Fettverbrennung auf Hochtouren

Ketogene Diät: Das steckt hinter dem fettreichen Ernährungsplan

Immer mehr Menschen schwören auf die ketogene Diät – die strengste unter den Low-Carb-Diäten. Dabei isst man hauptsächlich Fett und etwas Eiweiß, dafür kaum Kohlenhydrate. Im Zustand der Ketose zieht der Körper anstatt Kohlenhydraten Fett zur Energieproduktion heran. Viele Menschen versprechen sich von dem umstrittenen Ernährungskonzept, schlanker und leistungsfähiger zu werden. Mögliche Vor- und Nachteile der ketogenen Ernährung und bei welchen Krankheiten sie unter Umständen als Therapie eingesetzt werden kann.

Ketogene Diät
Bei der ketogenen Ernährung werden Kohlenhydrate gemieden, tierische Produkte, Avocados und Nüsse stehen dafür ganz oben auf dem Speiseplan.
© Ivo Gretener / iStock

Fettreich essen und dadurch Fett verbrennen: Die ketogene Diät setzt auf einen strikten Verzicht auf Kohlenhydrate. Die Grundidee: Sind alle Kohlenhydratspeicher ausgeschöpft, werden Fettreserven abgebaut. Um in diesen Zustand zu kommen, wären bei einer Mischkost mit einem normalen Kohlenhydratanteil eine Kalorienrestriktion oder ausreichend Sport notwendig. Das umzusetzen, fällt vielen Menschen schwer.

Die ketogene Diät verspricht dagegen, ohne Hungern im Fettstoffwechsel zu bleiben, da kaum bis gar keine Kohlenhydrate zugeführt werden, dafür aber reichlich Fett. So müssen die Kohlenhydratspeicher nicht erst immer wieder geleert werden und der Körper verbrennt praktisch pausenlos Fett.

Artikelinhalte auf einen Blick:

Mögliche Vorteile der ketogenen Diät:

Als mögliche Vorteile nennt Julia Tulipan, Biologin, selbstständige Ernährungsberaterin und Expertin für kohlenhydratarme Ernährungsformen:

  • Verbesserung der Insulinsensitivität, also wie sensibel der Körper auf das Hormon Insulin reagiert. Die Insulinsensitivität steuert Muskelaufbau und Fettverbrennung und ist für die allgemeine Gesundheit von großer Bedeutung.

  • Verringerung des Entzündungsgeschehens im Körper, da Ketonkörper die Apoptose – den natürlichen Zelltod – fördern. Sie ist wichtig, um defekte Zellen oder Zellbestandteile abzubauen.

  • Verringerung von freien Radikalen, die Zellen, DNA und Arterien beschädigen können. Freie Radikale entstehen als Nebenprodukte bei der Umwandlung von Nahrung in Energie. Da bei der Nutzung von Fett zur Energiegewinnung weniger Sauerstoff involviert ist, fallen im ketogenen Stoffwechsel weniger freie Radikale an.

  • In vielen Fällen kann eine Steigerung und Stabilisierung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit erreicht werden, was beispielsweise Leistungseinbrüche am Nachmittag verringert.

  • Eine natürliche Regulierung von Sättigung und Hungergefühl tritt ein, was Heißhunger vorbeugt.

  • Tulipan konnte bei vielen ihrer Patienten starke Gewichtsverluste durch eine ketogene Diät beobachten. Auch eine Metaanalyse1 mehrerer Studien, die 2013 im British Journal of Nutrition veröffentlicht wurde, hat gezeigt, dass Menschen mit einer ketogenen Diät auch langfristig große Abnehmerfolge erzielen können.

Mögliche Nachteile des ketogenen Speiseplans:

Viele Menschen, die den strikten Ernährungsplan ausprobiert haben, bemerken jedoch auch Nachteile:

  • Körperliche Beschwerden, auch als Keto-Grippe bezeichnet, sind während der Umstellungsphase möglich. Dazu gehören geistige sowie körperliche Leistungsabfälle, etwa starke Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kraftlosigkeit, ein vermindertes Energielevel und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch Schlaflosigkeit, Bauchschmerzen, Übelkeit, Obstipation (Verstopfung) und Diarrhöe (Durchfall) können auftreten. Um dem Körper bei der Stoffwechselumstellung zu helfen, ist es sinnvoll, vermehrt Elektrolyte aufzunehmen. Kohlenhydratarmes, frisches Gemüse hilft, die Verdauung zu stabilisieren.

