Gefährliche Assoziationen

Parodontitis und allgemeine Gesundheit (Teil I)

Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die Zusammenhänge zwischen oraler und allgemeiner Gesundheit auf vielen Ebenen relevant sind. Immer wieder werden neue Assoziationen aufgedeckt. Hier Teil I einer Übersicht über aktuelle Studienergebnisse.

Neben den Erkenntnissen um die Zusammenhänge erblicher Faktoren mit schweren Verläufen einer Parodontitis hat das allgemein zu beobachtende breite interdisziplinäre Forschungsbestreben den Blick für Assoziationen zwischen chronischen parodontalen Entzündungen und allgemeinen Erkrankungen geschärft. Eine zweiteilige Übersicht stellt Forschungsergebnisse vor, die in den letzten Monaten veröffentlicht wurden. Die dabei ermittelten Aspekte unterstreichen aber nicht immer einen derartigen Zusammenhang: So konnten zwei Studien keine Zusammenhänge nachweisen. Auch gilt ein Zusammenhang zwischen Depression und Parodontitis als unwahrscheinlich. Ebenso scheint bei älteren Menschen mit Diabetes keine Wechselwirkung zwischen ihrer Erkrankung und Parodontitis zu bestehen (vgl. Abschnitt Parodontitis & Diabetes).

Parodontitis & Übergewicht (Adipositas)

Junge, adipöse Menschen haben eine häufigeres Auftreten von Parodontitis, so das Fazit einer neusten Untersuchung über die Zusammenhänge von Übergewicht und oraler Gesundheit (Al-Zahrani M.S. et al.: Obesity and Periodontal Disease in Young, Middle-Aged, and Older Adults. Journal of Periodontolgy 2003;74:610-615). In der US-amerikanischen Studie hat sich damit ein Zusammenhang bestätigt, der bereits für die japanische Bevölkerung festgestellt werden konnte. Der signifikante Zusammenhang zeigte sich in der Auswertung der 3. National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES III). Über 13.600 Teilnehmer im Alter über 18 Jahren wurden im Rahmen der Studie auf ihre parodontale Gesundheit untersucht. Als Parameter dienten Taschentiefe (>4 mm) und Attachment-Verlust (>3 mm) sowie der Taillenumfang und der Body Mass Index (BMI). Als adipös galten Teilnehmer mit einem BMI über 30 kg/m². Die Auswertungen zeigten: Die Häufigkeit von parodontalen Erkrankungen liegt bei jungen adipösen Menschen rund 76% höher als bei Normalgewichtigen ihrer Altersklasse. Für Altersgruppen über 35 Jahre konnte kein signifikanter Zusammenhang festgestellt werden. Die Autoren vermuten, das Ernährungsverhalten übergewichtiger Jugendlicher stünde für eine Kalzium- und Vitamin-C-arme Kost, die bekanntlich die Entstehung einer Parodontitis begünstigt. Zudem könne Übergewicht in jungen Jahren zu einer stärkeren Stigmatisierung als im Alter führen. Die Folge seien chronische Stresszustände, die ebenfalls die Entstehung einer Parodontitis förderten.

Parodontitis & Alkohol

Alkoholismus per se beeinflusst nicht zwangsläufig die Schwere einer Parodontitis. Doch chronischer Alkohol-Missbrauch wirkt sich negativ auf das Attachment Level und den Plaque-Index aus, so das Ergebnis einer Untersuchung mit Suchtpatienten (Khocht A. et al.: The Influence of Gingival Margin Resession on Loss of Clinical Attachment in Alcohol-Dependent Patients without Medical Disorders. Journal of Periodontology 2003; 74(4):485-493). An der Studie nahmen 40 Alkoholiker teil, von denen 30 zusätzlich Kokain-abhängig waren. Als Maß für einen chronischen Alkohol-Missbrauch bestimmten die Forscher die Menge des Leberenzyms Gamma Glutamyl Transpeptidase (GGTP) im Blut. Weiterhin erfassten die Forscher: Plaque-Index (PI), Gingivalen Index (GI) und Atachment Level (AL). Es zeigte sich: Bei Alkoholikern besteht eine Korrelation zwischen dem Grad des Missbrauchs, gemessen anhand der Konzentration des Leberenzyms Gamma Glutamyl Transpeptidase (GGTP), und dem Attachment Verlust. Alkoholiker weisen im Vergleich zu Nicht-Alkoholikern zudem stärkere Rezessionen des marginalen Zahnfleischs auf. Schwerer Alkohol-Missbrauch (GGTP>51 iu/l) wirkt sich zudem negativ auf den Plaque-Index aus. Bei Kokain-Abhängigen konnte kein entsprechender Einfluss auf das Attachment Level beobachtet werden.

