Medizin-Mythos

Mythos Milch: Wie (un)gesund ist sie wirklich?

In Europa zählt Milch zu den Grundnahrungsmitteln. Strittig ist, welche Rolle sie für die Knochengesundheit und das Krebsrisiko spielt. Während vor allem Tierrechtsorganisationen der Milch einen schädlichen Einfluss nachsagen, behaupten die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die Milchwirtschaft das Gegenteil. Wer hat Recht?

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Gesund oder das glatte Gegenteil? Um die Milch tobt, gerade im Netz, fast schon ein Glaubenskrieg. Wir fassen die wichtigsten Fakten für Sie zusammen.
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Milch soll überaus gesund sein, das darin enthaltene Kalzium die Knochen stärken. Das bläut die Milchbart-Kampagne mit dem Slogan "Got milk?" beziehungsweise "Die Milch machts" vor allem Eltern kleiner Kinder ein. Seit den Neunziger Jahren ließen sich dafür Promis wie Heidi Klum und Angelina Jolie als "Milchgesichter" ablichten.

Internetnutzer aber wollen den dahinter stehenden Wirtschaftszweig einer riesengroßen Werbelüge überführt haben: Statt die Knochen zu stärken und Osteoporose vorzubeugen, soll Milchkonsum den Knochenabbau sogar fördern, indem die weiße Flüssigkeit dem Skelett Kalzium entzieht. Doch welche Partei hat Recht im Streit um die Emulsion aus dem Euter? Die DGE jedenfalls widerspricht dem Netz-Mythos in ihren Empfehlungen: Dort wird Milch nach wie vor als wichtiger Kalziumlieferant und damit der Knochengesundheit zuträglich geführt.

Essen gegen Osteoporose

Erhöht Milch das Krebsrisiko?

Als Grund für die Empfehlung gibt die Gesellschaft die bislang nicht eindeutige Studienlage an. Ähnlich verhält es sich beim Thema Milchkonsum und Krebs. Zwar bringen einige Untersuchungen Milch und daraus Hergestelltes mit einem höheren Krebsrisiko in Verbindung. Für die DGE aber reicht die Beweiskraft nicht aus, um die Empfehlungen des Ernährungskreises zu ändern, in dem Milchprodukte immerhin den viertgrößten Posten stellen.

Während das Risiko für Dickdarm- oder Brustkrebs durch Milchprodukte nachgewiesener Maßen verringert wird, besteht jedoch die Gefahr, dass erhöhter Milchkonsum Prostatakrebs begünstigt. Doch dafür müssen pro Tag mindestens 1,25 Liter Milch getrunken oder 140 Gramm Hartkäse gegessen werden. Als sicher gilt hingegen der negative Einfluss von Milch bei starker Akne oder anderen Hauterkrankungen wie zum Beispiel Neurodermitis. Wer hiervon betroffen ist, sollte besser auf große Milchmengen verzichten. Das Gleiche gilt natürlich für alle Menschen mit Laktoseintoleranz.

Osteoporose-Studie wurde fehlinterpretiert

Was ist aber nun mit den Vorwürfen gegen die Milch, die hauptsächlich von Tierrechtsbewegungen stammen? Befeuert haben diese "Milchmädchenrechnung" Untersuchungen, nach denen Frauen im asiatischen Raum deutlich seltener an Osteoporose erkranken – obwohl die meisten Erwachsenen dort keine Milch vertragen und deswegen nur wenig davon konsumiert wird.

Allerdings spielen in der Vorbeugung von Knochenschwund neben der Kalziumversorgung zahlreiche andere Faktoren eine Rolle, etwa die Bildung von Vitamin D durch Sonnenlicht sowie Bewegung. Fakt ist außerdem, dass es neben Milch und Käse durchaus rein pflanzliche Produkte gibt, die einen stattlichen Kalziumgehalt aufweisen. Dazu zählen zum Beispiel Leinsamen, Sesam, Hülsenfrüchte und grünes Blattgemüse – die allesamt ihren festen Platz in der asiatischen Küche haben.

