Defekter Zahnschmelz

Kreidezähne bei Kindern (MIH) erkennen und behandeln

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Kreidezähne bei Kindern sind stark verbreitet. Was ist die Ursache für die Erkrankung? Woran lassen sich Kreidezähne erkennen? Und welche Behandlung hilft?

Zähneputzen
© Getty Images/Astrakan Images

Artikelinhalte im Überblick:

Zähne putzen – aber richtig!

Was sind Kreidezähne?

Als Kreidezähne werden Zähne bezeichnet, die entwicklungsbedingt eine Schmelzbildungsstörung (Hypomineralisation) aufweisen und deshalb von kreideartiger Substanz sind. Da von dem Krankheitsbild vor allem die bleibenden Backenzähne (Molaren) und Schneidezähne (Inzisiven) betroffen sind, lautet der Fachbegriff Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH). Ist der hauptsächlich aus Mineralien wie Fluor, Kalzium und Phosphat bestehende Zahnschmelz zu weich, wird das Zahninnere (Dentin) ungeschützt schädlichen Einflüssen wie Bakterien und Säuren ausgesetzt. Mögliche Folgen sind Flecken, Verfärbungen, Karies sowie eine starke Schmerzempfindlichkeit der Kreidezähne.

Wie häufig sind Kreidezähne bei Kindern?

Seitdem die MIH bei Kindern 1987 von einer schwedischen Forschungsgruppe erstmals als eigenständiges Krankheitsbild beschrieben wurde, ist sie in Industriestaaten zu einer neuen Volkskrankheit geworden: Laut einer Übersicht der Krankenkasse Barmer auf Grundlage von Daten aus der fünften Mundgesundheitsstudie des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) waren in Deutschland 2013/14 bereits circa 250.000 Kinder zwischen sechs und neun Jahren wegen Kreidezähnen in zahnärztlicher Behandlung (etwa acht Prozent). Von den Zwölfjährigen hatten demnach sogar knapp 30 Prozent einen oder mehrere Zähne mit MIH-Befund.

Betroffen sind alle sozialen Schichten gleichermaßen. Allerdings fallen hierzulande regionale Häufungen auf: Laut einer Analyse von Barmer aus dem Jahr 2019 werden in den westlichen und nordöstlichen Bundesländern überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche mit Kreidezähnen behandelt.

Wie entstehen Kreidezähne bei Kindern?

Der Zahnschmelz von Kreidezähnen enthält zu viel Wasser und Eiweiß und zu wenige Mineralien. Ein konkreter Auslöser dafür ist bislang nicht gefunden. Möglicherweise wirken mehrere Faktoren zusammen. Da die besonders häufig von einer MIH betroffenen vorderen Backen- und Schneidezähne zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem Ende des sechsten Lebensjahres ausgebildet werden, ist davon auszugehen, dass die Störquelle(n) innerhalb dieses Zeitraums Einfluss nimmt/nehmen.

Folgende MIH-Ursachen werden nach aktuellem Forschungsstand in Betracht gezogen:

  • häufige (fiebrige) Infektionserkrankungen, zum Beispiel der oberen Atemwege
  • frühkindliches Asthma
  • Behandlung mit Antibiotika (insbesondere mit Amoxicillin)
  • häufige Aerosoltherapien (zum Beispiel als Maßnahme gegen Atemwegsinfekte oder Asthma)
  • ein zu niedriger Vitamin-D-Spiegel im Blut
  • gesundheitliche Probleme der Kindsmutter im letzten Drittel der Schwangerschaft
  • stoffwechsel- oder ernährungsbedingte Störungen im Mineralhaushalt der Schwangeren und/oder des Kindes
  • Komplikationen bei der Geburt des Kindes
  • Geburt des Kindes vor Ende der 37. Schwangerschaftswoche (Frühgeburt)
  • Umwelteinflüsse und Schadstoffe (Toxine), die beispielsweise über die Muttermilch aufgenommen werden

Zusammenhang mit dem Kunststoff BPA

Unter Verdacht steht zudem der Weichmacher Bisphenol A (BPA), der bis 2018 in Babyflaschen, Konservendosen und anderen Lebensmittelbehältnissen enthalten sein durfte, bis er von der Europäischen Union als besorgniserregend eingestuft wurde. Eine 2013 veröffentlichte Studie mit männlichen Ratten konnte einen Zusammenhang zwischen BPA und MIH-ähnlichen Zahndefekten nachweisen, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält laut Mitteilung aus dem Jahr 2018 nach eingehender Prüfung dieser Untersuchung einen Zusammenhang zwischen BPA und Kreidezähnen beim Menschen dennoch für unwahrscheinlich.

