Medizin-Mythos der Woche (1)

Handystrahlung: heimtückisch oder harmlos?

Es ist eines der Reizthemen moderner Wissenschaft und vor allem des Hobbyforschers am Stammtisch: Verursachen Handystrahlen Hirntumore oder nicht? Im Moment sagt die Forschung: eher nicht. Dauertelefonierer sollten sich trotzdem vorsehen, meint die WHO.

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Handys, vor allem Smartphones, sind zu ständigen Begleitern geworden. Dass ihre Strahlung DNA-Schäden verursacht, ist einer der größten Medizin-Mythen - noch.
Thinkstock

Wir alle haben es schon von mehr oder minder ängstlichen Mitmenschen gehört: Die gefährliche Handystrahlung soll unfruchtbar machen, außerdem Hirntumore verursachen oder zumindest Kopfschmerzen. Aber was ist dran an der Strahlengefahr aus dem Telefonhörer? Die Studienlage dazu ist extrem unübersichtlich: Zehntausende Untersuchungen zum Thema über die biologische Wirkung elektromagnetischer Felder gibt es schon, Tausende weitere sind in Arbeit. Kein Wunder – schließlich geht die Strahlenbelastung durch das Telefonieren genau wie durch Fernseher, PC, Radio und Mikrowelle (fast) alle an. Durch den Alleskönner Smartphone, den viele Menschen in Dauerbetrieb haben, verstärkt sich die Bedeutung dieses Wissenschaftsfelds noch.

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Allerdings steht die Forschung rund um die Handystrahlung vor einem großen Problem: Belastbare Ergebnisse bringen vor allem sauber durchgeführte Langzeitstudien. Handys allerdings gibt es noch nicht sehr lange: 1983 ging in den USA das erste Mobiltelefon in Betrieb, nach Deutschland kamen Handys 1993 – also erst vor 20 Jahren. So befand die Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch 2005, dass keine der bis dahin durchgeführten Untersuchungen beweisen konnte, dass Handys der Gesundheit schaden.

Hirntumor durchs Handy-Hallo?

2011 ruderte die WHO zurück: Krebsforscher der Organisation hatten sich durch Berge wissenschaftlicher Arbeiten gewühlt und danach die Bewertung der Handystrahlung als „möglicherweise krebserregend“ angeregt. Unter dem gesichteten Material waren auch Arbeiten mit einem Studienzeitraum von 15 Jahren sowie Untersuchungen zu Intensivnutzern von Mobiltelefonen. Letztere betrifft wohl das größte Risiko – wenn es sie denn gibt.

Der schwedische Forscher Lennard Hardell aus Örebro berichtete 2007, dass Kinder und Jugendliche durch die Handynutzung ein fünffach erhöhtes Risiko aufweisen, an speziellen Hirntumor-Formen zu erkranken: den bösartigen Gliomen sowie den gutartigen Akustikus-Neurinomen. Allerdings konnte bislang keine andere epidemiologische Studie das bestätigen. Und, viel simpler: Gäbe es einen derart rapide Zuwachsrate von Hirntumoren, hätten Ärzte und Klinikpersonal wohl längst Alarm geschlagen, der Hauptverdacht wäre auf das vergleichsweise neuartige Handy gefallen.

Widersprüchliche Studienergebnisse mit Tradition

Aktuellere Studien liefern, wie schon früher, widersprüchliche Ergebnisse. Das norwegische Gesundheitsinstitut spricht Handys in einer Studie von September 2012 jegliche Gesundheitsgefahr ab: Sie lösen demnach weder Unfruchtbarkeit noch Krebs noch Fruchtschäden aus, weil die Hitzeentwicklung erst ab dem Fünfzigfachen der Grenzwerte für die DNA kritisch werde. Eine Studie der Uni Yale dagegen postuliert, dass Handytelefonie während der Schwangerschaft dafür sorgt, dass der Nachwuchs signifikant öfter ADHS entwickelt.

Die aktuellste Handy-Studie aus Frankreich und dem Jahr 2014 wiederum kam zu dem Schluss, dass Menschen, die ihr Handy fünf Jahre lang im Schnitt über 15 Stunden pro Monat nutzten, ein zwei- bis dreimal erhöhtes Risiko aufweisen, bestimmte Hirntumore zu entwickeln. Allerdings offenbart auch diese Untersuchung - wie viele vorher - Schwächen im Studiendesign und lässt keinen klaren Rückschluss über Ursache oder Wirkung zu.

Wie aber lässt sich das klare Studienergebnis des Schweden Hardell erklären? Wie andere epidemiologische Forscher bediente sich sein Team verschiedener Fragebögen. Solche Befragungen aber sind fehleranfällig. So könnten etwa Hirntumorpatienten im Nachhinein die Schuld auf ihr Telefonierverhalten schieben. Versuche an Tieren und Zellkulturen wiederum sind nur beschränkt auf den Menschen übertragbar.

