Schutzimpfungen

Impfpflicht in Deutschland: Was ist der Stand?

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In Deutschland kann sich jeder freiwillig durch Impfungen vor bestimmten Infektionskrankheiten schützen. Eine Impfpflicht gibt es derzeit nur für Masern. Seit wann die Masern-Impfpflicht gilt, welche Impfungen in Deutschland empfohlen werden und ob es eine Impfpflicht gegen Corona gibt.

impfpflicht
Eine Impfpflicht gibt es in Deutschland lediglich für Masern – und da auch nur für bestimmte Personengruppen.
© iStock.com/Astrid860

Im Überblick:

Wer bekommt wann die Corona-Impfung?

Impfpflicht in Deutschland und in anderen Ländern

Impfungen sind der wirksamste Schutz, sich vor schwerwiegenden und ansteckenden Krankheiten zu schützen. Dennoch gibt es keine allgemeine Impfpflicht gegen Infektionskrankheiten in Deutschland. Die derzeit einzige Ausnahme ist die Impfung gegen Masern.

Deutschland gehört damit neben Österreich, Großbritannien, Irland, Finnland, Niederlande, Luxemburg und Schweden zu den europäischen Ländern, die Impfungen nicht verordnen, sondern empfehlen. Anders ist es zum Beispiel in Frankreich, Griechenland, Polen, Ungarn oder Italien. In diesen Ländern besteht eine Impfpflicht gegen zehn oder mehr Infektionskrankheiten. Darunter Hepatitis B, Keuchhusten oder Kinderlähmung.

Auch in der Vergangenheit gab es in Deutschland schon Pflichtimpfungen, aber eher gegen einzelne Krankheiten. So wurden zum Beispiel ab 1874 erstmals Kinder verpflichtend gegen Pocken geimpft. Die Pocken waren damals eine der schlimmsten Seuchen mit einer Sterblichkeitsrate von 30 Prozent. Erst nachdem die Infektion als ausgerottet galt, wurde die Pockenimpfung in den 1980er Jahren eingestellt. Anders in der ehemaligen DDR. Dort gab es viele Pflichtimpfungen, unter anderem gegen Masern, Diphtherie, Kinderlähmung, Keuchhusten oder Pocken.

Rechtliche Grundlage: Infektionsschutzgesetz

Die Grundlagen für Impfungen werden im Infektionsschutzgesetz (IfSG) geregelt. Ziel des Gesetzes ist, Infektionskrankheiten vorzubeugen, eine Weiterverbreitung zu verhindern und Menschen davor zu schützen. Das IfSG enthält unter anderem Verordnungen zur Überwachung von meldepflichtigen Krankheiten, zum Infektionsschutz von Einrichtungen und Personen oder zur Verhütung von übertragbaren Krankheiten – wie die Regelung zur Impfplicht gegen Masern, das sogenannte Masernschutzgesetz.

Impfpflicht gegen Masern

Seit 1. März 2020 gilt in Deutschland eine Impfpflicht gegen Masern. Sie betrifft alle Kinder ab einem Jahr, die in einer Gemeinschaftsunterkunft betreut werden sowie Personen, die nach 1970 geboren wurden und dort arbeiten. Dazu gehören

  • Kitas, Horte, Schulen sowie Ausbildungseinrichtungen in denen überwiegend minderjährige Kinder betreut werden
  • Kinderheime
  • Gemeinschaftsunterkünfte, in denen Asylbewerber, Flüchtlinge oder Spätaussiedler wohnen
  • Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser oder Arztpraxen

Die betreffenden Personen müssen eine Immunität gegen Masern oder die Masernschutzimpfung nachweisen. Diese besteht bei Kindern ab einem Jahr aus einer Impfung, ab zwei Jahren aus zwei Impfungen.