Gesund oder ungesund? Auf die Art des Milchprodukts kommt es an

Milchkritiker bringen zudem das Argument an, dass ein zu hoher Kalziumspiegel im Blut wiederum den Vitamin-D-Spiegel senkt und dadurch letztlich den Knochen schadet. Wie eine neue Studie zeigt, liegt die Wahrheit über Milch – wie so oft – irgendwo dazwischen: Verschiedene Milchprodukte wirken sich unterschiedlich auf Teile des Skeletts aus, fanden Forscher der Harvard Medical School heraus. So erhöhe Milch und Joghurt die Knochendichte der Hüfte, nicht aber des Rückgrats. Sahne und Eiscreme dagegen ließen das Skelett eher poröser werden. "Milchprodukte liefern einige wichtige Nährstoffe für die Knochengesundheit", ist sich Studienautorin Shivani Sahni dennoch sicher.  

Als Fürsprecher der Milch entpuppt sich die Tatsache, dass Gesellschaften, in denen Milchwirtschaft Tradition hat, dank Mutationen in ihrem Erbgut oben beschriebene Laktasepersistenz entwickelten: Die Fähigkeit, Milch zu verdauen, muss für die damaligen Menschen einen Überlebensvorteil dargestellt haben – vermutlich ihre bessere Nährstoffversorgung durch den Milchkonsum.

"Milch-Verdauer" weltweit in der Minderheit

Denn der Mensch ist das einzige Säugetier, das übers Kindesalter hinaus Milch trinkt – noch dazu die von einer anderen Spezies. Daraus folgt die weltweit verbreitete Laktoseintoleranz, die Unverträglichkeit gegenüber Milchzucker. Sie entsteht, weil das Enzym Laktase, das diese Zuckerart aufspalten kann, im Normalfall nach dem Abstillen größtenteils seine Aktivität einbüßt. Die Hälfte bis drei Viertel der erwachsenen Weltbevölkerung kann keinen Milchzucker mehr verdauen.

Einer evolutionären Anpassungsstrategie verdankt die Mehrheit der Deutschen im Gegensatz dazu die sogenannte Laktasepersistenz: Das Enzym überdauert bis ins Erwachsenenalter, Milch kann ohne Probleme verdaut werden.

Wenig verarbeitete Bio-Milch ist am gesündesten

Damit die Milch ernährungsphysiologisch möglichst wertvoll ist, kommt es vor allem auf deren Qualität an, erklärt Elisabeth Lenz, Ernährungsberaterin bei der Siemens-Betriebskrankenkasse SBK: "Am besten Bioqualität wählen", rät die Expertin. Zudem solle man Milch nicht als Getränk und Durstlöscher auffassen, sondern als Lebensmittel. Sonst drohe Übergewicht, denn Milch ist kalorienreich.

Wertvolle Inhaltsstoffe wie herzgesunde Omega-3-Fettsäuren liefert besonders Milch von Kühen, die fast ganzjährig weiden oder Kräuter sowie Wiesenheu fressen. Rinder, die stattdessen Maissilage und Kraftfutter bekommen, geben dagegen Milch mit einer viel ungünstigeren Fettsäure-Verteilung. Dazu belasten sie das Klima mit mehr Treibhausgasen, die die Tiere bei der Verdauung freisetzen.

Diese Lebensmittel liefern Omega-3-Fettsäuren

Autor:
Letzte Aktualisierung:12. März 2018
Quellen: Studienergebnisse unter http://www.eurekalert.org/pub_releases/2013-02/hsif-nss020113.php; http://www.bne-portal.de/coremedia/generator/unesco/de/04__Aktuelles/18__Themen-Special/20120223__Kleinbauern.html; Mitteilung der SBK

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