Familienplanung auf Eis

Social Freezing: Was passiert bei der Kryokonservierung?

Das Social Freezing bietet Frauen die Möglichkeit, ihre Familienplanung zunächst buchstäblich auf Eis zu legen. Dazu werden Eizellen entnommen und tiefgefroren. Zu einem späteren Zeitpunkt können sie aufgetaut, künstlich befruchtet und in die Gebärmutter transferiert werden und so zu spätem Mutterglück verhelfen.

Social Freezing Kryokonservierung
Familienplanung auf Eis: Beim Social Freezing werden Eizellen eingefroren. Sie können zu einem späteren Zeitpunkt aufgetaut und künstlich befruchtet werden.
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Hinter dem Begriff Social Freezing verbirgt sich das Schockgefrieren von Eizellen, um die Familienplanung auf einen späteren Zeitpunkt im Leben zu verschieben. Das Verfahren, auch Kryokonservierung von Eizellen genannt, ist nicht neu und hat sich bei Krebspatientinnen bewährt, deren Fruchtbarkeit durch die Krebstherapie gefährdet war. Bereits 1999 kam das erste Baby zur Welt, das aus einer zuvor schockgefrorenen Eizelle hervorgegangen war.

Social Freezing: Einfrieren von Eizellen aus sozialen Gründen

Allmählich gewinnt die Kryokonservierung von Eizellen nicht aus gesundheitlichen, sondern aus gesellschaftlichen Gründen an Bedeutung: Kinderwunschzentren bieten das Social Freezing als Möglichkeit an, natürliche Fruchtbarkeitsgrenzen zu umgehen. Hintergrund ist, dass Frauen heute aufgrund moderner Verhütungsmethoden die Familenplanung weitgehend an ihre persönliche Lebenssituation anpassen können. Dass immer mehr Frauen das auch nutzen, zeigt ein Blick auf Statistiken zum Lebensalter Erstgebärender: Demnach liegt das Durchschnittsalter der Frauen, die ihr erstes Kind zur Welt bringen, in Deutschland inzwischen bei 30,7 Jahren und damit um sieben Jahre höher als zu Beginn der 1970er Jahre.

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Wenn aber dann mit Mitte oder Ende 30 die Entscheidung für ein Kind fällt, klappt es nicht immer mit dem Schwanger werden. Ein großes Hindernis ist bei Frauen die nachlassende Fruchtbarkeit mit zunehmenden Alter, ein Prozess, der bereits ab Mitte 20 einsetzt. Mit 35 hat eine gesunde Frau nur noch halb so gute Chancen, schwanger zu werden und ein gesundes Baby zu bekommen wie mit 25, danach sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft schnell weiter ab. Mit 40 werden nur noch 36 von 100 Frauen mit Kinderwunsch innerhalb eines Jahres schwanger, mit 45 sind es nur noch fünf.

Qualität der Eizellen sinkt mit dem Lebensalter der Frau

Hauptgrund ist, dass die Eierstöcke, in denen pro Zyklus meist eine befruchtungsfähige Eizelle heranreift, mit zunehmenden Lebensalter an Funktionsfähigkeit einbüßen und dass die Qualität der Einzellen nachlässt. Hier kommt das Social Freezing ins Spiel, mit dem sich laut Befürwortern das Ticken der biologischen Uhr anhalten lässt. Inzwischen wird es auch von deutschen Kinderwunschzentren angeboten.

Dabei werden der Frau unbefruchtete Eizellen entnommen und schockgefroren. "Eingelagert in flüssigen Stickstoff bei minus 196 Grad halten die Eizellen – nach bisherigen Erkenntnissen – ewig", sagt Professor Jan-Steffen Krüssel, Koordinator des Kinderwunschzentrums UniKiD an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. "Später können wir die Eizelle künstlich befruchten und zu einem beliebigen Zeitpunkt in den Mutterleib einsetzen."

Entscheidung für Social Freezing sollte früh fallen

Die Entscheidung, die Familienplanung per Social Freezing auf Eis zu legen, sollte jedoch möglichst frühzeitig fallen. Laut Krüssel liegt das ideale Alter der Frau für die Kryokonservierung ihrer Eizellen zwischen 25 und 30 Jahren, weil die Eizellen danach an Qualität einbüßen. Dies wiederum verringert die Aussicht auf eine erfolgreiche Befruchtung. Die Frauenklinik am Universitätsklinikum Tübingen gibt die Schwangerschaftschance pro aufgetauter und künstlich befruchtetet Eizelle mit etwa zwölf Prozent an, wenn die Frau bei der Entnahme der Eizelle unter 34 Jahre alt war, und mit durchschnittlich sieben Prozent, wenn das Alter der Frau bei der Eizellentnahme zwischen 34 und 39 Jahren lag.

