Designerdroge

Cloud 9 – die Zombiedroge aus dem Labor

Unter dem Einfluss von MDPV werden Konsumenten extrem aggressiv

Unbeteiligte Touristen werden auf Mallorca von Drogenkonsumenten angefallen und gebissen, in Florida zerfleischt ein Mann einen Obdachlosen auf offener Straße – die Designerdroge Cloud Nine sorgte bereits mehrfach für blutig-bizarre Schlagzeilen. Was macht die "Kannibalen-Droge" so verheerend?

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Weißes Pulver mit verheerender Wirkung: Seit etwa 2008 ist Cloud Nine im Umlauf. Konsumenten werden durch sie bisweilen extrem aggressiv.
iStock

Im Jahr 2012 tauchten in den USA erstmals gehäuft Berichte über eine Droge auf, deren Wirkung Mediziner und Polizei schockierte: In mehreren Fällen wurden Menschen angegriffen und gebissen, in Florida zerfleischte ein Drogenabhängiger einem Obdachlosen auf offener Straße das Gesicht. In Kliniken eingelieferte Patienten hatten vollkommen die Kontrolle über sich verloren, benahmen sich extrem aggressiv, verstümmelten sich selbst wie im Blutrausch. Teilweise mussten die Konsumenten mit Vollnarkosen beruhigt werden.

Die gefährlichsten Drogen von Crystal bis Cannabis

Im Sommer 2014 schlugen die Behörden auch in Europa Alarm: Auf Mallorca und Ibiza registrierte die Polizei mehrere Fälle: Drogenkonsumenten verfolgten Touristen am Strand, wollten sie beißen und benahmen sich extrem gewalttätig.

Hinter diesem schockierenden und gleichfalls bizarren Verhalten steckt in vielen Fällen die Droge Cloud 9 (oder Cloud Nine), zu deutsch sinngemäß "Wolke Sieben". Sie bekam bald den treffenden Stempel Zombie-Droge oder Kannibalen-Droge verpasst. In Drogenkreisen ist sie auch unter den Namen Monkey Dust, Magic oder Cannibal, MTV, Super Coke, Flex, Flakka und Peeve bekannt.

Der Stoff ist seit etwa 2008 im Umlauf. In den USA gab es ihn in Drogerien und Tankstellen als "Badesalz" ganz legal zu kaufen, weil die Minipäckchen mit dem Hinweis "Nicht zum Verzehr geeignet" versehen waren. Bei diesen "Legal Highs" handelt es sich um Designerdrogen. Sie sind so neu, dass sie von der Gesetzgebung noch nicht erfasst sind und deren Herstellung, Verkauf und Konsum noch nicht geahndet werden können. Die Hersteller dieser Substanzen "vermarkten" ihre Produkte oft über das Internet als Badesalze, Düngemittel oder Kräutermischungen.

Cloud Nine – Verwandter von Crystal Meth und Ecstasy

Hinter Cloud Nine und anderen Synonymen steckt der chemische Stoff Methylendioxypyrovaleron (MDPV). Das in Reinform körnige bis pudrige weiße Pulver gehört wie Crystal Meth oder Ecstacy zu den Amphethamin-Abkömmlingen und wirkt vor allem auf die Psyche stimulierend bis aufputschend. Medizinisch hat MDPV keine Bedeutung, in den 60er Jahren wurde es jedoch als Alternative zu Ritalin erforscht. Es soll eine vierfach stärkere Wirkung als das Mittel haben, welches zur Behandlung von ADHS eingesetzt wird.

In der Regel wird MDPV über die Nase oder Mundschleimhaut konsumiert, selten gespritzt, da sich die Wirkung in flüssigen Lösungen schnell verflüchtigt. MDPV wird jedoch nicht nur in Reinform angeboten, sondern auch anderen Drogen, wie zum Beispiel Ecstacy-Pillen, Kokain oder Speed beigemischt.

Wie Cloud 9 auf Körper und Psyche wirkt

MDPV ähnelt in seiner Wirkung dem Kokain oder anderen Amphetaminen. Im Körper wirkt es als Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer. Der Drogenstoff besetzt dabei die Rezeptoren an den Nervenzellen und verhindert, dass die Konzentration der beiden körpereigenen Botenstoffe auf Normalwerte reguliert werden kann. Dopamin wirkt dabei auf Antrieb und Motivation, Noradrenalin regt das Kreislaufsystem an und lässt den Blutdruck steigen.

Nach dem Konsum von MDPV erhöhen sich demzufolge Herzschlag und Blutdruck, es kommt zu Herzrasen und Kribbeln in den Extremitäten, sowohl starkes Schwitzen als auch Kälteempfinden können beobachtet werden. Auf psychischer Ebene wirkt MDPV zunächst euphorisierend: Aufmerksamkeit und Erregbarkeit werden gesteigert, Farben und auch Geräusche können intensiver wahrgenommen werden, Müdigkeit und Hungergefühl werden unterdrückt.

