Medizin-Mythos

Steißbein, Blinddarm und Co.: Gibt es überflüssige Organe?

Welche Altlasten die Evolution mitschleppt

Die Evolution hat in unserem Körper Spuren hinterlassen: Rudimente wie Blinddarm, Weisheitszähne und Steißbein. Manche von ihnen erfüllen durchaus noch einen Zweck – wenn auch nicht mehr den ursprünglichen.

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Rudimente wie Blinddarm und verkümmerte Ohrmuskeln finden sich zuhauf im menschlichen Körper.
© iStock.com/Cara-Foto

Das Steißbein als verkümmerter Schwanz, der Blinddarm eine ehemalige Gärkammer für Pflanzennahrung und die Weisheitszähne zum Mahlen derselben: Im menschlichen Körper türmt sich der Evolutionsabfall. Der Blinddarm zum Beispiel hat immer noch einen denkbar schlechten Ruf. Unnütz soll er sein, noch dazu mitunter lebensbedrohliche Entzündungen anziehen wie ein Magnet.

33 Geheimnisse unseres Körpers

So dachten wohl einige „Simpsons“-Schreiber, als sie den Serienarzt Dr. Hibbert der kompletten Schulklasse von Bart Simpson „zum Spaß“ die Blinddärme herausschnippeln ließen. Doch weit gefehlt: Der Appendix oder Wurmfortsatz – im Volksmund nicht korrekt Blinddarm genannt –, ist alles andere als ein sinnloses Evolutionsüberbleibsel.

Blinddarm: Zufluchtsort für nützliche Darmkeime

Schon 2007 rehabilitierte eine US-amerikanische Studie das lange missverstandene Organ als eine Art Unterschlupf für nützliche Darmbakterien. Diese überdauerten darin, bis sie – etwa nach einem Darminfekt – gebraucht würden, schrieben die Forscher von der Duke-Universität. Denn die mikroskopisch kleinen Helferlein unterstützen nicht bloß die Verdauung, sondern weisen noch dazu krank machende Keime in ihre Schranken.

Das bis zu acht Zentimeter große, wurmförmige Anhängsel liegt am Übergang vom Dünn- zum Dickdarm. Früher diente es dem Menschen vermutlich als Gärkammer zum Aufschluss schwer verdaulicher Pflanzennahrung. Als es diese nicht mehr gab, vollzog der Blinddarm einen Funktionswechsel. Heute ist die Hypothese der amerikanischen Forscher allgemein anerkannt, Mediziner zählen den Blinddarm zu den lymphatischen Organen.  

Mandeln: Entfernung als letzter Ausweg

Ähnlich sieht es übrigens mit den Gaumenmandeln oder Tonsillen aus: Die oft als überflüssig verunglimpften Organe ohne Not zu entfernen, gilt längst nicht mehr als Kavaliersdelikt. Denn die Mandeln wehren als Teil des Immunsystems Krankheitserreger ab und erlauben weißen Blutkörperchen, über die Nahrung aufgenommene Bakterien „kennenzulernen“. Eine Studie aus dem Jahr 2011 bringt die voreilige Mandelentfernung gar mit einem höheren Herzinfarkt-Risiko in jungen Jahren in Verbindung. Eine Mandel-OP ist deshalb erst angesagt, wenn eine eitrige Mandelentzündung immer wiederkehrt oder sich ein Abszess an der Tonsille gebildet hat.

Weisheitszähne: machen meist nur Ärger

Das Steißbein als verkümmerter Schwanz mag zwar auf den ersten Blick sinnlos erscheinen. Allerdings setzen verschiedene Muskeln und Bänder im Unterleib an diesen Wirbeln an. Einige der zurückgebildeten Organe erfüllen mittlerweile aber tatsächlich überhaupt keinen Zweck mehr. Dazu zählen etwa die Weisheitszähne.

Was die sogenannten dritten Molaren angeht, steckt der Mensch gerade mitten in einer evolutionären Umwälzung: Seine Vorfahren hatten 44 Zähne im Mund, heute sind es nur noch 32. Und es werden immer weniger, parallel dazu sind die Kiefer kleiner geworden. Wenn dennoch vier – oder in seltenen Fällen noch mehr – Weisheitszähne durchbrechen, wird es eng, die überzähligen Zähne müssen raus.

Nickhaut, Reißzähne, Fell und Muskeln am Ohr

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Die Nickhaut hat in Form eines kleinen rosa Häutchens im inneren Augenwinkel überdauert.
©iStock.com/fotoadrenalina

Doch es gibt noch viele weitere Rudimente im menschlichen Körper. Die wenigsten wissen zum Beispiel von ihrer Nickhaut im Auge. Diese ist der verkümmerte Rest eines dritten Augenlids (zusätzlich zum oberen und unteren Augendeckel), wie es zum Beispiel Hunde und Katzen sowie viele Reptilien besitzen: Ihre Nickhaut lässt sich zum Schutz vor Schnee, Wasser oder Wind wie ein Scheibenwischer ausbreiten. Der Mensch besitzt nur noch eine Miniaturausgabe davon – das kleine rosa Häutchen im inneren Augenwinkel.  

Oder die verkümmerten Ohrmuskeln, die von einer Zeit in der menschlichen Entwicklungsgeschichte herrühren, als die Hörorgane noch in alle Richtungen beweglich waren. Unsere „vampirartigen“ Eckzähne erinnern dagegen an den Verzehr von rohem Fleisch und das Imponiergehabe gegenüber Nebenbuhlern. Und nicht zuletzt ist unsere rudimentäre Körperbehaarung der klägliche Rest eines ehemals stattlichen Fells.

Die Evolution nimmt, was da ist

Dass sich im menschlichen Körper der „Müll“ in Form von Rudimenten anhäuft, liegt an der Arbeitsweise der Evolution frei nach dem Motto "Try and error": Die durch kleine Mutationen vorangetriebene Entwicklung kann Organe nicht einfach verschwinden lassen und bringt in den seltensten Fällen Perfektion hervor. Vielmehr experimentiert Evolution mit dem Vorhandenen und fördert das Erfolgreiche – selbst wenn es sich um einen faulen Kompromiss handelt.

In unseren Augen zum Beispiel müssen Photonen zahlreiche Schichten durchqueren, bevor sie auf die lichtempfindliche Netzhaut treffen. Die unpraktische Konstruktion beschert dem Menschen den blinden Fleck. Ein Baby muss bei der Geburt durch einen starren Knochenring – mit der Folge, dass menschliche Neugeborene „unfertig“ auf die Welt kommen und jahrelang Zuwendung brauchen. Der aufrechte Gang wiederum verursacht Rückenbeschwerden wie Bandscheibenvorfall und Skoliose.

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