Um die Chance auf eine spätere Schwangerschaft zu erhöhen, werden mehrere Eizellen entnommen. Reproduktionsmediziner empfehlen, mindestens zehn bis 15, besser noch 20 bis 40 Eizellen zu konservieren. Normalerweise produziert de Frau während eines Zyklus nur eine Eizelle. Durch eine hormonelle Stimulation kann erreicht werden, dass mehrere Eizellen im Verlauf eines Zyklus heranreifen. Die Eizellen werden unter Narkose über die Vagina abgesaugt und danach schockgefroren. Um 15 oder mehr Eizellen zu gewinnen, sind im Durchschnitt drei Zyklen notwendig.

Experten-Netzwerk sieht Höchstalter für Schwangerschaft nach Social Freezing bei 50

Bei genügend entnommenen und eingeforenen Eizellen stehen die Chancen für Frauen gut auf ein Wunschkind jenseits der 35, vor allem wenn sie sich idealerweise vor dem 30. Lebensjahr für das Social Freezing entschieden haben. Eine Erfolgsgarantie gibt es jedoch nicht, und auch mit der Kryokonservierung lässt sich der Start ins Familienleben nicht endlos hinausschieben. Zwar gibt es kein festgelegtes Höchstalter für eine Schwangerschaft nach dem Social Freezing. Das Auftauen, Befruchten der Eizelle und das Einsetzen des Embryonen sollte nach Expertenansicht erfolgen, bevor die Frau das 45. Lebensjahr erreicht hat. Grund ist, dass Schwangerschaftsrisikenmit dem Alter der Mutter zunehmen. In einer Stellungnahme von Fertiprotekt, einem des Netzwerk aus universitären und privaten Kinderwunschzentren, heißt es: "Ein Transfer (befruchteter Eizellen, Anm. d. Red.) ab dem 50. Lebensjahr sollte vermieden werden."

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Dennoch wird der Entscheidungsspielraum für oder gegen Kinder durch das Social Freezing größer, weshalb immer mehr Frauen diese Chance nutzen. So hat sich bei einem Münchner Kinderwunschzentrum, das zu den Marktführern unter Anbietern des Verfahrens in Deutschland gilt, die Zahl der Kundinnen, die sich für das Social Freezing entschieden haben, innerhalb eines Jahres von 100 auf 300 verdreifacht. Die Kosten dafür sind allerdings aus eigener Tasche zu zahlen und belaufen sich auf 2.000 bis 3.000 Euro pro Stimulationszyklus.

Vielleicht mit ein Grund, warum die meisten Frauen, die sich für das Verfahren entscheiden, dies erst jenseits der 35 tun: Laut einer europäischen Studie mit Nutzerinnen des Social Freezing von 2013 lag deren Durchschnittsalter zum Zeitpunkt der Eizellenentnahme bei 36. Trotzdem bereuen die wenigsten den Schritt: Über 90 Prozent der Frauen würden Social Freezing weiterempfehlen, auch wenn nur jede Zweite glaubte, dass sie die Eizellen jemals verwenden würde.

Vorstoß von Facebook und Apple löst Debatte aus

In Deutschland hat das Social Freezing zum Austricksen der biologischen Uhr große Diskussionen ausgelöst, nachdem Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen die Übernahme der Kosten für das Verfahren angeboten hat. Die Vorsitzende der Gruppe der Frauen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Karin Maag beispielsweise bezeichnete den Vorstoß als "sehr absurde Maßnahme zur Arbeitsplatzförderung". Andere warnen vor noch ungewissen Folgen, vor einer Überindividualisierung und fordern mehr Möglichkeiten ein, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Junge mehrheitlich aufgeschlossen gegenüber Kryokonservierung

Social Freezing erlaubt Frauen mehr Freiheit in ihrer Lebensplanung, hilft, sie vor altersbedingter ungewollter Kinderlosigkeit zu schützen, halten Befürworter dagegen. Einer Umfrage der Wochenzeitung "Die Zeit" zufolge lehnt derzeit aber die Mehrheit der Deutschen das Einfrieren der Eizellen aus Karrieregründen ab, während 37 Prozent das Social Freezing grundsätzlich befürworten. Erwartungsgemäß gibt es dabei große Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Die 14- bis 18-Jährigen, die das Thema Social Freezing in dem kommenden Jahren am meisten betrifft, sprachen sich mit 53 Prozent mehrheitlich für diese Möglichkeit zur Familienplanung aus. Experten gehen denn auch davon aus, dass die Nachfrage nach Social Freezing steigen wird.

Autor:
Letzte Aktualisierung:10. Juni 2015
Quellen: Familienplanung auf Eis legen: Für welche Paare das Einfrieren von Eizellen sinnvoll ist, Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, 30.10.2014 Management of the Infertile Woman by Helen A. Carcio and The Fertility Sourcebook by M. Sara Rosenthal, zit. n. www.babycenter.de; F. Nawroth et al., Kryokonservierung von unbefruchteten Eizellen bei nichtmedizinischen Indikationen („social freezing“), FRAUENARZT 53 (2012), Nr. 6

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