MRSA und andere resistente Keime

Antibiotika: Eine Wunderwaffe wird stumpf

Oft dauert es nur Stunden, bis ihre Wirkung spürbar ist: Antibiotika sind äußerst effiziente Bakterienkiller - oder besser gesagt waren. Denn immer mehr der Keime werden resistent gegen die Mittel. Die Suche nach Ersatzmedikamenten läuft mit Hochdruck.

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Multiresistente Keime wie MRSA bedrohen die Erfolge, die wir den Antibiotika im Kampf gegen Krankheiten verdanken.
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Sie sind eine der größten medizinischen Errungenschaften der Menschheit: Antibiotika. Etliche Millionen Leben haben sie in den vergangenen Jahrzehnten weltweit gerettet – viele davon mehr als einmal. Doch die Wunderwaffen drohen wirkungslos zu werden: Bakterien werden zunehmend resistent gegen die früher hochwirksamen Substanzen. "Mit der alternden Gesellschaft und der wachsenden Weltbevölkerung wird das Problem nicht kleiner werden", sagt Professor Michael Kresken von der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte vor einigen Wochen eindringlich: Bakterielle Infektionskrankheiten könnten wie vor der Entdeckung der Antibiotika wieder etlichen Menschen den Tod bringen. Die globale Zunahme der Resistenzen sei eine der Hauptgefahren für die Gesundheit. "Es geschieht genau jetzt in jeder Region der Welt und kann jeden treffen, in jeder Altersgruppe, in jedem Land", hieß es. WHO-Vizechef Keiji Fukuda sprach von einer drohenden Nach-Antibiotika-Ära. "Simple Infektionen und kleinere Verletzungen, die seit Jahrzehnten behandelbar waren, können erneut töten."

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Bereits besiegte Bakterien könnten unsere Nachkommen wieder töten

Resistente Bakterien seien vor allem für Menschen mit geschwächtem Immunsystem gefährlich, erklärt Kresken: "Intensivpatienten, Organtransplantierte, Frühgeborene und Verbrennungsopfer, aber auch beatmete Patienten oder solche mit Blasen- und Venenkatheter." Viele Operationen und Eingriffe wären ohne wirksame Antibiotika in ihrer jetzigen Form unmöglich. Immer häufiger aber versagen bei bestimmten Erregern gleich mehrere der Substanzen. Die Liste der Antibiotika, die – noch – gegen solche multiresistenten Keime wirken, ist kurz.

Noch vor hundert Jahren hatten von Bakterien verursachte Krankheiten verheerende Folgen – allein an Tuberkulose starben in Europa jährlich Zehntausende Menschen. Auch heute gut behandelbare Syphilis brachte oft den Tod. Einem aufmerksamen Forscher verdankt die Welt, dass sich dies änderte: 1928 entdeckte der Mediziner Alexander Fleming auf einem Nährboden mit Staphylokokken, dass die Bakterien nahe eines Schimmelpilzes nicht gediehen. Aus dem Pilz der Art Penicillium notatum wurde das erste Antibiotikum isoliert: Penizillin.

Bitte blättern: Lesen Sie auf den nächsten Seiten, wieso Antibiotika ihre Schlagkraft gegen Bakterien verlieren und was Wissenschaftler dagegen tun wollen.

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Bakterien setzen im Kampf ums Überleben auf schnelle Resistenzbildung

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Resistente Keime kommen längst nicht nur in Krankenhäusern vor.
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"Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Penizillin großflächig eingeführt", sagt Kresken. "Fünf Jahre später waren schon die Hälfte der Staphylococcus-aureus-Stämme resistent dagegen." Resistente Pneumokokken seien erstmals in den 60er Jahren aufgetaucht, bei den A-Streptokokken dagegen wirke Penizillin bis heute noch immer. "Ob und wie schnell Bakterien unempfindlich gegenüber einem Wirkstoff werden, hängt stark von der Spezies ab."

Resistenzen sind ein ganz natürliches Phänomen. "Resistente Bakterien findet man beim Eisbär am Nordpol bis zum Pinguin am Südpol", erklärt Kresken. Viele Mikroorganismen bilden für Bakterien giftige Substanzen, um sich zu schützen. Immer wieder gelingt es einzelnen Erregern, diese Barriere zu überwinden: Sie werden resistent gegen die Substanz. Damit haben sie einen evolutionären Überlebensvorteil und vermehren sich stärker als ihre weiterhin empfindlichen Artgenossen.

