Essstörungen

Oft auch ein Fall für den Zahnarzt

Essstörungen können sich in vielfältiger Form auf die orale Gesundheit auswirken. Eine Unterversorgung mit wichtigen Spurenelementen und Vitaminen kann zu sichtbaren Veränderungen der Mundschleimhaut führen. Durch Bulimie entstehen hingegen oft massive erosive Schäden an der Zahnhartsubstanz.

Die Häufigkeit von Ess-Störungen hat in den letzten Jahrzehnten rasant zugenommen. In erster Linie sind weibliche Patienten von diesem "Krankheitsbild" betroffen. Eine deutliche Steigerung ist vor allem in den westlichen Industrienationen zu verzeichnen. Es wird in der Regel zwischen zwei verschiedenen Krankheitsbildern unterschieden. Anorexia nervosa ("Magersucht") und Bulimia nervosa ("Ess-Brech-Sucht") bilden die beiden Hauptgruppen. Des Weiteren sind aber auch häufig subklinische Formen und/oder Vorformen verbreitet. Ihre Diagnostik gestaltet sich oftmals schwierig. Eine ausgeprägte Sensibilität des Zahnarztes ist notwendig, um eine gute Akzeptanz und Mitarbeit der Patienten herzustellen.

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Autonomiebestreben respektieren

Das Krankheitsbild der Anorexia nervosa tritt besonders bei Mädchen zwischen dem 14. - 16. Lebensjahr auf. Sie sind untergewichtig, unterliegen einem Hungerzwang, haben panische Angst vor jeglicher Gewichtszunahme und eine gestörte Selbstwahrnehmung. Sie ignorieren ihre Krankheit, zeigen keinerlei Einsicht und verleugnen ihren Zustand. Jeder therapeutische Versuch wird abgelehnt und hintertrieben. Bei der Bulimia nervosa liegt das Erkrankungsalter eher zwischen 18 - 20 Jahren. Das Gewicht der Betroffenen unterliegt starken Schwankungen. Die Patientinnen leiden unter Fressattacken, die mit Medikamenten (Diuretika-, Laxantienabusus) kompensiert werden. Die betroffenen Frauen wissen um ihr gestörtes Essverhalten und schämen sich häufig dafür. Die Ätiologie steht im Zusammenhang mit der pubertären Entwicklung der Mädchen. Eine soziale Prägung durch medienpräsente Frauenbilder, extrem hohe Anforderungen, sowie genetische Disposition und familiäre Verhältnisse spielen dabei eine Rolle. Mit der Gewichtskontrolle wird von den Patientinnen eine Form von Autonomie und Selbstbeherrschung gepflegt, welche das Selbstwertgefühl steigert. Aus diesem Grund ist es nicht ratsam, bei einem entsprechenden Krankheitsverdacht, mit der "Tür ins Haus zu fallen" (Imfeld, C. et al.).

Schrittweises Vorgehen ratsam

Patienten mit Ess-Störungen legen naturgemäß großen Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild. Eine allgemeine anamnestische Diagnostik lässt sich oft noch geschickt im Gespräch durchführen. Bei Verdachtsbestätigung sollte in der ersten Sitzung lediglich eine klare neutrale Erläuterung des oralen Befundes stattfinden.

Folgendes ist typisch für Anorexiepatienten:


  • trockene gelbliche Haut

  • Schwellung der Ohrspeicheldrüse

  • Hautfissuren

  • Zungenbrennen

  • Traumata

  • Zahnfleischrückbildungen


Bei Bulimiepatienten werden in erster Linie Folgen durch das ständige Erbrechen beobachtet. Dazu gehören

  • Erosionen

  • Kehlkopfreizung (chronische Heiserkeit)


Erstere entstehen entweder durch die Magensäure oder durch das häufige Trinken von Zitronensaft oder Essigsäure zur "Verdauungsanregung". Aufgrund des Rückflusses aus dem Magen sind Erosionen im Ober- und Unterkiefer zu finden. Als terminus technicus hat sich dafür der Begriff "Perimolysis" durchgesetzt.

Erst in der zweiten Sitzung sollte mit indirekten Fragen ein Zusammenhang zu Erkrankung hergestellt werden. Dabei muss man vor Augen haben, dass die Patientinnen "Angst vor Entdeckung" haben oder kategorisch ignorant reagieren. In der Gesprächsführung erleichtern verbale "Brückenbauten" eine konstruktive Stellungnahme der Patientinnen zum Thema (Imfeld, C. et al.).

Therapie nur bedingt erfolgreich

Wird keine Einsicht erreicht, ist nur ein regelmäßiger Recall mit strenger Beobachtung und Prophylaxe durch den Zahnarzt möglich. Bei guter Kenntnis der familiären Strukturen kann auch auf indirektem Wege (über Verwandte, Freunde) eine Krankheitsaufklärung und Behandlungsmotivation stattfinden. Bei Einsicht der Patienten steht die Motivation für eine Psychotherapie im Vordergrund. Als zahnärztliche Maßnahmen sind prophylaktische Sitzungen zu planen.

Des Weiteren gilt es,


  • eine Reduktion der Säureangriffe zu bewirken,

  • den Speichelfluss anzuregen (Kaugummi),

  • gegebenenfalls Pufferlösungen zu verschreiben,

  • Verabreichung von Fluoridlack mindestens 4x pro Jahr,

  • eine Versiegelung mit Bonding und/oder Auftragen von einer dünnen Kompositschicht.


Mechanische Barrieren (Schienen) sind während des Erbrechens zu tragen. Diese können mit basischen Fluoridgel oder Antiacida gefüllt werden. Die Aussichten auf einen langfristigen Behandlungserfolg, selbst bei Einsicht der Patientinnen, sind schlecht. Die Rückfallquote ist extrem hoch. Aus diesem Grund erscheinen als langfristige Versorgungen Maßnahmen wie die Überkronung aller Zähne oder, zum Erhalt der vertikalen Dimension, die Anfertigung von Onlays, Overlays und Veneers sinnvoll. Die Abwägung zwischen Schutzmaßnahmen und Overtreatment liegt dabei beim behandelnde Zahnarzt (Imfeld, C. et al.).


Quelle: Imfeld, C. et al.: Essstörungen (I): Allgemeinmed.–psychiatr. Aspekte. Schweiz Monatsschr Zahnmed (2005); Vol. 115, 12: 1157–62
Autor: Springer Medizin
Stand: Mar 13, 2009


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