Die Reduktionsdiät für Krebszellen

Ketogene Diät bei Krebs

Ketogene Diät bei Krebs
Hochwertige Pflanzenöle sind Basis der ketogenen Diät.
(c) iStockphoto

Viel Fett, aber wenig Kohlenhydrate essen soll Krebspatienten gut tun: Ketogene Kost versorgt gesunde Zellen optimal, aber drosselt die Energiezufuhr von Krebszellen. Erste Studien zeigen, dass damit das Fortschreiten der Krankheit gestoppt werden kann.

Kaum Kohlenhydrate, aber reichlich hochwertige Öle wie Oliven-, Kokos-, Palm- und Rapsöl, Fleisch, Fisch, Eier, Butter, Käse, Sahne, Nüsse und stärkearme Gemüse wie Spinat und Brokkoli: Diese Zutaten machen die so genannte ketogene (fettreiche) Diät aus. Sie soll Krebspatienten dabei unterstützen, das Fortschreiten ihrer Krankheit abzubremsen und die Chemotherapie besser zu überstehen.

Doch um was handelt es sich bei dieser Ernährungsform genau. Auf den ersten Blick sieht das doch wie die Atkins-Diät aus. Das ist eine Ernährungsform zum Abnehmen, bei der Fett und Fleisch erlaubt sind, aber Brot, Reis, Nudeln, also Kohlenhydrate so gut wie verboten sind, sowie Zucker. „Die Original-Atkins-Diät in Phase 1 und 2, wobei nur 20 bis 40 Gramm Kohlenhydrate pro Tag erlaubt sind, ist tatsächlich ganz ähnlich“, bestätigt Ulrike Kämmerer gegenüber Lifeline. Die Humanbiologin von der Universitätsklinik Würzburg forscht an Krebszellen und ist Beraterin bei einer Studie zum Thema Energiestoffwechsel bei ketogener Ernährung. „Berge von Fleisch und Wurst, wie die landläufige Meinung zu Atkins, sind jedoch bei der ketogenen Diät nicht erlaubt, wichtiger sind die hochwertigen Fette“, nennt sie die Unterschiede.

Ketogene Diät ist wie Doping für gesunde Zellen

Das Wichtigste an dieser Ernährungsform: Sie beeinflusst die Energieversorgung der Zellen, stärkt gesunde Zellen, setzt schnell wachsende Tumorzellen jedoch sozusagen auf Reduktionsdiät. Damit die winzigen Kraftwerke in den Zellen, die Mitochondrien, Energie bekommen, sind Kohlenhydrate nötig, die in Glukose (Zucker) umgewandelt werden. Aber auch Fett und Eiweiß können zur Energieproduktion „verbrannt“ werden.

Stehen kaum Kohlenhydrate und Zucker zur Verfügung, wie bei ketogener Kost, bildet die Leber aus Fett die sogenannten Ketonkörper. Sie versorgen dann vor allem die Mitochondrien der Gehirnzellen (zu denen kein Fett gelangen kann) mit der nötigen Energie anstelle von Glukose. Für gesunde Zellen ist das sogar eine besonders gute Energiequelle. „Ketogene Kost ist in diesem Fall fast schon Doping“, vergleicht die Expertin.

Weniger Energie für Krebszellen

Ganz im Gegenteil wirkt diese Ernährungsform jedoch in Krebszellen. Deren Stoffwechsel ist verändert, sie wachsen unkontrolliert, können Zucker oft nicht richtig verwerten und entwickeln dadurch einen starken „Zuckerhunger“. Die Ketonkörper, wie sie bei ketogener Diät gebildet werden, bringen ihnen dabei jedoch viel zu langsam Energie. Zucker kann aber auch zusätzlich aus dem umliegenden Gewebe in die Zellen gelangen. Das ist der Fall, wenn der Blutzuckerspiegel hoch ist. Auch das verhindert ketogene Kost weitgehend: Sie senkt den Blutzuckerspiegel auf Nüchternniveau. Die Folge: Das Krebsgewebe kann nicht mehr wachsen, schrumpft im besten Fall sogar.

Für welche Krebspatienten ketogene Diät sinnvoll ist

So weit bis jetzt bekannt ist, profitieren von dieser Ernährungsform vor allem Patienten, bei denen der Tumor schnell wächst, der Krebs also besonders aggressiv und „zuckerhungrig“ ist. „Wir beobachten bei Patienten, dass der Krebs sogar zum Stillstand kommen kann“, berichtet Ulrike Kämmerer. Zusätzlich stärkt diese Diät Krebspatienten, die bekanntlich oft unter Auszehrung leiden, weil der Tumor alle Energie verschlingt. „Ketogene Kost erreicht, dass viele Patienten, die vorher zu schwach für eine Chemotherapie waren, wieder so viel Kraft erlangen, dass sie die Behandlung durchführen können“, sagt die Expertin.