Bis in die 80er Jahre habe es kaum Probleme mit resistenten Bakterien gegeben, sagt Kresken. Viele Mediziner gingen fest davon aus, dass das Zeitalter der Infektionskrankheiten endgültig beendet ist. Mit dem Ende des Kalten Krieges und beflügelt von der Globalisierung habe es dann eine sprunghafte Zunahme gegeben. "Wenn heute in Indien ein resistentes Bakterium auftaucht, dann reist es schnell um die ganze Welt", sagt der Mikrobiologe. "Ist ein solcher Stamm erst mal eingeschleppt, ist er schwer wieder loszuwerden."

MRSA: Der gefürchtete Krankenhauskeim ist lebensbedrohlich

Bei der Tuberkulose gehen nach WHO-Daten bereits etwa vier Prozent der Neuerkrankungen auf eine Erregergruppe zurück, die mit den gängigen Medikamenten nicht mehr behandelbar ist. Bei immer mehr anderen Keimen gibt es ähnliche Probleme. Gefürchtet sind zum Beispiel sogenannte MRSA, Methicillin-resistente Staphylococcus aureus. S. aureus kommt auf der Haut und in den oberen Atemwegen von etwa einem Drittel aller Menschen vor, verursacht aber meist keine Krankheitssymptome.

Bei günstigen Bedingungen oder einem schwachen Immunsystem kann das Bakterium jedoch zu lebensbedrohlichen Entzündungen und Sepsis führen. MRSA–Stämme des Bakteriums, die gegen β-Lactam-Antibiotika und oft auch gegen andere Antibiotikaklassen resistent sind, lassen sich dann nur schwer in Schach halten. Sie verursachen vor allem in Kliniken eine Vielzahl von Todesfällen.

In Brasilien erkrankte kürzlich erstmals ein Mensch an einem MRSA-Stamm, der selbst gegen Vancomycin – bisher das letzte Antibiotikum der Wahl – resistent ist. Eine Verbreitung des Stammes könne zu ernsten Problemen führen, warnen Forscher um Cesar Arias von der University of Texas Medical School in Houston im "New England Journal of Medicine".

Antibiotikaresistente Bakterien sind allgegenwärtig

Als großes Problem sehen Experten auch die ESBL-bildenden Enterobakterien an. ESBL steht für Extended-Spectrum Beta-Lactamase. Das sind von den Bakterien gebildete Enzyme, die viele ß-Lactam-Antibiotika mit breitem Wirkungsspektrum wie Penizilline und Cephalosporine spalten und damit wirkungslos machen können.

Vor allem Darm, Harnwege und obere Atemwege können mit ESBL-Bildnern besiedelt sein – ohne dass diese krank machen. Kritisch wird es erst, wenn ein Mensch an einem anderen Leiden erkrankt: Die harmlosen Bakterien können ihr Resistenz-Wissen an den Erreger übertragen, der dann viel schwerer zu bekämpfen ist. "Die Zahlen steigen stark", sagt Kresken. "Und anders als MRSA sind sie kein krankenhaushygienisches Problem, sondern die Patienten bringen sie schon mit in die Klinik."

Eine Studie in Bayern habe ergeben, dass dort sechs bis zehn Prozent der Bevölkerung ESBL-bildende Escherichia coli tragen, sagt Professor Lothar Kreienbrock von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. "Dieser Wert ist tendenziell auf ganz Deutschland übertragbar." In einigen anderen Ländern sei die Entwicklung weit bedenklicher, ergänzt Kresken. "In einer chinesischen Studie fanden sich bei bis zu 90 Prozent der untersuchten Medizinstudenten ESBL-E. coli-Bakterien." Und noch ein weiterer Faktor macht ESBL-Bildner riskant: Es werden derzeit kaum neue Substanzen dagegen entwickelt, weil es schwierig ist, Stoffe zu finden, die die Zellwand dieser Bakterien durchdringen können und die nicht gleich zerstört oder wieder ausgeschleust werden.

