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Psychiatrische Erkrankungen

Welche Rolle spielen sie in der Kieferorthopädie?

Neben psychiatrischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Depressionen, Hyperaktivität oder Suchtproblemen, können auch pubertäre Aspekte eine entscheidende Rolle bei einer kieferorthopädischen Behandlung spielen.

Eine kieferorthopädische Behandlung erstreckt sich in der Regel über mehrere Jahre. Die größte Patientenklientel bildet dabei die Altersgruppe der 10–18-Jährigen. Gerade in dieser Phase findet nicht nur das körperliche Wachstum statt. Die Heranwachsenden befinden sich in einer hormonellen und sozialen Umbruchphase. Sie sind auf der Suche nach ihrer Rolle im Leben und selten gefestigt. Aufgrund der langjährigen Behandlung kann der Kieferorthopäde diese Phasen miterleben und die Veränderungen wahrnehmen. In diesem Zusammenhang hat er eher die Möglichkeit, Auffälligkeiten festzustellen und entsprechend zu agieren.

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Depression und bipolare Störungen

Erkrankungen der Stimmungslage beinhalten die depressiven Erkrankungen und bipolare Störungen. Letztere wurden früher oft auch als affektive Störungen bezeichnet. Sie sind durch einen episodischen Verlauf gekennzeichnet. Dabei wechseln sich depressive und manische Phasen ab. Die Depressionen äußern sich in überdurchschnittlich gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit, Apathie und Lustlosigkeit. In den manischen Zyklen sind die Patienten voller Tatendrang, überdreht und in euphorischer Stimmung. Sie konzentrieren sich oft ganz auf das Gelingen einer Sache und erreichen dabei auch sehr respektable Leistungen, verdrängen aber die Alltagsbewältigung oder wichtigere Dinge, wie Freunde, Familie etc. Findet dann der Wechsel in die depressive Phase statt, schämen sie sich häufig für ihr vorhergehendes Verhalten. Die Erkrankung kann in allen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen auftreten, oft jedoch zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr. In vielen Fällen spielen schwer wiegende negative Lebensereignisse eine auslösende Rolle. Je nach Zyklendauer und Intensität können bipolare Störungen in die Untergruppe I oder II eingeteilt werden. Je früher die Erkrankung erkannt wird, umso besser sind die Therapieoptionen. Bei Nichterkennen kann sich ein lebenslang erhaltender Rhythmus ausbilden, der unabhängig vom auslösenden Ereignis, ein Leben lang bestehen bleibt. Gravierende Formen bedeuten für den Patienten oft lange Therapien, Hilflosigkeit der Umgebung und Instabilität des Lebensrhythmus. Das Suizidrisiko ist hoch.

Essstörungen und Schizophrenie

Essstörungen treten mittlerweile, bedingt durch medienwirksame Vorbilder, sehr häufig auf. Dabei muss zwischen Magersucht (Anorexia nervosa) und Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa) unterschieden werden. Letztere tritt etwas später, ab dem 18. Lebensjahr auf, die Anorexia nervosa dagegen schon im Alter von 14 – 16 Jahren. In beiden Fällen fokussiert sich das Denken der meist weiblichen Patienten auf eine Körperbeherrschung und Selbstdisziplinierung am Beispiel des Essens. Bulimische Patienten unterliegen dabei starken Gewichtsschwankungen. Hungerattacken wechseln sich mit „Fressattacken" ab. Dabei kommt es oft zu einem Medikamentenmissbrauch mit Abführmitteln und harntreibenden Mitteln. Beide Patientengruppen schämen sich in der Regel für ihr Verhalten und leugnen ihre Essprobleme. Es ist daher nicht ratsam, bei entsprechendem Verdacht, mit der Tür ins Haus zu fallen. Vielmehr sollte das soziale Umfeld (Eltern, Großeltern, Tanten..) mit einbezogen werden. Oral können in vielen Fällen Verdachtsdiagnosen durch z.B. Schwellung der Ohrspeicheldrüse, Rückbildungen des Zahnfleischs, Hautfissuren, Zungenbrennen, Perimolysis, Erosionen und Kehlkopfreizung untermauert werden.

Die Schizophrenie zeigt sich in einer Persönlichkeitsstörung. Dabei wird zwischen Positiv- und Negativmerkmalen unterschieden. Zu den Positivmerkmalen zählen Ich–Störungen, wie Halluzination- und Wahnvorstellung. Negativsymptome sind Apathie, Schlaf- und Denkstörungen. Die Erkrankung verläuft ebenfalls phasenweise.

Behandlungsschwierigkeiten und Einschränkungen

Die Behandlung psychisch erkrankter Patienten stellt immer eine extreme Herausforderung dar. Am Anfang sollte sich auch intensiv mit der Frage der Behandlungsfähigkeit beschäftigt werden. Ist eine Behandlung überhaupt sinnvoll, kann ein prognostisch positives Ergebnis erwartet werden, wird der Patient überfordert, stehen andere Gesundheitsaspekte für ihn im Vordergrund, kann und „muss" ihm geholfen werden? Eine kieferorthopädische Behandlung beinhaltet neben funktionellen Aspekten auch ästhetische. Stehen diese im Vordergrund? Auf der anderen Seite stehen der angesprochenen Patientengruppe alle therapeutischen Fortschritte genauso zur Verfügung wie gesunden Patienten. Darf man sie, trotz zu erwartender Schwierigkeiten da ausschließen? Sicherlich nicht. Dennoch sind Probleme mit einzuplanen und das Behandlungskonzept individuell auf das gesamte Krankheitsbild abzustimmen. Gerade Patienten mit Essstörungen sind in der Regel sehr auf ihr Äußeres bedacht und eine Motivation für eine kieferorthopädische Behandlung ist sicherlich vorhanden. In die Behandlung ist bei allen Patienten das nahe stehende betreuende Umfeld mit einzubeziehen sowie der behandelnde Psychiater. Er kann den günstigsten Zeitpunkt für den Behandlungsbeginn oder auch für eine nötige Behandlungsunterbrechung, die notwendige Medikation und ihre Auswirkungen auf den oralen Bereich einschätzen. Manche Antidepressiva führen zu Zahnfleischwucherungen etc., die Prophylaxe bei Multibandbehandlungen gestaltet sich dann zusätzlich sehr schwierig. Bei Bulimiepatienten kann die Anfertigung von Schienen zur Erosionsprophylaxe während des Brechens sinnvoll sein, um die Zähne zu schützen. Ein enger Recall ist generell bei psychiatrisch erkrankten Patienten sinnvoll. Treten Schwierigkeiten bei der zahnärztlichen Behandlung auf, bedingt durch die psychiatrische Grunderkrankung, sollte letztere immer erste Priorität haben. Die Behandlung und Zielsetzung der KFO–Therapie muss sich dann an der Allgemeinerkrankung orientieren.


Quelle: Neeley, WW et al.: Psychiatry in orthodontic. Part 1 & Part 2. American Journal of Orthodontics and Dentofacial Orthopdedics (2006); Vol. 129 (2):176–184 & 185–193.
Autor: Springer Medizin
Stand: Jun 13, 2007


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