Parodontitis & Atherosklerose (Arterienverkalkung)

Das Ausmaß des Zahnverlustes kann ein Marker für ein erhöhtes Atherosklerose-Risiko sein. Menschen mit reduziertem Restzahnbestand weisen zu 60% Plaques in den Karotiden auf, so der Befund einer Studie von Kardiologen der University of Minnesota und Zahnmedizinern der Columbia University in New York (Desvarieux M et al.: Relationship Between Periodontal Disease, Tooth Loss, and Carotid Artery Plaque. Stroke. (2003);34:2120). Die Forscher hatten im Rahmen der „Oral Infections and Vascular Disease Epidemiology Study (INVEST)" 711 Patienten im Durchschnittsalter von 66 Jahren ausführlich parodontal und körperlich untersucht. Zusätzlich erfassten sie Daten über den Lebensstil der Probanden und ermittelten die individuellen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Ereignisse. Die Auswertungen zeigten einen klaren Zusammenhang zwischen Parodontitis, Zahnverlust und dem Vorliegen atherosklerotischer Plaques in den Karotiden auf. Von den Probanden, denen bis zu neun Zähne fehlten, wiesen 46% Plaques in den Halskarotiden auf. Bei Probanden mit höherem Zahnverlust lag die Häufigkeit bei rund 60%. Weitere Korrelationen ermittelten die Forscher bei bekannten Herz-Kreislauf-Risikofaktoren wie Rauchen und ungesundem Lebensstil.

Parodontitis & Depression

Ältere Menschen mit Depression leiden nicht häufiger unter Parodontitis als nicht-depressive Altersgenossen. Allerdings korreliert die Depression mit vermehrten chronischen Schmerzzuständen, die Parodontitis hingegen mit Rauchen und dem männlichen Geschlecht. Ein internationales Forscherteam aus den USA, Kanada, England und der Schweiz war der Frage nachgegangen, ob zwischen den beiden, im Alter sehr häufigen Erkrankungen Depression und Parodontitis ein Zusammenhang besteht (Person G et al.: Periodontitis and perceived risk for peridontitis in elders with evidence of depression. Journal of Clinical Peridontolgy (2003) Aug; 30(8):691-696). Sie sammelten hierzu Daten von 701 Personen im durchschnittlichen Alter von 67,2 Jahren. Bei 48,5% aller Studienteilnehmer diagnostizierten die Wissenschaftler eine Parodontitis. Rund 20% der Teilnehmer gaben an, unter Depression zu leiden, wobei fast 10% einen GDS-Wert von über 8 aufwiesen. Durch differenzierte Auswertungen der Daten konnten die Forscher signifikante Korrelationen zwischen einer Depression und Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, koronaren Herzkrankheiten, chronischen Schmerzen oder Osteoarthritis ermitteln. Der Zusammenhang zwischen Depression und Parodontitis erwies sich jedoch als nicht signifikant.

Parodontitis & Diabetes

Vorab veröffentlichte Ergebnisse der American Diabetes Association liefern Hinweise, wonach eine massive parodontale Erkrankung bei Menschen mit Diabetes die Lebenserwartung verkürzt. Die höhere Sterberate ist Folge eines Anstiegs von Herz-Kreislauf-Komplikationen sowie eines vermehrt auftretenden Nierenversagens. Das erhöhte Risiko beruht auf einem verstärkten Auftreten der beiden Hauptkomplikationen des Typ 2-Diabetes: KHK und diabetischer Neuropathie. Andere Erkrankungen, wie Tumore oder hepatische Komplikationen spielen dabei keine Rolle. Die Studie der US-amerikanischen Wissenschaftler des National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases in Phoenix schloss 549 Teilnehmer mit Typ 2-Diabetes im Alter von über 45 Jahren ein. Nach Abgleich mit bekannten Risikofaktoren bilanzierten die Forscher für Diabetiker mit schwerer Parodontitis ein doppelt so hohes Risiko an KHK oder Nierenversagen zu streben, wie für oralgesunde Diabetiker.