  • Isabell Bernhauser – Ernährungswissenschaftlerin und Expertin auf dem Gebiet des menschlichen Stoffwechsels – erklärt, dass der begrenzte Speiseplan – sofern die Lebensmittelzusammenstellung nicht gut durchdacht wurde – eine Unterversorgung mit Vitamin- und Mineralstoffen begünstigen kann.

  • Der hohe Konsum tierischer Lebensmittel kann (je nach Ursprung der Produkte) zu einer erhöhten Aufnahme unerwünschter Begleitstoffe wie Hormonen, Antibiotika und akkumulierten Schwermetallen, die den Körper belasten, führen. Außerdem korreliert ein hoher Anteil tierischer Fette im täglichen Speiseplan mit der Entstehung von durch die Ernährung beeinflussbaren Erkrankungen, beispielsweise des Herz-Kreislauf-Systems, so Bernhauser.

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Das Prinzip der Ketose

Unsere Zelllen sind darauf programmiert, Energie vorrangig aus Kohlenhydraten herzustellen. Glucose, die kleinste Einheit der Kohlenhydrate, ist unser Energielieferant Nummer eins. Bei leeren Kohlenhydratspeichern ist der Körper gezwungen, seinen Stoffwechsel umzustellen, um alle wichtigen Körperfunktionen aufrechtzuerhalten.

Der Organismus kommt dann in den Hungerstoffwechsel und zapft Fettdepepots im Körper zur Energieproduktion an. Die Leber wandelt dabei körpereigene Fettsäuren in sogenannte Ketonkörper um. Diese Ketonkörper versorgen dann vor allem die Mitochondrien der Gehirnzellen (zu denen kein Fett gelangen kann) mit der nötigen Energie.

Das Konzept erinnert zunächst an die Atkins-Diät. Bei der wohl bekanntesten kohlenhydratarmen Diätform sind Fett und Fleisch erlaubt, Brot, Reis, Nudeln und andere kohlenhydrathaltige Lebensmittel werden strikt gemieden. "Die Original-Atkins-Diät ist tatsächlich ganz ähnlich", bestätigt Ulrike Kämmerer. Die Humanbiologin forscht an Krebszellen und ist Beraterin zum Thema Energiestoffwechsel bei ketogener Ernährung für eine Studie an der Universitätsklinik Würzburg, die die Wirkung einer ketogenen Diät auf Krebs untersucht. "Berge von Fleisch und Wurst, wie die landläufige Meinung zu Atkins lautet, sind jedoch bei der ketogenen Diät nicht erlaubt, wichtiger sind hochwertige Fette", erklärt Kämmerer. Von einer ketogenen Diät kann man allerdings erst sprechen, wenn Ketonkörper im Blut nachzuweisen sind und das ist nur bei sehr strenger Kohlenhydratrestriktion der Fall.

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Anteil von Fett, Eiweiß und Kohlenhydraten an der Energiezufuhr

Folgende Verteilung der Makronährstoffe (unsere Hauptenergielieferanten) wird bei der ketogenen Ernährung in etwa angestrebt:

Fett: 70 bis 80 Prozent (der Gesamtenergiezufuhr)
Proteine: 15 Prozent
Kohlenhydrate: 5 bis 10 Prozent

Ernährungsberaterin Tulipan betont, dass die Verteilung aber individuell ausfallen kann. Eine neuere Herangehensweise ist deshalb eine "wohlformulierte ketogene Ernährung", bei der die Lebensmittelauswahl nicht unnötig eingeschränkt wird.

