
Orale Gesundheit
Der Einfluss der Mundgesundheit auf den ganzen Körper
Bis vor einem Jahrzehnt gab es noch eine klare Trennung zwischen Allgemeinmedizin und Zahnmedizin. In den letzten Jahren dagegen haben sich immer mehr Zusammenhänge zwischen den beiden Disziplinen herausgestellt. Diese erfordern heute ein fachübergreifendes Umdenken und interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Die Parodontitis ist eine der häufigsten Erkrankungen in der Mundhöhle. Sie steht in ursächlichem Zusammenhang mit der Ansammlung und Vermehrung Krankheitserregender Keime, die eine Gewebezerstörung bewirken. Geht man von einem vollbezahnten Patienten aus, so entspricht diese offene kontaminierte Gewebefläche einer Größe von über 74 cm2. Eine offen sichtbare Wundfläche derartiger Größe würde kein Patient unbehandelt lassen. Leider ist die orale Dimension für ihn nicht erkennbar und so etablieren sich derartige Zustände und wirken sich auf das ganze menschliche System aus.
Bakterienspektrum und Wirkung
Neben den drei aeroben Hauptkeimen wie Actinobacillus actinomycetemcomitans, Campylobacter rectus und Eikenella corrodens treten oft auch sieben anaerobe Spezies auf. Zu ihnen gehören: Porphyromonas gingivalis, Bacteroides forsythus (Tannerella f.), Treponema denticola, Prevotella intermedia, Fusobacterium nucleatum, Eubacterium und Spirochäten. Neben diesen Leitkeimen können auch noch viele andere Spezies an der Erkrankung unter Bildung von Bakterienkomplexen beteiligt sein. Sämtliche Keime verteilen sich nicht nur lokal im Mund, sondern können im Organismus nachgewiesen werden. So fanden Cairo et al. T. forsynthensis, F. nucleatum, P. intermedia, P. gingivalis und A. aa in atheromatösen Plaques der Carotis.
Ähnliche Ergebnisse lassen sich auch für die koronalen Gefäße nachweisen.
Die Schädigung durch die Bakterien kann dabei auf zwei unterschiedliche Weisen erfolgen: Erstens kann die arterielle Wand direkt besiedelt werden und zum zweiten kann über die bakteriell ausgelösten Entzündungsreaktionen das Gewebe angegriffen werden. Bei Patienten mit einer Erkrankung der Herzkranzgefäße werden auch sehr häufig Antikörper gegen parodontale Keime gefunden. Herzerkrankungen und Zahnverlust durch Lockerung weisen einen hohen Zusammenhang in der Statistik auf (Kim, J. et al.: Periodontal disease and systemic conditions: a bidirectional relationship. Odontology (2006); 94: 10;21).
Spezies und ihre Auswirkungen bei Diabetes
Allein in den USA leben etwa 16 Millionen Menschen mit einer Diabeteserkrankung, Tendenz steigend. Auch Europa verzeichnet wachsende Fallzahlen. Patienten mit einer unbehandelten Parodontitis und einem Diabetes Typ II weisen höhere Hämoglobin A1c (HbA1c)Level auf und zeigen eine höhere Prävalenz für kardiovaskuläre Komplikationen (Jansson, H. et al.: Type II Diabetes and risk for periodontal disease : a role for dental health awareness. J Clin Periodontol (2006); 33: 404414).
Allgemeine Auswirkungen bei chronischer Infektion
Eine unbehandelte Parodontitis stellt einen chronischen Entzündungszustand dar. Letzterer hat ganz allgemein Auswirkungen auf den Gesundheitszustand des Gesamtorganismus. Bei Schwangeren bedeutet dies konkret z.B. ein deutlich höheres Risiko einer Frühgeburt. Häufig kommen die Kinder von Müttern mit Parodontitis zudem mit Untergewicht auf die Welt.
Des Weiteren kann sich aufgrund zytokiner oder zellulärer Effekte die Aktivität von sog. Knochenfresszellen steigern. Es resultiert ein deutlich erhöhter Knochenabbau (Kim, J. et al., 2006).
Mittlerweile sind schon sehr viele Zusammenhänge von Parodontitis und Krankheitsbildern im allgemeinmedizinischen Bereich aufgezeigt worden. Die Sensibilität der Allgemein- und Fachärzte hat sich erhöht. Dennoch bleiben viele Fragen über die Mechanismen noch ungeklärt. Bevor evidentbasierte Aussagen getroffen werden können, sind daher weitere große Studien erforderlich.






