
Affektive Störungen
Auch für den Zahnarzt ein Thema
Affektive Störungen beeinflussen nicht nur die allgemeinen körperlichen Parameter. Insbesondere leidet auch die Mundgesundheit unter dieser psychischen Erkrankung. Durch eine sensible Wahrnehmung des Allgemeinzustandes vom Patienten kann der Zahnarzt zumindest Hinweise auf bestehende affektive Störungen bekommen und entsprechend agieren.
Unter dem Begriff affektive Störungen werden die Erkrankungsformen der Manie und endogenen Depression zusammengefasst. Die Manie beschreibt einen Zustand der unbegründet gehobenen Stimmung. Vermehrter Redefluss, übersteigerte Aktivität, sinnlose unrealistische Planungen und sprunghaftes Denken gehören zu dieser Erkrankung. Die Depression ist dagegen durch Antriebslosigkeit, dem Gefühl der Wertlosigkeit, tiefer Traurigkeit und Besorgnis gekennzeichnet (Vetter, C et al.; 2003).
Unterschiedliche Verlaufsformen bekannt
Bei den affektiven Psychosen kommen unterschiedlichste Verlaufsformen vor. Bei der monopolaren Erkrankung treten nur manische bzw. depressive Phasen auf. Die bipolare Form wechselt zwischen manischen und depressiven Phasen. Bei der monophasischen Erkrankung tritt eine einmalige Depression oder Manie auf. Die polyphasische Verlaufsform ist durch mehrmalige Manien und/oder Depressionen gekennzeichnet. Die monopolare depressive Form stellt dabei mit einem Anteil von 60% die häufigste Verlaufsform dar. Mit 35% ist die bipolare und mit nur 5% die monopolare manische Form zu finden. In den USA durchleiden etwa 2025% der Frauen und 712% der Männer mindestens eine depressive Episode in ihrem Leben. Die Erkrankung selbst kann in jedem Lebensalter auftreten. Bei USamerikanischen Kindern ist die Depression mit einer Häufigkeit von 2,5%, bei Erwachsenen mit 8,5% vertreten (Little, JL, et al., 2004).
Zahnärztliche Parameter bei Patienten mit affektiven Störungen
Die Symptome der depressiven Störung bestehen aus Denkstörungen, vegetativen Symptomen, Verlust des Antriebs und Vitalstörungen. Alltagsaufgaben werden zum Problem und können nicht mehr wahrgenommen werden. Dies kann sich auch in mangelnder Mundhygiene mit entsprechenden Folgen zeigen. Karies und parodontale Erkrankungen treten gehäuft auf. Der Speichelfluss ist oftmals eingeschränkt, meistens auch als Nebenwirkung der Medikamente (Selektive SerotoninWiederaufnahmehemmer (SSRI), Selektive NoradrenalinWiederaufnahmehemmer (NARI), Trizyklische Antidepressiva, MAOHemmer oder Lithiumsalze). Zudem treten bei den Patienten häufig Gesichtsschmerzen auf.
Der Zahnarzt sollte bei Patienten mit affektiven Störungen eine konsequente präventive Behandlungsstrategie anwenden. Der Speichelfluss kann durch mechanische Stimulation angeregt werden. Dadurch wird eine Infektion mit Candida albicans verhindert und eine kariöse und parodontale Prävention erreicht. Die Medikation selbst kann zur parodontalen Beeinflussung führen (z.B. seit langem bekannt bei Lithiumsalzen). Eine enge interdisziplinäre Abstimmung der Behandlungsstrategie ist daher sinnvoll. Epinephrinhaltige Lokalanästhetika sind aufgrund von medikamentösen Wechselwirkungen nur in geringen Dosen zu verabreichen (höchstens zwei Ampullen). Patienten mit trizyklischen Antidepressiva können einen niedrigen Blutdruck entwickeln. Nach der Behandlung sollte daher ein langsames Aufrichten erfolgen. Atropin sollte mit Vorsicht gegeben werden (erhöhter Augeninnendruck). Insgesamt sollte, wenn möglich, in die Behandlung ein Familienmitglied zur Unterstützung der Akzeptanz und Mitarbeit miteinbezogen werden (Little, JW et al., 2004). Bei Wahrnehmung einer möglichen unbehandelten affektiven Störung, steht der Zahnarzt vor der schwierigen Aufgabe einer behutsamen Lenkung des Patienten in eine ärztliche Behandlung. Da dies mitunter als eine unerwünschte Intervention vom Patienten wahrgenommen werden kann, sollte sich der Behandler auch nicht scheuen, im vertretbaren Rahmen Kontakt mit Familienangehörigen aufzunehmen.






