Pathologisches Einkaufen

Kaufsucht: Der Zwang zum Geldausgeben

Krankhafter Kaufzwang ist eine psychische Störung und kann zu sozialen, finanziellen und juristischen Problemen führen

Wer kaufsüchtig ist, erwirbt Produkte nicht, weil er sie braucht – das Kaufen selbst löst kurzfristig Glücksgefühle aus, das Kaufobjekt wird oft gar nicht genutzt. Derart zwanghaftes Einkaufen ist krankhaft, oft mit anderen psychischen Erkrankungen gekoppelt und sollte unbedingt behandelt werden.

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Kaufsucht ist zwar bei Frauen häufiger, aber auch Männer können die Abhängigkeit entwickeln.
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Schicke Kleider, das angesagte Handy oder schöner Schmuck – keine Frage, Shopping kann Spaß machen. "Kauf Dir was Schönes!" ist denn auch ein bewährter Tipp gegen gedrückte Stimmung. Daraus kann jedoch eine gefährliche Kaufsucht werden.

So wie bei Sieglinde Zimmer-Fiene. Der Tod ihres Mannes habe sie aus der Bahn geworfen, erzählt sie in einem Fernsehbeitrag. Da habe sie sich immer belohnt, wenn es ihr schlecht ging, indem sie sich etwas Schönes kaufte, beschreibt sie ihren Weg in die Kaufsucht. "Dieses Kaufen ist am Anfang etwas ganz Tolles, ein supergeiles Gefühl",  erinnert sie sich.

Immer öfter braucht sie dieses Glücksgefühl, und die Einkäufe werden zum Kaufrausch. "Ich bin manchmal nach Hause gefahren und hatte Sachen für sechs-, sieben- oder achttausend Mark im Kofferraum", sagt sie. Irgendwann waren die Rechnungen nicht mehr bezahlbar. "Da fing das dann an, dass ich Lügen erzählt habe. Für das Lügen habe ich mich eigentlich sehr geschämt."

Kaufsucht hat alle Anzeichen einer Abhängigkeit

Wie bei Zimmer-Fiene beginnt die Kaufsucht meist scheinbar harmlos mit Frusteinkäufen. Obwohl nicht offiziell als Suchterkrankung anerkannt weist die Kaufsucht, in der medizinischen Fachsprache auch Oniomanie genannt, alle Kennzeichen einer Sucht auf.

Die Betroffenen haben ihr Kaufverhalten nicht mehr unter Kontrolle, müssen die "Dosis" steigern, also immer öfter immer teurere Dinge einkaufen, sie bekommen regelrechte Entzugserscheinungen beispielsweise in Form von Depressionen, wenn sie ihrer Sucht nicht nachkommen können, und sie halten an ihrem Suchtverhalten fest, auch wenn sie genau wissen, dass es ihnen schadet.

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Dennoch gibt es unterschiedliche Meinungen dazu, ob es sich bei der Kaufsucht tatsächlich um eine Abhängigkeitserkrankung im eigentlichen Sinne handelt oder eher um eine Zwangsstörung. Weitgehend einig sind sich Experten hingegen, dass pathologisches Einkaufen eine eigenständige psychische Störung ist, auch wenn sie häufig gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen, vor allem Borderline, depressiven und anderen Zwangsstörungen auftritt.  Sie sollte daher auch eigenständig therapiert werden.

Experten beschrieben Kaufsucht schon vor 100 Jahren

Ein neues Phänomen ist die Kaufsucht nicht. Bereits vor gut 100 Jahren beschrieben Emil Kraeplin und Eugen Bleuler, die zu den Begründern der modernen Psychiatrie gehören, in Lehrbüchern die Verhaltenssucht. Laut Kraeplin ist es eine "krankhafte Kaufsucht, die den Kranken dazu veranlasst, sobald sich die Gelegenheit bietet, ohne jegliches Bedürfnis große Mengen einzukaufen", und Bleulin bemerkt: "Das Besondere ist das Triebhafte, das Nicht-anders-Können."