MDPV ist eine extrem potente Droge und kann sehr schnell überdosiert werden. Ihre euphorisierende und belebende Wirkung schlägt bereits in geringen Dosen schnell ins Gegenteil um. Dabei besteht die Gefahr von:

Diese psychotischen Zustände können in extrem aggressivem Verhalten gipfeln, das sich zu einem Horrortrip nicht nur für den Drogenkonsumenten, sondern auch für Außenstehende entwickeln kann.

Die erschreckende Wirkung der Droge auf Körper und Geist zeigt ein aktuellen Video aus Brasilien, welches offenbar während eines Polizei- oder Behördeneinsatzes aufgenommen wurde. Eine junge Frau hockt auf der Ladefläche eines Pickup: ihre Gesichtszüge sind verzerrt, ihre Gesten fahrig. Die Frau erinnert an eine der gruseligen Zombie-Figuren aus der Serie "The Walking Death":

Erschreckend: So wirkt Cloud Nine

Lifeline/ BOOOMNEWS

 

Die Wirkung von Cloud Nine hält etwa vier Stunden an, körperliche Symptome sind noch bis zu acht Stunden nach der Einnahme zu spüren. Psychische Folgen können selbst beim Einmalkonsum Monate andauern.

Wie andere psychotisch wirkende Drogen hat MDPV ein hohes Suchtpotential. Konsumenten wollen die einmal erlebte stimulierende Wirkung wiederholen, brauchen dafür jedoch immer höhere Dosen, weil sich der Körper schnell an den Stoff gewöhnt. Daraus kann sich eine hohe psychische Abhängigkeit entwickeln. Zudem ist MDPV ein starkes Nervengift, Folgen des dauerhaften Missbrauchs sind sowohl körperlich (Herzrhythmus- und Schlafstörungen, starker Gewichtsverlust, Kopfschmerzen, sexuelle Dysfunktion) als auch psychisch mit chronischen Angstzuständen, Halluzinationen bis hin zu Schizophrenie zu spüren. Der Langzeitkonsum kann zu Nervenschäden im Gehirn führen.

Verbot von Cloud 9 und der Kampf gegen Designerdrogen

Weltweit fechten die Drogen- und Gesundheitsbehörden einen fast aussichtslosen Kampf gegen synthetische Drogen aus. In den USA wurde Cloud 9 von einigen Bundesstaaten bereits verboten, die EU hat im September 2014 MDPV und andere Stoffe auf die Liste der Mittel gesetzt, deren Herstellung und Verkauf illegal ist. In Deutschland steht die Substanz seit Juli 2014 auf der Liste der "verkehrsfähigen, aber nicht verschreibunsgfähigen Betäubungsmittel".

Trotzdem bleiben Designerdrogen oder "Research Chemicals" wie sie international genannt werden, weiter ein Problem für die Gesetzgebung. Denn die Entwicklung von neuen psychoaktiven Substanzen in illegalen Laboren schreitet immer rasanter voran. Zwischen 2005 und 2011 hat die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht im Rahmen ihres Frühwarnsystems mehr als 164 neue psychoaktive Substanzen ermittelt. Zudem werden den Behörde immer mehr Stoffe aus eher seltenen chemischen Gruppen gemeldet. Oft verändern Drogenprduzenten dabei bereits verbotene Substanzen so, dass der neue Stoff nicht mehr unter Verbot steht.

Dosierung und genaue Inhaltsstoffe von Cloud 9 bleiben im Dunkeln

Die verheerende Wirkung auf Körper und Psyche bleiben erhalten oder werden sogar noch verstärkt. Händler preisen die neuen Designerdrogen als "legale Alternative" und gesundheitlich unbedenklich an – ohne genaue Inhaltsstoffe zu nennen. Zudem weiß der Käufer bei einer Designerdroge wie Cloud 9 oft nicht, was er bekommt: Die Stoffe werden im Labor zusammengebaut, nicht selten werden mehrere von ihnen gemischt oder bekannte Drogen wie Ecstacy oder Speed mit völlig unbekannten Stoffen gestreckt. Für Drogenkonsumenten ist weder die ungefährliche Dosis noch eine Wirkung vorhersehbar.

Der Konsum dieser Drogen aus dem Labor kann schwere Folgen für die Gesundheit haben: Die Symptome reichen von Übelkeit, Erbrechen, Herzrasen und Orientierungsverlust über Kreislaufstörungen, Ohnmacht, Lähmungserscheinungen und Wahnvorstellungen bis hin zum Versagen wichtiger Körperfunktionen.

Fazit: Cloud Nine und andere synthetische Drogen sind keine "Lustigmacher" oder Entspannungspillen, sondern gefährden das eigene Leben und auch das von anderen Menschen, wie die blutigen Vorfälle auf grausame Art deutlich gemacht haben. 

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Letzte Aktualisierung: 10. Oktober 2017
Quellen: Amtsblatt der Europäischen Union vom 25. September 2014 http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32014D0688&from=EN Drogenaufklärungsportal Mindzone zu MDVP http://mindzone.info/drogen/mdvp/ (abgerufen 18.12. 2014)

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