Kleine Patienten in der Praxis
Ein Leitfaden für die kindgerechte Zahnarztbehandlung
Neben den besonderen fachlichen Voraussetzungen gehört zur Kinderbehandlung viel Einfühlungsvermögen. Die Fähigkeit, sich in die kleinen Patienten hineinversetzen zu können, spielt eine große Rolle bei der notwendigen Akzeptanz und Mitarbeit der Kinder für die Behandlung.
Für die Behandlung von Kindern gelten sowohl in fachlicher als auch in psychologischer Hinsicht andere Regeln als für die Erwachsenenbehandlung. Man kann (abhängig vom Alter des Kindes) nicht unbedingt die kognitive Fähigkeit voraussetzen, dass die Behandlung notwendig ist. Es ist gerade bei Akutpatienten schwer vermittelbar, dass das Zufügen von Schmerzen bereits bestehende Beschwerden beendet. Man muss sich auf die vorhandene geistige Ebene des Kindes einlassen können. Darauf basierend sollten altersabhängige Strategien angewendet werden, um die Behandlung durchführen zu können.
Der erste Kontakt
Im Idealfall wird das Kind von den Eltern zur Kontrolluntersuchung mit in die Praxis gebracht. Selbst wenn es nur im Wartezimmer verbleibt und noch nicht das Behandlungszimmer betritt, lernt es die Umgebung, Geräusche und Gerüche als integralen Bestandteil seines Alltags kennen. Meist ist die Neugierde jedoch so groß, dass die Kinder von sich aus die Eltern mit in das Behandlungszimmer begleiten und so auch das Interieur und vielleicht sogar die Behandlung selbst miterleben. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Eltern selbst keine Angstpatienten sind. Sie müssen in der Lage sein, während der Behandlung Selbstsicherheit, Ruhe, Vertrauen zum Praxispersonal und eine Selbstverständlichkeit der Maßnahme ausstrahlen zu können. Ist das nicht der Fall, sollte auf die Mitnahme in das Behandlungszimmer verzichtet werden.
Das erste Mal selbst Patient
Nach der Terminvergabe sollte mit den Eltern eine kurze Ablauf- und Verhaltensbesprechung stattfinden. Das Kind steht im Mittelpunkt der Behandlung. Es wird also auch als erstes begrüßt. Die Eltern bleiben entweder im Wartezimmer oder begleiten das Kind in das Behandlungszimmer (bei sehr kleinen Patienten), halten sich aber zurück und versuchen nicht ständig zwischen Kind und Behandler zu vermitteln. Dieses weit verbreitete Problem sollte vorher besprochen werden! Der Behandler muss in der Lage sein, ein persönliches Verhältnis zum Kind aufzubauen. Dabei spielt es für den Anfang keine Rolle, ob sich das Kind lediglich untersuchen lässt oder ob bereits eine Behandlung im eigentlichen Sinne stattfinden kann.
Um Anknüpfungspunkte zu finden, kann man z. B. vorher Fragebögen zum Umfeld des Kindes ausfüllen lassen oder das mitgebrachte Kuscheltier mit untersuchen. Die Atmosphäre sollte ruhig und entspannt sein und keinen Erfolgsdruck vermitteln. Selbst wenn man sich lediglich" die Instrumente und die Einheit zusammen angeschaut hat ist das völlig in Ordnung und die Sitzung sollte mit Anerkennung enden. Negativismen sollten nicht gebraucht werden. Grundsätzliches Lob für die Mitarbeit wirkt auf Kinder immer motivierend. Dem Kind muss immer die Möglichkeit der Einflussnahme auf die Behandlung bleiben! Sei es bei der Wahl zwischen Exkavator oder Bohrer oder Vermeidung des Wasserstrahls und Trocknung durch Wattepellets. Wenn das Kind verstanden hat, dass die Entscheidung bei ihm liegt, ist es in der Regel kein Problem bei entsprechender Begründung das Instrumentarium den Behandlungsbedürfnissen entsprechend anpassen zu können.
Kindgerechte Praxisausstattung selbstverständlich
Dass eine Zahnarztpraxis kindgerecht ausgestattet werden sollte, ist selbstverständlich. Dabei wird sehr wohl registriert ob nur der alte ausrangierte Spielkram" hierher ausgelagert wurde oder ob die Einrichtung einer Kinderecke mit Liebe zum Detail erfolgte. In den meisten Praxen erlaubt die Beschaffenheit der Eingangstresen dem Kind allerdings nicht, die Rezeptionshelferin zu begrüßen. Macht man sich jedoch die Mühe, zur Begrüßung der kleinen Patienten hervorzukommen und die Hand zu geben, zeigt dies dem Kind, dass es ernst genommen wird.
Der kleine Akutpatient
Nicht immer ist die sanfte Herangehensweise möglich. Manchmal kommt ein Kind als Schmerzpatient und muss sofort behandelt werden. Größere Kinder sind durchaus kognitiv in der Lage, die Notwendigkeit der Maßnahme anzuerkennen. Man kann dann unter Verabredung bestimmter Signale eine Behandlung in kleinen Schritten und mit Pausen durchführen. Bei kleineren Kindern ist die Mitarbeit der Eltern gefragt. Es besteht durchaus die Möglichkeit das Kind ruhig zu stellen. Dabei hat sich Midazolam bewährt. Es wirkt relativ schnell und die Halbwertszeit ist nicht so lang. Bei Kindern muss allerdings in Ausnahmefällen mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass das Mittel paradox wirkt. Die Maßnahmen sollten unter diesen Umständen auf ein Minimum beschränkt werden, welches zur Schmerzausschaltung notwendig ist. Auch wenn das Kind vermeintlich noch nichts versteht, sollte der Zahnarzt dem Kind im ruhigen Ton vorher die Behandlung erklären.
Insgesamt betrachtet kann die Behandlung von Kindern für den Zahnarzt und das Praxisteam viel Freude und Abwechslung in den Alltag bringen, wenn man die Kinder in ihrer Persönlichkeit ernst nimmt und auf ihre besonderen Bedürfnisse eingeht.



