Person & Seele

Ständiges Selbstmitleid ist gefährlich

Sich selbst mal so richtig Leid tun - das ist manchmal eine Wohltat und kann dazu beitragen, erlittenes Unrecht besser zu verkraften. Doch das Selbstmitleid sollte seine Grenzen haben, denn es hilft niemandem, am wenigsten dem Selbstmitleidigen selbst. Im Gegenteil - zu viel Selbstmitleid kann schädliche Auswirkungen haben, da es depressiv und träge macht.

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Ständiges Selbstmitleid macht depressiv und träge
Getty Images/iStockphoto

In der Welt geht es oft ungerecht zu. Deshalb kann es wohltuend sein, sich mal so richtig auszuheulen und sich selbst zu bedauern, Selbstmitleid zu haben. Diese Form von Selbstmitleid überkommt vermutlich jeden Menschen ab und zu. Selbstmitleid ist aber nicht unbedingt zu verurteilen, weil sie für die Seelenhygiene wichtig ist. Wer nach einer Zeit des Selbstmitleids sein Jammertal verlässt, sieht die Dinge oft klarer und hat neue Energien, um sein Leben aktiv und befriedigend zu gestalten - trotz der erlittenen Schmach oder Ungerechtigkeit.

Leute, die an Gerechtigkeit glauben, haben seltener Selbstmitleid

"Manche Menschen reagieren bei Stress stärker mit Selbstmitleid als andere", sagt der Pädagoge Joachim Stöber von der Universität Halle. Psychologen nehmen an, dass das Selbstmitleid in der Persönlichkeit begründet ist. So gibt es Menschen, die einen unverwüstbaren Glauben an eine gerechte Welt haben. Sie meinen, dass es im Leben immer eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Mit dieser Einstellung können sie relativ gelassen und meist ohne Selbstmitleid durchs Leben gehen. Diese Menschen werden kaum von Rachegefühlen oder Selbstmitleid geplagt, denn sie glauben ja an Ausgleich und Gerechtigkeit. Ihre Haltung verleiht ihnen eine robuste psychische Gesundheit.

Andere Menschen wiederum glauben nicht an eine gerechte Welt. Sie erleben die Welt grundsätzlich als ungerecht und sich selbst als Opfer, versinken mehr in Selbstmitleid. Entsprechend sehen sie auch gleich schwarz, bemerken in den Nachrichten nur die negativen Meldungen - für sie ist "das Glas halb leer und nicht halb voll" - und beziehen alles Unglück der Welt immer auf ihre Person. Ihre Vorstellungen von der Zukunft sind düster und unerfreulich. Sie erwarten stets das Schlimmste. Andere Menschen, so glauben sie, haben viel mehr Glück im Leben. Das empfinden sie als ungerecht und verfallen in Selbstmitleid. Sie fühlen sich vernachlässigt und ungeliebt, selbst wenn sie von vielen wohlwollenden Menschen umgeben sind.

Ständiges Selbstmitleid kann passiv und depressiv machen

Eine dauerhaft negative Denkweise und Selbstmitleid wirkt sich auch auf die Stimmungslage der Selbstmitleidigen aus. Sie schwanken ständig zwischen Trauer, Ärger, Angst, Verzweiflung, Neid, Ohnmachtsgefühlen, Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit und Selbstmitleid.

Positive Gefühle kommen selten auf und wenn doch, dann werden sie schon bald durch neue Sorgen oder negative Vorahnungen überlagert. Im schlimmsten Fall führt ständiges Selbstmitleid zur Unverträglichkeit und tiefen Depressionen. Selbstmitleid wirkt sich aber auch auf das Verhalten aus. Selbstmitleidige Menschen sind meistens passiv und träge. Sie ziehen sich häufig zurück, haben wenig Interesse an ihrer Umwelt, sind energielos und schlapp und leiden unter Appetitmangel und Schlafstörungen.

Selbstmitleid: Das Salz in der versalzenen Suppe

Selbstmitleid und Wehleidigkeit können ein Ventil für die Seele sein - wenn sie nur selten auftreten und schnell wieder vergehen. Auf Dauer richten sie jedoch großen Schaden an, oder wie der französische Schriftsteller André Brie sagt: "Selbstmitleid ist für den Kummer wie Salz für die versalzene Suppe."

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Letzte Aktualisierung: 03. Januar 2007
Durch: Springer Medizin

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