Gesundheitsrisiko Kunststoff

Bisphenol A – vergiftet uns Plastik?

Kunststoff ist gefährlicher als gedacht

Bisphenol A soll Hormone, Herzkreislauf und Nerven beeinflussen. 90 Prozent der Einwohner in den Industrienationen sind ständig mit Bisphenol A (BPA) belastet. Studien weisen Bisphenol A im Urin dauerhaft nach. Wie gefährlich ist dies und wie kann ich mich schützen? Lifeline sprach mit einem BPA-Experten.

bisphenol a in plastikflaschen
Aus Plastikverpackungen, Plastikflaschen und -boxen kann Bisphenol A auf Lebensmittel übergehen.
© iStock.com/monticelllo

Die Belastung mit Bisphenol A aus Kunststoff betrifft inzwischen fast jeden. Die hormonähnliche Substanz ist Ausgangsprodukt für Kunststoffe wie Polykarbonat und Epoxidharze und steht im Verdacht Erkrankungen des Hormonsystems sowie des Herzkreislauf- und Nervensystems auszulösen.

Doch Leben ohne den Kontakt mit Plastik ist kaum noch möglich. Küchengeräte, Kinderspielzeug, Schnuller, Spritzen, Autoteile, CDs, Schuhe und vieles andere mehr sind aus Kunststoff hergestellt und enthalten Bisphenol A. Allgegenwärtig ist Plastik in den Verpackungen für Lebensmittel, in Plastikflaschen, in Folien und Plastikschalen für Frischware, Aufbewahrungsbehältern, Kosmetika und mehr. Rund 250 Millionen Tonnen Plastikverpackungen werden pro Jahr weltweit produziert. Plastik zerfällt nur in kleine Teilchen, verrottet jedoch kaum und bedeckt inzwischen weite Teile der Ozeane. Die Weltmeere sollen bereits sechsmal so viel Plastikmüll enthalten wie Plankton.

Fast jeder hat Plastik in seinem Körper

Damit erscheint das Problem mit dem Verbleib des Plastikmülls weit weg. Doch Studien zeigen, dass Bestandteile von Plastik fast jeden belasten. Dabei enthalten Kunststoffe oft mehr als 1000 Substanzen, deren Wirkung auf den Menschen teilweise  noch gar nicht oder zu wenig erforscht ist. Etwas besser erforscht ist die Kunststoffkomponente Bisphenol A (BPA), eine der weltweit am meisten produzierten Chemikalien. 90 Prozent der Einwohner in den Industrienationen sind ständig mit BPA belastet. Studien weisen die Substanz im Urin dauerhaft nach. Doch wie gefährlich ist Bisphenol A und warum ist es wenigstens bei Lebensmittelverpackungen noch nicht verboten? Lifeline sprach mit Professor Dieter Swandulla, Institutsdirektor der Physiologie II an der Universität Bonn, der zum Thema Bisphenol A forscht und entdeckte, dass die Substanz elementare Mechanismen der Zellfunktion beeinflusst.

Lifeline: Wie gelangt die Substanz Bisphenol A überhaupt in den Organismus?

Professor Dieter Swandulla: Bisphenol A löst sich aus dem Kunststoff und dringt auf mehreren Wegen in den Körper ein: Mit dem Essen von Nahrungsmitteln, die entsprechend verpackt sind. Allerdings enthalten nicht nur Plastikverpackungen BPA, sondern auch die Innenbeschichtung von Konserven. Außerdem nehmen wir Bisphenol A über die Haut, etwa durch den Kontakt mit Geldscheinen und Thermopapier wie Kassenzetteln auf sowie über den Hausstaub. Zusätzlich steigt die BPA-Belastung nachweislich durch Zahnfüllungen und medizinische Hilfsmittel und Geräte, wie etwa die Schläuche für die Patientenversorgung im Intensivbereich

Was richtet Bisphenol A in Gefäßen und Organen an - staut es sich da einfach oder entwickelt es eine Wirkung auf Zellfunktionen?

Swandulla: BPA ist eine hormonähnliche Substanz, die bereits in kleinsten Mengen wie das Hormon Östrogen wirkt. Es handelt sich um ein so genanntes Xenohormon, also ein Hormon, dass nicht der Körper selbst produziert, sondern von außen zugeführt wird. Es besteht der Verdacht, dass die chronische Belastung mit Bisphenol A zu Herzkreislauferkrankungen, Erkrankungen des Nervensystems und Diabetes führt. BPA hat darüber hinaus vermutlich noch eine ganze Reihe von anderen Effekten, indem es sich an Proteine bindet, die sich in den Zellen und Zellmembranen befinden. Wir haben dabei untersucht, welche Rolle Bisphenol A bei der Funktion der Kalziumkanäle spielt.