Kaufsucht in ganz Deutschland auf dem Vormarsch

Was sich seither geändert hat, ist die Häufigkeit der psychischen Störung – Tendenz steigend, wie bei anderen sogenannten stoffungebundenen Süchten auch. Nach einer Kaufsuchtstudie aus dem Jahr 1991 waren in den alten Bundesländern fünf Prozent der Deutschen gefährdet, eine Kaufsucht zu entwickeln, in den neuen Bundesländern war es nur ein Prozent. Eine Wiederholungsstudie aus dem Jahr 2001 kommt in den alten Bundesländern auf einen Anteil Kaufsuchtgefährdeter von acht Prozent. In den neuen Bundesländern hatte sich der Anteil der Gefährdeten sogar auf sechs Prozent versechsfacht.

Kaufsucht kann jeden treffen

Kaufsucht,Schuldgefühle
Kaufsucht führt zu finanziellen und damit auch oft zu familiären Problemen.
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Genaue aktuelle Zahlen zur Kaufsucht gibt es nicht. Schätzungen gehen von bundesweit fünf bis acht Prozent Gefährdeten aus. Prinzipiell sind alle Bevölkerungs- und Einkommensschichten betroffen, wobei jüngere Menschen im Vergleich zu älteren als eher gefährdet gelten und Frauen häufiger eine Kaufsucht entwickeln als Männer.

Klar ist: Wer in den Sog der Kaufsucht gerät, droht in eine finanzielle Katastrophe zu schlittern. Nicht nur das: "Viele Patienten haben substanzielle soziale, finanzielle und nicht selten auch juristische Probleme, wenn sie sich schließlich in Behandlung begeben", weiß Privatdozentin Dr. Astrid Müller von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Psychologin befasst sich seit Jahren mit der Kaufsucht und leitete 2008 eine Studie, in der erstmals die Wirksamkeit eines Therapiemodells gegen Kaufsucht belegt wurde.

Kaufepisode löst Glücksgefühl aus

Wie Zimmer-Fiene die psychische Störung beschrieben hat, ist nach Müllers Erfahrung ein typischer Verlauf. Wen der Kaufzwang im Griff hat, dem geht es im Laden nicht mehr um den Besitz von Dingen. Das Kaufen selbst löst ein Glücksgefühl aus. Doch dieses Glück ist nur von kurzer Dauer: "Der Kaufepisode geht eine Phase der Depression, Anspannung oder Langeweile voraus", erläutert Müller.

Der Kauf werde dann kurzfristig als Befreiung, Vergnügen, Wohlgefühl oder Belohnung empfunden. Auch die durch Kaufsituationen entstandenen Kontakte zum Verkaufspersonal spielen möglicherweise eine Rolle. Doch bald schon weicht das Hochgefühl Gewissensbissen und Scham.

"Die Betroffenen können sich nach dem Kauf meistens nicht mehr über die erstandenen Waren freuen", ist Müllers Beobachtung. Aber um das Gekaufte geht es ja auch nicht, sondern nur um das Lusterleben während des Kaufs. Das zeigt schon die Auswahl der Kaufobjekte: Laut Müller berichten Betroffene vom Kauf ganz spezieller oder mehrfach gleicher Artikel, aber auch völlig nutzloser, unsinniger Dinge. Ein Beispiel dafür ist der Fall eines 31-Jährigen, der 30 Handys gekauft hatte, die er weder brauchte noch bezahlen konnte.

Kaufsüchtige lassen Erworbenes meist ungenutzt

Tendenziell greifen kaufsüchtige Frauen zu anderen Gegenständen als Männer mit Kaufzwang: Während Frauen eher Kleidung, Schuhe, Kosmetik, Lebensmittel und Haushaltsgeräte favorisieren, zieht es Männer mehr zu modernen Technikartikeln, Sportgeräten, Autozubehör und Antiquitäten.

Allen Kaufsüchtigen gemeinsam ist, dass die gekauften Dinge nicht benutzt, sondern gehortet, an nahe Bezugspersonen verschenkt oder einfach versteckt und vergessen werden. Und meist führen die exzessiven, unangemessenen Einkäufe zu immensen Schulden, oft sogar zu Strafverfahren.

Aber selbst Haftstrafen können Betroffene nicht von einem erneuten Kaufrausch abhalten. Das zeigt das Beispiel eines 35-Jährigen, den seine Kaufsucht den Job gekostet hatte und der wiederholt zu Haftstrafen wegen Betrugs verurteilt worden war, weil er trotz hoher Verschuldung immer wieder teure Gegenstände gekauft hatte, die er nicht bezahlen konnte – und für die er auch gar keine Verwendung hatte.