Als Nachweis gilt:

  • der Impfpass,
  • das gelbe Kinderuntersuchungsheft,
  • ein ärztliches Zeugnis, dass ein Impfschutz gegen Masern besteht oder
  • ein ärztliches Zeugnis, dass eine Immunität vorliegt.

Warum gibt es eine Impflicht gegen Masern?

Die Pflichtimpfung wurde eingeführt, weil Masern zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten weltweit gehört und häufig mit Komplikationen und Folgeerkrankungen einhergeht. Im schlimmsten Fall können Masern tödlich sein. Obwohl seit über 40 Jahren in Deutschland gegen die Masern geimpft wird, kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Masernausbrüchen. Das Robert Koch-Institut verzeichnete zum Beispiel für 2013 über 1.700 Fälle und für 2015 mehr als 2.400 Masernerkrankungen. Für 2019 wurden 514 Masernfälle in Deutschland registriert. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) der Betroffenen musste im Krankenhaus behandelt werden. Darunter vor allem Kinder zwischen ein und vier Jahren, Jugendliche sowie Erwachsene im Alter zwischen 15 und 49 Jahren.

Epidemiologische Berechnungen haben ergeben, dass die Masern ausgerottet werden können, wenn 95 Prozent der Bevölkerung dagegen immun ist. Damit lässt sich auch ein Gemeinschaftsschutz aufbauen, der die Menschen schützt, die nicht geimpft werden können, zum Beispiel Säuglinge, ungeschützte Schwangere oder Menschen mit einer Immunschwäche. Laut Bundesgesundheitsministerium liegt die Impfquote der zweiten Masernimpfung bei Kindern im Alter von zwei Jahren derzeit bei 69,9 Prozent.

Impfreaktion: Nebenwirkungen nach Impfung?

Welche Impfempfehlungen gibt es in Deutschland?

Außer der Masernimpfung für bestimmte Gruppen gibt es keine Impfpflicht in Deutschland. Es entscheidet also jeder selbst, ob und gegen was er sich impfen lassen will. Eine Richtlinie gibt die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts vor. Das unabhängige Expertengremium erarbeitet regelmäßig Impfempfehlungen für unterschiedliche Altersgruppen, die der aktuellen gesundheitlichen Lage in Deutschland angepasst sind. Für Kinder empfiehlt die STIKO Impfungen gegen folgende Krankheiten:

Für Erwachsene gelten aktuell folgende Empfehlungen:


  • Auffrischungsimpfung gegen Diphtherie und Tetanus (Wundstarrkrampf) alle zehn Jahre

  • Einmalige Auffrischungsimpfung gegen Keuchhusten

  • Einmalige Polioimpfung bei fehlender oder unvollständiger Grundimmunisierung

  • Einmalige Masern-Impfung für alle nach 1970 geborenen Personen über 18 Jahre mit unklarem Impfstatus, ohne Impfung oder mit nur einer Impfung in der Kindheit

  • Impfung gegen Pneumokokken für Personen ab 60 Jahren sowie bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem

  • Zweimalige Impfung gegen Herpes zoster für Personen ab 60 Jahren

  • Jährliche Impfung gegen Influenza (Grippe) für Personen ab 60 Jahren

Die von der STIKO empfohlenen Impfungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt.

Impfen: Pro & Contra

Über 90 Prozent der Kinder in Deutschland sind gegen Infektionskrankheiten wie Keuchhusten oder Kinderlähmung geimpft. Bei Erwachsenen fällt die Impfquote hingegen niedriger aus. Laut RKI lässt nur jeder Zweite regelmäßig seinen Impfstatus gegen Diphtherie und Tetanus auffrischen. Mit zunehmendem Alter steigt die Impfbereitschaft aber wieder, was sich vor allem bei über 60-Jährigen im Bereich der Grippe- und Pneumokokken-Impfung zeigt.