Allerdings konnte eine weitere Studien einen Zusammenhang zwischen einem verschlechterten parodontalen Status bei älteren Menschen und deren Diabetes-Erkrankung nicht bestätigen (Persson et al.: Assessment of periodontal conditions and systemic disease in older subjects. Journal of Clinical Periodontology 2003; 30(3):207-213). Unter Berücksichtigung der erhobenen parodontalen Parameter ergab sich für die Wahrscheinlichkeit zusätzlich zum Typ 1- bzw. Typ 2-Diabetes eine Parodontitis aufzuweisen, eine Odd-Ratio von 1,8 : 1. Bei älteren Menschen mit Diabetes mellitus muss also nicht von einem erhöhten Parodontitis-Risiko ausgegangen werden, so das Fazit des Studienleiters. An der Studie nahmen 1.101 Menschen im Alter zwischen 60 und 75 Jahren teil.

Parodontitis & Frühgeburt

Eine neue Interventionsstudie unterstreicht den Zusammenhang zwischen Parodontitis und Frühgeburten (Jeffcoat M. et al.:Periodontal Disease and Preterm Birth: Results of a Pilot Intervention Study. Journal of Periodontology (2003);74:1214-1218). Danach können schwangere Frauen, die sich einer geschlossenen PA-Behandlung unterziehen, das Risiko einer Frühgeburt um rund 90% senken. US-amerikanische Wissenschafter der School of Dentistry der Universität Alabama schlossen in ihre Studie 366 schwangere Frauen mit Parodontitis ein, die sich in der 21. bis 25. Schwangerschaftswoche befanden. Frauen, bei denen Scaling und Kurettage durchgeführt worden war, hatten ein um 87% reduziertes Risiko für eine Frühgeburt. Während in der Kontrollgruppe die Rate für frühzeitige Geburten (<35 Woche) bei 6,3% lag, ermittelten die Forscher in der Scaling und Kurettage-Gruppe (Behandlungsgruppe 2) lediglich einen Wert von 0,8%. Damit ist erstmals in Rahmen einer Interventionsstudie die Korrelation zwischen oraler Gesundheit und Frühgeburten nachgewiesen worden.

Parodontitis & Herzfarkt

Patienten mit Parodontitis leiden häufiger unter peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK), so das Ergebnis einer epidemiologischen Studie der Harvard-University (Hung, HC. et al: Oral health and peripheral arterial disease. Circulation 2003, Mar (1152-7). Die Ergebnisse legen eine oral infektiös-entzündliche Pathogenese nahe. Besonders auffällig war der Zusammenhang zwischen parodontaler Erkrankung und pAVK. Das relative Erkrankungsrisiko für paradontotische Patienten betrug 1,41. Patienten, bei denen es im Laufe der zwölfjährigen prospektiven Studie zu kumulativem Zahnverlust kam, hatten ein relatives Erkrankungsrisiko von 1,39.
Insgesamt kam es unter den über 45.000 Studienteilnehmern – allesamt männliche Mitarbeiter im Gesundheitswesen – zu 342 Fällen von pAVK. Als Zeitraum zwischen Zahnverlusten und Auftreten von pAVK ermittelten die Wissenschaftler einen Zeitraum von zwei bis sechs Jahren.
Obwohl der Zusammenhang zwischen schlechter Zahngesundheit und koronarer Herzkrankheit, sowie Schlaganfällen bekannt ist, gab es bisher wenige Daten zur Koinzidenz mit pAVK. Über die pathogenetischen Zusammenhänge ist nach wie vor wenig bekannt.


Quelle: Alle Studien sind im Text genannt
Autor: Springer Medizin
Stand: Jun 13, 2007


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