Die prozentuale Verteilung der Makronährstoffe verläuft bei einer ketogenen Ernährung fast gegensätzlich zu den allgemeinen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: Die DGE spricht sich dafür aus, mindestens 50 Prozent der aufgenommenen Gesamtenergiezufuhr aus Kohlenhydraten und 9 bis 11 Prozent aus Eiweiß zu ziehen. Fett sollte nicht mehr als 30 Prozent ausmachen. Wie beurteilt Tulipan diese Abweichungen?

Fett – die Qualität ist entscheidend

Die Angst vor Fett ist stark verbreitet, doch die Qualität ist ausschlaggebend. Der Fokus soll bei der ketogenen Ernährung auf nicht stark verarbeiteten Pflanzenfetten und guten tierischen Fetten aus Freilandhaltung liegen, sagt Tulipan.

Stoffwechselexpertin Bernhauser kritisiert trotzdem den sehr hohen Anteil tierischer Fette in der ketogenen Ernährung, da diese in Verdacht stehen, Zivilisationskrankheiten zu fördern.

Proteine – auch bei der ketogenen Ernährung bedarfsgerecht

Während weniger radikale Low-Carb-Diäten den Eiweißgehalt nicht so strikt eingrenzen, würde das bei einer ketogenen Diät nicht funktionieren. Denn eine hohe Eiweißaufnahme ruft eine Insulinantwort im Körper hervor, die die Bildung von Ketonkörpern hemmt, erklärt Tulipan. Da der erlaubte Proteinanteil von bis zu 15 Prozent nicht die Zufuhrempfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung unterschreitet, ist jedoch kein Mangel zu befürchten.

Kohlenhydrate – es gibt keinen Kohlenhydratmangel

Auch die ketogene Diät ist keine "Null-Kohlenhydrat-Diät". Doch selbst, wenn man es auf die Spitze treiben wollte, könnte der Körper Glucose endogen herstellen: "Fettsäuren sind in Form von Triglyceriden gespeichert und aus deren Abbau wird Glycerol frei, das zur Energiegewinnung in die Gluconeogenese – einen Stoffwechselweg, bei dem Glucose aus Nicht-Kohlenhydratvorstufen gebildet wird – eingeführt werden kann", sagt Tulipan. Es gibt deshalb schlicht keinen Kohlenhydratmangel. Auch Bevölkerungsgruppen mit einem sehr geringen Kohlenhydratanteil im Speiseplan – etwa die Inuit oder die Massai – hätten keine gesundheitlichen Probleme, so Tulipan.

Tulipan erklärt, dass die allgemeinen Empfehlungen der DGE, möglichst unverarbeitete, frische und nährstoffreiche Lebensmittel zu essen, bei der ketogenen Ernährung – unabhängig von der Verteilung der Hauptenergielieferanten – genauso anzuwenden seien.

Diese Lebensmittel werden im ketogenen Speiseplan gemieden:

  • alle Getreidearten wie beispielsweise Reis, Weizen, Roggen, Mais, Hafer, ...;
  • diverse Getreideprodukte: Backwaren, Müslis, Teigwaren, Chips, ...;
  • Knollen- und Wurzelgemüse wie Pastinaken, Kartoffeln, Karotten, da diese sehr kohlenhydratreich sind;
  • Hülsenfrüchte werden aufgrund ihres hohen Anteils an Kohlenhydraten ebenfalls gemieden;
  • kohlenhydratreiche Obstsorten: Bananen, Weintrauben, Feigen, Granatäpfel, Kaki, ...;
  • Süßungsmittel wie Zucker, Agavendicksaft, Honig, ...;
  • Fertigprodukte, da diese in der Regel auch viele Kohlenhydrate enthalten;
  • Trockenfrüchte, denn die sind reich an Fruchtzucker;
  • gezuckerte Milchprodukte;
  • Obstsäfte und gezuckerte Getränke;
  • alkoholische Getränke;
  • zuckerhaltige Saucen und Dips wie Ketchup, Salatdressings, ...

