Medizin-Mythos der Woche (26)

Mythen der Wiederbelebung

Reanimation: "Der einzige Fehler ist, nicht mit der Herzdruckmassage zu beginnen"

Warum sehen Menschen bei einem Unfall weg, statt zu helfen? Fast jeder weiß doch, was zu tun ist. Doch der letzte Erste Hilfe-Kurs ist meist schon zu lange her und die Sorge, etwas falsch zu machen - und dafür noch bestraft zu werden - ist größer als der Wunsch, zu helfen. Dabei gibt es bei den lebensrettenden Sofortmaßnahmen nur einen einzigen möglichen Fehler: nicht schnell damit zu beginnen.

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Reanimationsmythen beiseite: Der einzig schlimme Fehler bei Wiederbelebungsmaßnahmen ist, nicht damit anzufangen.
istock

Lifeline hat den Experten für das Thema Erste-Hilfe-Ausbildung der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. zum Interview getroffen: Thomas Fuchs ist seit vielen Jahren als Rettungsassistent im Einsatz und leitet die Ausbildungsabteilung der Hilfsorganisation in München. Er bildet jedes Jahr hunderte Führerscheinanfänger, Ersthelfer im Betrieb oder auch Personal für den Rettungsdienst aus. Fuchs erklärt exklusiv auf Lifeline, was an den Mythen der Wiederbelebung wirklich dran ist und worauf es bei einer Reanimation ankommt.

Mythos 1: Bei der Wiederbelebung kann man viel falsch machen.

Thomas Fuchs: Den einzigen Fehler, den man machen kann, ist nicht zu helfen. Denn wenn keine Atmung vorhanden ist und damit eine Wiederbelebung nötig wird, dann sollte man davon ausgehen, dass die Überlebenschancen eines Patienten durch jegliche Hilfe eines Ersthelfers verbessert werden. Ohne Hilfe sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent pro Minute. Der Gesetzgeber schützt Ersthelfer übrigens explizit vor rechtlichen Konsequenzen.

Mythos 2: Vor einer Wiederbelebung muss man den Puls prüfen.

Fuchs: Von einem Laien kann man nicht erwarten in solch einer Ausnahmesituation einen Puls zu tasten. Daher gilt schon seit Jahren: Atmet der Patient nicht oder nicht normal - etwa bei einer Schnappatmung  - wird ohne Kontrolle des Pulses mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung begonnen.

Mythos 3: Den Druckpunkt muss man erst abmessen.

Fuchs: Die Herz-Lungen-Wiederbelebung für Laien wurde in den vergangenen Jahren erheblich vereinfacht - daher raten wir, das Erste-Hilfe-Wissen alle zwei Jahre aufzufrischen und die Wiederbelebung in einem Kurs zu üben. Der richtige Druckpunkt liegt in der Mitte der Brust. Abmessen muss man nicht mehr.

Mythos 4: Bei einer Herzmassage brechen Rippen.

Fuchs: Das kann passieren, gerade bei älteren Patienten. Dann brechen die Rippen aber nicht mittendurch, sondern lösen sich vom Knorpel am Brustbein - eine Verletzungsgefahr für innere Organe besteht dadurch nicht. Wichtig ist, bei der Herzmassage fünf bis sechs Zentimeter tief zu drücken und eine Frequenz von 100 bis 120 Kompressionen pro Minuten beizubehalten. Das entspricht in etwa der Taktfrequenz des Liedes "Stayin' alive" von den Bee Gees.

Mythos 5: Nur Ärzte dürfen Defibrillatoren benutzen.

Thomas Fuchs
Thomas Fuchs ist Rettungsassistent und Leiter der Ausbildung bei der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. im Regionalverband München.
Thomas Fuchs

Fuchs: Diese Szene kennen wir aus dem Fernsehen. Ein Patient wird reanimiert, ein Arzt setzt die Elektroden des Defibrillators auf und der Patient hüpft bei der Abgabe des Stromstoßes 20 Zentimeter in die Luft. Das ist nur im Fernsehen so.

Jeder darf bei einer Herz-Lungen-Wiederbelebung einen Defibrillator verwenden. Diese so genannten automatischen externen Defibrillatoren (AED) finden Sie inzwischen in vielen Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden. Sie geben dem Ersthelfer auch per Lautsprecher Anweisungen, was zu tun ist. Bei einem Elektroschock zuckt der Patient aber nur ein bisschen und springt nicht in die Luft.

Mythos 6: Wer einen Defibrillator verwendet, braucht keine Herz-Lungen-Wiederbelebung mehr durchzuführen.

Fuchs: Ein Defibrillator ergänzt zwar die Herz-Lungen-Wiederbelebung, indem er ein Herzkammerflimmern durch einen Stromstoß unterbrechen kann. Das Drücken und Beatmen nimmt er den Ersthelfern aber nicht ab.

Mythos 7: Wer mit der Wiederbelebung beginnt, muss sie bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes weiterführen.

Fuchs: Das ist grundsätzlich richtig. Damit eine Herz-Lungen-Wiederbelebung größtmöglichen Erfolg hat, darf sie nicht unterbrochen werden und muss so lange weitergeführt werden, bis der Rettungsdienst den Ersthelfer ablöst. Um die Qualität beizubehalten, sollte ein Ersthelfer immer weitere Helfer herbeirufen und sich nach zwei bis drei Minuten abwechseln.

Mythos 8: Eine Beatmung ist nicht mehr notwendig.

Fuchs: In den ersten Minuten nach einem Herzstillstand oder Kammerflimmern ist bei einem Erwachsenen ausreichend Sauerstoff im Blut, dass es auch ohne eine zusätzliche Beatmung genügen würde. Der genaue Zeitpunkt eines Atemstillstands ist aber meist unbekannt. Daher sollte der Ersthelfer wirklich alle Chancen nutzen. Auf 30 Mal Drücken folgen von Beginn an zwei Beatmungsversuche. Sind diese nicht erfolgreich, weil die Atemwege verstopft sind oder sich der Ersthelfer zu sehr ekelt, dann drückt man einfach weiter.

Wie wichtig die Beatmung ist, sehen Sie bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung bei Kindern: Hier ist es nötig vor einer Herzmassage unbedingt fünf Mal eine Atemspende durchzuführen, weil ein Kreislaufstillstand bei Kindern meist durch ein Problem mit der Atmung verursacht wird.

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