Kalziumkanäle gibt es an jeder Zellmembran, sie sind die Wege für den Botenstoff Kalzium, der die Arbeit von Muskel- und Nervenzellen bestimmt  – was konnten Sie dabei entdecken? 

Swandulla: Wir untersuchten die Kalziumkanäle  in verschiedenen Körpergeweben etwa auch am Herzmuskel. Wir mussten feststellen, dass Bisphenol A die Kalziumkanäle blockiert. Diese Blockierung durch BPA bewirkt, das sich beispielsweise der Herzmuskel weniger kontrahiert. Das entspricht der Wirkung spezieller Medikamente, der so genannten Kalziumantagonisten oder Kalziumblocker, die gegen Bluthochdruck und bestimmte Herzkrankheiten verschrieben werden. Bei Patienten ist die Blockierung der Kalziumkanäle sicher sinnvoll, für alle anderen Menschen ist das jedoch nicht ratsam. In unserer neuesten Studie werden wir den Effekt auf den Herzmuskel genauer untersuchen.

Kann der Körper Bisphenol A abbauen - oder sammelt sich die Chemikalie über die Lebenszeit an?

Swandulla: Der Körper kann Bisphenol A über die Leber abbauen und mit dem Urin ausscheiden. Allerdings kommt es dabei auf die zugeführte Menge an. Der Abbaumechanismus ist bei Babys und bei Kindern noch nicht vollständig funktionsfähig. Die chronische Ausscheidung von BPA über den Urin, worauf die Studien hinweisen, deutet auf eine ständige Belastung hin. Ob eine Ansammlung von Bisphenol A die Ursache ist und / oder die ständige Neuaufnahme der Chemikalie, ist noch nicht erforscht. Es gibt nur eine Untersuchung, die zeigt, dass sich BPA in der Plazenta einlagern kann. Ich gehe jedoch davon aus, dass BPA sich grundsätzlich im Körper ansammelt. Bisphenol A ist fettlöslich und von anderen fettlöslichen Substanzen ist bekannt, dass sie dazu tendieren, sich in Geweben einzulagern. Wie weit dies auch für BPA beim Menschen zutrifft ist noch nicht ausreichend erforscht.

Würden Sie so weit gehen, von einer Vergiftung mit Plastik zu sprechen?

Swandulla: Nein, Plastik  besteht aus vielen Substanzen. Die Rezepturen sind oft auf den Einsatz des Kunststoffs maßgeschneidert und geheim. Viele der Chemikalien treten aus dem Kunststoff aus und welche davon dem Menschen schaden, ist noch nicht richtig erforscht. Sicher trifft auch hier das Prinzip zu „Die Dosis macht das Gift“. Solange das Gefährdungspotential der einzelnen Substanzen nicht vollständig bekannt ist, ist vom Vorsorgeprinzip auszugehen und die Belastung des Organismus mit diesen Substanzen ist möglichst zu vermeiden.

In Deutschland wird der Grenzwert von BPA also vermutlich nicht herabgesetzt und mit einem Verbot von Bisphenol A, wie es seit 2011 für die Herstellung von Babyschnullern besteht, ist nicht zu rechnen?

Swandulla: In der Europäischen Union wird über neue Grenzwerte nachgedacht, in Schweden ist das komplette Verbot für Bisphenol A angedacht und in Frankreich ist BPA in Lebensmittelverpackungen bereits verboten. Deutschland hinkt bei diesen Dingen bekanntlich immer etwas hinterher. Doch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) arbeitet an einer neuen Risikobewertung für BPA.

Gibt es keine ungefährliche Alternative für Bisphenol A?

Swandulla: So lange die Herstellung von Verpackungsmaterial und Alltagsgegenständen sich an der Petrochemie orientiert - also auf Erdöl basiert – muss man das kritisch sehen. Kohlenwasserstoffe aus Erdöl und Erdölprodukten, will keiner in seinem Körper haben. Andere Chemikalien aus diesen Quellen sind für mich deshalb keine Alternative. Es gibt jedoch bereits Kunststoffe die auf Milchsäure aus pflanzlichen Produkten wie etwa Mais basieren. Allerdings hängt es vom Verbraucher ab, ob diese Alternativen in die Massenproduktion gehen – erst wenn die Nachfrage immens ist, wird die Industrie reagieren.

Wie kann ich mich als Verbraucher schützen?

Swandulla: Beim Einkaufen und Aufbewahren möglichst auf Plastikverpackungen verzichten, Papier und Glas vorziehen. Und jeder sollte überlegen, bevor er  Billigplastik und Wegwerfware aus Kunststoff kauft – und im Sinne der Nachhaltigkeit bedenken, dass es 500 Jahre dauert, bis  Plastik abgebaut ist.

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