Nur wenige Stunden nach einer der Verurteilungen kaufte er ein für ihn unbezahlbares Luxusauto, trotz oder gerade wegen der juristischen Konsequenzen, die das nach sich ziehen würde. Er habe sich kurzzeitig besser fühlen wollen, begründete er sein Verhalten. "Ich habe mich mit einem neuen Kauf betäubt."

Bitte blättern: Auf Seite zwei lesen Sie, welche Risikofaktoren eine Kaufsucht begünstigen und wie sie behandelt wird.

 

Am Anfang der Kaufsucht stehen oft Stress und traumatische Erlebnisse

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Eine Gruppentherapie kann Menschen mit Kaufsucht helfen, zu einem gesunden Kaufverhalten zurück zu finden.
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Was aber sind die Ursachen dieser psychischen Störung? Unmittelbare Auslöser für Kaufsucht sind häufig Stresssituationen und traumatische Erlebnisse wie der Tod eines geliebten Menschen – wie im Fall von Sieglinde Zimmer-Fiene. Die Erfahrung, dass Einkaufen zumindest kurzfristig negative Gefühle vertreiben kann, führt Betroffene in Läden, Kaufhäuser oder auf die Webseiten von Internet-Versandhäusern und Online-Auktionen.

Kaufen wird als Belohnung erfahren und fortan als positiver Verstärker erlebt. Da sich die negativen Folgen in Form überzogener Bankkonten erst im Nachhinein zeigen, werden sie verdrängt. Ein Teufelskreis entsteht. Es kommt zu finanziellen Schwierigkeiten und in der Folge oft zu familiären Problemen, die durch erneute Kicks beim Shoppen betäubt werden.

Forscher finden hohe Risikobereitschaft bei Betroffenen

Ursachenforschung betreibt Psychologin Müller in aktuellen Studien. Sie untersucht, ob die Kaufsucht dadurch entsteht, dass Patienten sich gegen die von der Werbung ausgehenden Impulse nicht wehren können. "Tatsächlich fanden wir auch Hinweise darauf, dass das zwanghafte Kaufen durch grundsätzliche Persönlichkeitsvariablen begründet sein könnte", sagt Müller. Beispielsweise zeigten viele Patienten im "Iowa Gambling Task" – einem Test zum Entscheidungsverhalten – eine auffällige Risikobereitschaft, die mögliche negative Konsequenzen leicht vergessen lässt.

Parkinson-Medikamente als Ursache der Kaufsucht

Auslöser einer Kaufsucht können aber auch Medikamente sein. Der amerikanische Wissenschaftler Daniel Weintraub von der Pennsylvania Perelman School of Medicine in Philadelphia konnte in einer Anfang 2013 veröffentlichten Querschnittstudie belegen, dass Dopaminagonisten, L-Dopa und COMT-Inhibitoren – allesamt Wirkstoffe, die beispielsweise in der Parkinsontherapie eingesetzt werden und das Belohnungssystem stimulieren – als Nebenwirkung Zwangsstörungen oder eine verminderte Impuskontrolle auslösen können. Dazu gehören die pathologische Spielsucht, Kaufsucht, Essstörungen und Sexsucht. Die Kaufsucht war dabei mit einem Anteil von 5,7 Prozent vergleichsweise häufig vertreten.

Generell sind Zwangs- und Abhängigkeitserkrankungen umso besser therapierbar, je früher die Behandlung beginnt. Gerade darin liegt jedoch ein großes Problem: Die Betroffenen betrachten sich lange Zeit nicht als behandlungsbedürftig. Schließlich ist Einkaufen per se keine Krankheit, sondern normal, die Grenze zwischen einem gelegentlichen Frustkauf und dem pathologischen Einkaufen verläuft fließend.

Psychotherapie hilft Kaufsüchtigen

Zur Behandlung der Kaufsucht ist die Psychotherapie am besten geeignet. Das von Psychologin Müller untersuchte Modell der "kognitiv-behavioralen Gruppentherapie" hat sich dabei bislang am besten bewährt: Damit konnte fast jedem zweiten Patienten geholfen werden, sein krankhaftes Kaufverhalten in den Griff zu bekommen, wie die 2008 veröffentlichte Studie am Universitätsklinikum Erlangen unter Leitung von Müller belegt. Der Erfolg der zwölfwöchigen Therapie hielt während des sechsmonatigen Beobachtungszeitraums an.