Woran lassen sich Kreidezähne erkennen?

Eine Hypomineralisation zeigt sich in der Regel erst, wenn die Milchzähne herausfallen und die bleibenden Molaren und/oder Inzisiven durchbrechen. Selten wird die Erkrankung bereits an den Milchzähnen sichtbar; in diesem Fall ist von einer Milchmolaren Hypomineralisation (MMH) die Rede. Da eine frühzeitige Diagnose von MMH und MIH wichtig ist, um rasch zahnsubstanzerhaltende Therapien einleiten zu können, sollten Kleinkinder regelmäßig zur zahnärztlichen Kontrollen. Der Zahnwechsel setzt bei den meisten Kindern ab dem sechsten Lebensjahr ein.

Typische Anzeichen von Kreidezähnen sind:

  • weiße, trübe Flecken und/oder gelb-bräunliche Verfärbungen auf dem Zahnschmelz
  • eine erhöhte Sensibilität der Zähne, zum Beispiel Schmerzen beim Essen oder Zähneputzen
  • eine poröse, raue Zahnoberfläche
  • Furchen auf der Zahnoberfläche
  • Risse in den Zähnen
  • abgeplatzter Zahnschmelz
  • abgebrochene Zahnhöcker

Schweregrad von Kreidezähnen

Für die Feststellung des MIH-Erkrankungsgrades sind zwei Faktoren ausschlaggebend: die Empfindlichkeit (Hypersensibilität) und die Beschädigung (der Substanzdefekt) der jeweiligen Zähne. Stark betroffene Zähne weisen häufig fehlenden Schmelzareale, Absplitterungen und/oder Risse auf. Allgemein gilt: Je dunkler die Flecken auf den Zähnen, desto poröser ist in der Regel die Zahnsubstanz.

Je nach Krankheitsfortschritt und -ausprägung können Kreidezahn-Symptome einzeln oder kombiniert auftreten. Gebräuchlich ist in der Zahnmedizin unter anderem die Einteilung in Index 0 bis 4:

  • Index 0: keine MIH
  • Index 1: MIH ohne Hypersensibilität und ohne Substanzdefekt
  • Index 2: MIH ohne Hypersensibilität, aber mit Substanzdefekt (Grad 2a bis c abhängig von der Ausdehnung der Substanzdefekte)
  • Index 3: MIH mit Hypersensibilität, aber ohne Substanzdefekt
  • Index 4: MIH mit Hypersensibilität und Substanzdefekt (Grad 4a bis c abhängig von der Ausdehnung der Substanzdefekte).

Per Definition ist bei einer MIH mindestens ein Backenzahn beschädigt, gegebenenfalls sind weitere Backen- und/oder Schneidezähne kreideartiger Substanz. MIH-typische Merkmale, die ausschließlich an den Schneidezähnen erkennbar sind, deuten in der Regel auf ein anderes Krankheitsbild hin.


Wie lassen sich Kreidezähne diagnostizieren?

Für eine eindeutige Diagnose von Kreidezähnen müssen andere Ursachen der Zahnschäden ausgeschlossen werden (Differenzialdiagnose). Dazu zählen:

  • erblich bedingte Veränderungen (Strukturanomalien) der Zähne (hier liegt grundsätzlich eine familiäre Häufung vor)
  • durch äußere Einflüsse (zum Beispiel Traumata wie Stürze oder Kariesbefall) verursachte Strukturanomalien der Zähne
  • nachgeburtliche (postnatale) Zahnentwicklungsstörungen (zum Beispiel eine Dentalfluorose durch die chronisch überdosierte Einnahme von Fluorid)

Zeigt ein Kind große Angst vorm Zähneputzen, klagt es über Zahnschmerzen oder hat es Probleme damit, kalte, heiße oder süße Speisen zu sich zu nehmen, sollten die Eltern zeitnah durch eine zahnärztliche Untersuchung abklären lassen, ob die Beschwerden durch Kreidezähne ausgelöst werden.