Auch wenn die Impfbereitschaft in Deutschland relativ groß ist, gibt es ebenso Menschen, die Impfungen skeptisch gegenüberstehen. Ihre Argumente sind unter anderem:

  • Bestimmte Krankheiten gegen die geimpft wird, gibt es in Deutschland nicht mehr.

  • Das Immunsystem wird durch Mehrfachimpfungen überlastet und langfristig geschädigt.

  • Impfnebenwirkungen können genauso heftig ausfallen wie typische Kinderkrankheiten.

  • Eine durchgemachte Kinderkrankheit stärkt den Organismus des Kindes.

Beim Thema Impfen tauchen immer wieder Fragen oder Zweifel auf. Wichtig ist, sich ausreichend bei seriösen Quellen zu informieren. Konsequentes Impfen trägt  dazu bei, dass gefährliche Krankheiten ausgerottet werden können. Weitere Gründe, die die Argumente der Impfgegner widerlegen, sind:

  • Schutz vor gefährlichen Krankheiten: Die von der STIKO empfohlenen Impfungen schützen vor schweren Infektionskrankheiten, bei denen es keine oder nur begrenzte Therapiemöglichkeiten gibt. Zudem werden viele Krankheiten oft unterschätzt. Masern beispielsweise können eine Entzündung des Gehirns (Masernenzephalitis) verursachen, die zu bleibenden Behinderungen führen oder sogar tödlich enden kann. Auch sogenannte Kinderkrankheiten sind keinesfalls harmlos. Keuchhusten kann zum Beispiel für Säuglinge gefährlich werden, eine Lungen- oder Mittelohrentzündung verursachen und in wenigen Fällen tödlich sein.

  • Impfschäden sind gering: Es ist wissenschaftlich belegt, dass das Risiko eines Impfschadens geringer ist als das einer Erkrankung. Die heutigen Impfstoffe sind sicher und in der Regel gut verträglich. Eine Impfung kann aber durchaus Nebenwirkungen haben. Diese beschränken sich jedoch auf minimale Reaktionen wie Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle, leichtes bis mittelschweres Fieber, Durchfall oder Erkältungssymptome. Nach zwei bis drei Tagen klingen diese Beschwerden wieder ab.

  • Krankheiten kennen keine Ländergrenzen: Krankheiten wie Diphtherie sind in Deutschland selten geworden, dennoch wird noch dagegen geimpft. Das liegt daran, dass der Erreger nach wie vor weltweit verbreitet ist und jederzeit eingeschleppt werden kann. Auch heute sterben noch fünf bis zehn Prozent der Erkrankten an Diphtherie.

  • Impfen schützt auch andere: Sind möglichst viele Menschen geimpft, dann hilft das auch denjenigen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, wie immungeschwächte Menschen oder Säuglinge, die noch zu jung dafür sind.

Kommt die Impfpflicht für Corona?

Auch wenn das Infektionsschutzgesetz eine Impfpflicht gegen Corona ermöglichen würde, gilt das derzeit als unwahrscheinlich. Laut der Bundesregierung soll sich aber jeder gegen Corona impfen lassen können, der sich davor schützen möchte. Sobald ein Impfstoff gegen COVID-19 in Deutschland zugelassen und verfügbar ist, beginnen die ersten Impfungen – zunächst für Menschen der Risikogruppe und für medizinisches Personal. Dabei setzt die Bundesregierung auf Freiwilligkeit. Das bedeutet: Niemand ist gezwungen sich impfen zu lassen. Aber umso mehr Menschen sich dafür entscheiden, desto besser kann die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden. Damit eine ausreichende Immunität in der Bevölkerung erreicht wird, müssten sich nach aktuellen Berechnungen 70 Prozent der Menschen impfen lassen.

Wie lange es dauert, dieses Ziel zu erreichen, ist aktuell noch ungewiss – und abhängig davon, welche Impfstoffmengen verfügbar sind, wie die Verteilung organisiert wird und wie die Bevölkerung das Impfangebot annimmt.

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