Die Psychotherapie zielt darauf ab, das pathologische Kaufverhalten zu unterbrechen und ein gesundes Kaufverhalten zu etablieren. Therapieteilnehmer sollen lernen, Gedanken und negative Gefühle zu erkennen, die mit dem pathologischen Kaufen zusammenhängen, gesunde Kommunikationsmuster zu entwickeln und Techniken der Rückfallprävention anzuwenden.

Kaufprotokoll soll Kaufverhalten bewusst machen

Um sich ihr Kaufverhalten bewusst zu machen, müssen die Patienten beispielsweise ein Kaufprotokoll führen, in das sie täglich Datum und Uhrzeit der Einkäufe eintrugen, was sie gekauft hatten und welche Gedanken und Gefühle sie dabei hatten. Am Ende jedes Tages sollen sie zudem festhalten, wie lange sie mit Einkaufen beschäftigt waren und wieviel Zeit das Planen der Einkäufe und das Nachdenken darüber in Anspruch genommen hatte.

Darauf aufbauend besteht eine Aufgabe darin, zu den typischen Kaufzeiten alternative Verhaltensweisen zu planen und umzusetzen. Die Teilnehmer der Therapie zeichnen auf, mit welchen Reizen sie konfrontiert wurden, was sie dabei dachten und fühlten, wie sie reagierten und welche kurzfristige und langfristige Konsequenzen sich aus ihrem Verhalten ergaben, um dann Alternativen zu entwickeln.

Wirkung von Medikamenten gegen Kaufsucht nicht belegt

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Ein weiterer Therapieansatz, dessen Erfolg aber wissenschaftlich nicht belegt werden konnte, ist die medikamentöse Behandlung mit Psychopharmaka, hier insbesondere Antidepressiva. Allerdings kam bereits 2007 eine Studie zu dem Ergebnis, dass die Behandlung mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), einem Wirkstoff zur Behandlung von Depressionen, zumindest als alleinige Therapie Kaufsüchtige langfristig nicht vor weiteren Shopping-Attacken schützt.

2011 wurde ein Modell zur Selbsthilfe mit telefonischer Unterstützung entwickelt, an dem Astrid Müller ebenfalls beteiligt war. Das Therapiemodell sollte Kaufsüchtigen, die oft von Scham- und Schuldgefühlen geplagt werden und deshalb Schwierigkeiten haben, sich anderen gegenüber zu öffnen und einer Therapiegruppe beizutreten, den Zugang zu einer Behandlung erleichtern.

Telefongestützte Selbsthilfe, um Wartezeit zu überbrücken

Zusätzlich zu Übungen auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie beinhaltet diese Form der zehnwöchigen telefongestützten Selbsthilfe fünf 20-minütige Telefongespräche mit einem Psychotherapeuten, die Teilnehmer nutzen können, um über ihre Problem zu sprechen, Fragen zu stellen und sich professionelle Unterstützung zu holen.

Das Modell erwies sich zwar in einer Studie im Vergleich mit der kognitiv-behavioralen Gruppentherapie als unterlegen. Allerdings konnten die Teilnehmer besser mit ihrer Störung umgehen als Studienteilnehmer in einer Wartegruppe, die gar nicht behandelt wurden. Damit könnte das telefongestützte Selbsthilfeprogramm zumindest die Wartezeit bis zum Beginn einer Gruppentherapie erleichtern.

Austausch mit Betroffenen in Selbsthilfegruppen

Hilfe finden Betroffene auch in Selbsthilfegruppen, von denen es inzwischen einige in Deutschland gibt. Eine davon hat Sieglinde Zimmer-Fiene gegründet, die mit ihrer Leidensgeschichte an die Öffentlichkeit ging. In dem Buch "Kaufsucht; mein Leben durch die Hölle" beschreibt sie, was es heißt, kaufsüchtig zu sein und wie es gelingen kann, die psychische Störung in den Griff zu bekommen.

Kaufsucht

Eine Betroffene beschreibt, wie sie in die Kaufsucht hineingerutscht ist und wie sich die psychische Störung auswirkt.

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