Erlaubte Lebensmittel in der ketogenen Ernährung

Hochkalorische Lebensmittel mit viel Fett und Eiweiß stehen ganz oben auf der Liste der erwünschten Lebensmittel:

  • Fleisch;
  • Fisch und Meeresfrüchte;
  • Eier;
  • Milch, Käse und andere Milchprodukte;
  • Nüsse und Samen;
  • kohlenhydratarme Gemüsesorten wie Tomaten, Blumenkohl, grünes Gemüse wie Spinat und Brokkoli;
  • kohlenhydratarme Früchte wie Beeren, Zitronen, Limetten, Kiwi und Avocado;
  • Pilze.
Der ketogene Ernährungsplan: Diese Lebensmittel sind erlaubt

Diese Symptome sprechen für den Zustand der Ketose:

Wer sich für eine ketogene Diät entscheidet, strebt den Ketose-Stoffwechsel an, in dem Fett anstelle von Kohlenhydraten zur Energiegewinnung herangezogen wird. Diese Körpersignale und Tests geben darüber Aufschluss:

  • Atem: Ein schlechter, fruchtiger Atem spricht dafür, dass vermehrt Aceton – ein Keton – im Körper vorhanden ist und über den Atem aus dem Organismus geleitet wird. Mit einem sogenannten Breathalyzer, einem speziellen Atemtestgerät, kann der Acetongehalt ermittelt werden.

  • Bluttest: Diese Methode ist die verlässlichste für den Nachweis von Ketonkörpern. Es gibt spezielle Messgeräte, die den ketogenen Stoffwechsel im Blut nachweisen können. Durch einen kleinen Pieks – ähnlich wie beim Messen des Blutzuckers – kann ermittelt werden, ob und wie viele Ketonkörper sich im Blut befinden.

  • Urintest: Auch über den Urin werden Ketone ausgeschieden. Die Konzentration wird mit einem Teststreifen ermittelt, wobei dieses Verfahren gegenüber den anderen für gewöhnlich ungenauer ausfällt.

  • Appetitverlust: Viele bemerken, dass der Appetit im ketogenen Stoffwechsel nachlässt.

  • Gewichtsverlust: Auch starkes Abnehmen kann den Ketosestoffwechsel anzeigen. Während der Umstellungsphase ist der Gewichtsverlust in der Regel jedoch hauptsächlich auf das vermehrte Ausscheiden von Wasser zurückzuführen.

Abnehmen mit einer ketogenen Ernährung

Die ketogene Diät verspricht schnelle Abnehmerfolge, doch sie ist keine "Wunderdiät". Besonders ist, dass sie nicht über eine künstliche Kalorieneinschränkung, sondern einen hormonellen Weg funktioniert, bei dem der Insulinspiegel konstant relativ niedrig gehalten wird. "Durch den stabileren Blutzucker kommt der Körper nicht in die Blutzzuckerachterbahn, wodurch auch eine natürliche Regulation von Hunger und Sättigung stattfindet und Heißhunger ausbleibt", so Ernährungsberaterin Tulipan. Ein hoher Insulinspiegel hemmt die Mobilisierung körpereigener Fettreserven zur Energiegewinnung. In Ketose herrscht demgegenüber ein hormonelles Milieu, das die Fettfreisetzung begünstigt.

Tatsächlich zeigt eine groß angelegte Metaanalyse, die 13 Einzelstudien, die alle mindestens zwölf Monate dauerten, miteinbezieht, dass Menschen, die sich für einen Zeitraum von 12 Monaten sehr kohlenhydratarm (< 50 g Kohlenhydrate/Tag) ernährten, geringfügig mehr Gewicht verloren als Menschen, die für die gleiche Zeitspanne eine konventionelle, fettreduzierte Diät (mit nicht mehr als 30 Prozent der Kalorien aus Fett) durchführten. Weitere Studien stützen diese Ergebnisse. Bei den meisten Probanden gingen die Abnehmerfolge jedoch mit einem allgemein gesunden Lebensstil und reduzierter Kalorienaufnahme einher.

