen medizinischen Ansatz, der sich mit dem Geschlecht als Einflussgröße auf die

  • Behandlung,
  • Diagnose,
  • Forschung und
  • Prävention

beschäftigt. Dabei wird nicht nur das biologische Geschlecht im Sinne von Mann und Frau verstanden, auch diverse Gruppen wie Trans* und nonbinäre Menschen sollen mehr berücksichtigt werden. Denn genauso wie biologische Gesichtspunkte sind auch das gesellschaftlich zugewiesene und sozial konstruierte Geschlecht (Gender) sowie die sexuelle Selbstidentifikation relevant. Denn auch diese können Einfluss auf die Gesundheit eines Menschen haben.

Gut zu wissen:

Neben dem Geschlecht können weitere Faktoren zu einer Diskriminierung im Gesundheitssystem führen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Alter
  • ökonomische Verhältnisse
  • soziale Herkunft

Wie unterscheiden sich Mann und Frau?

Frauen werden in der Medizin gegenüber Männern in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Dabei unterscheiden sie sich in vielfacher Hinsicht:

  • Gene: Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Auf dem X-Chromosom liegen mehr als 1.000 Gene, auf dem Y-Chromosom weniger als 100. Deshalb leiden Männer zum Beispiel häufiger an Erbkrankheiten wie der Bluterkrankheit (Hämophilie), die über das X-Chromosom vererbt werden. Bei Frauen kann ein zweites, intaktes X-Chromosom den Defekt ausgleichen.

  • Anatomie: Frauen haben eine kürzere Harnröhre, weshalb sie häufiger an Harnwegsinfekten leiden.

  • Stoffwechsel: Auch beim Stoffwechsel gibt es Unterschiede. Frauen haben meist weniger Grundumsatz, sie benötigen weniger Energie als Männer. Das führt dazu, dass sie schneller zunehmen und Gewicht schwerer abbauen können.

  • Hormone: Männer haben etwa zehnmal so viel Testosteron im Körper wie Frauen. Bei ihnen überwiegt hingegen das weibliche Hormon Östrogen. Ihr Hormonspiegel ist oft starken Schwankungen ausgesetzt. Die Konzentration der Botenstoffe verändert sich während des Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder Menopause.

  • Immunsystem: Frauen haben ein stärkeres Immunsystem. Grund dafür ist das Hormon Östrogen, das die Vermehrung von Immunzellen fördert. Testosteron dagegen bremst ihr Wachstum.

  • Gewicht und Körpergröße: Auch Gewicht und Körpergröße unterscheiden sich zwischen den Geschlechtern. Männer sind durchschnittlich größer und haben mehr Muskelmasse als Frauen.

Gendermedizin bei Medikamenten: Nicht mehr nur den Mann als Norm

In der Studie einer Krankenkasse gaben 67 Prozent von 1.000 Befragten an, bei der Verschreibung von Medikamenten bisher nicht über unterschiedliche geschlechtsspezifische Wirkungen aufgeklärt worden zu sein. Frauen leiden allerdings häufiger an Nebenwirkungen nach der Einnahme von Arzneimitteln als Männer.

Das liegt vor allem daran, dass Frauen in der pharmazeutischen Forschung unterrepräsentiert sind. Maßstab der meisten Studien ist noch immer ein etwa 75 Kilogramm schwerer Mann. Auch werden mehr männliche Labormäuse verwendet.

Grund für den niedrigeren Frauenanteil ist, dass diese in Studien schwieriger einzubinden sind. Das liegt unter anderem an zyklusbedingten Hormonschwankungen oder den Wechseljahren. Zudem werden Schwangere und Stillende aus vielen Studien ausgeschlossen, um kein gesundheitliches Risiko für Mutter und Kind einzugehen.

Faktoren wie der Hormonhaushalt, die Körperzusammensetzung oder der Stoffwechsel beeinflussen jedoch unter anderem, wie lange der Körper benötigt, um einen Wirkstoff zu verarbeiten. Daher sind bei Frauen häufig andere Dosierungen sinnvoll als bei Männern.

Geschlechtsspezifische Forschung in Deutschland

Zwar verlangen Zulassungsbehörden und das deutsche Gesetz, dass neue Medikamente, die auf den Markt kommen, sowohl an Männern als auch Frauen erprobt sein müssen. Allerdings ist der Anteil an Probandinnen noch immer zu gering.

Laut Verband forschender Arzneimittelhersteller werden in den ersten Studien meist ausschließlich gesunde männliche Teilnehmende herangezogen. Für die Studien der Phase I sind 10 bis 40 Prozent und in Phase II und III 30 bis 80 Prozent Frauen beteiligt. Bei etwa einem Fünftel der untersuchten Studien wurden Geschlechterunterschiede zudem nicht untersucht oder erwähnt, wodurch sich die Wirksamkeit je nach Geschlecht nur schwer überprüfen lässt. Darüber hinaus gibt es bisher kaum Daten zu trans* und nicht-binären Menschen.

Frauen werden anders krank

Wie Medikamente sind auch Krankheiten und Symptome bei Frauen nicht ausreichend erforscht. Frauen haben zwar seltener Herzinfarkte als Männer, versterben aber häufiger daran. Der Grund ist, dass der Herzinfarkt lange als "Männerkrankheit" galt und die Symptome des " weiblichen Herzinfarktes", die sich von denen der Männer unterscheiden, oft nicht als solche erkannt werden. Daher kommen Frauen im Schnitt erst etwa zwei Stunden später als Männer in die Notaufnahme.

Geschlechterunterschiede bei psychischer Gesundheit

Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen werden hingegen häufiger bei Frauen diagnostiziert. Das Problem: Bei vielen Männern bleibt die Erkrankung verborgen, da sie aufgrund des gesellschaftlichen Rollenbildes keine "Schwäche" zeigen und über Gefühle reden möchten. Das führt dazu, dass Männer dreimal häufiger durch Suizide versterben als Frauen.

Ebenso leiden nicht-binäre Menschen häufiger an psychischen Erkrankungen. Etwa 80 Prozent berichten von Selbstwertproblemen, Depressionen oder Ängsten aufgrund von Stigmatisierung oder gesellschaftlichem Druck.

Ziele und Ausblick der Gendermedizin

Ziel der Gendermedizin ist es, die Gesundheitsversorgung für alle zu verbessern. Denn wenn geschlechterspezifische Unterschiede wahrgenommen und Forschung, Prävention und Therapie darauf abgestimmt werden, können alle Gruppen davon profitieren.

Hierfür ist es vor allem wichtig, dass die Gendermedizin noch stärker in die Aus- und Weiterbildung von Menschen in Gesundheitsberufen, etwa von Ärzt*innen, integriert wird. Die gute Nachricht: Mittlerweile existieren bereits einige Forschungszentren und Professuren für geschlechtssensible Medizin. An der Universität in Zürich gibt es bereits den ersten Lehrstuhl für Gendermedizin.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Aufklärung der Bevölkerung. Wenn mehr Wissen, beispielsweise über die Symptome eines Herzinfarktes bei Frauen besteht, können Patientinnen schneller und besser behandelt werden. 

Tipp:

Wer sich aktiv für eine geschlechtergerechte Medizin einsetzen möchte, kann die folgende Online-Petition von BILD der FRAU unterschreiben. Darin wird Gesundheitsminister Karl Lauterbach aufgefordert, die Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften geschlechtergerecht zu überarbeiten:

Zur Petition>>

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