Interview mit Verena Geweniger

„Holt Pilates aus der Ballett-Ecke!“

Die Pilates-Verbandschefin im Gespräch: "Pilates wurde immer wieder als figurbetontes, sanftes Wellness-Training vorgestellt. So etwas interessiert Männer nicht"

Brad Pitt und Madonna halfen, Pilates in Deutschland bekannt zu machen. Dabei war es der deutschstämmige Amerikaner Joseph Pilates, der die Methode entwickelt hat. Im Lifeline-Interview erzählt Verena Geweniger, die Vorsitzende des Deutschen Pilates-Verbands, Anekdoten aus dem Leben des sportverrückten Gründers, verrät, weshalb noch wenige Männer Pilates treiben – und erklärt, warum sich das ändern sollte.

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Verena Geweniger ist Gründerin und Präsidentin des Deutschen Pilates-Verbands.
Verena Geweniger / Roger Richter

2006 gründete Verena Geweniger den Deuschen Pilates-Verband nach US-amerikanischem Vorbild. Seither gibt es auch in Deutschland eine Einrichtung, die Maßstäbe für die Trainer-Ausbildung festsetzt. Im Gespräch mit Lifeline erklärt die Verbandschefin, was Pilates ihr persönlich bringt, welche Vorteile es gegenüber Yoga hat und warum sich Männer bislang nicht sonderlich für diese Form des Krafttrainings interessieren.

Lifeline: Eignet sich Pilates für jeden oder gibt es Einschränkungen?

Verena Geweniger: Bei gut ausgebildeten Trainern sind auch Ältere, Schwangere und Rückenpatienten gut aufgehoben. Deswegen haben wir den Verband 2006 gegründet. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass es in den Ausbildungen große Unterschiede gibt. Und darauf, dass man noch nicht mal eine Ausbildung braucht, um sich Pilates-Trainer zu nennen.

Hat Pilates dem Kieser-Training oder Yoga etwas voraus, zum Beispiel, was das Verletzungsrisiko angeht?

V. G.: Es gibt derart viele Yoga-Stile und -Varianten, dass ich mich scheue, darüber zu urteilen. Leider wird Yoga oft fälschlicherweise auf dekorative Dehnungen reduziert, die für die Gesundheit nicht dienlich sind. Kieser ist gezieltes Krafttraining einzelner Muskeln. In Pilates denken wir nicht nur an Dehnungen, auch nicht an einzelne Muskeln. Wir haben die Muskelketten im Sinn, komplexe Ganzkörper-Bewegungen, die bewusst ausgeführt werden. Und zwar aus einer starken Körpermitte heraus - das, was heute auch im "Core-Training" aufgegriffen wird.

Im Vergleich zu Yoga haben wir den Vorteil, dass sich der kreative Kopf Joseph Pilates spezielle Geräte hat einfallen lassen, die sein Mattenrepertoire perfekt ergänzen. Sie sind gerade im Reha-Bereich, für Rückenpatienten oder eben bei Älteren schlicht ideal, weil sie nicht nur einzelne, isolierte Muskeln trainieren, sondern synergistische Muskelketten. Muskeln, die bei all unseren komplexen Bewegungen zusammenarbeiten. Das ist alltagstaugliches Training.

Woran könnte es liegen, dass sich so wenige Männer für Pilates entscheiden, obwohl doch der Erfinder ein Mann war?

V. G.: Da muss ich der Presse einen großen Teil der Schuld geben. Immer wieder hieß es, Pilates sei ein sanftes Wellness-Training, figurbetont, besonders für Tänzer, oder auch – völlig falsch: dass es für Tänzer entwickelt worden sei. So etwas interessiert Männer nicht.

Hätten Zeitungen berichtet, dass er Max Schmeling oder den Tarzan Johnny Weißmüller trainierte, hätte man es aus der Ballett-Ecke herausgeholt und es hätten sich mehr Männer angesprochen gefühlt. Aber: Das ändert sich! Außerdem hat es sich auch unter Leistungssportlern herumgesprochen, wie effektiv das Rundum-Training Pilates ist.

Welche Muskelgruppen kräftigt das Pilates-Training besonders?