Tulipan sieht in der ketogenen Ernährung einen weiteren Vorteil: Der Stoffwechsel würde nicht – wie das bei sehr kalorienreduzierten Diäten meist der Fall sei – herunterfahren, weshalb ein Jojo-Effekt ausbleiben und das Gewicht im Vergleich zu einer fettreduzierten Diät besser gehalten werden könne.

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Andere Ernährungsexperten plädieren für weniger radikale  Ernährungsumstellungen: "Meiner Meinung nach ist eine nachhaltige Gewichtsreduktion nicht mit einer kurzfristigen, radikalen Diät erfolgreich zu bewerkstelligen", sagt Ernährungswissenschaftlerin Isabel Bernhauser. Um dauerhaft erfolgreich abzunehmen, ginge es vielmehr um eine langfristige Ernährungsumstellung, die den Stoffwechsel unterstützt und auf die Bedürfnisse des Betroffenen zugeschnitten ist. Nur so könne dieser die Ernährung auch langfristig umsetzen. "Man sollte den Patienten immer dort abholen, wo er gerade steht und individuell Empfehlungen aussprechen, die mit den wissenschaftlich basierten Richtlinien unserer Fachgesellschaften harmonieren", sagt Bernhauser.

Eine ketogene Ernährung kann dabei helfen, effektiv Gewicht zu reduzieren, doch hierzu gibt es auch kritische Meinungen. Wer eine ketogene Diät in Betracht zieht, sollte sich sorgfältig informieren und eine Ernährungsumstellung nur in Abstimmung mit einem Arzt und einem auf Stoffwechselprozesse spezialisierten Ernährungsexperten durchführen.

Für wen ist die ketogene Diät nicht geeignet?

Der strikte Ernährungsplan kann bei diversen Krankheiten gefährlich werden. Dazu gehören Typ-1-Diabetes, bestimmte Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, verschiedene Stoffwechselstörungen, Niereninsuffizienz, schwere Lebererkrankungen und weitere. Bisher fehlen außerdem gesicherte Studien zur ketogenen Ernährung während der Schwangerschaft und Stillzeit, weshalb nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Ernährungsform für diese Personengruppen gefährlich werden kann. Welche Folgen ein andauernder Zustand der Ketose auf lange Sicht auf den Körper hat, ist noch nicht ausreichend erforscht. Einzig aus dem langjährigen Einsatz einer sehr strikten Form der ketogenen Ernährung bei der Behandlung von Epilepsie im Kindes- und Jugendalter hat sich gezeigt, dass sogar diese strikte Form für mehrere Jahre sicher durchführbar sei, so Tulipan. In jedem Fall sollte eine strenge, ketogene Diät auch von gesunden Menschen nur in Absprache mit einem erfahrenen Arzt und Ernährungsberater in Angriff genommen werden!

Es gibt zahlreiche Alternativen zu einer ketogenen Diät, mit der Abnehmerfolge erzielt werden können. Auch eine frische, möglichst naturbelassene und ausgewogene Ernährung in Kombination mit ausreichend Sport kann ohne Hungern langfristig zum gewünschten Gewichtsverlust führen. Wer hauptsächlich Gemüse in den Vordergrund seiner Ernährung stellt, hat es oftmals noch leichter, auf gesunde Weise Gewicht zu verlieren. Denn Gemüse hat gegenüber anderen Lebensmitteln bei gleicher Menge in der Regel wesentlich weniger Kalorien, füllt den Magen damit sehr kalorienarm und versorgt den Körper zusätzlich mit wertvollen Nährstoffen.

Strikte ketogene Ernährung langfristig kaum durchführbar

Seit einiger Zeit betrachten viele Menschen den ketogenen Speiseplan nicht nur als Diätkonzept, sondern ziehen ihn als langfristige Ernährungsform in Betracht. Allerdings gibt es keinen Grund für einen gesunden Menschen, eine ketogene Ernährung über Jahre hinweg durchzuführen und der strikte Ernährungsplan ist im Alltag auch kaum längerfristig einzuhalten.

