Fatale Snack-Sucht Hyperphagie

Das Gehirn liebt Kartoffelchips

Jeder kennt das Phänomen: Mit einer Tüte Chips vor dem Fernseher zu versumpfen, ist wunderbar entspannend – bis die Hand plötzlich ins Leere greift und sich das schlechte Gewissen einstellt. Dem Rätsel, wieso wir uns ausgerechnet bei salzigen und gehaltvollen Snacks so schlecht zügeln können, sind Forscher der Uni Erlangen auf der Spur.

Frau greift in Tüte mit Kartoffelchips
Beim Chips-Essen gibt es oft kein Halten, bis die Tüte leer ist.
© iStock.com/luknaja

Statt einer Handvoll immer gleich die ganze Packung. Dem unliebsamen „Kartoffelchips-Effekt“ sind Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in einer aktuellen Studie nachgegangen. Sie fütterten Ratten mit Chips und beobachteten den gleichen Effekt wie Menschen, die nur „ein paar“ Chips essen wollten und plötzlich die leere Tüte in Händen halten: ein Fall von hedonischer Hyperphagie. Das bedeutet, weit über die Sättigung hinaus zu essen, einfach weil es gerade so lecker schmeckt.

Diesen Zustand dürfte jeder von dem ein oder anderen Familienfest oder Restaurantbesuch kennen. Allerdings gehen Wissenschaftler davon aus, dass manche Lebensmittel, wie eben Chips oder Schokolade, völlig unabhängig von persönlichen Vorlieben diese Hyperphagie auslösen können. In der chronischen Form ist sie eine der Ursachen für die epidemische Ausbreitung von Übergewicht und Fettleibigkeit, die zunehmend für Zivilisationskrankheiten verantwortlich zeichnen.

Fett und Kohlenhydrate machen noch keine Chips

Die FAU-Forscher Tobias Hoch, Monika Pischetsrieder und Andreas Hess untersuchten das Phänomen an Ratten. Vor allem interessierte die Wissenschaftler, welche Mechanismen dabei im Körper ablaufen und welche Inhaltsstoffe die Hyperphagie hervorrufen. Dazu fütterten die Forscher Laborratten mit dreierlei Kost: Der ersten Gruppe wurden Kartoffelchips vorgesetzt – und zwar „all you can eat“. Auf dem Speiseplan der zweiten Gruppe stand lediglich normales Rattenfutter. Die dritte erhielt statt Knabberzeug eine spezielle Futtermischung, die in der Fett-Kohlenhydratmischung und dem Energiegehalt den begehrten Kartoffelchips glich.

Nicht-invasive Magnetresonanzbildgebung (MRT) erlaubte den Forschern, einen Blick in das Gehirn der Ratten zu werfen, während sie sich mit unterschiedlichem Futter den Bauch vollschlugen. Zu Beginn der Studie vermuteten die FAU-Forscher noch, dass der hohe Anteil an Fett und Kohlenhydraten die Ratten – und damit vermutlich Menschen – so verrückt nach Chips, Erdnussflips und Co. macht. Diese Hypothese konnten sie im weiteren Verlauf aber nicht halten. Denn das Gehirn der Tiere reagierte deutlich positiver auf das Snack-Food als auf die Mischung mit ähnlich viel Fett und Kohlenhydraten.

Pillen gegen Schokolust und Chipshunger?

Die Zusammensetzung der Nährstoffe erkläre das Suchtpotenzial von Kartoffelchips also nur zum Teil, schlossen die Studienautoren. Sie stießen bei der MRT-Auswertung allerdings auf spannende Zusammenhänge. Während des Chips-Knabberns stellten sich diejenigen Gehirnareale als besonders aktiv heraus, die für Belohnung und Sucht zuständig sind. Aber auch die Regionen, in denen Futteraufnahme, Aktivität und Bewegung geregelt sind, wurden durch Chips stärker aktiviert. Die Schlafregulationszentren dagegen ließ der Snack-Konsum schwächer arbeiten.

Die Wissenschaftler wollen nun die molekularen Auslöser zu entschlüsseln, die für diese Gehirnaktivtäten verantwortlich sind. Das Ergebnis könnte helfen, Medikamente oder Nahrungsmittel zu entwickeln, die die fatale Anziehungskraft von Snacks und Süßigkeiten wie Schokolade aufhalten oder zumindest reduzieren.

Rosenkohl im Kartoffelchips-Gewand

Die Anfälligkeit für maßloses Snacken ist allerdings von Mensch zu Mensch verschieden. So sei das Belohnungssignal von manchen Menschen nicht stark genug, um die persönlichen Vorlieben zu „überstimmen“, glauben die FAU-Forscher. Zudem gibt es Menschen, die ihren Kartoffelchips-Heißhunger mit Willenskraft besiegen.

Ein anderer Ansatz wäre, sehr gesunden, aber mäßig beliebten Lebensmitteln – wie etwa Rosenkohl – mit bestimmten Zutaten die Attraktivität von Chips zu verleihen. Allerdings haben die Nürnberger Forscher bisher keinen Hinweis gefunden, wie sie das anstellen könnten. Besseres Verständnis von der „Kartoffelchips-Sucht“ erhoffen sie sich von Studien an menschlichen Probanden. Ihre aktuellen Erkenntnisse veröffentlichten die Forscher in der angesehenen Fachzeitschrift „Plos One“.

So lange es den Rosenkohl mit Chips-Geschmack noch nicht gibt, können Sie sich mit diesen schmack- und nahrhaften Snacks behelfen, die sogar überschüssige Kilos mitbekämpfen:

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