Keine Frühlingsgefühle für Spermien
Forscher widerlegen „Maiglöckchen-Phänomen“
Um zur Eizelle zu finden, folgen Spermien chemischen Lockstoffen. Vor einigen Jahren sorgte die These für Aufsehen, dabei könnten Duftstoffe den Spermien helfen, sich ihren Weg zu „erschnuppern“. Jetzt zeigten Forscher: Es sind doch „nur“ die Hormone.
Wie finden Spermien zur Eizelle? Auf diese Frage versuchen Forscher seit Jahren Antworten zu finden. Fest steht, dass die Bewegungen der Spermien von chemischen Lockstoffen gesteuert werden, die die Eizelle aussendet. 2003 sorgte die These für Aufsehen, es könnte sich bei diesen Wegweisern um Duftstoffe handeln, anhand derer sich die männlichen Samenzellen ähnlich schwimmenden „Riechzellen“ den richtigen Weg einfach erschnuppern. Deutsche und amerikanische Forscher hatten entdeckt, dass Bestandteile des Maiglöckchenduftes im Laborexperiment die Spermien anlockten. Der Mythos vom „Maiglöckchen-Phänomen“ war geboren – obwohl sich in anschließenden Forschungen keinerlei Duftstoffe in der Umgebung der weiblichen Eizelle ausmachen ließen.
Daher widersprachen Wissenschaftler 2011 dieser These und vermuteten, dass doch wieder nur die Hormone „schuld“ seien. In einer Arbeit, die im Fachjournal "Nature" veröffentlicht wurde, konnten daraufhin Wissenschaftler vom Forschungsinstitut Caesar (Center of advanced european studies and research) zeigen, dass bestimmte Zellwandkanäle, die im menschlichen Körper ausschließlich bei den Samenzellen vorkommen, durch das weibliche Hormon Progesteron geöffnet werden. So wird der Kalziumeinstrom in die Zellen ermöglicht. Der Kalziumhaushalt der Spermien wiederum ist das zentrale "Steuerorgan“ für die Richtung ihrer Schwimmbewegungen.
Den von den Wissenschaftlern ins Visier genommenen Kanälen – sogenannte CatSper-Kanäle (cation channels of sperm) – kommt für die menschliche Fortpflanzung eine zentrale Rolle zu: Männer sind unfruchtbar, bei denen sie aufgrund von Gendefekten fehlerhaft oder nicht ausgebildet sind.
Das Maiglöckchen-Phänomen gibt es nicht
Nun fanden Bonner Forscher in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Forschungszentrums Jülich ein weiteres Puzzleteil im Rätsel um das Maiglöckchen-Phänomen: Tatsächlich können Duftstoffe, wie sie in Maiglöckchen enthalten sind, die Wirkung von Progesteron imitieren und die Kanäle direkt öffnen – ganz ohne die komplizierten Umwege über Duftstoffrezeptoren und komplizierte biochemische Vorgänge. Allerdings wirken dieses Duftstoffe erst in viel höheren Konzentrationen als das weibliche Geschlechtshormon Progesteron. Kurz und knapp: Ein Maiglöckchen-Phänomen gibt es nicht.
Die Forscher möchten nun, neben Progesteron, noch andere Lockstoffe identifizieren, die im Eileiter vorkommen und als Wegweiser für Spermien dienen. Die Erkenntnisse der Forschung könnten unter anderem dazu dienen, den Effekt der Lockstoffe zu unterbinden und so die Spermien in die Irre zu führen. Auf diese Weise könnten die Forscher dann ein neues Verhütungsmittel entwickeln.
Vom heutigen Stand des Wissens bis zur „Pille für den Mann“ ist es allerdings noch ein weiter Weg.
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