Ein bisschen ketogene Diät geht nicht

Eine große Schwierigkeit liegt jedoch vor allem darin, dass eine ketogene Diät immer eine Ganz- oder-Gar-nicht-Lösung darstellt. Die günstige Wirkung tritt erst dann ein, wenn die Glykogenspeicher leer sind und die aufgenommene Kohlenhydratmenge unterhalb der individuellen Schwelle liegt, bei der die Ketonkörperproduktion anspringt. „Wenn die Patienten nur ein bisschen Kohlenhydrate sparen, dann bekommen sie Hunger, Schwächegefühle und nehmen ab“, warnt Ulrike Kämmerer vor halbherzigen Selbstversuchen und schlägt vor „wenn Krebspatienten wollen, können sie sich auch gerne an die Atkins-Diät, am besten in der aktuellen 'modifizierten Atkins Diät'-Form halten, wie sie übrigens auch Epileptikern empfohlen wird.“

Kaum Nebenwirkungen

Kritiker der Atkins-Diät - und die ketogene Diät ist ja wie anfangs erwähnt ähnlich - führen jedoch an, dass dabei die Blutfettwerte in die Höhe schnellen und die Leber belastet wird. Das ist allerdings nicht der Fall: In großen Studien an vielen tausenden Patienten wurde im Gegenteil nachgewiesen, dass sich durch eine Atkins Diät die Blutfettwerte deutlich verbessern lassen (z. B. Shai, New Engl. J. Med, Gardener, JAMA ). Auch für Krebspatienten, bei denen die Leber durch die Erkrankung und die Chemotherapien extrem beansprucht wird, trifft das zu. „Wir haben bei den Patienten unserer Studie beobachtet, dass die Blutfettwerte sogar sinken“, sagt Ulrike Kämmerer. Denn der Körper stellt sich einfach auf die vermehrte Aufnahme und Verwertung von Fetten ein. Damit kreisen diese nicht ungenutzt im Blut herum, wie bei der klassischen westlichen Ernährung, wo wir Fett und Kohlenhydrate im Überfluss haben, der Körper aber bevorzugt die Kohlenhydrate verwertet und die Fette quasi ungenutzt übrig bleiben.

Wichtig: Nicht zu viel Eiweiß essen

Allerdings geht anfangs das Gewicht leicht zurück. Dabei handelt es sich vor allem um Wasserverlust, danach pendelt sich das Gewicht ein, wenn genug Kalorien gegessen werden. „Problematisch ist für die Patienten oft die gedankliche Umstellung, nicht nur die Kohlenhydrate wegzulassen, sondern die Kalorien am besten durch Fette auszugleichen und nicht durch mageres Protein“, berichtet die Wissenschaftlerin. Salat mit Putenschnitzel geht also nur, wenn viel Öl und Kräuterbutter, Majonaise oder Avocadostücke dabei sind.

Viele Krebserkrankungen könnten sich folglich durch Ernährung günstig beeinflussen lassen. Ob sich mit ketogener Diät Krebs sogar vermeiden lässt, ist noch nicht bekannt. Dazu wären weitere, großangelegte Langzeitstudien nötig. Im nächsten Jahr wird voraussichtlich an einer großen Rehaklinik in Bad Kissingen zusammen mit der Frauenklinik der Universität Mannheim und dem Forschungslabor der Würzburger Frauenklinik eine Studie gestartet, die sich mit der Wirkung von Ernährung auf den Verlauf von Brustkrebs beschäftigt, dazu werden noch Brustkrebspatientinnen gesucht.

Essen gegen Krebs
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    Kohl

    Wer viel Weiß-, aber auch Rotkohl isst, versorgt seinen Körper mit Allylisothiocyanat, einer Biosubstanz, die krebsauslösende Stoffe blockiert.

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    Blaubeeren

    Vor allem Waldblaubeeren liefern Delphinidin. Die Substanz bewies im Labortest, dass sie das Wachstum von Tumorzellen abbremst und sie sogar abtötet.

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    Äpfel

    Äpfel enthalten jede Menge Proanthocyanidine. Diese Pflanzensubstanzen gehören zu den stärksten Antioxidanzien - sie können auch Zellschützer genannt werden.

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    Brokkoli

    Beim Verdauen von Brokkoli bildet sich Sulforaphan, ein hochpotenter Stoff, der den Tod von Krebszellen auslösen kann.

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    Erdbeeren

    Die süßen Früchte enthalten Ellagsäure. Sie kann krebsaktivierende Stoffe im Körper hemmen und das Wachstum von Tumorzellen bremsen.

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    Grüner Tee

    Wenn der Tee bis zu zehn Minuten zieht, werden große Mengen an Catechenen freigesetzt. Diese Moleküle bewiesen in Studien krebshemmende Eigenschaften.

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    Knoblauch

    Beim Zerdrücken und Kauen von Knoblauch sowie Zwiebeln entsteht Allicin, das vor Magen- und Speiseröhrenkrebs schützen kann.

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    Kurkuma

    Das gelbfärbende Gewürz enthält Curcumin, das in Laborversuchen eine starke Wirkung gegen Krebszellen aufweist.

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    Sojabohnen

    Isoflavonoide, die Pflanzenhormone in Soja, helfen nicht nur gegen Wechseljahrsbeschwerden. Studien beweisen eine Schutzwirkung vor Brust- und Prostatakrebs.

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    Tomate

    Reife Tomaten enthalten Lycopin. Dieses Carotinoid macht Tomaten rot. Kombiniert mit etwas Fett entfaltet es eine starke krebshemmende Wirkung.

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    Weintrauben

    Früchte, Saft, aber auch Wein enthalten Resveratrol. Die Biosubstanz schützt gesunde Zellen und bremst Krebszellen aus.

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    Zitrusfrüchte

    Zitrone, Orange und Grapefruit liefern bestimmte Polyphenole, die nicht nur Entzündungen hemmen, sondern auch direkt gegen Krebszellen wirken.

    (c) Medioimages/Photodisc

Autor: Lifeline / Monika Preuk
Letzte Aktualisierung: 29. Oktober 2012

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