Ursachen

Depressionen nach der Geburt

Die Geburt eines Kindes löst große Emotionen aus. Wenn sich ein anfänglich normaler Babyblues nicht legt, kann es sich um eine postpartale Depression handeln.

Babyblues
Wenn sich ein anfänglich normaler Babyblues nicht legt, kann es sich um eine postpartale Depression handeln.
(c) Getty Images/Hemera

Auf die große emotionale Anspannung einer Geburt reagieren viele Frauen mit dem so genannten Babyblues. Tiefe Traurigkeit trübt das Mutterglück – eine durchaus normale Reaktion. Wichtig ist es, sich selbst im Auge zu behalten, denn wenn sich das Stimmungstief nicht legen mag, kann es sich um eine postpartale Depression handeln.

Drei Frauen, drei unterschiedliche Situationen. Die erste kann ihr Glück kaum fassen, denn ihr lang ersehnter Kinderwunsch ist endlich in Erfüllungen gegangen. Ihrer zukünftigen Rolle als Mutter sieht sie freudig entgegen. Die zweite Frau wurde ungewollt schwanger. Ein Baby war in der Lebensplanung nicht vorgesehen. Sie entscheidet sich trotzdem für das Kind, obwohl es sich dabei um eine reine Vernunftentscheidung handelt. Bei der dritten handelt es sich um eine routinierte Mutter, die ihre Familie um ein weiteres Kind vergrößern will. Trotz der unterschiedlichen Ausgangssituationen kann es jede von ihnen treffen: Nach der Geburt ihres Kindes versinken viele Frauen in einen depressiven Zustand.

Stimmungstief statt Mutterglück Der Babyblues

Postpartale (postpartal = nach der Geburt) Stimmungsschwankungen und Depressionen können bei jeder Frau auftreten. Schätzungen zufolge leiden 50 bis 80 Prozent der Mütter nach der Geburt an einem kurzfristigen Stimmungstief, besser auch als „Babyblues" bekannt. Unerklärliche Stimmungsschwankungen, Traurigkeit und Weinkrämpfe trüben das Mutterglück.

Dieses Wechselbad der Gefühle wird auf den extremen Hormonumschwung im Körper zurückgeführt. Etwa vier Tage nach der Geburt fallen nämlich die Östrogen- und Progesteronwerte ab, dafür nimmt die Prolaktinproduktion für die Milchbildung stark zu. Für gewöhnlich verschwindet der Babyblues nach ein paar Tagen. Sollte die depressive Grundstimmung länger als zwei Wochen anhalten, besteht die Gefahr einer postpartalen Depression.

Bei postpartaler Depression wächst einem alles über den Kopf

Betroffene Frauen erkennen sich nach der Geburt ihres Kindes nicht wieder. Alles kostet sie unendlich viel Kraft, sie fühlen sich körperlich und seelisch überfordert, sind todmüde, finden aber keinen Schlaf. Das Geschirr stapelt sich, ebenso der Wäscheberg. Dem Neugeborenen stehen dann viele Mütter mit zwiespältigen, negativen oder gar fehlenden Gefühlen gegenüber. Diese Kennzeichen weisen auf eine postpartale Depression hin.

Etwa zehn bis 20 Prozent der Mütter leiden nach der Entbindung an einer postpartalen Depression. Diese tritt meist im ersten Jahr nach der Geburt auf. Anfangs wird der Zustand noch auf den Schlafmangel und die ungewohnte Rolle als Mutter geschoben. Der Übergang vom Babyblues zu einer postpartalen Depression erfolgt jedoch schleichend. Die Begleiterscheinungen werden oft als normale Auswirkungen einer Geburt interpretiert und damit unterschätzt. Eine frühzeitige Behandlung ist aber wichtig, da sich die Depression der Mutter auf die Entwicklung des Kindes auswirken kann.

Eine postpartale Depression kann viele Ursachen haben

Fest steht: Es kann Frauen aus allen Gesellschaftsschichten treffen. Als Verursacher werden körperliche, hormonelle, biochemische, psychische, soziale wie auch gesellschaftliche Faktoren genannt.

Das Mutterwerden ist eine körperliche und seelische Extremsituation, was oft vergessen wird. Schlafmangel, die hormonelle Umstellung, eventuell genetische Einflüsse, aber auch unerwartete Schwierigkeiten in der Versorgung des Säuglings können als Grund in Frage kommen.

Auch emotional einschneidende Erlebnisse vor der Geburt werden in Betracht gezogen. Waren Frauen schon vor der Geburt anfällig für psychische Leiden, erkranken sie eher an einer postpartalen Depression. Ebenso erleben Frauen, die in zerrütteten Familienverhältnissen aufgewachsen sind, ein schwaches Selbstwertgefühl oder traumatische Erlebnisse wie Fehlgeburt oder Schwangerschaftsabbruch erlebt haben, häufiger eine postpartale Depression. Dennoch lässt sich nicht sagen, welche Frau für das nachgeburtliche seelische Leiden prädestiniert ist.

Das Superfrau-Syndrom: Hohe Ansprüche ans Muttersein

Sie wollen perfekte Hausfrau, Partnerin, Berufstätige und Mutter in einem sein. Frauen haben oft hohe Ansprüche an sich selbst, auch was ihre Rolle als Mutter angeht. Die Mutterschaft und deren Ablauf malen sich viele vor der Geburt in den schönsten Farben aus. Ist das Kind dann da, läuft nicht selten der gut durchorganisierte Alltag aus dem Ruder.

Die Kluft zwischen Anspruch und Realität kann eine Sinnkrise auslösen. Viele Frauen entdecken, dass die Mutterrolle sie nicht so ausfüllt wie erwartet. Sie fühlen sich intellektuell unterfordert und abgeschnitten von der Außenwelt. In der Gesellschaft wird oft ein rosarotes Mutter-Image verbreitet. Stimmt das eigene Gefühl nicht mit dem propagierten Bild vom Muttersein überein, schweigen viele Frauen aus Angst, als Rabenmütter abgestempelt zu werden.

Bei postpartaler Depression professionelle Hilfe suchen

Gleichzeitig haben viele Frauen Schuldgefühle. Sie empfinden sich als undankbar, denn eigentlich ist ja alles gut. Mutter und Kind sind wohlauf. Gefühle wie Trauer, Wut oder Schmerz werden oft unterdrückt, denn diese „darf man nicht haben. Immer noch hält sich das Klischee, eine Frau sei von Natur aus ein Muttertier, das sich beim Anblick eines Babys vor Freude auflösen müsste. Dass Mutter und Kind sich erst einmal kennen lernen und aneinander gewöhnen müssen, wird dabei gar nicht in Betracht gezogen. Viele Frauen fühlen sich auch schon besser, wenn sie offen über ihre Gefühle und Ängste sprechen können. Eine postpartale Depression verschwindet nicht einfach wie der Babyblues, sondern braucht fachgerechte Unterstützung und Betreuung.

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Letzte Aktualisierung: 26. Januar 2012

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