"In der Realität ist es so, dass man nach einer Umstellungsphase meistens hin- und herschwankt und zyklisch zwischen streng ketogenen und etwas aufgelockerten Phasen, was auch eigentlich der natürlichere Ansatz ist", so Tulipan. Das Ziel sei eher eine sogenannte "metabolische Flexibilität", die den Urzustand einer gesunden Zelle bezeichnet, durch den der Körper generell schneller wieder in den Fettstoffwechsel kommt. "Die meisten von uns haben diese Flexibilität verloren, weil wir in der Regel alle paar Stunden immer wieder Zucker zuführen und der Körper dadurch nie in Verlegenheit kommt, Fett zu nutzen und Ketonkörper herzustellen", so Tulipan. Das Ziel der ketogenen Diät ist, diese metabolische Flexibilität wieder zu erlangen und damit auf lange Sicht Übergewicht entgegenzuwirken.

Kritik an der ketogenen Ernährung

Unter Enährungsexperten wird die extrem kohlenhydratarme Ernährungsform kontrovers diskutiert, da die Lebensmittelauswahl stark eingeschränkt ist, was Nährstoffmängel begünstigen kann. "Außerdem präferiert unser Organismus und insbesondere das Gehirn Kohlenhydrate – wobei hier vollwertige Quellen anstatt raffiniertem Zucker gemeint sind – als primäre Energiequelle", so Isabel Bernhauser. Das Gehirn könne zwar auch mit Ketonkörpern funktionieren, doch es sei ein größerer Aufwand diese herzustellen und den Stoffwechslel darauf auszulegen.

Die Kohlenhydratrestriktion muss bei einem ketogenen Ernährungsplan mit Fett- und Proteinquellen kompensiert werden. Da pflanzliche Lebensmittel überwiegend einen zu hohen Kohlenhydratanteil haben, wird häufig primär auf tierische Lebensmittel zurückgegriffen. Ein hoher Anteil an tierischen Fetten korreliere aber mit der Entstehung von Zivilisationskrankheiten wie Atherosklerose, Herz-Kreislauf- oder rheumatischen Erkrankungen, sagt Bernhauser. In tierischen Lebensmitteln befinden sich häufig auch unerwünschte Begleitstoffe wie Hormone, Antibiotika und akkumulierte Schwermetalle, da sich Tiere in der Nahrungskette weiter hinten befinden. "Auch deshalb ist eine ketogene Ernährung aus meiner Sicht auf Dauer nicht empfehlenswert", so Bernhauser.

33 kalorienarme Lebensmittel: lecker, gesund und sättigend

Die ketogene Diät als Therapieform

Die ketogene Ernährung wird nicht nur zum Abnehmen oder zur Steigerung der Leistungsfähigkeit angewandt, sondern kommt vereinzelt auch bei der Behandlung von Krankheiten zum Einsatz. Ihren Ursprung hat die ketogene Ernährung in der Behandlung therapieresistenter Epilepsie im Kindes- und Jugendalter. Bislang konnte sie laut Bernhauser nur bei diesem Krankheitsbild als therapeutischer Ansatz empfohlen werden. Die Umstellung auf eine ketogene Kost als Therapie sollte generell ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Manche Patienten konnten auch bei anderen Krankheiten wie Krebs, Diabetes Typ-2, Herzkrankheiten und Alzheimer von einer ketogenen Therapiekost profitieren.

Epilepsie im Kindesalter und Störungen im Gehirnstoffwechsel

Bei therapieresistenten Epilepsien im Kindesalter kann eine medizinisch streng kontrollierte ketogene Diät eingesetzt werden. Diese muss von Ärzten und Ernährungexperten mit guten Stoffwechselkenntnissen eingeleitet und überwacht werden. Der streng kontrollierte Ernährungsplan erfordert sowohl von den Kindern als auch von den Eltern ein hohes Maß an Disziplin, da das Abwiegen der Lebensmittel, die Einhaltung der reduzierten Lebensmittelauswahl und die tägliche Messung von Ketonen erforderlich sind. Aufgrund dieser Einschränkungen wird die ketogene Diät häufig vorzeitig abgebrochen. Das Ziel ist, eine kontrollierte Ketose aufrechtzuerhalten. Die Dauer der Diät kann bis zu drei Jahre betragen und die Beendigung des ketogenen Speiseplans sollte über einen langen Zeitraum schrittweise erfolgen.