V. G.: Das „Powerhouse“, heute gern auch "Kraftzylinder" oder "Core" genannt. Das sind die Muskeln der Körpermitte, nämlich Bauch- und Rückenmuskeln, das Zwerchfell und der Beckenboden. Dieses Kraftzentrum ist die Basis der Organisation von Bewegungen in der Peripherie, also der Arme und der Beine. Was es damit auf sich hat, steht aber genauer in dem Pilates-Lehrbuch, das ich mitverfasst habe.

Welche anderen Vorteile hat es, regelmäßig Pilates-Übungen zu machen?

V. G.: Ich ganz persönlich kann sagen, dass ich damit fit und beweglich bleibe – es kommt immer darauf an, was ich erwarte und was ich erreichen will. Es genügt als eigenständige, lebenslange „Sportart“. Pilates hilft aber auch, wenn ich noch eine weitere Sportart wie Golf oder Tennis betreibe: Dann ist es ein ideales Ausgleichstraining. Natürlich auch für viele, die den ganzen Tag am PC sitzen. „Form follows function“ – dieser Design-Leitsatz gilt auch für den Körper.

Ab wann sehen Pilates-Anhänger die ersten Erfolge?

V. G.: Das kommt auf Ihre Gene an und auf den Eifer, mit dem Sie das Training betreiben. Bei Joe [Pilates] musste man sich angeblich verpflichten, drei Mal die Woche zu kommen.

Welche Unterformen von Pilates gibt es und was sind die Unterschiede?

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Verena Geweniger demonstriert das Schlaufentraining Pilates & TRX.
Verena Geweniger / Roger Richter

V. G.: Es gibt zum Beispiel Yogi- oder Yogalates, also Verbindungen mit Yoga, sowie Cardiolates als Ausdauertraining und Aqualates im Wasser. Solche Modenamen sind in der Szene sehr beliebt und nicht wenige fahren auf genau diesen Trubel ab. Dazu das Zitat eines Studiobesitzers: „Es sollte halt irgendwie Pilates drin vorkommen, dann sind die Gruppen voll!"

Im Unterschied zu den klassischen Übungen gibt es heute auch Mischformen mit diversen Kleingeräten, wir Bälle, Bänder, Roller oder die bei mir besonders geschätzte Verbindung mit TRX- Schlaufentraining: Ich finde diese Verbindung legitim, denn mit den Schlaufen kann man viele klassische Pilatesübungen machen, die sonst teures Spezialequipment erfordern würden.

Wenn ich den Kunden durch ein preisgünstiges Gerät ein super Training zuhause ermögliche – mehr als die Hälfte meiner Kunden haben eines angeschafft –, ist mir alles recht. Genauso verteidige ich das Pilatestraining mit dem Feldenkraisroller. Es ist zwar immer vom „Pilates-Roller" die Rede, aber er stammt aus dem Feldenkraisumfeld.

Wie finde ich eine/n guten Pilates-Trainer/in?

V. G.: Durch den Verband DPV e.V., der nur Pilates-Trainer, die nach bestimmten Richtlinien zertifiziert wurden und eine abgeschlossene Ausbildung absolviert haben, als Mitglieder aufnimmt.

Stimmt es, dass Pilates das Immunsystem stärkt? Falls ja, worauf beruht dieser Effekt?

V. G.: Diese Wirkung schreibt man Bewegung doch im Allgemeinen zu. Das beanspruche ich nicht nur für Pilatestraining. Ob es Studien speziell über Pilates und das Immunsystem gibt, ist aber fraglich.

Worauf Sie vielleicht anspielen: Joe verlangte angeblich von seinen Schülern, dass sie sich nach dem Training kalt duschen und mit einer Massagebürste abbürsten. Er war der „Verrückte“, der auch im Winter in kurzen Hosen und dünnen Gymnastikschläppchen in New York um die Blocks rannte. Das wurde mal bei einem Treffen in den USA erzählt. Aber das alles ist leichter zu verstehen, wenn man ein bisschen über die Reformbewegung Bescheid weiß – Joseph Pilates hat sie gelebt.

Typische Pilates-Übungen

Autor:
Letzte Aktualisierung: 04. Februar 2015

Beitrag zum Thema aus der Community
  • Expertenrat vom Hausarzt
    Rippenkater nach Pilates?
    25.09.2006 | 09:52 Uhr

    Hallo Hab am Samstag mal Pilates gemacht. Hat schon geheissen wir könnten...   mehr...

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