 

Antibiotika-Forschung wirft zu wenig Gewinn ab

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Tonnenweise Antibiotika werden täglich hergestellt und verordnet - allerdings wird kaum noch nach neuen antibiotisch wirksamen Substanzen gefahndet.
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Der Mangel an neuen Antibiotika ist ein grundsätzliches Problem. Zwischen 1983 und 1992 wurden allein in den USA 30 neue Antibiotika zugelassen, von 2003 bis 2012 nur noch sieben, wie Forscher um Mark Woolhouse von der University of Edinburgh im Fachmagazin "Nature" schreiben.

Ein Grund für das Problem: Große Pharmafirmen ziehen sich von der Antibiotika-Entwicklung zurück und konzentrieren sichstattdessen stärker auf gewinnbringende Präparate gegen chronische Krankheiten. Außerdem läuft der Patentschutz für Antibiotika schnell ab. Nach der Frist drängen günstige Nachahmerprodukte – sogenannte Generika – auf den Markt. Diese sind billiger, die Zahl der Verschreibungen steigt.

Billige Antibiotika: "Verramschte Lebensretter"

"Das sind Lebensretter – und sie werden so verramscht", kritisiert Kresken. Die Folgen zeige das Beispiel bestimmter Fluorchinolone: Ihr Preis sei nach Ablauf des Patentschutzes deutlich gefallen – und daraufhin die Zahl der Verschreibungen stark gestiegen. "Ein solches Breitband-Antibiotikum ist aber viel zu wertvoll für eine breite Anwendung", sagt Kresken.

Antibiotika gegen Erkältung sind grober Unfug

Immer wieder verordnen Ärzte unnötig ein Antibiotikum, mitunter ist es aber auch der Patient, der bei Husten, Schnupfen und Heiserkeit gleich ein solches Präparat fordert. Untersuchungen zeigen, dass dies bei 90 Prozent der Atemwegsinfektionen weder sinnvoll noch nötig ist. Erkältungen (grippale Infekte) werden meist von Viren verursacht - gegen die Antibiotika keinerlei Wirkung zeigen. Sinnvoll ist ihr Einsatz erst, wenn zu dem viralen Schnupfen eine bakterielle Superinfektion dazugekommen ist.

Etwa 38 Millionen Antibiotikaverordnungen gibt es in Deutschland allein im ambulanten Bereich jährlich. 500 bis 600 Tonnen Antibiotika werden dabei in der ambulanten Humanmedizin eingesetzt – 85 bis 90 Prozent des Gesamtbedarfs. Im europäischen Vergleich liege Deutschland damit im unteren Mittelfeld, sagt Kresken. In Griechenland, Frankreich, Italien und Belgien würden teils mehr als doppelt so viele Antibiotika verschrieben.

Sparsam mit Notfall-Antibiotika umgehen

Die Zahl der Verordnungen sei in den vergangenen Jahren zwar nicht nennenswert gestiegen, es würden aber immer mehr breit wirkende Antibiotika wie Cephalosporine und Fluorchinolone eingesetzt. "In skandinavischen Ländern werden solche Reserveantibiotika viel sparsamer verwendet." Auch beim Thema Vorsorge und Hygiene ließe sich deutlich nachbessern – wie zum Beispiel die deutlich geringere Zahl an MRSA-Fällen in den Niederlanden zeigt.

Groß sind dabei die Unterschiede zwischen Kliniken, oft auch schon zwischen einzelnen Stationen einer Klinik. Hygienemaßnahmen wie das Desinfizieren der Hände bei jedem neuen Patienten sind dabei entscheidend. "Für die Krankenschwester ist das aber leider oft auch eine Zeitfrage", sagt Kresken. Oft sei am Personal gespart worden, um die Kosten zu senken.

 

Antibiotika-Einsatz in der Tiermast befeuert das Problem

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Der vorsorgliche Einsatz von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung und der hohe Fleischkonsum verschärfen das Problem mit antibiotikaresistenten Keimen.
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Ein dritter Ansatzpunkt neben Pharmaforschung und Humanmedizin ist die Tierhaltung. Allein in Deutschland wurden dort im Jahr 2012 rund 1.600 Tonnen Antibiotika eingesetzt, heißt es im Bericht "GERMAP 2012" der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie zu Antibiotikaverbrauch und Resistenzen. Bei Tierarten, bei denen häufig Antibiotika eingesetzt werden – neben Schweinen vor allem Puten und Hähnchen – treten deutlich häufiger Resistenzen auf.