Auch bei Störungen des Gehirnenergiestoffwechsels – wie beispielsweise einem Pyruvat-Dehydrogenase-Mangel – kann die ketogene Diät eingesetzt werden, um Ketonkörper als alternative Energiequelle bereitzustellen.

Ebenso bei Erbkrankheiten wie dem GLUT-1-Defizit-Syndrom ist der Energiestoffwechsel gestört. Der unzureichende Glukose-Transport vom Blut ins Gehirn führt zu einem Energiemangel, der mit einer ketogenen Diät möglicherweise ausgeglichen werden kann.

Spezielle Diät bei Krebs

Viele Wissenschaftler erforschen den Einfluss einer ketogenen Ernährung auf Krebs. Sie soll Krebspatienten dabei unterstützen, das Fortschreiten ihrer Krankheit abzubremsen und die Chemotherapie besser zu verkraften. Sie stärkt gesunde Zellen, aber setzt einen schnell wachsende Tumor sozusagen auf Reduktionsdiät. Krebszellen verfügen generell über einen veränderten Stoffwechsel: sie wachsen unkontrolliert, können Zucker oft nicht richtig verwerten und entwickeln dadurch einen starken "Zuckerhunger". Die Ketonkörper bringen den Krebszellen dabei jedoch viel zu langsam Energie, weshalb sie in ihrem Wachstum ausgebremst werden, so Kämmerer.

Zucker kann zusätzlich aus dem umliegenden Gewebe in die Zellen gelangen. Auch das verhindert eine ketogene Kost weitgehend: Sie senkt den Blutzuckerspiegel auf Nüchternniveau. Die Folge: Das Krebsgewebe kann nicht mehr wachsen, schrumpft im besten Fall sogar. Soweit bis jetzt bekannt ist, profitieren von dieser Ernährungsform vor allem Patienten, bei denen der Tumor schnell wächst, der Krebs also besonders aggressiv und "zuckerhungrig" ist. "Wir beobachten bei Patienten, dass der Krebs sogar zum Stillstand kommen kann", sagt Kämmerer.

Eine große Schwierigkeit liegt jedoch darin, dass eine ketogene Diät eine Ganz-oder-Gar-nicht-Lösung darstellt: "Wenn die Patienten nur ein bisschen Kohlenhydrate sparen, dann bekommen sie Hunger, Schwächegefühle und nehmen ab", warnt Ulrike Kämmerer vor halbherzigen Selbstversuchen. "Wenn Krebspatienten wollen, können sie sich auch gerne an die Atkins-Diät halten", schlägt die Expertin vor.

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Ob die kohlenhydratarme, ketogene Diät Krebs wirklich günstig beeinflussen kann, ist noch nicht bekannt. Dazu wären weitere, groß angelegte Langzeitstudien nötig. An einer großen Rehaklinik in Bad Kissingen läuft derzeit eine Studie zusammen mit der Frauenklinik der Universität Mannheim und dem Forschungslabor der Würzburger Frauenklinik, die sich mit der Wirkung verschiedener Ernährungsformen auf den Verlauf von Brustkrebs beschäftigt.

Trotz der vereinzelt positiven Erfahrungen im Einsatz gegen Krebs wird das Konzept der ketogenen Diät noch nicht von offizieller Stelle empfohlen. Die Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft erklärt mit einer Stellungnahme von 2014, dass zum derzeitigen Zeitpunkt aufgrund der bisher wenigen Untersuchungen beim Menschen eine kohlenhydratarme oder ketogene Diät für Tumorpatienten nicht empfohlen werden kann, da bisher weder ein Beleg dafür vorliegt, dass das Wachstum und die Metastasierung eines Tumors beim Menschen verhindert werden können, noch bestätigt wurde, dass die Wirksamkeit einer Chemo- oder Strahlentherapie oder die Verträglichkeit einer Chemotherape verbessert werden können.

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