Behandlung von Kreidezähne

Die individuelle MIH-Therapie orientiert sich am Schweregrad der Erkrankung. Mögliche Behandlungsmaßnahmen werden in drei Kategorien eingeteilt:

  • Intensivprophylaxe: regelmäßige professionelle Zahnreinigung, Anleitung für die optimale Mundhygiene zu Hause, lokale Fluoridierungen, Versiegelung von Fissuren

  • Restauration: langfristige Re-Mineralisierung des betroffenen Zahns/der betroffenen Zähne (in der Regel durch spezielle mineralische Pasten, die beispielsweise nach dem abendlichen Zähneputzen appliziert werden), Reparatur defekter Zähne durch Füllungen und/oder Überkronungen

  • Extraktion: Entfernung schwer von MIH betroffener Zähne (in diesem Fall ist im Anschluss oft eine kieferorthopädische Behandlung notwendig, um die entstandene Zahnlücke zu schließen)

Neben dem Ausmaß der Kreidezahn-Erkrankung beeinflussen weitere Faktoren die individuelle Therapieentscheidung, unter anderem das Alter, der soziale Hintergrund und der Leidensdruck des betroffenen Kindes (Schmerzen, Ästhetik).

Da ihre Substanz unwiderruflich angegriffen ist, sind Kreidezähne nicht heilbar. Mithilfe von Prophylaxe- und Restaurations-Maßnahmen kann ihr weiterer Verfall aber wirkungsvoll aufgehalten werden.

Wie lassen sich Kreidezähne bei Kindern vorbeugen?

Da die Ursachen für Kreidezähne bislang unklar sind, ist eine gezielte Prävention schwierig. Eltern und Kinder können durch einige Maßnahmen aber dennoch vorsorgen.

BPA möglichst meiden

Auch wenn ein Zusammenhang zwischen Kreidezähnen und Bisphenol A (BPA) noch umstritten ist, kann es vor allem während der Schwangerschaft und im Kleinkindalter sinnvoll sein, Plastik mit BPA zu meiden. Konkret bedeutet das für den Alltag:

  • weniger Lebensmittel mit Kunststoffverpackungen zu kaufen
  • ältere Lebensmittelbehältnisse (zum Beispiel Brotboxen und Babyflaschen) zu entsorgen, die Bisphenol A enthalten könnten
  • auf BPA-haltiges Spielzeug für Kinder zu verzichten

Gewissenhafte Zahnpflege

Eltern sollten ihre Kinder bereits ab dem Kleinkindalter an eine regelmäßige und gewissenhafte Zahnhygiene gewöhnen. Dazu gehört gründliches und konsequentes Zähneputzen mit einer für das jeweilige Alter empfohlenen fluoridhaltigen Zahnpasta morgens nach dem Frühstück und abends vor dem Schlafgehen. Eltern sollten Ihren Nachwuchs dabei spielerisch unterstützen, anleiten und motivieren. Eventuell kann auch die Anwendung eines speziellen Fluoridgels dazu beitragen, den empfindlichen Zahnschmelz zu härten und schützen. Am besten lassen sich Eltern von ihrer*ihrem Zahnärztin*Zahnarzt beraten.

Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen

Bei Kindern sollten regelmäßige zahnärztliche Routineuntersuchungen stattfinden. Vor allem wenn bei einem Kind bereits eine MIH diagnostiziert wurde oder ein Verdacht auf Kreidezähne besteht, ist eine engmaschige zahnärztliche Kontrollen, etwa alle drei bis sechs Monate, wichtig.

Zahnfreundliche Ernährung

Auch die Ernährung eines Kindes hat großen Einfluss auf seine Zahngesundheit: Eine ausgewogene Kost mit hohem Gemüse- und Vollkornanteil, der Verzicht auf zucker- und säurehaltige Getränke (Softdrinks, Fruchtsäfte), eine Begrenzung des Süßigkeitenkonsums und die Verwendung von fluoridiertem Speisesalz helfen dabei, ein kariesanfälliges Gebiss mit Kreidezähnen instand zu halten.

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