Das wirkt sich auch auf die Menschen aus, die die Tiere untersuchen: 40 Prozent aller Tierärzte, die vornehmlich Schweinebestände betreuen, tragen nach Studienergebnissen MRSA. In den Niederlanden werden Patienten darum schon bei der Aufnahme in die Klinik vorbeugend gefragt, ob sie als Tierarzt oder in einem Schlachthaus arbeiten. "Sie werden dann entsprechend isoliert und gezielt auf MRSA untersucht", erklärt Kreienbrock.

Puten-Sushi könnte tödlich enden: Fleisch immer durchgaren

Eine Studie im Zuge des Resistenz-Forschungsverbundes Reset habe kürzlich gezeigt, dass in 80 Prozent der deutschen Schweinehaltungen und in allen Geflügelbetrieben resistente Darmbakterien vorkommen. "Wird Fleisch gegart, kommt davon nichts an beim Menschen", betont der Epidemiologe. "Sushi aus Putenfleisch wäre allerdings keine so gute Idee."

Inwiefern resistente Erreger aus der Tierhaltung über die jährlich 30 Millionen Tonnen auf Feldern ausgebrachte Gülle in die menschliche Nahrungskette gelangen, sei bisher nicht umfassend geklärt. Studien im Labor wiesen darauf hin, dass es über die Pflanzen einen Resistenztransfer geben kann.

Umdenken bei Landwirten dauert noch Jahre

Vor allem in den USA und in Asien würden Antibiotika nach wie vor als Leistungsförderer eingesetzt, erklärt Kreienbrock. "Das ist missbräuchlich schon fast ein gängiger Futterzusatz." In Deutschland sähen die Leitlinien einen vorbeugenden Einsatz nicht vor – was allerdings nicht bedeute, dass er nicht vorkomme. Das Bewusstsein, dass mit Antibiotika sparsamer umgegangen werden muss, entwickle sich bei den Landwirten bereits, sagt Kreienbrock. "Aber es braucht immense Anstrengungen, eine Haltung so anzupassen, dass immer weniger Tiere behandelt werden müssen. Das dauert nun mal Jahre."

Hauptziel müsse es sowohl in der Humanmedizin als auch bei der Tierhaltung sein, die Häufigkeit der Antibiotikaeinsätze weltweit zu mindern, betont Kreienbrock. Neue Reserveantibiotika zu entwickeln sei zwar wichtig. "Aber in dem Moment, in dem wir einen neuen Wirkstoff haben, haben wir auch neue Resistenzen."

Einen neuen Ansatz verfolgen unter anderem britische Forscher. Sie berichten ebenfalls in "Nature" von einem Weg, bestimmte Zielproteine multiresistenter Keime attackieren und die Bakterien so ausschalten zu können. Allerdings steht diese Forschung noch ganz am Anfang. Eine Reduktion des massenhaften Einsatzes der ehemaligen Wundermittel dagegen könnte schnellere Erfolge zeigen.

Antibiotika-Einsatz verringern - eine Aufgabe für die ganze Welt

Derzeit werden stündlich 20 Tonnen Antibiotika weltweit produziert, wie es in "Nature" heißt. Allein in Indien hätten sich die Antibiotikaverkäufe zwischen 2005 und 2010 verfünffacht. Bisher sei die Reaktion der Weltgemeinschaft auf die Bedrohung durch Antibiotikaresistenzen lahm, bemängeln Woolhouse und Farrar in ihrem Kommentar.

Sie fordern die Einrichtung einer zwischenstaatlichen Institution ähnlich dem Weltklimarat. Die Problematik sei vergleichbar. "Beides sind globale Prozesse, für die vor allem der Mensch verantwortlich ist." Die Ausrottung der Pocken habe gezeigt, wie erfolgreich eine koordinierte internationale Gesundheitskampagne sein kann. Auch Kresken sieht den Kampf gegen die Resistenzen als globale Aufgabe. "Das geht nur zusammen", betont er. Im vergangenen Jahrhundert habe sich die Lebenserwartung in Europa vor allem auch wegen der wirksamen Antibiotika auf etwa 80 verdoppelt. "Das nicht zu verlieren, muss uns etwas wert sein."

Hygienetipps für die Küche

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Letzte Aktualisierung: 23. Juni 2014
Quellen: Fachmagazin "Nature", unter anderem http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/full/nature13464.html

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