Sport-Trends

Bikram-Yoga: Leichtathletik in der Sauna

Die Kurse in Hamburg und Berlin sind rappelvoll. Bikram-Yoga ist total in. Diese völlig neue Form des über 4.000 Jahre alten Yogas stürmt die Hitparaden verrenkungswilliger Fitnessgroupies. Doch Experten warnen: Mit der uralten indischen Lehre der Verschmelzung von Körper und Geist haben die schweißtreibenden Bikram-Übungen nichts mehr gemein. Ein Erfahrungsbericht.

Gruppe macht Yoga
Bikram-Yoga ist im Trend
©iStock.com/fizkes

Wie ich die letzten 90 Minuten überstanden habe, ist mir völlig schleierhaft. Ich renne, besser stolpere, mangels Kraft zu meiner Tasche, schnappe mit meine Anderthalb-Liter-Flasche Mineralwasser. Ich setze an und trinke. Trinke, bis die Flasche leer ist. Beim Gang unter die Dusche bin ich noch so erschöpft, dass ich kaum in der Lage bin, den Wasserknopf zu drücken. Aber ich habe es tatsächlich geschafft, habe meine erste Bikram-Yoga-Einheit überstanden.

Bikram-Yoga – das sind schweißtreibende Hartha-Yoga-Übungen in einem auf 40 Grad Celsius geheizten Trainingsraum. Sie sollen nicht nur den Körper in Topform bringen, sondern auch wahre Wunder bei Rückenschmerzen, Verdauungsschwierigkeiten und Diabetes bewirken. Bonus-Effekt: Die Pfunde purzeln (was mir auf jeden Fall gut tut) und das Stretching strafft. Die Heizstrahler summen und zeugen von Schwerstarbeit, der Schweiß tropft, und nach zehn Minuten will ich eigentlich nur noch eins: raus und was trinken. Doch den Raum verlassen ist nicht drin. "Das macht den Hitzeeffekt im Körper zunichte", sagt die lizenzierte Trainerin. Also mache ich weiter, mit 20 durchnässten Körpern im Schmerz vereint.

Der Erfinder der Tortur lächelt milde

Die Unterarme vor dem Oberkörper verschränkt, die Beine wie zwei Brezeln ineinander verschlungen, schaue ich nach oben. Da hängt der Schuldige und lächelt mir geradezu unverschämt von einem Schwarz-Weiß-Foto entgegen. Bikram Chaudy, der Erfinder dieser Tortur. Dabei dachte ich bislang immer, was aus Indien kommt, muss gesund sein. Wie ich schließlich durch die letzten 20 Minuten gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich war ich ohnmächtig und habe es vor Erschöpfung einfach nicht gemerkt. Als ich dann endlich unter der Dusche stehe und die Anstrengung abfällt, huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Erstaunlicherweise fühle ich mich gar nicht so schlecht, sogar entspannt. Sollte Bikram-Yoga doch etwas für mich sein?

Experten: Bikram-Yoga hat mehr Nach- als Vorteile

Wie so vieles stammt auch dieser Fitness-Trend aus den USA. Bikram Chaudry, ein 57-jähriger Inder hat diese besondere Form des Yoga speziell für an Zivilisationskrankheiten leidende westliche Menschen entwickelt. In Hamburg und Berlin haben jetzt die ersten Studios in Deutschland eröffnet. Die 26 Übungen werden in einem stark geheizten Raum bei einer Luftfeuchtigkeit von 90% ausgeführt. Aufgrund der Wärme seien Muskeln, Bänder und Sehnen schön warm und beweglich und weniger gefährdet für Zerrungen, sagen die Anbieter. Das ist aber leider völliger Blödsinn. Ein Sportstudent lernt bereits im ersten Semester, dass nur aktive Muskelarbeit selbige auch erwärmt. Kein vernünftiger Sportler würde je auf die Idee kommen vor einem Wettkampf in die Sauna zu gehen, um sich aufzuwärmen. Und die Wärme hat noch weitere Nachteile. In Indien mögen 40 Grad Celsius an der Tagesordnung sein, in Deutschland wurden sie laut Deutschem Wetterdienst noch nie gemessen. 39 Grad war der absolute Hochsommerrekord. Der extreme Wasser- und Salzverlust, die Überhitzung und die körperliche Anstrengung sind eine furchtbare, fast schon verantwortungslose Tortur für den Körper. Vor allem für Anfänger! Die Folgen reichen von Muskelkrämpfen bis hin zum Organversagen.

Berufsverband: "Bikram-Yoga ist indische Leichtathletik"

Auch der Berufsverband der Yoga-Lehrer sieht das Bikram-Yoga kritisch. Mit der ursprünglichen Idee der Einheit von Körper, Geist und Seele hat diese Form der "indischen Leichtathletik" so gut wie nichts mehr zu tun. Wer es trotzdem versuchen möchte, sollte sicher sein, dass er absolut gesund ist und sportlich voll auf der Höhe. Ganz verteufeln will der Verband das Bikram-Yoga aber nicht. Wenn man sich erholt hat, stellt sich tatsächlich eine angenehme Form von erschöpfter Entspannung ein.

Weitere Infos:

Bikram-Yoga-Schule in Berlin: Gneisenaustr. 2, Telefon: 030/69 56 55 22

Bikram Yoga Schule in Hamburg: Eppendorfer Landstr. 104, Telefon: 040/46 77 46 18, oder unter www.bikram.de

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