Wissenschaft kann nicht beweisen, dass es etwas nicht gibt

Dass die WHO dennoch Vieltelefonierer warnt, ist eine Vorsichtsmaßnahme – und als solche keineswegs sinnlos. Es braucht schlicht noch mehr valide Langzeitstudien, das weiß auch die Gesundheitsorganisation. Und zwar so lange, bis die erhöhte Krebsgefahr durch Handystrahlung eindeutig belegt ist. Den Nachweis, dass es sie nicht gibt, kann die Forschung – ähnlich wie den negativen Gottesbeweis – nicht erbringen. Die Wissenschaft kann lediglich feststellen, dass von Handys nur mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit eine Gesundheitsgefahr ausgeht. Und diese Einschätzung ist nach wie vor aktuell.

Lesen Sie auf Seite zwei, was es mit der Handystrahlung auf sich hat und wie Sie strahlungsarm telefonieren können.

Warum Vieltelefonierer einen Satz heiße Ohren bekommen    

Fakt ist aber: Handystrahlung ist eben gerade das: Strahlung, genauer gesagt hochfrequente elektromagnetische Strahlung, wie sie auch andere kabellose Elektrogeräte, Mikrowellen und Radiostationen aussenden. Für diese Art der Strahlung gibt es Grenzwerte, weil ihre thermischen Effekte ab einer gewissen Größenordnung dem Gewebe schaden können.

Bei Handys bemisst sich die Strahlenbelastung durch den sogenannten SAR-Wert. Diese spezifische Absorptionsrate sagt aus, wie viel Energie ein biologisches Gewebe durch die Strahlung aufnimmt. Wann immer ein Gewebe elektromagnetische Feldenergie aufnimmt, erwärmt es sich. Diese dielektrische Erwärmung macht sich zunutze, wer in der Mikrowelle seine Lasagne erwärmt. Zugleich ist das Prinzip schuld daran, dass Vieltelefonierern als Nebenwirkung des Quatschens heiße Ohren drohen. Den größten Anteil an der Hitzeentwicklung dürfte aber das Telefon selbst haben.

Hohe Strahlungswerte in Auto und Tiefgarage

Die SAR-Angabe findet sich auf Handys in der Einheit Watt pro Kilogramm. Der EU-weite und von der WHO empfohlene Grenzwert liegt bei einem SAR-Wert von zwei. Heutige Mobiltelefone haben spezifische Absorptionsraten von 0,1 Watt pro Kilogramm aufwärts, Smartphones kommen in etwa auf SAR-Zahlen zwischen 0,3 und 1,5. Allerdings schwankt die Strahlung im Handy-Alltag ganz beträchtlich – je nachdem, wie weit entfernt zum Beispiel der nächste Sendemast steht oder welche Art von Gebäude den Handy-Empfang abschirmt. Im Auto etwa vervielfacht sich der Strahlungswert bei geschlossenen Fenstern und ohne Außenantenne.

Zur Sicherheit: unnötig hohe Strahlenexposition vermeiden

Solange Forscher nicht abschließend klären konnten, ob vom Handy eine ernsthafte Gesundheitsgefahr ausgeht, gilt: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, oder in diesem Fall: unseres Gehirns. Falls Sie Angst vor Strahlungsschäden haben, kaufen Sie ein Handy mit niedrigem SAR-Wert und beschränken Sie ihre Telefonate sowie SMS auf das Nötigste.

Sicherheitshalber empfiehlt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zusätzlich, sich am Handy immer kurz zu halten, das kabelgebundene Festnetz zu nutzen und nach Möglichkeit nicht bei schlechtem Empfang zum Handy zu greifen. Headsets senken die Strahlenbelastung – ebenso wie eine Außenantenne am Auto und generell wachsender Abstand des Ohrs zum Telefon.

Schnurlostelefone strahlen stärker als Handys

Unwirksam sind dagegen die unzähligen Geräte und Wundermittelchen, denen auf dubiosen Webseiten Strahlenschutz nachgesagt wird – etwa Magnetarmbänder und Heilsteine. Krankhafte Züge kann übrigens auch die Angst vor der unsichtbaren Strahlung annehmen. Und: Die meisten schnurlosen Festnetztelefone strahlen weitaus stärker als Handys, weil sie unabhängig vom Empfang und der Entfernung des Nutzers vom Basisteil immer mit maximaler Leistung senden.

Mythen, denen selbst Mediziner aufsitzen

Autor:
Letzte Aktualisierung: 15. Mai 2014

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