Schwerer Abschied vom Kinderwunsch

Wie lässt sich Kinderlosigkeit akzeptieren?

Verleugnen, Wut, Depression, Trauer – beim Bewältigen ihrer Kinderlosigkeit erleben Paare etliche Phasen. Psychologische Begleitung hilft beim Akzeptieren.

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Häufig setzt das Alter dem Kinderwunsch ein Ende.
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Bei der Hälfte der Paare, die sich für eine In-Vitro-Fertilisation (IVF) entscheiden, bleibt die Behandlung erfolglos. Irgendwann muss dann die Stunde der Wahrheit kommen und das Paar akzeptieren lernen, dass es nie ein eigenes Kind haben wird. Wann dieser Zeitpunkt da ist, unterscheidet sich individuell. Für den Mann kann nach drei vergeblichen Versuchen Schluss sein, für die Frau nach nur einer IVF und für ein anderes Paar schon nach dem ersten Beratungsgespräch beim Gynäkologen.

Häufig jedoch setzt das Alter dem Kinderwunsch ein Ende, oder der behandelnde Arzt rät von weiteren künstlichen Befruchtungen ab.

Phase um Phase zur Akzeptanz der Kinderlosigkeit

Es schmerzt Paare sehr, kein eigenes Kind haben zu können. 40 bis 50 Prozent der Frauen und Männer entwickeln sogar eine milde Depression, berichtet das Robert-Koch-Institut. Besonders Frauen sind gefährdet. Ihnen hilft es, sich bereits vor der Behandlung soziale Unterstützung zu suchen und Erfolglosigkeit einzuplanen, beobachten Experten.

Des Weiteren ist wichtig: Diese emotionale Belastung wahrzunehmen und nicht zu verdrängen. Männer realisieren oft spät die Tragweite ihrer Kinderlosigkeit und werden überraschend traurig. Dass Partner ein unterschiedliches Tempo beim Bewältigen haben, ist normal.

Insgesamt durchleben Paare beim Verarbeiten ihres unerfüllten Babytraums verschiedene Phasen:

  1. Schock: Das Paar ist verzweifelt und ohne Hoffnung. Ihm wird bewusst, dass es nie ein eigenes Kind haben kann.

  2. Verleugnung: Das Paar verdrängt die Diagnose Sterilität. Es geht zu weiteren Ärzten in der Hoffnung, einen positiveren Befund zu erhalten. Das Selbstbewusstsein leidet und das Selbstbild wird infrage gestellt.

  3. Wut: Sie ist eine Antwort auf die erlebte Kränkung, die Ohnmacht und den Verlust der Kontrolle über den eigenen Körper. Viele reagieren aggressiv auf Paare mit Kindern oder gegen Frauen, die abtreiben.

  4. Schuldgefühle: Das Paar empfindet Neid und fragt sich, warum gerade es keine Kinder haben kann. Es kommt zu Schuldgefühlen oder Schuldzuweisungen wegen häufiger Partnerwechsel in der Vergangenheit oder Abtreibungen. Die Partner können schlecht miteinander reden. Viele Frauen entwickeln Angst, vom Mann verlassen zu werden.

  5. Isolierung: Das Paar zieht sich zurück und versucht so, seine Unfruchtbarkeit geheim zu halten. Es meidet den Kontakt zu Kindern. Sexualität wird als sinnlos empfunden, die Partner entfremden sich.

  6. Depression: Die Niedergeschlagenheit kann zunehmen, wenn die Krise immer mehr Lebensbereiche einnimmt. Manche denken sogar an Selbstmord.

  7. Trauer: Die Verarbeitung beginnt. Erste Gedanken an die Zukunft stellen sich ein.

  8. Akzeptanz: Die Lethargie endet. Das Paar fällt neue Entscheidungen.

Es ist sehr sinnvoll, wenn Paare sich beim Bewältigen ihres unerfüllten Babywunsches psychologisch helfen lassen. Sie können dabei lernen, wertschätzend auf ihr Bemühen um ein Kind zu blicken und neue Kraft zu entwickeln. Anlaufstellen am Wohnort kann etwa das Beratungsnetzwerk Kinderwunsch vermitteln. Beratung und Unterstützung bieten aber auch Einrichtungen wie Pro Familia, Frauengesundheitszentren oder Familienberatungen.

Krise durch Kinderlosigkeit schweißt Paare zusammen

Viele Paare fürchten, dass ihre Partnerschaft an der Kinderlosigkeit zerbricht. Diese Sorge ist offenbar unbegründet. Im Gegenteil berichten die meisten Paare im Rückblick, dass sie einen Zuwachs an Nähe und Verständnis erlebt haben. Ein gutes Fundament für eine gemeinsame Zukunft, in der die Energie, die bisher an den Kinderwunsch gebunden war, anders eingesetzt werden kann: für soziales Engagement, Reisen oder berufliche Neuausrichtungen.

Das Glück von Paaren hängt nämlich nicht von Kindern ab. Dieser Überzeugung sind nicht nur 63 Prozent der Kinderlosen, wie eine Studie ergab. Sondern sogar 43 Prozent aller Eltern.

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Letzte Aktualisierung:30. Januar 2015
Quellen: Nach Informationen des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg, des Robert-Koch-Instituts und Doris Prändl: Unerfüllter Kinderwunsch: Psychische Aspekte und Adoption

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