
Was ist schön?
Eine kontroverse Diskussion auch in der Zahnmedizin
Schönheitsideale sind meist veränderlich. Sie hängen u.a. von gesellschaftlichen Trends und technischem Entwicklungsstand ab. Wenn sie dem Patienten eine höhere Lebensqualität ermöglichen, sollte über ihre therapeutische Umsetzung nachgedacht werden.
Die Frage nach einem allumfassenden Schönheitsideal beschäftigt die Kulturen seit Tausenden von Jahren. Dabei dreht es sich oft um die kontroverse Debatte, ob Schönheit im Auge des Betrachters liegt, oder ob es eine allumfassende, bereits vorhandene Schönheit gibt. Ein Verfechter der letzteren These war z.B. Immanuel Kant. Viele Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts (David Hume, Wolfe Hungerford) waren aber der Meinung, dass Schönheit eher einen subjektiven Charakter besitzt. Den Begriff Ästhetik" prägte in diesem Zusammenhang als erster der Philosoph Alexander Baumgarten.
Kulturelle Abhängigkeit
Nimmt man sich Untersuchungen zu diesem Thema vor, so deutet alles darauf hin, dass sowohl die eine als auch die andere Gruppe Recht behält. In einer Studie fanden Wissenschaftler heraus, dass Schwarzamerikaner und Weißamerikaner bei Frauen zwar alle einen schwarzen Hauttyp, allerdings mit den Gesichtszügen einer weißen Frau bevorzugten. Bei Afrikanern dominierte ebenfalls der schwarze Hauttyp, jedoch mit negroiden Gesichtszügen. Bestimmte Proportionen scheinen also eher unter eine positive Wahrnehmung zu fallen. Dabei spielt aber im Gesamteindruck der kulturelle Umkreis der Probanden doch eine wichtige Rolle. Laut Langlois et al. besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Kulturkreis und Gesichts- Ästhetik. Für einen angeborenen Schönheitsinstinkt" spricht dagegen das Ergebnis einer Studie, bei welcher Babys im Alter von 3 Monaten Gesichter unterschiedlich attraktiver Personen gezeigt wurden. Eindeutig fielen die positiven Reaktionen den Personen mit der höheren Attraktivität zu. Da in diesem Alter von keiner sozialen Prägung die Rede sein kann, spielen offensichtlich allgemeine Schönheitsproportionen auch eine ernst zu nehmende Rolle.
Proportionen als Kriterium
Im 16. Jahrhundert sagte der Künstler Albrecht Dürer: Ich weiß nicht, was Schönheit ist, aber ich weiß, dass sie eine Menge Dinge beeinflusst". Pascal kommentierte zum Thema: Wäre Cleopatras Nase etwas kürzer gewesen, sähe die Welt heut ganz anders aus". So beschäftigte die Frage der Proportionen viele Künstler und Wissenschaftler. Im 5. Jahrhundert v. Ch. schrieb Polycleitus eine Arbeit über mathematische Proportionen am menschlichen Körper. In diesem Kontext prägte er den Begriff Symmetrie". Der römische Architekt Marcus Vitruvius Pollio beschrieb bereits die proportionale Dreiteilung des Gesichtes. Dieses Konzept wird bis in die heutige Chirurgie hin verfolgt. Leonardo da Vinci entwickelte auf dieser Basis seine berühmten Skizzen und Abhandlungen über die Aufteilung des menschlichen Körpers. Der gesamte Kopf verhält sich dabei in einem Verhältnis von 1:10 zum Körper. Vom Haaransatz bis zum Kinn beträgt das Verhältnis dann nur noch 1:8. Die Leitlinien an denen sich Ärzte bei Behandlungen orientieren, wurden quasi aus dem künstlerischen Bereich übernommen.
Kontroverse Debatte für Indikationsstellungen
Für die Indikation einer ästhetisch motivierten Behandlung lassen sich also nur schwer Kriterien aufstellen. Ein entscheidender Punkt stellt daher die Lebensqualität dar. Ist durch eine Behandlung eine deutliche Steigerung der Lebensqualität zu erwarten, erscheint eine Behandlung gerechtfertigt. Schwierig wird der Aspekt der kulturellen Beeinflussung. Infolge der massiven Medienpräsenz und technischen Möglichkeiten werden immer mehr künstlich geschaffene Wesen als Vorbilder herangezogen. Dass der menschliche Körper solche Proportionen nicht zulässt, wird dabei allzu oft außer Betracht gelassen. Es wäre zu begrüßen, wenn der Maßstab durch eine ausgeglichene Präsenz von nicht der Norm entsprechenden" Gesichtern wieder vermehrt gerade gerückt wird, damit keiner Missentwicklung in diesem Bereich Vorschub geleistet wird.






